Stiftungspreise 2006

Preis für die Verdienste um den deutschen Film 2006

Wolfgang Kohlhaase

„In den folgenden 3 Tagen werde ich Ihnen erklären, wie man ein Drehbuch schreibt. Am 4.Tag bin ich weg, denn dann würden Sie merken, dass ich es selbst nicht weiß.“ So spricht Wolfgang Kohlhaase gerne, wenn er beispielsweise Studenten etwas über seine Arbeit erzählen soll.

Das ist keine Koketterie, sondern die Klugheit eines Mannes, der weiß, auf welch rätselhaftem, unerklärlichem Gelände man sich von Zeit zu Zeit bewegt, wenn man Filme erfindet.

„Ein Drehbuch ist das Notieren einer Geschichte zum Zwecke ihrer Verfilmung.“, sagt Wolfgang. So einfach ist das also. Und doch so schwer.

Es sind gerade mal 30 Seiten, die ich in den Händen halte. Da schreibt einer von den Schwierigkeiten, den richtigen Menschen zu finden, von Einsamkeit und Alter, von erster Liebe und erstem Schmerz, vom Absturz und vom Aufgefangen-Werden. Vom ganzen Leben in einem halben Sommer. Er schreibt es so, dass man lachen muss, obwohl es ziemlich traurig ist. Es ist nicht das große, konstruierte Drama, das hier stattfindet, es sind all die banalen, kleinen, traurigen, lustigen Geschichten, die Alltag bedeuten. Es sind 30 Seiten, auf denen viel mehr steht, als manch einer auf 120 zu Papier bringt. Ich bin sofort verliebt in diese Geschichte, in ihre Figuren, in ihren Ton. Es ist ein Drehbuchentwurf von Wolfgang Kohlhaase. Er trägt den etwas saloppen Titel „Sommer vorm Balkon“.

Ich bin mit Wolfgangs Geschichten aufgewachsen. Manche zielten auf seine Herkunft, den Krieg, die Nazizeit, andere mitten in die Gegenwart: „Ich war 19“, „ Der nackte Mann auf dem Sportplatz“, „Solo Sunny“, „Der Aufenthalt“... Filme, die Wolfgang geschrieben hat. Sie haben meine Sicht auf die Welt und das Kino nachdrücklich geprägt. Manche seiner wunderbaren Dialoge kann ich auswendig.

Die Kunst von Wolfgang ist Poesie in Kurzform. Pathos oder Sentimentalität sind ihm fremd. Er beschreibt komplizierte Dinge mit einfachen Worten. Seine Texte sind klar und direkt. In ihrem Lakonismus treffen sie trotzdem mitten ins Herz. Das hat damit zu tun, dass er die Menschen und seine Figuren mit den Augen der Liebe betrachtet.

Regieanweisungen im klassischen Sinne kommen in Wolfgangs Drehbüchern nicht vor. Es gibt keine in Klammern gesetzten Einschübe vor Dialogsätzen, die die Gefühlslage der Figuren genauer erläutern. Dafür manchmal kleine, kommentierende Sätze von großer poetischer Genauigkeit. Wolfgang vertraut seinen Partnern und das sie genau lesen können.

82.Bild Truck Dämmerung

Die Türen der Kabine stehen offen. Nike und Ronald essen belegte Brote und trinken Cola dazu.


RONALD
Deine Stullen sind gut. Ist überhaupt schön, dass du mit bist. Sonst ist es manchmal sehr einsam.
NIKE
Du sollst verheiratet sein und ein Kind haben?
RONALD
Wer erzählt denn so was?
NIKE
Habe ich gehört.

Ronald lacht eine Weile künstlich, aber schließlich klingt es echt.

RONALD
Wenn es wahr wäre, würde ich es zugeben.
NIKE
Du musst nicht lügen. Musst du nicht. Ich habe nichts mit dir vor.

Jedenfalls will sie glauben, dass es so ist.

Oft sagen die Figuren von Wolfgang nicht das was sie meinen, manchmal genau das Gegenteil. Gerade, wenn sie sich danach sehnen, geliebt zu werden. Sie verstecken ihre Verletzbarkeit hinter einer robusten, manchmal rauen Schale, die sie unverwundbar scheinen lässt. Sie lassen sich nicht so schnell in die Karten gucken. Das macht ihr Geheimnis aus und bringt sie uns nahe. Wer ist schon gerne verletzbar? Wer möchte nicht gerne geliebt werden?
Bricht die Fassade auf, schaut man zuweilen in tiefe Abgründe, manchmal – und zum Glück nicht zu selten – sind die kleinen Träume auch einfach nur komisch.

