Trotz allem: Ein eingezäuntes Paradis. 40 Jahre Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“


Für die einen war es eine Oase, ein Paradies fast, ein eingezäuntes Paradies zwar, aber immerhin. Hier konnte man relativ ungestört sich ausprobieren, tolle Pläne entwickeln und zumindest in Gesprächen - am liebsten in der Kantine - große Filme "drehen". Hier sah man Filme, die es "draußen", außerhalb der Umzäunung, nicht zu sehen gab. Sie konnte man studieren - an ihnen konnte man lernen, wie man Filme drehen muß. Für andere wiederum führte die Atmosphäre, die in diesem "Paradies" herrschte, fast bis zum Äußersten, bis in die Katastrophe, in den Tod. Junge Studenten, die das große Los gezogen hatten, einen der wenigen und deshalb natürlich sehr begehrten Studienplätze an der Babelsberger Hochschule für Film und Fernsehen errungen hatten, kamen voller Enthusiasmus nach Babelsberg und erhielten dort sehr schnell einen mehr oder weniger starken Dämpfer. "Film ist Teil der Ideologie" wurde vielen neu immatrikulierten Studenten sogleich zu Beginn des Studiums als Dogma und Richtung auf ihrem Weg mitgegeben. Es kam auch vor, daß ein Dozent für Marxismus-Leninismus - wie an allen Hochschulen und Universitäten der DDR auch in Babelsberg Pflichtfach - seine Vorlesung in der Uniform der Nationalen Volksarmee absolvierte. Gewiß war das die Ausnahme, ein untypischer Sonderfall, aber immerhin, es kam vor.

Erfolgreich "arrangieren"

Umzäunt war das "Paradies" nicht nur im sprichwörtlichen Sinne, sondern ganz direkt. Unmittelbar am Berliner Griebnitzsee und damit an der Grenze zu West-Berlin gelegen, wurde das Hauptgebäude der Hochschule in das Grenzgebiet integriert und konnte so nur mit einem besonderen Passierschein betreten werden, den nicht jeder bekam. So soll es Fälle gegeben haben, wo die Grenzpolizei und die Staatssicherheit neuen Studenten diesen Passierschein verweigerten - wodurch es demjenigen unmöglich gemacht wurde, sein Studium autzunehmen. Eine nur hier vorstellbare Einflußnahme der Macht von außen auf die Auswahl der Studierenden. Viele, die Mehrheit der Studenten, versuchten sich erfolgreich "zu arrangieren",die vier, fünf Jahre Studium für sich nutzbringend zu gestalten. Andere aber wurden an dieser Hochschule zerbrochen. Man erinnert sich an eine indische Regiestudentin, die sich in ihrer Diplomarbeit, einem Dokumentarfilm, mit den Lebensbedingungen junger Frauen in der DDR befaßt hatte. Doch das hier zum Ausdruck kommende Frauenbild entsprach nicht den Vorstellungen der Prüfungskommission. Das Diplom wurde verweigert, eine Kopie ihres Films durfte die Regisseurin nicht behalten. Als sie es dennoch versuchte, wurde die Kriminalpolizei und die Staatssicherheit eingeschaltet. Später, in Indien, fand die junge Frau den Tod.

Das Bild, das die Deutsche Hochschule für Filmkunst - ab 1969 Hochschule für Film und Fernsehen - in ihrer jetzt 40jährigen Entwicklung geboten hat, war widersprüchlich. so widersprüchlich wie die Kulturpolitik der DDR. Wie hätte es auch anders sein sollen?

Man versuchte jetzt in mehreren Gesprächsrunden. den Weg der Schule nachzuzeichnen. "Jahrgänge" waren zusammengekommen -ehemalige Studenten, Dozenten und Rektoren -, um sich zu erinnern, was an dieser Hochschule war. Studenten erzählten, welches Bild sich ihnen heute, nach der Wende, in der Erinnerung bietet. Der Gründungsrektor Kurt Maetzig erinnerte sich wie die beiden letzten Rektoren Lothar Bisky - der die HFF durch die Wende rührte - und Wolf-Dieter Panse, der derzeitige Rektor. Nicht alle Verantwortlichen waren an dieser Aufarbeitung der Geschichte interessiert. So stellte sich beispielsweise der langjährige Rektor Peter Ulbrich nicht. Die insgesamt zwölf Stunden langen Gespräche wurden vom Fernsehen aufgezeichnet und sollen demnächst vom ORB ausgestrahlt werden.

Bei diesen Gesprächen schien das Jahr 1965 einen entscheidenden Wendepunkt darzustellen. Nach dem berüchtigten 9. Plenum der SED wurde versucht, auch die von dogmatischen Kulturfunktionären immer wieder mißtrauisch beäugte Filmhochschule ideologisch "auf Vordermann" zu bringen. Das heimliche Vorbild war die Fakultät für Journalistik der Leipziger Karl-Marx-Universität, die als "Rotes Kloster" in die Geschichte der DDR-Medien eingegangen ist. Die Babelsberger Hochschule erhielt eine vollkommen neue Ausrichtung. Geplant war, vor allem Kader für das Fernsehen auszubilden. Man benötigte Propagandisten, Publizisten. Die stärkere Anbindung an das Fernsehen bedeutete eine Konzentration auf Studenten, die vom Fernsehen nach Babelsberg delegiert worden waren, bedeutete auch eine außerordentlich starke Einflußnahme des Fernsehens der DDR auf den Lehrbetrieb der Hochschule. Noch heute erinnern sich ehemalige Studenten an die Aktivitäten des Chefkommentators des Fernsehens Karl Eduard von Schnitzler, der nicht nur seinen Einfluß auf Prüfungskommissionen geltend machte, sondern sich auch für das Äußere der zukünftigen Film- und Fernsehschaffenden interessierte: "So wie es auf ihren Köpfen aussieht, so sieht es auch in ihren Köpfen aus", behauptete er von langhaarigen Bartträgern.

