Beinahe hätte Hans-Christian Schmid die Auszeichnung der DEFA-Stiftung nicht erhalten. Der Brief, in dem ihm die Auszeichnung angetragen wurde, landet zunächst in der Ablage, weil der Filmemacher dachte, er sei zur Auszeichnungsveranstaltung eingeladen worden. Erst beim zweiten Lesen erkannte er, dass er selbst der zu Ehrende sein sollte.
|

|
Schmids Filme ordnen sich in die Tradition des DEFA-Gegenwartsfilms ein, der mit neugierigem Blick und hoher Authentizität Menschen in einem engen Beziehungsgeflecht zur Wirklichkeit einfängt. „Seine Filme – seine dokumentarischen Arbeiten nicht zu vergessen! – bewegen sich in einem ganz eigenen Beziehungssystem filmischer Reflexionen der “Condition humaine“, wobei jeder neue Film zugleich einem Schritt in bislang unbetretenes Terrain gleicht.“ (Laudatio der Verleihung)
Nach seinem Kinodebüt „Nach fünf im Urwald“ gilt der Filmemacher als eines der größten Regietalente Deutschlands. Ein Versprechen, dass der in Berlin lebende Regisseur, Autor und Produzent einlöst. Sein Thema wird die Zeit des Erwachsenwerdens, die Prägung von Kindern und Jugendlichen in der Dialektik des Einflusses von Elternhaus und Gesellschaft, sowie die Suche nach einem eigenen Weg durch Einfügen in Strukturen oder verschiedene Stufen der Rebellion. Wobei nachdenklichere Töne überwiegen, was auch der eigenen Erfahrung geschuldet ist. „Meine Jugendzeit war nicht verrückt. Es war auch eine schwierige Zeit, weil die Pubertät das letzte Mal im Leben ist, das andere Menschen direkt Macht über einen ausüben können. Ich erinnere mich an Klausuren, vor denen es mir tagelang schlecht ging. Oder an Kleinigkeiten wie den Kauf eines Mopeds oder den Umzug in eine WG, die ohne Einwilligung der Eltern nicht möglich waren. Ich habe diese Abhängigkeit gehasst und daher verkläre ich diese Zeit nicht.“
Seine frohen Filme werfen einen liebevoll-kritischen Blick auf die Elterngeneration, die ihre wilden Jahre und Ideale der Jugend bei der Erziehung der eigenen Kinder verdrängt hat oder nicht erwachsen werden will. In „Requiem“ ist die Sicht sehr viel radikaler und kompromissloser wenn er Erwachsene zeigt, die in ihrem Glauben gefangen sind und keine andere Meinung dulden. Stets sind aber die Frauen die Stärkeren. Sie stellen sich dem Leben, während die Männer oft versuchen sich durchs Leben zu schlängeln. Ihre Dominanz kann dann aber auch in „Requiem“ zur Katastrophe führen.
In „Lichter“, der ein Jahr vor dem EU-Beitritt Polens auf beiden Seiten der Grenze in Frankfurt/Oder und Slubice gedreht wird, beginnt ein neuer Abschnitt in seinem Schaffen. Aus dem Projekt geht die Bekanntschaft mit Robert Thalheim hervor, dessen „Am Ende kommen Touristen“ über einen Zivi in Oswiecim/Auschwitz der zweite Film der Produktionsfirma 23/5 wird, die Schmid mit Britta Knöller führt. Ihren Einstand gab die Firma mit „Requiem“.
Hans-Christian Schmid wurde am 19. August 1965 in Altötting geboren. Er wächst in einem liberalen Elternhaus auf, macht Abitur an einem als links geltenden Gymnasium und engagierte sich bei den Grünen und bei Friedensdemonstrationen. Seine Jugend sei aber nicht mit der Auseinandersetzung und der Atmosphäre in dem von der Kirche geprägten weltbekannten bayerischen Wallfahrtsort geprägt gewesen, wird der Filmemacher nicht müde zu betonen. Das Thema beeinflusst jedoch unübersehbar das erste Jahrzehnt seines filmischen Schaffens.
