Arnstedt, Andreas

Andreas Arnstedt ist Autodidakt. Er produziert seine Filme selbst und ist ein Außenseiter in der deutschen Filmbranche. Deren ungeschriebene Regeln sind ihm nicht nur fremd, er stellt sie im Interesse seiner Schauspieler und seiner Crew auch in Frage. Deshalb machte er öffentlich, dass die Vorführung von „Die Entbehrlichen“ im Kreise der Vorauswahl-Jury für die Nominierung zum Deutschen Filmpreis nach 20 Minuten auf intensives Betreiben eines Mitglieds gegen die Einwände von anderen abgebrochen wurde. Und dass nur zwei Drittel der Mitglieder des Gremiums überhaupt anwesend waren. Auf seine Beschwerden beim Vorstand erhielt er nur eine vorläufige Antwort der ausscheidenden Repräsentanten Senta Berger und Günter Rohrbach. Auf eine endgültige Resonanz von deren Nachfolgern, Iris Berben und Bruno Ganz, wartete er vergebens. Im Gegensatz zu anderen Produzenten, deren Filme ebenfalls nicht die erste Hürde des dreistufigen Auswahlprozesses genommen haben, kann Andreas Arnstedt seinen auf Festivals von Sao Paulo, New York, Los Angeles bis Saarbrücken mit 23 Preisen bedachten Film nicht an die mehr als 1200 Akademiemitglieder verschicken. Ihm fehlt dafür das Geld.

Andreas Arnstedt wird 31. August 1969 in Gera geboren und wächst in Dornburg/Saale auf. Er absolviert eine Tischlerlehre. Im Mai 1989 wird er zum Wehrdienst bei der NVA eingezogen, aus dem er im Dezember 1989 in Unehren entlassen wird. Im September 1990 beginnt er ein Schauspielstudium an der HFF „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg. „Es stand für mich außer Frage, dass ich mich künstlerisch ausdrücken will. Für die Musik war ich nicht gut genug, ich werde nie ein großer Pianist. Ich gehe gerne in Ausstellungen, mein eigenes malerisches Talent ist jedoch nur begrenzt. Über die Sprache kann ich mich gut ausdrücken, daher zog es mich zum Schauspiel.“ Die Ausbildung behagt ihm nicht. Nach einem Jahr lässt er sich exmatrikulieren. Er findet Engagements in Frankfurt am Main bei Carlos Medina und bei anderen Theaterprojekten. Seine Ausbildung setzt er bis 1993 beim „Theaterverein 1990“ in Berlin fort, wo Dozenten vom Berliner Ensemble und des Deutschen Theaters unterrichten. Zu seinen Kommilitonen zählen Julia Richter und Kathrin Angerer. Sein erstes Engagement findet Andreas Arnstedt an der Berliner Vaganten-Bühne, später in der Kleinen Komödie am Max II in München und der Komödie am Dom in Köln. „Seitdem habe ich mit Ausnahme der Durstjahre 2001 bis 2003 immer Theaterauftritte oder Drehs gehabt.“ Er spielt unter anderem in „Die Welle“ im Berliner Theater im Palais, „Kuss im Rinnstein“ am Maxim-Gorki Theater, „Furcht und Hoffnung in Deutschland“ auf der Vaganten Bühne, „Was ihr wollt“ am Stadttheater Freiberg, „Wenn es Herbst wird“ an der Kleinen Komödie am Max II München, sowie in „Kugeln überm Broadway“ an der Komödie am Dom in Köln.

Auf dem Bildschirm beginnt Andreas Arnstedt 1994 als Lukas Heitz in „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ seine Arbeit fürs Fernsehen. Es folgt die Serie  „Und Tschüß“, wo er neben Benno Fürmann besetzt ist und seinen Durchbruch in der Rolle des skurrilen Bestatters Zombie hat. Seit 2002 spielt er mehr als 200 Mal den Sanitäter Kai Norge in der ZDF Vorabend-Serie „Küstenwache“. Weitere Rollen hatte er unter anderem in „Alarm für Cobra 11“, „Balko“, „Dr. Stefan Frank“, „Motorrad Cops“, „Im Namen des Gesetzes“, „Für alle Fälle Stefanie“, „Die Wache“, „Krista – Nimm zwei“, „SOKO Kitzbühel“ und „SOKO Leipzig“. Bei der „Küstenwache“ fühlt sich Arnstedt gut aufgehoben, sie hält ihm u. a. finanziell den Rücken frei, um an die Verwirklichung eigener Projekte zu gehen, für die er seit Jahren eigenen Exposés und Bücher schreibt. „Das  Fernsehen hat `Die Entbehrlichen` erst möglich gemacht.“

2004 feiert Andreas Arnstedts erster Dokumentarfilm „Der Hirte“ über den Schauspieler und Caster Horst Scheel im Rahmen der Schweriner Filmnacht Premiere. Scheel besetzt seit der ersten Folge die ARD-Serie „Lindenstraße“ und stand dafür auch selbst als Hausmeister vor der Kamera. Außerdem gehört er zum Ensemble der Comedy-Serie „Mensch, Markus“. Zwei Jahre später wird das von Arnstedt geschriebene Stück „F.C.F. –  Der Kanzler und die Göringcollection“ am Hebbel am Ufer in Berlin von Mathieu Carrière im Rahmen des Berliner Theaterfestivals 100° gelesen. Im Zentrum steht die umstrittene Ausstellung der Sammlungen von Friedrich Christian Flick im Hamburger Bahnhof, die 2004 vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder eröffnet wurde. Im Gegensatz zum Berliner Senat und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz thematisierte Schröder die Herkunft der Milliarden des Kunst liebenden Großunternehmers, dessen Großvater Friedrich Carl das Vermögen während des Zweiten Weltkriegs durch die systematische Ausbeutung von Zwangsarbeitern machte. Was auch Arnstedt und vielen Kritikern keine Ruhe ließ. Seine Gedanken fasst er in dem Stück zusammen. „Es wurde vom Fachpublikum gut aufgenommen. Das hat mich ermutigt, weiter in diese Richtung zu gehen.“ Momentan bereit Arnstedt die Aufführung seines Stückes „Keine will die andere sein“ mit Steffi Kühnert und Mathieu Carrière vor.