Wolfgangs Humor ist direkt, aber nie verächtlich. Die Menschen versuchen, ihrem kleinen Leben die größtmögliche Würde abzugewinnen. Manchmal ziehen sie dabei die falschen Schlüsse. Der Taxifahrer Harry sagt in SOLO SUNNY: „Mensch Sunny, bei der Kohle, die ick verdiene kann ick doch nich doof sein.“ Ronald, der Trucker, meint in SOMMER VORM BALKON auf die Frage, was er denn in seinem großen Auto eigentlich transportiert: „Meistens Teppiche. Aber das füllt mich nicht aus. Nicht beruflich und auch nicht menschlich.“

Kleine Menschen und ihre großen Träume. Bei Wolfgang ist das lustig, aber nie lächerlich. Er wirkt mit seinen 75 Jahren manchmal wie ein großer Junge, der sich gerade einen neuen Streich ausgedacht hat.

Im Gespräch reibt er sich bisweilen die Hände an der Brust, so wie andere sich an der Stirn kratzen. Es ist eine unbewusste Geste, als wolle er sich im Gedankenflug seiner Körperlichkeit versichern, sich konzentrieren, ohne grüblerisch zu sein. So bleibt er im Nachdenken offen.

Wolfgang hat ein erstaunliches Gedächtnis für besondere Sätze, besondere Geschichten. Manchmal scheinen sie Jahrzehnte in seinem Gedächtnis bewahrt, bis er die passende Szene für sie gefunden hat.

Er ist voller Anekdoten. Bei einer mehrstündigen Bahnfahrt mit Wolfgang reist man außer von einem Ort zum anderen auch noch durch Zeiten, zu Menschen und besonderen Begebenheiten. Und immer sind sie rührend, meist auch zum Lachen.

Auch über ihn selbst gibt es viele Geschichten. Einmal soll er ins DEFA-Studio gekommen sein, mit einer Blume am Revers. Jemand flaxte: „Na Wolfgang, biste jetzt schwul geworden?“ Wolfgang antwortete: „Halb Berlin weeß et besser.“

Jede Art von Künstlerattitüde ist Wolfgang fremd. Er liebt einfache Sätze, nicht die intellektuelle Phrasendrescherei. Die vielen Jahre in einer Branche voller Neid und Eitelkeiten haben ihn nicht beschädigen können. Bei all seiner Klugheit ist er trotzdem auf zauberhafte Weise der einfache Junge geblieben.

Vor gar nicht langer Zeit hat Wolfgang eine wunderbare Rede gehalten. Es war in der Akademie der Künste. Sein Freund und Weggefährte Frank Beyer war gestorben. Wolfgang fand auf seine unvergleichliche Art knappe Worte, pointiert und trotzdem sanft und würdig. Mit den richtigen Fragen.
Es ist schwer, auf der Trauerfeier eines Menschen zu sprechen, mit dem einen so viel gemeinsam gelebtes Leben verbindet. Es gilt, Distanz zu wahren, um Nähe zu ermöglichen.
Wolfgang hat mein Herz berührt wie kein zweiter an diesem Vormittag.
Als ich es ihm sagte und ihn dankbar umarmte, sah ich dieses verräterische Schimmern in seinen Augen. Es wären doch etwas viele Nachrufe gewesen, die er in letzter Zeit gehalten habe, meinte er.

Seine Kunst hat immer etwas mit Partnerschaft, Freundschaft zu tun. Wolfgang trifft sich nicht nur mit Menschen, um mit ihnen zu arbeiten. Er möchte mit ihnen das Leben und die Sicht auf die Welt teilen. Er ist treu. Gerhard Klein, Konrad Wolf, Frank Beyer hießen einige seiner wichtigsten Weggefährten.

Mit jedem von ihnen ist auch ein Stück Integrität, Aufrichtigkeit, Ernsthaftigkeit gegangen, ein Rest von Anstand in einer manchmal unanständigen Branche.

Doch weil es Menschen wie Wolfgang gibt, ist die Arbeit beim Film trotz aller Kämpfe immer wieder so eine große Freude.