1985 beginnt Hans-Christian Schmid das Studium in der Dokumentarfilmabteilung der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen. Das dokumentarische Herangehen prägt bis heute sein Werk: Alle Spielfilme zeichnen sich durch eine präzise Recherche und die genaue Einbettung der Geschichten in ihr gesellschaftliches Umfeld aus.
In München entsteht 1989 der Film „Sekt oder Selters“, in dem er spielsüchtige Menschen porträtiert, die von den Automaten der Spielsäle magisch angezogen werden. Es folgt 1991 der Kurzfilm „Das lachende Gewitter“ über einen fiktiven Mordfall in einem kleinen Dorf “. Außerdem lernt Hans-Christian Schmid an der HFF seinen Kommilitonen, den Produzenten Jakob Claussen, kennen und schätzen. Jakob Claussen und dessen Partner Thomas Wöbke produzieren mit ihrer Firma Schmids Spielfilme bis „Lichter“. Anschließend sind sie Partner in Schmids Produktionsfirma 23/5, die Schmid nach dem Vorbild der Münchner Gesellschaft als Ort aufbaut, „wo ich mit anderen ein Büro teile und mich austauschen kann.“ den Schritt in die Selbständigkeit wagt er jedoch vor allem, weil er nicht nur Autor und Regisseur der eigenen Filme sein will. „Was ich in zehn Jahren gelernt habe, will ich an jüngere Filmemacher weitergeben und sie inhaltlich betreuen. Ich quäle mich da ganz schön, hoffe aber, dass ich das besser mache als manch anderer Produzent, der keine Erfahrung hat was in einem Autor vor sich geht.“
Auch nach dem Ausscheiden von Jakob Claussen und Thomas Wöbke bei 23/5 im Jahre 2006 verbindet sie berufliche und private Freundschaft und Wertschätzung.
1992 macht er seinen Abschluss an der HFF mit „Die Mechanik des Wunders“, einem Porträt seines Heimatortes, das durch das ausgewogene, auf jede Wertung verzichtende Aufzeigen das feine Getriebe zeigt, das sich bei der Vermarktung des über die Grenzen Bayerns bekannten himmlischen Wunders herausgebildet hat. Sehr sensibel und vorurteilsfrei nähert er sich den Gläubigen, die im Mai 1991 zu Fuß und mit einem Sonderzug der Bahn nach Altötting pilgern, um dort zu beten. Für sie ist es ein besonderer Tag im Kirchenjahr, während es für die Geistlichen und Devotionalienhändler des Ortes ein Tag wie jeder andere wird. Der Glauben begleitet auch viele Bewohner des Ortes: Die Jungen aus dem katholischen Kinderheim „Franziskushaus“, ein junges Paar, das sich in der Kirche das Ja-Wort gibt und bekennt, dass es einige Gebote wie die Keuschheit vor der Ehe nicht geachtet hat, und einer Witwe, die hingebungsvoll das Grab ihres Mannes pflegt.
Das Thema Kirche lässt Hans-Christian Schmid auch später nicht los. Bevor er seinen ersten Spielfilm inszeniert, absolviert er die Drehbuchwerkstatt München und das Stipendiat des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst), ein Drehbuchstudium an der University of Southern California in Los Angeles.
1994 gibt er sein Langspielfilmdebüt mit dem Fernsehfilm „Himmel und Hölle“, für das er auch das Buch geschrieben hat. „Ich wollte zeigen, wie ein Kind dem Einfluss der Eltern entrissen wird und sich einer Sekte anschließt, die Protektion durch himmlische Mächte für ihre Mitglieder verspricht und in der es einfach ist, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.“ Die elfjährige Nina, die mit ihrer alleinerziehenden Mutter aus der Großstadt in ein Dorf gezogen ist, findet Anschluss an ihre Mitschüler und Anerkennung durch ihre Religionslehrerin durch die Mitgliedschaft in der Sekte der "Legion der Heiligen Engel", die ihre Mitglieder zu fanatischer Frömmigkeit erzieht und sie auf den entscheidenden Kampf zwischen Dämonen und Engeln martialisch vorbereitet. Zugleich wird in ihr die Vorstellung geweckt, ihre Mutter lebe durch ihre uneheliche Beziehung in Sünde. Zwischen Mutter und Tochter schwindet das Vertrauen. Nina geht voll in der Welt der Kirche auf und verstößt auch ihre beste Freundin, die auf Grund ihrer schwarzen Haare als für Dämonen anfälliger Mensch ausgegrenzt wird.
