„Sie adelt die Szene durch ihre Anwesenheit“. Die Schauspielerin Hertha Thiele


Hertha Thiele lernte ich im Dezember 1981 kennen. Damals lebte sie 73-jährig in einer kleinen Wohnung am Rande des Ost-Berliner Industriebezirks Schöneweide, unweit großer Fabrikgelände, deren Staub sich über Landschaft und Menschen gelegt zu haben schien. Als sie mir die Tür öffnete, wirkte sie müde, ja gebrechlich. Ich wollte sie über ihre 50 Jahre zurückliegende Hauptrolle in „Kuhle Wampe“ (1932) befragen; das Interview sollte ein kleiner Baustein einer Artikelreihe über dessen Regisseur Slatan Dudow werden. Die geplante Marginalie wuchs sich dann aber zu einem umfangreichen Beitrag aus, denn kaum hatte Hertha Thiele angefangen zu erzählen, kaum war sie in ihre Jugend hinabgetaucht, wurde ihre Stimme fest und hellwach und entließ mich erst nach Stunden aus ihrem Bann. So ähnlich mag es auch den Zuhörern ergangen sein, die Hertha Thiele 1983 im West-Berliner Kino Astor bei der „Berlinale“-Retrospektive mit Filmen emigrierter deutscher Schauspieler erlebten. Da stand sie neben Curt Bois und Dolly Haas auf der Bühne und ließ sich trotz starker Erkältung nicht daran hindern, auch jener Kollegen zu gedenken, die mit ihr in „Kuhle Wampe“ aufgetreten waren und nun nicht mehr lebten. Die Abende im Astor und das Interesse vor allem junger Zuschauer an ihrer Biografie waren noch einmal sehr glückliche Stunden für Hertha Thiele. Stunden, die sie vorübergehend wohl vergessen ließen, dass ihr spätes Lieblingsprojekt, ein Kurzfilm mit der West-Berliner Regisseurin Rosi S.M., von der Filmförderung abgelehnt worden war. Es sollte „Die Runde des Lebens“ heißen und auf experimentelle Art „zum Ausdruck bringen, dass man einen alten Menschen nicht ausschalten darf“. Hertha Thiele wollte darin Musik hören und Bilder sehen und „dazu ganz verstreute Dinge reden, die mir gerade einfallen“. Es kam nicht mehr dazu: Im August 1984 starb die Schauspielerin in Ost- Berlin. Was bleibt, sind eine Handvoll wichtiger Filme – und eine rund 34 Jahre dauernde Pause.

Ikone der filmischen Moderne

Hertha Thiele, geboren am 8. Mai 1908 in Leipzig, hatte nach ihrem Abitur und einer kurzen Ausbildung 1928 ein Engagement am Leipziger Schauspielhaus angetreten. Neben anderen Aufgaben wurde sie hier für die Manuela in Christa Winsloes Stück „Gestern und heute“ verpflichtet und nach entsprechendem Erfolg für die selbe Rolle auch an die Berliner Barnowsky-Bühnen geholt. Als das Stück unter dem Titel „Mädchen in Uniform“ 1931 verfilmt wurde, übernahm Regisseurin Leontine Sagan die junge Darstellerin mit der „spröden, halb zerbrochenen Stimme“ (Lotte H. Eisner) vom Theater ins Atelier: Die Figur der Aristokratentochter, die in einem preußischen Mädcheninternat für ihre Lehrerin schwärmt, von der militaristischen Oberin gestraft wird und daran fast zugrunde geht, wurde für sie zum spektakulären cineastischen Einstand. Der weiten Gefühlsskala dieses Films einschließlich ihrer homoerotischen Tiefenschichten folgte bald darauf die eher kühle, geradlinige, selbstbewusste Figur des Proletariermädchens Anni in „Kuhle Wampe“. Brecht und Dudow, so erzählte Hertha Thiele, waren vor dem ersten Drehtag mit ihr zum Friseur gegangen: „Ich hatte damals noch lange Haare. Sie ließen sie mir kurz schneiden. Im ersten Moment war das hart für mich, dann aber fühlte ich mich viel freier, viel wohler, wie verwandelt.“ Tatsächlich trug nicht nur die Frisur, das streng nach hinten gelegte Haar zur Metamorphose bei: Gleichsam mit dem ganzen Film, den Szenen auf den Arbeitsämtern oder am (originalen) Fließband einer Elektrofabrik nahm Hertha Thiele Abstand von Habitus und Glamour eines konventionellen Kino-Stars und avancierte zur Ikone der filmischen Moderne.