Lieber Wolfgang, ich danke dir sehr, für die wunderbaren Filme, die du geschrieben hast, für die schöne Zeit, die wir miteinander verbracht haben und hoffentlich viel noch verbringen werden und ich bin sehr froh, dass dieser Preis heute ausnahmsweise mal nicht an Florian Henckel von Donnersmarck geht, sondern an dich!

 

(Andreas Dresen)

Preis zur Förderung der deutschen Filmkunst 2006

Andres Veiel

Bei Andres Veiels immer wieder transparenter Affinität zum Theater sind ihm natürlich diese Sätze des großen B.B. vertraut:
„Wir müssen nicht nur Spiegel sein, welche die Wahrheit außer uns reflektieren. Wenn wir den Gegenstand in uns aufgenommen haben, muß etwas von uns dazukommen, bevor es wieder aus uns herausgeht."
Andres Veiel hat ein unbedingtes, ja rigoroses Verständnis von FILM/DOKUMENTARFILM als moralische Anstalt, als Sonde in die soziale und menschliche Realität. Exemplarisch vom Frühwerk „Balagan“ über „Black Box BRD“ bis zu seiner bislang letzten Arbeit „Der Kick“. Stets charakteristisch bei aller Unterschiedlichkeit der Sujets die dokumentarische Unbestechlichkeit des Autors, das Streben nach möglichst komplexer Wirklichkeitsreflexion, die sich nicht reduziert auf eine "korrekte" politische Wahrheit.
Ein Autor auch zwischen Skepsis und Hoffen.
Veiel fragt nach der Möglichkeit einer individuellen Entscheidung- bei aller Determination.
Letztlich bleibt die Hoffnung immanent auf eine persönliche Wahl, auf eine humane Chance, - bei aller "Schicksalhaftigkeit", bei all noch so dunklen Momentaufnahmen unserer Zeit.
Denn so Andres Veiel: "Die Gewalt ist wie ein Krater, durch den man ans Magma kommt."

(Fred Gehler)

Preis zur Förderung des künstlerischen Nachwuchses 2006

Benjamin Heisenberg

Benjamin Heisenbergs erster langer Spielfilm „Schläfer“ kreist um das Thema des Verrats. Was bringt einen Menschen dazu, einen Kollegen, einen Freund zu beschatten? Was können die auslösenden Momente sein; was ist bereits im Charakter angelegt? Und was hat eine Gesellschaft damit zu tun, die an die Wahrheit, Wirksamkeit und Notwendigkeit von Dossiers glaubt?

In „Schläfer“ wird nichts aufs schlichte Schwarz-und-Weiß-Schema reduziert. Die Figuren erweisen sich als widersprüchlich und bergen Geheimnisse in sich. Nicht der arabische Freund, den es zu beobachten gilt, ist der wirkliche Schläfer, sondern der Deutsche Johannes, der dem Nachrichtendienst und der eigenen Karriere seine Unschuld opfert. Doch Heisenberg liegt es fern zu verurteilen; er lässt seinen zwiegespaltenen Helden vielmehr in Einsamkeit und Verlorenheit zurück: Zum Schluss beschwört das Irrationale, weil er in der rationalen Welt keinen Halt mehr zu finden glaubt.

Benjamin Heisenbergs erster langer Film ist in jeder Beziehung klug inszeniert, Inhalt und Form gehen eine bemerkenswerte Liaison ein. Konsequent verweigert die stilisierte, wie beiläufig beobachtende Kamera den Figuren eine vertraute Nähe. Gegenstände schieben sich vor die Gesichter der Handelnden; Schauplätze in der Totale werden zu wichtigen atmosphärischen Spielorten. Kein Schielen nach äußerer Attraktion, kein historisches Abrechnungskino, sondern ein dichtes, nachdenkliches, packendes Psychogramm, angesiedelt mitten in unserer Gegenwart. Für mich der bessere Verratsfilm des letzten Kinojahres.

(Ralf Schenk)

 