Die Parabel zeigt schon Hans-Christan Schmids Talent bei der Wahl und Führung seiner Schauspieler. Die Geschichte wirkt dagegen noch ein wenig didaktisch, da bei der Zeichnung der Charaktere der Erwachsenen die Zwischentöne weitgehend fehlen. Der Regisseur sucht sich danach einen Co-Autor, den er in Michael Gutmann findet. Die Zusammenarbeit beginnt in der Überarbeitungsphase von „Nach fünf im Urwald“ und bewährt sich. Sie wird jedoch nicht zur Einbahnstraße. Schmid ist als Autor an Gutmanns Filmen „Nur für eine Nacht", 1997, und „Herz im Kopf“, 2001, beteiligt.
„Nach fünf im Urwald“ ist bis heute Hans-Christian Schmids vom Ton her leichtester Film, der von einem heiter-ironischen Grundton und pointiert-pfiffigen Dialogen getragen wird und sich damit wohltuend von der Mitte der 90er Jahre im Kino dominierenden deutschen Komödien-Klamotte unterscheidet. Im Zentrum der Coming-of-Age-Geschichte steht die 17-jährige Anna, deren Geburtstagsfeier im elterlichen Haus zu einer Orgie ausartet, bei der Einiges zu Bruch geht. Der Vater, als Kandidat für die Bürgermeisterwahl auf biedere Anständigkeit bedacht, verhängt Stubenarrest. Anna reist heimlich zu einem Schauspiel-Casting nach München, wo sie auf alle Möglichkeiten verzichtet über die Stränge zu schlagen. Zugleich feiern ihre Eltern mit den Eltern von Annas Schulfreund ein kleines Beisammensein, bei dem sie an ihre wilden Jugendzeiten anknüpfen.
Keine der Figuren wird von Schmid wie auch in den folgenden Filmen denunziert, jede hat ihre Stärken, Schwächen und vor allem Beweggründe für ihr Handeln. Getragen wird dies durch ein grandioses Ensemble. Schmid beweist das erste Mal sein Auge für gute Schauspieler. Er entdeckt die Schauspielstudentin Franka Potente so wie er August Diehl in „23“ die erste große Rolle gibt. Er beginnt auch die Zusammenarbeit mit Dagmar Manzel und später Burkhart Klaußner, denen er immer wieder vertraut.
Eine Balance in der Gewichtung der Figuren verschiedenen Alters gelingt auch in der Tragikkomödie „Nur für eine Nacht“, die ohne den sonst im Fernsehen üblichen melodramatisch-kitschigen Ansatz einfühlsam vom 16-jährigen Felix erzählt, dem eine Chemotherapie auf Grund seiner Krebserkrankung bevorsteht. In der letzten Nacht vor Behandlungsbeginn will er seinem Schwarm Rebecca seine Liebe gestehen und mit ihr sein erstes sexuelles Erlebnis haben. Seine übervorsichtige Mutter möchte ihn stattdessen in Watte packen. Sein Vater, ein Musiker, der krampfhaft versucht die wilden Jugendjahre festzuhalten und bislang vor jeder Verantwortung geflohen ist, ermutigt ihn. Er versucht für Felix das ersehnte erotische Erlebnis zu organisieren. Eine echte Hilfe wird dem Jungen jedoch die Freundin des Vaters, die die inneren Konflikte des Jungen besser versteht.