Erinnerung an Leidensgeschichten

Babelsberg als Rotes Kloster, Abteilung 2? Mehr oder weniger starke Einflußnahme auf die Hochschule durch dogmatische Kulturfunktionäre und damit verbundene Kampagnen für "ideologische Klarheit" hat es immer gegeben - auch vor 1965. Als in den frühen 60er Jahren ein Regiestudent seinen Unmut über Lüge und Heuchelei an der Hochschule durch Camus-Zitate in einem offenen Brief an Politbüro-Mitglied der SED Alfred Kurella freien Lauf ließ, wurde er sofort von der Schule verwiesen. Und noch wochenlang danach durchkämmte die Inquisition die Hochschule mit dem Satz "Wie stehst Du zu Mucke?" Mucke, der "rebellische" Student wurde viele Jahre später in der DDR ein recht erfolgreicher Autor von Kinderbüchern. Daß er ein erfolgreicher Regisseur wurde, verhinderte die Filmhochschule.

Die Erinnerung an ihre Studienjahre bedeutet für viele Studenten die Erinnerung an Leidensgeschichten - wobei auch sie immer wieder komische Aspekte einschließen. Da erhielt der eine Student für seinen Film eine Fünf und wunderte sich, daß einige Wochen später die Zensur in eine Eins umgewandelt wurde. Nur durch Zufall erfuhr er später, daß der Rektor der Hochschule den Studentenfilm auf dem Festival von Edinburgh gezeigt hatte, wo er Anklang fand. Oder ein anderer Student erfuhr ebenfalls nur durch Zufall, daß sein Film, der von den Verantwortlichen so heftig kritisiert worden war, für den Studenten-"0scar" in Los Angeles nominiert werden sollte.

Trotz aller Leidensgeschichten, trotz des starken ideologischen Drucks, dem die Hochschule zu allen Zeiten ausgesetzt war, sind die Ausbildungsergebnisse häufig beeindruckend gewesen. Nicht selten waren die Studentenfilme der Babelsberger Hochschule, die sich mit Aspekten der Realität in der DDR befaßten, Höhepunkte der alljährlichen Leipziger Dokumentarfilmwoche und mitunter den professionellen Dokumentarfilmen der DEFA an Glaubwürdigkeit und Genauigkeit überlegen. Und auch ehemalige Studenten, die nach ihrem Studium in den Westen gingen, erfuhren in der Bundesrepublik Deutschland, daß das Babelsberger Institut durch seine fundierte Ausbildung von Spezialisten ein hohes Ansehen genoß. Während nicht selten heute Absolventen deutscher Filmhochschulen in die Praxis mit der Vorstellung kommen, fast alle Sparten der Film- und Fernsehproduktion zu beherrschen, wird in Babelsberg weiterhin Wert auf eine fundierte Spezialausbildung gelegt.

Die Perspektive der Hochschule sieht heute nicht schlecht aus. Das Hauptproblem sind zur Zeit die räumlichen Bedürfnisse. Bis der geplante Neubau auf dem Gelände von Studio Babelsberg - zwischen den traditionsreichen UFA- und DEFA-Ateliers und den Fernsehstudios des ORB - bezugsfertig ist, werden noch Jahre des Improvisierens und der Behelfsmäßigkeit vergehen.

In der letzten Gesprächsrunde, die sich mit der Gegenwart der Hochschule beschäftigte, kamen die aktuellen Probleme zur Sprache. Die aktuellen Nöte und Sorgen der Studenten (die überwiegend aus dem Westen Deutschlands kommen) drehen sich wie überall um Bafög und fehlende Studentenunterkünfte. Die Studenten klagten über langweilige Vorlesungen und das zu geringe Interesse der Dozenten und Professoren an ihnen und ihrer Arbeit. Und die Dozenten beklagten das geringe Interesse der zukünftigen Regisseure am Dokumentarfilm.

Einst waren die Studenten in die Wirklichkeit gegangen und häufig mit großartigem Material zurückgekommen, das sie dann oftmals mit viel Engagement und Leidenschaft verteidigen mußten. Da ihr Bild der Realität in der DDR zumeist nicht mit dem Wunschbild der Ideologen übereinstimmte, kamen Filme oft nur nach Überwindung großer Schwierigkeiten an die Öffentlichkeit. "Nicht sendefähig", lautete das eine Verdikt, "Hätte ebenso vom ZDF ausgestrahlt werden können" das andere Totschlag-Argument. Die Leidenschaft der politischen Auseinandersetzung im Seminarraum, in der Studentenbude oder auch in der Mensa vermißte ein Student heute in Babelsberg. Fast mit Wehmut lauschten die gegenwärtigen Studenten den Leidensgeschichten ihrer Kommilitonen von einst. Die Babelsberger Filmhochschule ist in der bundesdeutschen Realität das Jahres 1994 angekommen.

Michael Hanisch (film-dienst 26/1994)