Steyer, Christian

Der Schauspieler Christian Steyer ist in der DDR der Schwarm des jugendlichen weiblichen Publikums in den 70er Jahren. Mit seiner krausen Löwenmähne, seinem charmanten Lächeln und seiner coolen Art begeistert er das Publikum. Parallel zu seiner Schauspielkarriere spielt er Musik, komponiert für den Film. Als Filmkomponist feiert er mit DIE BLINDGÄNGER (2004) einen seiner größten Erfolge: Er wird beim Kinderfilmfestival in Gera für die Beste Filmmusik mit dem Goldener Spatzenfuß geehrt; der Film selbst als Bester Kinder- und Jugendfilm mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.



Christian Steyer in " Für die Liebe noch zu mager?" (1971)

Foto: DEFA-Stiftung/Uwe Fleischer, Dietram Kleist

Christian Steyer wird am 06. Dezember 1946 in Falkenstein, im Vogtland geboren. Sein Vater ist Pfarrer und Dozent für Fremdsprachen. Zur Familie gehören noch fünf weitere Kinder. Er wächst in Meißen, Grimma und Oschatz auf. Bereits seit seiner Kindheit spielt er Klavier und Orgel, wird von seinem Vater in Musiktheorie unterrichtet. Mit 10 Jahren übernimmt er das sonntägliche Orgelspiel und singt im Domchor von Meißen, mit 13 Jahren kommt er in die Kinderförderklasse bei Prof. Amadeus Webersink in das Leipziger Musik-Konversatorium.

1965 beginnt er an der Leipziger Hochschule ein Studium der Musik mit dem Hauptfach Klavier. 1970 beendet er sein musikalisches Hochschulstudium in Dresden und will zunächst als Musikpädagoge arbeiten. In Dresden kommt er mit dem Chanson durch die Musical-Inszenierungen der Studenten unter der Leitung von Thea Elster und auch mit dem Schauspiel in Kontakt. Er entscheidet sich für die Schauspielerei, erwirbt nach einem zweijährigen Studium an der Stattlichen Schauspielschule in Berlin 1972 die Bühnenreifeprüfung. Seit 1972 arbeitet er als freischaffender Pianist, Schauspieler, Sänger und Komponist.

Christian Steyer debütiert vor der Kamera in ES IST EINE ALTE GESCHICHTE (1972) von Lothar Warneke. Hier gibt er den erfolgsverwöhnten Studenten Tommy, der sich in seinem Leben erst noch zurechtfinden muss. Der junge Schauspieler stellt den jungen Mann leise und nachdenklich dar. In DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (1973) unter der Regie von Heiner Carow spielt er einen ausgemachten Bösewicht: den Scheißkerl Colly vom Rummelplatz, der, kurz nachdem seine Freundin Paula auf die Entbindungsstation eingeliefert wird, zur nächsten Frau übergeht und zwar ausgerechnet in die Wohnung seiner Freundin. Für den Jugendfilm FÜR DIE LIEBE NOCH ZU MAGER (1974) von Bernhard Stephan schlüpft der Darsteller in die Rolle von Lutz, einem Traumtänzer und Spinner, der einer Frau ein Kind macht, ohne daran zu denken, dafür die Verantwortung zu übernehmen. In dem POLIZEIRUF 100-Fall KONZERT FÜR EINEN AUßENSEITER (1974) von Werner Röwekamp ist er ein krimineller Ex-Musik-Student, der mehr aus Trotz statt aus Boshaftigkeit bei allein stehenden Frauen einwohnt und eine von ihnen nach einem Streit ermordet. In allen Rollen verfestigt sich sein Image: Er gibt den leichtfertigen jungen Mann mit krauser Löwenmähne, charmantem Lächeln und schelmischer Coolness, der aber für die ernsthafte Liebe nicht zu haben ist. Auch Anfang der 80er Jahren wird der Schauspieler für ähnliche Rollen herangezogen. In BÜRGSCHAFT FÜR EIN JAHR (1981) hofft die allein erziehende Mutter Nina Kern, die mit zahlreichen Problemen bei der Kindererziehung und mit ihrer Alkoholsucht zu kämpfen hat, auf ihn, dem jungen feschen Kerl Heiner Menk. Aber die Hoffnung erfüllt sich nicht; er drückt sich vor der Verantwortung. In UNSER KURZES LEBEN (1981) von Lothar Warneke gibt er den Lebenskünstler Jazwauk, der ewige Junge und Liebhaber.



