Röhl, Christoph


Teenagerschwangerschaften sind in Großbritannien ein brisantes gesellschaftliches und soziales Problem. Der britisch-deutsche Autor und Regisseur ChristophRöhl nähert sich dem Thema mit seinem Langfilmdebüt „Ein Teil von mir“, das er von der Insel nach Deutschland verlegte, mit großem Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen für die Gefühle seiner jugendlichen Protagonisten. Er lässt die sozialen Probleme der Teenager nicht völlig außer acht, konzentriert sich jedoch auf ihre unterschiedlichen Konflikte im Prozess des Erwachsenwerdens und der Erfahrungen mit der ersten Liebe schon Verantwortung für ein Kind übernehmen zu müssen. Ängste werden sehr genau ausgelotet, sei es die Freiheit im Vergleich mit Gleichaltrigen zu verlieren, sich zu binden oder die Biografien der Eltern zu wiederholen. Für seine lebensnahe, authentische Geschichte findet er einen leichten Ton, den er mit herausragenden Nachwuchsdarstellern herausgearbeitet hat. 

Christoph Röhl wurde 1967 im englischen Badeort Brighton als Sohn eines englisch-deutschen Paares geboren. Er wuchs in England auf, nur ein Jahr war der Dreijährige in Deutschland. Heute fühlt sich der Wahlberliner in beiden Sprachen und Ländern gleichermaßen zu Hause.
Sein Interesse für die intensive Beschäftigung mit dem Bild entdeckte er mit 16. Zunächst wollte er Fotograf werden, war zwei Jahre an der Odenwald-Schule Lehrer. „Das hat mich frustriert und reichte mir nicht. Ich wollte Themen intensiver behandeln.“ Mit seinen exzellenten Fotos konnte er sich an den Filmhochschulen Großbritanniens nicht bewerben, weil dort ein Film gefordert ist. Dafür wurde in Berlin 1992 sein Talent bei der Bildgestaltung entdeckt. An der dffb konnte er die Studienzeit sehr frei gestalten – neben der Theorie tauchte Christoph Röhl immer wieder in die Praxis des Filmemachens ein. 
Schnell stellt sich der erste Erfolg ein. Sein innovativer, ohne Dialoge gestalteter Kurzfilm „In your shoes“, für den er Autor, Regisseur und Cutter ist, läuft auf mehreren Festivals und gewinnt einen Deutschen Kurzfilmpreis. Mit dem Preisgeld kann er zwei Jahre später seinen zweiten Kurzfilm „Fivefortyfive“ als britisch-deutsche Koproduktion realisieren. Er selbst produziert neben der BBC, zugleich ist er Autor und Regisseur. Gedreht wurde in Paddington Station, im Film ist es aber ein anonymer Bahnhof im Zentrum des heutigen quirligen London, wo Napoleon lebt. Jeden Morgen beobachtet er heimlich eine attraktive junge Geschäftsfrau. Sie ahnt nichts von ihrem stillen Bewunderer, bis er sich eines Tages offenbart.

Der Film öffnet ihm in Großbritannien einige Türen. „Ich hatte Glück, dass mich eine gute Agentur unter Vertrag nahm.“ Schon in Deutschland hatte er Folgen einer populären Vorabendserie inszeniert. Für das ZDF folgten 1997 die Folgen „Nullenschlucker“ und „Der geklaute Spielplatz“der Serie „Die Rechte der Kinder“. Auf der Insel folgen 2000 die Folgen „Gotcha“ und „Wide Awake“ der der Reihe „Close & True“ sowie Teile von „Night & Day“.

Die ersten beruflichen Schritte bestärkten Christoph Röhl in seinem Wunsch, sich nicht auf das Fernsehen zu konzentrieren und sich über Kurzfilme im Kino zu etablieren. Konsequent lehnt er weitere TV- Angebote ab und geht seinen eigenen Weg. 2003 entsteht nach dem Drehbuch von Rebecca Prichard der Kurzfilm „Butterfly World“.
Entscheidend wird die Freundschaft mit seinem Tutor, dem Autor Philippe Longchamp. „Wir teilen den Filmgeschmack, haben gleiche Ansprüche und Werte und nehmen beide nichts auf die leichte Schulter“ umreißt Röhl die gemeinsame Philosophie. 2006 setzt er das erste gemeinsame Buch, den Kurzfilm „Fast Learners“, um.
Longchamp wurde von Röhl mit einbezogen, als der in London eine private Filmschule gründet. Die Studienpläne wurden von beiden entwickelt. „Es hilft, wenn man ständig Filme mit anderen analysiert, um sicherer zu werden, was einen Film gut oder schlecht macht.“