Natürlich hielt das Kino der späten Weimarer Republik solche in vielerlei Hinsicht innovativen Angebote nicht en gros bereit. Die Produktionen, für die sie bis zum Beginn der Nazi-Zeit verpflichtet wurde, bewegten sich zwischen banalen subproletarischen Lustspielen („Frau Lehmanns Töchter“, 1931), Heldensagas aus der preußischen Historie („Die elf Schill’schen Offiziere“, 1932), kleinbürgerlicher Unterhaltung („Kleiner Mann – was nun?“, 1933) und romantischer Liebesgeschichte zwischen Schülerin und jungem Lehrer („Reifende Jugend“, 1933). Jahrzehnte später ließ Hertha Thiele neben „Mädchen in Uniform“ und „Kuhle Wampe“ nur noch zwei Filme aus jener Zeit für sich gelten: das Abtreibungsdrama „Das erste Recht des Kindes“ (1932) und die mystische Wunderlegende „Anna und Elisabeth“ (1933), über die ein Kritiker schrieb: „Hertha Thiele war Anna. Blond, schmal und von einer Madonnenhaftigkeit. Sehr sparsam in Gesten und Worten, Stimmungen und Gefühlsregungen, meist durch winziges Lächeln, durch kleines Weinen nur andeutend. Eine ganz große Leistung dieser jungen Schauspielerin.“ Ein anderer Kritiker hatte sie schon vorher mit einer der ganz Großen ihres Fachs verglichen: „Sie adelt die Szenen durch ihre Anwesenheit. Sie hat etwas von dem Garbo-Geheimnis an sich, nicht zu spielen und doch zu wirken, durch bloßes Dasein der Szene Färbung zu geben.“

Exil in der Schweiz

Über „Mädchen in Uniform“ schrieb Siegfried Kracauer, Hertha Thiele könne „ungekünstelt lachen und weinen und hat zwei Augen, die etwas zu sagen wissen – kurzum: Das Mädchen besitzt die Anwartschaft darauf, durch eine glänzende Zukunft verdorben zu werden.“ Tatsächlich kam Hitlers „Filmminister“ Joseph Goebbels 1933 bei einem Empfang auf die Darstellerin zu und lockte: „Mit Ihrer Beliebtheit bei den Arbeitern könnten Sie in unseren Filmen doch eine große Karriere machen!“ Ein konkretes Angebot ließ nicht auf sich warten: Man bot ihr die Rolle der Geliebten Horst Wessels in dem NS-Propagandafilm „Hans Westmar“ an. Hertha Thiele lehnte ab; statt ihr Fähnlein in den Wind zu hängen wie die Mehrzahl ihrer Kollegen, antwortete sie über Radio Hilversum auf die Frage, was sie von der „Machtübernahme“ halte: „Gar nichts, das ist ein Irrtum des deutschen Volkes.“ Die zunehmend gleichgeschalteten Behörden begannen, belastendes Material gegen die Schauspielerin zu sammeln. 1936 lag eine Liste von über einem Dutzend sogenannter „Vergehen“ vor, die zum Ausschluss aus der Reichstheater- und -filmkammer führten. Darunter „Rassenschande“, der Besitz von Schallplatten Ernst Buschs, die Mitwirkung in „Kuhle Wampe“.

Als Hertha Klingenberg – mit einem Reisepass, der noch auf den Familiennamen ihres inzwischen geschiedenen Mannes ausgestellt war – floh sie im Januar 1937 in die Schweiz, mit nicht viel mehr als den erlaubten zehn Reichsmark in der Tasche. Sie schlug sich als schlecht bezahlte Assistentin in einem kinotechnischen Labor durch und als Dienstmädchen, ab 1942 für kurze Zeit als Schauspielerin und dann als Souffleuse am Theater in Bern. „Es hat mir oft wehgetan, all die Rollen soufflieren zu müssen, die ich eigentlich gern selbst gespielt hätte. Aber auf diese Weise hatte ich wenigstens zu essen.“ An Film war in dieser Zeit nicht zu denken, auch nicht in der DDR, in die Hertha Thiele 1949 mit ihrem zweiten Mann, dem Schweizer Wolfgang Wohlgemuth, übersiedelte. Die beiden, die aus politischer Überzeugung nach Ost-Berlin gekommen waren, fanden zwar Arbeit als Sprecher am Berliner Rundfunk, kollidierten aber schnell mit dem stalinistischen Alltag: „Wir lasen zum Beispiel Manuskripte, die willkürlich bearbeitet worden waren, ohne dass das ausgewiesen wurde. So etwas hat uns sehr gestört.“ Hertha Thiele gelang es auch nicht, gemeinsam mit ihrem ebenfalls aus der Schweiz gekommenen Exil-Kollegen Robert Trösch ein Theaterprojekt zu verwirklichen – West-Emigranten wurden in den frühen 1950er-Jahren in der DDR misstrauisch beargwöhnt, galten oft als potenzielle Verräter.

