Filmmuseum rettete barocken Marstall. Wiedereröffnung Filmmuseum Potsdam


Mit einem großen Fest, "Raumeroberung", konnte die Leitung des Filmmuseums Potsdam die in achtmonatiger Bauzeit neugestalteten Räume wieder übernehmen. Nicht nur Licht und Luft für ein Museum mit neuem Konzept wurde geschaffen, das Gebäude hat auch die alte Schönheit zurückerhalten. Damit residiert das Filmmuseum Potsdam - neben dem Deutschen Filmmuseum in Frankfurt das zweite Filmmuseum in Deutschland mit Ausstellungsräumen - in einem Gebäude, das nicht nur über eine repräsentative Dauerausstellung verfügt, sondern auch Wanderausstellungen beherbergen kann. Dabei hatte die realsozialistische Stadtregie-rung, die im Stadtkern die Erinnerungen an die preußische Vergangenheit auslöschen wollte, den Marstall abreißen wollen. Dann wäre die barocke, 1746 bis 1748 von dem Baumeister Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff zum Marstall (Pferdestall) umgebaute Orangerie so verschwunden wie das Stadtschloß und die Ruine der Garnisonkirche. Doch Dr. Joachim Mückenberger, einst Direktor der DEFA-Filmstudios in Babelsberg und Ende der 70er Jahre Verwaltungsdirektor der Schlösser und Gärten, konnte sich mit seiner Idee, ein Filmmuseum der DDR zu gründen, durchsetzen. Dafür bekam er den Marstall und die Mittel zum Einbau des Museums. Seit 1981 konnte man nicht nur das Museum besichtigen, sondern auch ein Kino im Hause besuchen, das als Filmkunsttheater bezeichnet werden kann.

Wer sich auf ein neukonzipiertes Filmmuseum freute, wurde allerdings bei dem Eröffnungsfest enttäuscht. Die Einladung zur Raumeroberung galt nur für die leeren Räume. Die präsentierten sich allerdings mit 50 Metern Länge und acht Metern Breite in ihrer vollen Schönheit. Das Filmorchester Babelsberg spielte unter Leitung von Manfred Rosenberg Filmmusiken, beispielsweise von Georg Haentzschel ("Münchhausen"), Ron Godwin ("Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten"), Theo Mackeben ("Bal paré") und Werner Richard Heymann ("Die drei von der Tankstelle"). Die 13köpfige "Bolschewistische Kurkapelle Rot-Schwarz", ein Musikkörper aus Mitgliedern aller Bereiche der Kunst, präsentierte skurrile Liedabwandlungen. Die leeren Räume bedeuten aber nicht, daß das Filmmuseum noch nicht arbeitet. Von Ende Juli bis Mitte September wird die erste Gastausstellung zu sehen sein, "Sandmann auf Reisen", einer Kultfigur aus dem Ostfernsehen gewidmet. Am 12. August wird die Ausstellung "Queer" eröffnet. Sie zeigt erstmals in Deutschland Gemälde des britischen Malers und Filmregisseurs Derek Jarman. Ende September werden in einer Werkschau zehn Filme Jarmans gezeigt, dazu auch in Deutschland weithin unbekannte Kurzfilme. Mitte November folgt dann "Der Mann ohne Nerven", die Ausstellung des Filminstitutes Düsseldorf über Harry Piet (vgl. fd 7/1993, S. 42).

Die ständige filmhistorische Ausstellung, der Schwerpunkt des Museums, wird unter dem Titel "Filmstadt Babelsberg" am 21. Oktober eröffnet. Der Titel verspricht ein neues Konzept. Das betont auch die Direktorin des Museums, Bärbel Dalichow. Die Ausstellung wird sich der Geschichte der Filmstadt Babelsberg widmen, des Studios, das nacheinander den Produktionsfirmen Bioscop, Decla-Bioscop, Ufa und DEFA gedient hat. Dabei werden, so Dalichow, auch kritische Akzente gesetzt. Das gilt vor allem für die Konfrontation einiger DEFA-Filmleute mit dem Regime.

In Betrieb vom ersten Tag der Eröffnung des Museums an ist das Kino des Museums. Es ist durch eine besondere Attraktion bereichert, eine Welte-Kino-Orgel für die musikalische Untermalung von Stummfilmen. Das Filmmuseum im barocken Marstall von Potsdam soll wieder ein kultureller Treffpunkt für die Bürger der Stadt und ein Anziehungspunkt für auswärtige Gäste werden. Die Direktorin und engagierte Filmhistorikerin Bärbel Dalichow rechnet damit, daß die Besucherzahl - früher im Schnitt 70 000 pro Jahr - im neuen Haus auf 100 000 gesteigert werden kann.

Wilhelm Bettecken (film-dienst 16/1993)