Programmpreise 2006

filmkunstfest schwerin

Seit sechzehn Jahren findet erfolgreich das filmkunstfest Schwerin statt – für ein Filmfestival bereits ein sehr beachtliches Alter. Es lässt seine Jugend allmählich hinter sich, findet zu eigenen Stärken und prägt seinen besonderen Charakter aus. Inhaltlich konzentriert es sich auf neue deutsche Filme, wobei kreative Nachwuchstalente Schulter an Schulter mit großen Stars stehen. So entsteht jährlich ein anspruchsvolles und vielseitiges Programm, das durch interessante Reihen und Rahmenprogramme ergänzt wird. Es ist daher kein Wunder, dass das filmkunstfest auf nationale Anerkennung stößt.
Zwischen dem filmkunstfest schwerin und der DEFA-Stiftung gibt es von Beginn an eine enge Bindung, sie kommt in dem Leitspruch der Stiftung „Vergangenes neu entdecken – Zukunft fördern“ zum Ausdruck. Auf dem filmkunstfest laufen wichtige Retrospektiven und geförderte Talente können ihre Filme zeigen.
Der Erfolg des filmkunstfestes in den letzten Jahren ist vor allem dem Engagement des künstlerischen Leiters Hasso Hartmann zu verdanken. Ihm und seinem Mitstreiter Torsten Jahn gilt in besonderer Weise diese Ehrung. Der Dank geht ausdrücklich auch an den Mecklenburg Vorpommern Film e.V. Die DEFA-Stiftung wird dem filmkunstfest Schwerin als wichtiger Partner weiterhin zur Seite stehen.

(Gudrun Scherp)

 

Filmclub Bozen

Der Filmclub Bozen. Das besondere Kino an einem besonderen Platz.
Seit seiner Entstehung 1978 darf es auf eine beispielhafte Entwicklung zurückblicken. So ist es von einem kleinen gemieteten Keller zu einem 3-Saal-Kino expandiert, dem modernsten und einzigen in Südtirol.
In den ersten 5 Jahren beschränkte sich das Programm noch auf wöchentliche Aufführungen. Heute zeigt das Kino deutsche und internationale Kinofilme.
Zudem entwickelten sich die Bozner Filmtage zum Treffpunkt interessanter Regisseure und interessierter Filmfreunde. Bereits in den Kinderschuhen galt ein besonderes Interesse dem DEFA-Film. Zahlreiche Vorführungen und Filmreihen beweisen dies.
Der Filmclub Bozen leistet einen besonderen kulturellen Beitrag für die deutsche Filmkultur außerhalb der deutschen Grenzen. Nach wie vor hat er das Ziel, anspruchsvolle Filme einem neugierigen - und an der Zahl stetig steigenden - Publikum vorzuführen.
Der Dank gilt dem besonderen Engagement der Programmmacher, die den DEFA-Film auch Menschen in ihrem Land ans Herz legen möchten. Sie haben sich die hohe Anerkennung der DEFA-Stiftung und den Programmpreis verdient.

(Gudrun Scherp)

 

 

Kinoklub am Hirschlachufer



Von allen Seiten hört man, es seien schlimme Zeiten. Für die Wirtschaft, für die Arbeitslosigkeit und den Bildungsstand der Jugend. Doch in dieser Zeit der Ungewissheit behauptet der Kinoklub am Hirschlachufer in Erfurt bereits seit mehr als 30 Jahren erfolgreich seine Beständigkeit: den Bildungsstand fördert er mit interessanten Filmen, dem Problem der Arbeitslosigkeit wirkt er mit konstant niedrigen Eintrittspreisen entgegen, und die Wirtschaft, die ist dem Kinoklub egal.
Ihm geht es nicht darum, einen möglichst hohen Gewinn einzufahren. Vielmehr steht im Vordergrund, ein anspruchsvolles und vielseitiges Filmprogramm zu präsentieren. So entsteht ein Forum für Filmliebhaber - und das fördert das Kulturbewusstsein der Landeshauptstadt ungemein.
Der Kinoklub am Hirschlachufer hebt sich bewusst und erfolgreich von den Multiplex-Kinos ab, denn Popcorn gibt es dort wirklich nicht. Auch keine Computerkasse. „Mit Handwerk und Herz“ ist das Motto des im übrigen ersten Studiokinos der DDR.
Mit dem Preis möchte die DEFA-Stiftung vor allem das Lebenswerk der Leiterin Dagmar Wagenknecht würdigen und sie und ihre Mitarbeiter ermutigen, den Kinoklub am Hirschlachufer weiterhin zu der besonderen „Erfurter Ecke“ zu machen.

(Fotos: Annett Ahrends)

Stiftungspreise 2006:

Preis für die Verdienste um den deutschen Film: Wolfgang Kohlhaase

Preis zur Förderung der deutschen Filmkunst: Andres Veiel

Preis zur Förderung des künstlerischen Nachwuchses: Benjamin Heisenberg

Programmpreise: Filmkunstfest Schwerin; Filmclub Bozen; Kinoklub am Hirschlachufer