Die beiden sind auch bei „Die Entbehrlichen“ dabei, den Andreas Arnstedt nach eigenem Buch ohne eine Cent Förderung und ohne Senderbeteiligung nach einer wahren Begebenheit selbst produziert und inszeniert. Im Zentrum des Films steht der elfjährige Jakob. Seine Eltern sind seit längerem arbeitslos. Während seine Mutter noch probiert, dem Strudel von Geldnot, Angst vor Behörden, sozialem Abstieg und Ausgrenzung, Hoffnungslosigkeit, familiären Streit und Alkoholismus zu entkommen, hängt sein Vater an der Flasche. Sogar das Geld, das Jakob von seiner Oma für die Klassenfahrt bekommt, versäuft er. Die Situation eskaliert nachdem seine Mutter in eine Psychiatrische Klinik eingewiesen wird. Jakobs Vater erhängt sich. Der Junge findet die Leiche. Um seiner Einweisung in ein Heim zu entgehen, lebt er mehrere Wochen mit dem Toten in der Wohnung. „Ich habe eine Neigung zu sozialen Themen, die ich in meiner Umgebung beobachte. Solche Themen gehören in erster Linie auf die Leinwand, weil Kino auch eine Verantwortung hat und über seine Bildsprache beim Publikum Gefühle wachrütteln kann. Denn mir fehlt schon lange das Vertrauen, dass Politiker etwas ändern oder dass Wahlen etwas verändern.“ André Hennicke spielt in dem mit wenig Geld entstandenen Sozialdrama mit beeindruckender Präsenz den Vater, der das vermeintliche eigene Versagen nur im Rausch ertragen kann. Kühnert meistert den Part der Mutter, die es aus Liebe zu ihrem Mann nicht schafft aus dem verhängnisvollen Kreislauf auszubrechen. „Ich brauche für meine Filme keine Stars, sondern hervorragende Schauspieler.“ Die Hauptrolle besetzte er mit Oskar Bökelmann, einem Freund seines Sohnes Paul. Der spielt ebenso mit wie Kathi Hahn, ein Mädchen aus seiner Klasse. Auf ein Casting hat Arnstedt verzichtet. „Ich habe über die Serienarbeit einen Blick für Schauspieler entwickelt. Dem werde ich weiter vertrauen und Vorsprechen vermeiden.“ Der Film um den Kampf einer Familie vom sogenannten Rand der Gesellschaft um ein würdevolles Leben, besticht nicht nur durch die großartigen Schauspielleistungen und die dichte, sozial kompetente Story, in der die Figuren trotz ihrer Defizite mit Wärme und Sympathie betrachtet werden. Er ist in höchstem Maße authentisch und überrascht nicht nur in der Ausstattung mit formidablen Details. Zum Beispiel zur Agenda 2010, untrennbar verbunden mit den Hartz-Reformen von Gerhard Schröder. Der Ex-Kanzler blickt im Film leicht verfremdet von einem Plakat mit der Überschrift „Agenda 2080“. Darunter gibt es noch einen Seitenhieb auf Helmut Kohls Versprechen zum Aufschwung Ost: „Blühende Städte nur mit uns!“. Und „Deutschlands wichtigste Partei.“ In liebevoller Handarbeit von je 11 Stunden sind auch 60 Gartenzwerge für den Film entstanden. „Ich habe Leuten eine Chance gegeben, die lange darauf gewartet haben. Die Arbeiten haben manchmal etwas länger gedauert, doch es hat sich gelohnt. Ausstatterin Carolin Schirling hat jetzt einen Vertrag bei der `Küstenwache´.“ Der Film kommt dank des Engagements eines kleinen Verleihs in die Kinos. Arnstedt und Hennicke präsentieren ihn regelmäßig in Programmkinos.

„Ich habe meine Ausdrucksform gefunden“, bekennt Arnstedt, dem bereits drei weitere Filmprojekte vorschweben. Neben einem historischen Projekt um die Gründung eines deutschen Fußball-Profivereins und „Potemkin Deutschland“, dem etwas anderen Anti-Kriegsfilm, will er 2011/12 die Geschichte einer Familie auf die Leinwand bringen, die an der fünfjährigen Pflege eines Angehörigen mit schleichendem Gedächtnisverlust zerbricht. Das Buch schreibt er selbst, „denn eine Handschrift kann nur entwickeln, der den Stift selber führt.“ Auch Produzieren will er selbst, da er Angst vor Kompromissen hat. Allerdings würde er gerne mit dem Produzenten der „Küstenwache“ zusammenarbeiten. Von dem Potenzial seines Engagements ist Arnstedt überzeugt. „Die Kinos sind bereit und es gibt auch einen Markt für solche Nischenprogramme. Und je mehr solcher Filme kommen, umso größer wird auch die Neugier des Publikums.“ 

Text: Katharina Dockhorn
Stand: Dezember 2010