Vor den Studenten testen sie auch das Buch von „Ein Teil von mir“, das zunächst in Englisch vorlag. Für Röhl ist es der erste lange Spielfilm. „Ich hatte das Gefühl, dass ich mit meinen Drehbüchern und den Kurzfilmen ein Niveau erreicht hatte, um mit den Mitteln des klassischen Erzählkinos größere Geschichten erzählen zu können, die eine innere Logik haben. Zugleich müssen die Figuren immer psychologisch motiviert sein und solches Interesse beim Zuschauer an ihrem Schicksal wecken, dass er in jeder Minute des Films in deren Biografie hineindriften möchte.“
Thematisch ist „Ein Teil von mir“ ein sehr persönlicher Stoff. „Ich habe lange gebraucht, um mich einer möglichen Vaterschaft zu stellen. Nach der Geburt meiner Kinder habe ich gemerkt, was für eine wunderbare und tolle Erfahrung das ist, vor der man sich nicht fürchten braucht. Die Geschichte des Films jedoch nur auf die persönlichen Erfahrungen und die Frage, wann und ob Väter bereit sind, sich der Verantwortung für Kind und Familie zu stellen, zu beschränken, wäre zu didaktisch geworden.“

Diese Einsicht führt in der Überarbeitung zur Verschiebung des Alters der Figuren.
Im ersten Drehbuchentwurf sind sie Mitte 20, jetzt sind beide Protagonisten noch Schüler. Geblieben ist ihr Ringen um die Definition der eigenen Rolle in dieser Situation im Kontext mit dem Arrangement mit eigenen Wünschen, den Erwartungen und Vorurteilen der Umgebung.
Der 16-jährige Jonas, ein hochbegabter Schüler, will nicht wahr haben, dass der One-Night Stand mit der um ein Jahr älteren Vicky Folgen hat. Die junge Frau entscheidet sich für ihr Baby. Nach der Geburt vermisst sie natürlich die alte Freiheit mit Gleichaltrigen durch die Discos zu ziehen. Vor allem hat sie Angst, dass ihre Tochter wie sie selbst mit einer Mutter aufwächst, die ihre Enttäuschung nicht verwinden kann, dass der Vater des Kindes sie sitzen gelassen hat. Sie lässt sich einiges einfallen, um Jonas Gefühle für das Baby zu wecken. Die zunächst verleugnete, aber stetig wachsende Verbundenheit mit den beiden zwingt den Teenager auch, seine Rolle in seiner Clique neu zu definieren. Er muss sich durchringen, nicht im Strom mitzuschwimmen und zu tun, was andere für richtig halten, sondern eigene Entscheidungen durchzusetzen. 
Im Zentrum des Geschehens steht für Christoph Röhl nicht der Plot, sondern die Innenwelt und die Gefühle der Protagonisten. Um Finanziers vom Potential des Stoffs zu überzeugen, drehte Christoph Röhl zunächst am Strand von Brighton mit zwei15-jährigen Hauptdarstellerin an vier Tagen einen Kurzfilm „Fast Learners. LucasSchmidt vom ZDF/kleines Fernsehspiel begeisterte sich für den Stoff.Die Finanzierung lief über Tatfilm, Röhl war bei dem 800.000 Euro teuren Film als Koproduzent dabei.  

Der Erfolg seines Erstlings hat Christoph Röhl endgültig einige Türen geöffnet. Er hat ein Drehbuch für einen „Tatort“ geschrieben, das realisiert werden könnte. Außerdem arbeitet er an einem Psychothriller. Ein wenig schwankt er noch, ob er seine berufliche Heimat in Großbritannien oder Deutschland sieht. Bevorzugen würde er Großbritannien, einfach weil der englischsprachige Markt größer ist.  

Stand: Juli 2009
Autorin: Katharina Dockhorn