Staatsminister Dr. Michael Naumann zur Gründung der DEFA-Stiftung (5. Februar 1999)

Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Staatsminister Dr. Michael Naumann Beauftragter
der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien

Statement anlässlich der Gründung der DEFA Stiftung

Pressekonferenz am 5. Februar 1999 in Berlin


Sehr geehrte Damen und Herren,

die heutige Pressekonferenz ist einem Ereignis gewidmet, das lange erwartet wurde. Alle diejenigen, die die Diskussionen der letzten Jahre zur Gründung der DEFA Stiftung mitgemacht haben, alle diejenigen, die sich für das filmische Erbe interessieren und engagieren, wissen das. Heute wollen wir mit Ihnen noch einmal über diesen glücklichen Anlass sprechen, um die Gründung der DEFA Stiftung, die nach Jahren intensiver Vorarbeiten gelungen ist, auch in diesem Rahmen zu würdigen.

Die DEFA Stiftung versammelt vor allem die Filmgeschichte der DDR. Der Stiftung wurden die Rechte an sämtlichen Kinofilmen übertragen, die in der DDR und zuvor in der sowjetischen Besatzungszone von den Studios der DEFA gedreht wurden: Das sind rund 950 Spielfilme, 820 Animationsfilme sowie 5.200 Dokumentarfilme und Wochenschauen.

Es hat bei allen, die mit der Vorbereitung der Stiftung befasst waren, nie einen Zweifel daran gegeben, dass der DEFA Filmstock aufgrund seiner kulturellen und geschichtlichen Bedeutung vor Zersplitterung bewahrt werden muss. Es handelt sich keineswegs nur um eine juristische Notwendigkeit, die Rechte, die früher beim Staatsmonopol DEFA lagen, beisammenzuhalten. Die DEFA Stiftung ist zugleich auch eine kulturelle Instanz, die fördernde Aufgaben in der Gegenwart wie in der Zukunft hat und zu einem Diskurs mit der Vergangenheit führen wird.

Zur Vergangenheit wurde die DEFA mit dem Untergang der DDR. Unabhängig davon, ob die aus dieser Zeit stammenden Filme die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR feierten, hinnahmen oder kritisierten: Sie waren in ihrer Gesamtheit an die DDR gebunden und mit der DDR verbunden.

Die Deutlichkeit des Bruchs, der auch die einst erfolgreichen Erzähltraditionen einschloss, hat freilich noch andere Gründe: Der deutsche Film stellt gegenwärtig überhaupt die Kontinuität mit seiner eigenen Vergangenheit in Frage. Und das betrifft die Tradition in Ost wie West gleichermaßen.

Der DEFA Film ist Vergangenheit, aber von der DEFA bleibt diese Stiftung. Sie wurde von Künstlern der ehemaligen DEFA Studios gewünscht, und sie war von Anfang an auch Ziel des Bundes und der Länder, in denen sich die Studios befanden: Berlin, Brandenburg und Sachsen.

Mit dem Einverständnis dieser Länder hat die Bundesrepublik Deutschland die DEFA Stiftung gegründet, zusammen mit der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS), die das Bundesvermögen verwaltet hat. Wir haben den beteiligten Ministerien zu danken, dem Bundesinnenministerium, das bei der Entwicklung der Stiftung federführend war, dem Bundesfinanzministerium, das diese große Vermögensübertragung unterstützte, und der BvS, die die Stiftung großzügig ausgestattet hat.

Die Satzung der Stiftung erklärt den DEFA Film zum nationalen Kulturerbe. Das ist mehr als der Ausdruck eines vergangenen politischen Systems. Das war die DEFA auch. Die propagandistischen Filme der DEFA sind aufschlussreiche Dokumente über die SED Diktatur. Andererseits war der DEFA-Film aber auch eine widerspruchsvolle Reflexion der Zeit, und er brachte dabei konkrete Lebensbilder, künstlerische Subjektivität und herausragende filmische Qualität hervor.

Wolfgang Staudtes berühmteste Filme "Die Mörder sind unter uns" und "Der Untertan" sind in der Frühzeit der DEFA entstanden. Dem später staatlich verordneten sozialistischen Realismus widersetzten sich einzelne Filme und Gruppen. Mitte der sechziger Jahre fiel eine ganze Staffel von Werken, durch Kurt Maetzigs Film "Das Kaninchen bin ich" angeführt, dem Verbot zum Opfer. Das gleiche Schicksal ereilte Frank Beyers furiosen Film "Die Spur der Steine", der nach der Wende zum Symbol dieser anderen DEFA wurde.

Dazu gehören Heiner Carows "Die Legende von Paul und Paula", Egon Günthers artistisches Melodram "Die Schlüssel", die meisterhaften Epen von Konrad Wolf "Ich war neunzehn" und "Mama, ich lebe" und sein schließlich alle Illusionen aufgebender Film "Solo Sunny". Das war der Anfang der achtziger Jahre, als die DEFA sich noch einmal aufbäumte mit "Märkische Forschungen" von Roland Gräf, "Das Fahrrad" von Evelyn Schmidt und "Jadup und Boel" von Rainer Simon.

Die drei zuletzt genannten Künstler, darüber freue ich mich, sind im eben gebildeten Stiftungsrat der DEFA Stiftung vertreten.

Beim Dokumentarfilm ist jene - wie es einmal formuliert wurde - Kultur des Nichtgesagten, der Menschennähe hervorzuheben: Ich nenne nur die poetischen Filme von Jürgen Böttcher und Volker Koepp sowie die Golzow-Langzeitdokumentation von Barbara und Winfried Junge.

Zweck der Stiftung ist vor allem der Erhalt und die Pflege des DEFA Films sowie seine Nutzbarmachung. Das umfasst auch die filmhistorische Erschließung. Es gilt, "Sehhilfen" zu geben, auf verdeckte Nuancen zu verweisen und Anpassungen deutlich zu machen, die sich zur Unwahrheit verformen konnten. Es ist vielleicht wichtig, noch einmal daran zu erinnern: Mit wachsendem zeitlichen Abstand vergeht das Wissen um das politische System, in dem die Filme entstanden sind: als Leitbilder gebende, einschwörende Agitation, als gepresste Kunst, der wie Brecht im "Galilei" sagte "die Instrumente gezeigt" wurden, als zerstörte Utopie.

Die Stiftung wird indes nicht nur das DEFA Erbe pflegen, sondern mit den Einnahmen aus der Rechtverwertung die deutsche Filmkultur insgesamt fördern können. Davon werden auf Dauer so manche zukünftigen Projekte Nutzen ziehen, wobei sich der Rahmen der Förderung entsprechend dem Herkommen der Stiftungsfilme vor allem auf Ostdeutschland beziehen soll.

Allen, die am Zustandekommen der Stiftung direkt und indirekt mitgearbeitet haben, möchte ich herzlich danken. Vor allem aber: Ich wünsche der DEFA-Stiftung bei ihrer Arbeit einen großen und anhaltenden Erfolg.