Christian Steyer in "Die Legende von Paul und Paula" (1972)

Foto: DEFA-Stiftung/Manfred Damm, Herbert Kroiss

Seit Mitte der 70er Jahre komponiert Christian Steyer für Film und Fernsehen. Erstmal schreibt er Musik für den Kinderfilm DER UNTERGANG DER EMMA (1974) von Helmut Dziuba. Mit dem Regisseur verbindet ihn danach eine intensive Arbeitsbeziehung, für mehrere seiner Filme arrangiert er die Musik. Besonders in dem Film SABINE KLEIST, 7. JAHRE (1982) kann der Musiker seine Ansprüche umsetzen. Gekonnt mixt er Kammermusik mit Pop-Tönen, ohne die Eigenständigkeit der einzelnen Musiken aufzugeben. Der Zuschauer bzw. Zuhörer kann sich dabei von Musik und Bilder gedanklich inspirieren lassen. Neben diesen Arbeiten für ein Dutzend Kinderfilme verfasst er die Musik zu einigen Folgen der populären POLIZEIRUF 110-Reihe sowie zu Dokumentarfilmen. Eine erste große Orchesterpartitur, die mit dem DEFA-Symphonieorchester eingespielt wird, schreibt Christian Steyer zum Märchenfilm DIE VERTAUSCHTE KÖNIGIN (1984) unter der Regie von Dieter Scharfenberg. Deutlich wird hier seine Doppelbegabung: Er komponiert nicht nur die neoromantische Musik mit Verweisen auf historische Musiken und Instrumente, sondern spielt auch den singenden Narren, der sich selbst auf einer selbstgebauten Kniefidel begleitet.

Nach dem Zusammenbruch der DDR hat der Künstler keine Schwierigkeiten, sich auf dem gesamtdeutschen Film- und Fernsehmarkt zu behaupten. Auch in den 90er Jahren bis jetzt frönt er seinem doppelten Interesse von Schauspielkunst und Filmmusik, allerdings übernimmt er im überwiegenden Maße Rollen für das Fernsehen, wogegen seine Filmmusiken für das Kino auffallen. In dem romantischen Roadmovie ZUGVÖGEL - EINMAL NACH INARI (1997) von Peter Lichtefeld unterstützt die Musik einmal mehr die Geschichte. Der Komponisten fängt zum einen die Bewegung und Dynamik der Reisenden ein und schlägt zum anderen die Brücke zwischen deutscher und finnischer Kultur. Nochmals arbeitet er mit dem Regisseur bei Playa del Futuro (2005) zusammen. Wieder ist es ein Roadmovie mit kraftvollen Bildern und einprägsamer Musik. In DIE BLINDGÄNGER (2004) unter der Regie von Bernd Sahling wird von jugendlichen Bewohnern eines Blindeninternats erzählt, die eine Band gründen und ein Musikvideo drehen wollen. Als Filmkomponist feiert Christian Steyer mit DIE BLINDGÄNGER (2004) einen seiner größten Erfolge: Er wird beim Kinderfilmfestival in Gera für die Beste Filmmusik mit dem Goldener Spatzenfuß geehrt. Die Fachjury lobt den Einklang von Musik und Bild: Versagensangst und Glücksgefühl stehen bei den Jugendlichen dicht beieinander; die einzelnen Musikmotive der Protagonisten und die Bildersprache vermischen sich. Es entsteht dabei ein kleines, eigenes Kunstwerk im Film. Der Film selbst wird als Bester Kinder- und Jugendfilm mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.

Neben seiner Schauspielkarriere und der Arbeit als Filmkomponist ist Christian Steyer auch in vielen anderen Bereichen beschäftigt. In den 70er Jahren ist er musikalischer Leiter der Gruppe "e.t.c.", spielt vier Jahre in der Musikformation hinter Frank Schöbel die Tasteninstrumente. Für zahlreiche Märchenplatten und Bühnenwerke komponiert er die Musik, wirkt zudem an der Produktion von literarisch-musikalischen Programmen mit. Für den Mitteldeutschen Rundfunk spricht er unter anderem die Texte für die erfolgreiche Doku-Soap aus dem Leipziger Zoo "Elefant, Tiger und Co" ein; gibt mit seinen vielfältigen Stimmlagen den alltäglichen Geschichten eine ganz besondere Note. An der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" in Berlin arbeitet er seit 1993 als Lehrbeauftragter für Präsention, Schauspiel und Sprecherziehung. Außerdem leitet er den studentischen Jazzchor, studiert alljährlich Weihnachtslieder ein.

