Der Maler im Kinosessel. Jürgen Böttcher


Er gehörte zu den "Vorzeige-Dokumentaristen" im Dokumentarfilm-Studio der DEFA und hatte doch ständig Schwierigkeiten mit den Parteigewaltigen im Politbüro. Er filmte Menschen im Alltag des "real existierenden Sozialismus", aber seine sensibel beobachtete Wirklichkeit stimmte nicht mit der Partei-Propaganda überein. Jürgen Böttcher, Jahrgang 1931, erhielt jetzt, bei der zweiten gesamtdeutschen Verleihung des Deutschen Filmpreises (vgl. fd 13/92), ein "Filmband in Gold" für sein Lebenswerk. Damit bekam er Anerkennung für sein Bemühen, den Alltag kleiner Leute zu dokumentieren, der in der offiziellen Darstellung der Staatsgewaltigen ganz anders aussah. Böttcher beobachtete Wäscherinnen, Ofenbauer, Rangierer, Frauen in der Küche und in der Fabrik, Martha, die letzte Trümmerfrau von Berlin. Seine Filme fangen sensibel die Alltagsbeschäftigungen ein, vernachlässigen das Wort im Dialog und im Kommentar und nehmen dafür Originaltöne wie das Ratschen der Kreide, das Knittern des Papiers, die Geräusche von der Straße in den "Ton"-Film hinein.

Solches Schwergewicht des Visuellen kommt nicht von ungefähr: Jürgen Böttcher ist nämlich auch Maler. In diesem Metier heißt er Strawalde, genannt nach dem Ort seiner Geburt, an dem er auch seine Kindheit verbracht hat. Ein Maler auf dem Regiestuhl also. Das Malen ist sein erster und noch heutiger Beruf. Von 1949 bis 1953 studierte er an der Akademie für Bildende Künste in Dresden. Er malte Landschaften, übermalte gedruckte Bilder - auch von renommierten Künstlern - und schuf so neue Kunstwerke, malte abstrakt, Werke, in denen die Farben und Formen ihre eigene Sprache sprechen. Dann setzte sich Böttcher wieder auf die Schulbank: von 1955 bis 1960 studierte er an der Babelsberger Filmhochschule. Die italienischen Neoveristen wie Vittorio de Sica faszinierten ihn, wurden sein Vorbild. Schon auf der Hochschule hatte er Schwierigkeiten mit den hohen Kulturbeamten. So war es fast konsequent, daß bereits sein erster Film "Drei von vielen" über drei befreundete, von der Kulturbürokratie beargwöhnte Dresdener Maler die Hürde der Zensur nicht nehmen konnte. Bei fast all seinen Filmen gab es Schwierigkeiten. Manche sind erst nach harten Kämpfen zur Vorführung freigegeben worden.

Die Anerkennung, die Böttcher in der DDR versagt blieb, fand er dann und wann im Ausland. Auszeichnungen, die er von Festivals heimbrachte - darunter Preise für "Martha" bei den Westdeutschen Kurzfilmtagen 1979 und für "Ein kurzer Besuch bei Hermann Glöckner", auch einem Dresdener Maler, bei den Kurzfilmtagen 1986 -, erachten ihm daheim keinen Ruhm, vielmehr Argwohn und sogar Tadel ein: Auszeichnungen im Westen waren zumindest verdächtig. Mit seinem ersten - und einzigen - Spielfilm .Jahrgang 45" (1966) erlitt er völligen Schiffbruch. Sobald der Film in Babelsberg fertiggestellt war, verschwand die Schilderung eines Ehe-Alltags unter nicht gerade ideal zu nennenden Bedingungen am Berliner Prenzlauer Berg im Giftschrank. Böttcher mußte bis 1990 warten, bis das Stück Geschichte der DDR aufgeführt wurde.

Noch einige Male machte Böttcher von sich reden, etwa durch seinen Bericht "In Georgien" (1987). Aber seine Dokumentarfilme wurden immer rarer. Fürs Fernsehen zu arbeiten, sträubte er sich: "Da tritt das Bild in den Hintergrund, und das Wort hat das Sagen", äußerte er einmal. Dies aber wäre das Gegenteil von dem, was Böttcher mit seinen bildstarken Dokumentarfilmen verwirklichte. "Die Mauer" (1990) ist sein bislang letzter Film. Gern würde Böttcher, der sich inzwischen in einem Berliner Atelier neu eingerichtet hat, noch einmal einen Dokumentarfilm machen, aber nur, wenn er freie Hand behielte, wenn er so beobachten dürfte, wie es seine Art ist, wenn er Alltagsthemen bearbeiten könnte, die ihn faszinieren. Aber, und da wird er kleingläubig: "Wer soll das heute bezahlen?" Ob die Auszeichnung des Bundesinnenministers dazu beiträgt, daß der Maler Strawalde noch einmal in den Regiestuhl von Jürgen Böttcher zurückfindet?

Wilhelm Bettecken (film-dienst 14/1992)