Schmid und Gutmann zeigen in beiden Filmen schon, was heute allgemein bekannt ist: Die Nachkommen der wilden 68er scheinen viel vernünftiger sein als ihre Eltern es waren oder heute sind – die einen haben sich zu Kleinbürgern entwickeln, die anderen wollen nicht erwachsen werden.
In ihren beiden folgenden Coming-of-Age-Filmen liegt der Focus auf den Jugendlichen. „Crazy“ entsteht nach dem gleichnamigen autobiografischen Bestseller von Benjamin Lebert. „Er musste unter besonderen Bedingungen im Internat erwachsen werden. Das hätte ein gefühlsduseliger, kitschiger Roman werden können. So ist das Buch aber nicht. Zusammen mit seiner Zusicherung, uns noch weitere Details zu verraten, hatte ich das Gefühl aus dem Stoff ein gutes Drehbuch machen zu können.“
In dessen Zentrum steht der 16-jährige Benni. Für ihn ist das Schulinternat die letzte Chance, die Leistungen in Mathe zu verbessern und das Abitur zu schaffen. Im Kopf des Teenagers findet die Algebra jedoch kaum Beachtung. Er ist halbseitig gelähmt, möchte aber von den Gleichaltrigen und vor allem von Janosch anerkannt werden. Er schließt sich einer Jungenclique an, die die Flausen ihres Alters und das Suchen nach ersten sexuellen Abenteuern ausleben. „Im Umgang mit den Mädchen gibt es einige Parallelen zwischen Benni und mir. Ich gehörte auch zu den Schüchternen, die Jungen wie Janosch bewundert haben, die einfach Mädchen angesprochen haben. Ich habe lange überlegt und war dann furchtbar verkrampft.“
Der Film besticht durch die Unaufgeregtheit, mit der ohne Verklärungen die Irrungen und Wirrungen, die Schönheit und der Schmerz beim Reiben mit Gleichaltrigen und am Rande mit der Schule und den Eltern während des Prozess des Erwachsenwerdens beschrieben werden.
Von diesem lakonischen Grundton wird auch „Herz im Kopf“ getragen. Im Zentrum steht der 18-jährige Jakob. Nach dem Tod seiner Mutter hält er es bei seinem Vater in Berlin nicht aus. Er flüchtet sich zu seiner älteren Schwester Petra und deren achtjährigen Sohn Patrick nach Frankfurt. Als Jakob den Jungen von seiner Pfadfindergruppe abholt, trifft er auf das polnische Aupair-Mädchen Wanda. Er verliebt sich Hals über Kopf. Wanda reagiert nur zögerlich auf seine Annäherungsversuche, zumal ihr ihre Gasteltern unmissverständlich zu verstehen geben, dass sie Jakob nicht schätzen.
In „23“, „Requiem“ und einer Episode von „Lichter“ bleibt Schmid seinem Grundthema treu, bettet das individuelle Drama der Figuren aber sehr viel stärker in das gesellschaftliche Klima ein. Beide beruhen auf wahren Geschichten und beginnen mit der Rebellion von jungen Erwachsenen gegen die Eltern, wobei der Ausgangspunkt von „23“ ein Nachhall auf den die Bundesrepublik prägenden Konflikt zwischen der Nazivätergeneration, die nach dem 2. Weltkrieg das Land aufgebaut haben, und ihren Söhnen ist. Später bilden der Ost-West-Konflikt, die Angst vor der Atomkraft, die Angst vor dem gläsernen Bürger und die Verunsicherungen, die Hacker angesichts des Siegeszug des Computers in den 80er Jahren auslösten, den Hintergrund der Geschichte.
Karl Koch war Mitbegründer des Chaos-Computer-Club in Hannover und wurde durch den 1986 aufgeflogenen „KGB-Hack“ bekannt, bei dem Informationen aus den Computersystemen westlicher Großunternehmen an den sowjetischen Geheimdienst verkauft wurden. Am 30. Mai 1989 wurden die sterblichen Überreste Kochs in einem Wald nahe Hannover aufgefunden. Die Umstände seines Todes am 23. Mai 1989 wurden nie vollständig aufgeklärt.