Christian Steyer lebt in Berlin.

zusammengestellt von Ines Walk (www.film-zeit.de)

Stand: August 2006


Filmographie

  • 1972 Es ist eine alte Geschichte
    Darsteller
  • 1973 Für die Liebe noch zu mager?
    Darsteller
  • 1973 Die Legende von Paul und Paula
    Darsteller
  • 1974 Der Untergang der Emma
    Musik
  • 1976 Polizeiruf 110, Episode "Eine fast perfekte Sache"
    TV-Film: Musik
  • 1977 Polizeiruf 110, Episode "Ein unbequemer Zeuge"
    TV-Film: Musik
  • 1978 Nach Jahr und Tag Darsteller,
    Musik
  • 1978 Rotschlipse
    Musik
  • 1979 Polizeiruf 110, Episode "Am Abgrund"
    TV-Film: Darsteller
  • 1979 Polizeiruf 110, Episode "Konzert für einen Außenseiter"
    TV-Film: Darsteller
  • 1980 Als Unku Edes Freundin war ...
    Musik
  • 1980 Gevatter Tod
    Darsteller
  • 1980 Unser kurzes Leben
    Darsteller
  • 1980 Johann Sebastian Bachs vergebliche Reise in den Ruhm
    Darsteller
  • 1980 Solo für Martina
    TV-Film: Darsteller
  • 1981 Bürgschaft für ein Jahr
    Darsteller
  • 1981 Der Spiegel des großen Magnus
    TV-Film: Musik
  • 1982 Melanie van der Straaten
    Darsteller
  • 1982 Das Konzert
    TV-Film: Musik
  • 1982 Sabine Kleist, 7 Jahre
    Musik
  • 1983 Erscheinen Pflicht
    Musik
  • 1983 Taubenjule
    Musik
  • 1984 Die vertauschte Königin
    Musik
  • 1985 Blonder Tango
    Darsteller
  • 1985 Jan auf der Zille
    Musik
  • 1985 Außenseiter
    TV-Film: Darsteller
  • 1986 Der Traum vom Elch
    Darsteller
  • 1988 Die Schauspielerin
    Darsteller
  • 1989 Verbotene Liebe
    Musik
  • 1989 Der Magdalenenbaum
    Darsteller
  • 1990 Die Taube auf dem Dach
    Darsteller
  • 1991 Polizeiruf 110, Episode "Big Band Time"
    TV-Film: Darsteller
  • 1992 Jana und Jan
    Musik
  • 1992 Kinderspiele
    Musik
  • 1992 Unser Lehrer Doktor Specht
    TV-Serie: Darsteller
  • 1992 Tatort, Episode "Tod aus der Vergangenheit"
    TV-Film: Musik
  • 1992 Tatort, Episode "Ein Fall für Ehrlicher"
    TV-Film: Musik
  • 1994 Die Gerichtsreporterin, Episode "Wer zu spät kommt..."
    TV-Film: Darsteller
  • 1994 Liebling Kreuzberg, Episode "Weiche Landung"
    TV-Film: Darsteller
  • 1995 Die Vergebung
    Musik
  • 1995 Zu Fuß und ohne Geld
    TV-Film: Darsteller
  • 1996 Zugvögel ... Einmal nach Inari
    Musik
  • 1997 Das Leben ist eine Baustelle
    Musik
  • 1997 Laßt meine Frau am Leben!
    TV-Film: Darsteller
  • 1999 Drachenland
    Sprecher
  • 1999 Drei Gauner, ein Baby und die Liebe
    TV-Film: Darsteller
  • 1999 Polizeiruf 110, Episode "Sumpf"
    TV-Film: Darsteller
  • 1999 Drachenland
    TV-Film: Darsteller
  • 2000 Stundenhotel
    Musik, Schnitt
  • 2000 Sono
    TV-Film: Darsteller
  • 2001 Handstand
    Musik
  • 2001 Drei Stern Rot
    Darsteller
  • 2001 Die Cleveren, Episode "Der Todesengel"
    TV-Film: Darsteller
  • 2002 Nicht Fisch Nicht Fleisch
    TV-Film: Darsteller
  • 2003 Elefant, Tiger & Co
    TV-Doku: Sprecher
  • 2004 Playa del Futuro
    Musik
  • 2004 Aus Liebe zum Volk
    Musik
  • 2004 Die Blindgänger
    Musik
  • 2005 Zu wenig Zucker
    Musik
  • 2006 Die Könige der Nutzholzgewinnung
    Darsteller
  • 2006 Hänsel und Gretel
    Darsteller


Auszeichnungen

2005 BLINDGÄNGER
Deutsches Kinderfilm & Fernseh-Festival Goldener Spatz: Goldener Spatzenfuß für die Beste Musik


Literatur

Jürgen Otten: Schlupflöcher für eine Doppelbegabung. Fährt mehrgleisig: Christian Steyer. Schauspieler, Komponist und Lehrbeauftragter, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.12.2001.

Marlis Linke: Zu viel und zu wenig über Christian Steyer, in: Filmspiegel 01/1981.
Anne-Luise Zimmermann: Vermutungen um Christian St., in: Der Morgen, 10.12.1982.