Nach zwei Jahren ernüchtert wieder in der Schweiz angekommen, arbeitete Hertha Thiele dank der Vermittlung einer befreundeten Ärztin als Hilfsschwester in einer psychiatrischen Klinik. Später resümierte sie: „Diese Arbeit erschütterte mich. Sie liegt dem Schauspielerischen sehr fern und sehr nah. Ich habe in meinem Leben nie wieder so viel Theater gespielt wie im Umgang mit den Patienten, weil man immer extemporieren, den Partner des anderen spielen muss. So lernte ich auf dem Gebiet der Psychiatrie sehr viel für meinen Übergang in das mütterliche und großmütterliche Fach. Wenn ich auch selber nie Kinder hatte, so doch wenigstens Patienten, die ich wie Kinder pflegen konnte. Sonst wäre mir der Sprung wahrscheinlich nicht geglückt.“

Eine zweite Karriere?

Hertha Thiele hat nur selten öffentlich darüber reflektiert, ob und wie sehr sie unter dem nach 1933 vollzogenen Bruch in ihrer Biografie gelitten hat. In dieser Hinsicht legte sie sich jene unsentimentale Zurückhaltung auf, die zum Markenzeichen einiger ihrer frühen Filme geworden war. Doch ein paar Äußerungen am Ende ihres Lebens vermitteln eine Ahnung, wie sehr es sie über all die Jahre zum Schauspielerberuf zog. So erzählte sie, wie sie 1957 aus der Schweiz nach Frankreich fuhr, „mit der Absicht, mich in einen französischen Film hineinzuschleichen. Das ist mir jedoch nicht geglückt. Ich hatte zwar Kontakte mit den Mitarbeitern der Cinémathèque Française, die sich sehr um mich kümmerten, aber in Frankreich bestand damals eben ein von der Gewerkschaft initiiertes Gesetz, nach dem man Ausländer nur in Ausländer-Rollen besetzen durfte.“ Auch hier arbeitete Hertha Thiele wieder in der Psychiatrie. Dass es schließlich doch noch eine Rückkehr auf Bühne und Leinwand gab, hatte mit einem Zufall zu tun. Während eines Besuchs bei ihrer Schwester in der DDR zog sie sich 1965 einen komplizierten Bruch des Oberarms zu, was eine Rückreise vorerst unmöglich machte. In dieser Zeit wurde das DDR-Fernsehen auf sie aufmerksam und widmete ihr den Porträtfilm „Wiedersehen mit Hertha Thiele“. Theater in Magdeburg und Leipzig boten ihr Rollen an, darunter Brechts „Mutter“; das DDR-Fernsehen nahm sie in sein Schauspielerensemble auf. Rund 20 Filme für Kino und Fernsehen folgten – allerdings nur wenige, die Hertha Thiele mehr abverlangten als Kurzauftritte. So bleiben vor allem drei Arbeiten, die zwar keinesfalls eine „zweite Karriere“ konstituieren, aber die einstmals berühmte Aktrice dennoch aus dem Gros der Kleindarsteller herausragen ließen. Lothar Warneke besetzte sie in „Die unverbesserliche Barbara“ (1976) als Mutter eines Computer-Spezialisten, die vor allem durch kühle Distanz dagegen ankämpft, dass sich ihr Sohn von seiner emanzipierten Frau scheiden läßt und ein jüngeres, sträflich naives Mädchen zu sich nimmt. Die Anstrengung, ihre Schwiegertochter nicht ausbooten zu lassen, führt zu einem körperlichen Zusammenbruch: Hertha Thiele machte die fast übermenschliche Kraft transparent, die es ihrer Figur abforderte, gegen den eigenen Sohn zu optieren.

In Siegfried Kühns DEFA-Film „Don Juan, Karl-Liebknecht-Str. 78“ (1980) verkörperte die Darstellerin in einem nur wenige Sekunden dauernden Auftritt eine greise Opernsängerin, die dem Helden des Films, einem von seiner Männlichkeit überzeugten Regisseur, in einer Nachtbar „auflauert“. Mit weiß gepudertem Gesicht und dick geschminkten Lippen tritt sie dem egoistischen Verführer gleichsam als Zerrbild von Jugend und Schönheit entgegen und entführt ihn ins Reich der schmerzhaften Lächerlichkeit: eine Szene, die von einigen DDR-Kritikern als dekadent apostrophiert, von Hertha Thiele aber mit sichtlichem Genuss gespielt wurde. Ihre vielleicht schönste Altersrolle erhielt sie indes von einem Studenten der Babelsberger Filmhochschule: Wolfgang Münstermann besetzte sie 1980 in „Insel im See“ als alte Frau, die während der Nazizeit einen Kriegsgefangenen auf einer Insel versteckt hielt, deswegen ins Gefängnis gerät und auch Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges immer wieder hinüberrudert, um Essen, Getränke und Zigaretten auf einem Tuch auszubreiten. Eine Studie des Leids, in deren Düsternis noch immer ein Licht der Hoffnung glimmt. Nicht zuletzt macht diese stumme Rolle schmerzhaft bewusst, was Hertha Thiele zu leisten imstande gewesen wäre, wenn der deutsche Film ihr entsprechende Angebote offeriert hätte.

Ralf Schenk (film-dienst 17/2004)