In Schmids Film engagiert sich der Abiturient Karl Koch Anfang der 80er Jahre in der Friedens- und Antiatomkraftbewegung. Sein Vater, Chefredakteur einer großen Zeitung in Hannover, ist für ihn das Sinnbild des erzkonservativen Spießers und Repräsentant des verhassten kapitalistischen Systems. Nach dessen plötzlichen Tod erbt Karl dessen Vermögen und das Buch „Illuminatus“ das mit seinen um die Zahl 23 kreisenden Weltverschwörungstheorien sein Weltbild prägt. Koch will das System entlarven. Bei der Verbreitung der beim Hacken gewonnenen Informationen sitzen er uns sein Freund Kleinkriminellen auf, die aus der Weitergabe der Daten an die Sowjetunion ein Geschäft machen. Aussteigen kann Koch nicht - er steckt viel zu tief drin und ist auf das Geld angewiesen, um seinen Drogenkonsum zu finanzieren.
Wie später auch für „Requiem“ fiktionalisiert das Hans-Christian Schmid wahre Begebenheiten zu einem spannenden Gesellschaftsdrama. Die Filme bestechen durch dokumentarische Genauigkeit beim Beschwören der Atmosphäre. Zugleich gehen beide über das geschilderte Einzelschicksal hinaus und zeichnen ein stimmiges Zeitbild.
Subtil schlüsselt er für das Drama „Requiem“ die seelisch-soziale Gemengelage auf, die dazu geführt hatte, dass sich eine junge Studentin aus der schwäbischen Provinz vom Teufel besessen glaubte und in einen Exorzismus einwilligte. Das Vorbild für seine Filmfigur, die Pädagogikstudentin Anneliese Michel, sah sich von grausigen Visionen heimgesucht. Ihr Körper wurde von wiederkehrenden Schüttelkrämpfen befallen. Die Ärzte attestierten Epilepsie. Die örtliche Geistlichkeit glaubte indes Michel sei vom Teufel besessen. Im Auftrag des Bischofs von Würzburg traktierten zwei Priester sie 1976 monatelang mit Kruzifixen. Am Ende soll sie nur noch 31 Kilo gewogen haben und starb an Unterernährung. Von fundamentalistischen Christen wird Anneliese Michel heute als Heilige verehrt.
„Wenn ich einen Film anfange, brauche schon ich Linien, die dahin führen. Das Interesse an der Geschichte war für mich aber viel stärker als meine Prägung durch meine Herkunft aus Altötting,“ wehrt sich Hans-Christian Schmid gegen die biographische Einengung seines Interesses an dem Thema. „Was mich gereizt hat war das Schicksal dieser jungen Frau. Wie sieht es in einem Menschen aus, in dem sich solch ein Graben auftut und dem keiner helfen kann. Wahrscheinlich konnte sie sich nicht ihrem Wunsch entsprechend von der Mutter und ihrem Elternhaus lösen. Das führte mich zu der Frage, wohin die Nichtverarbeitung von Ängsten führen kann.“
Im Film heißt die junge Frau Michaela Klingler. Sie wächst in einem Elternhaus und in einer Gemeinde auf, in der die katholische Kirche die Werte bestimmt. Sie leidet an Epilepsie, die damals kaum behandelt werden konnte. Trotzdem will die lebenshungrige junge Frau studieren. Das Leben in Tübingen, die Freundschaft mit der gleichaltrigen Kommilitonin Hanna Imhof und die Liebe zum Chemiestudenten Stefan Weiser verändern ihre Einstellung und sorgen für Konflikte im Elternhaus, wo sie mit ihrer übergriffigen Mutter aneinander gerät. Der Stress verursacht einen Krankheitsschub. Doch entgegen dem Rat ihrer Freundin sucht Michaela keine medizinische Hilfe. Sie sucht ihr Heil im Vorbild der Heiligen Katharina, die zur Märtyrerin für ihren Glauben wurde.
Gemeinsam mit der von ihm entdeckten Sandra Hüller gelingt in dem dramaturgisch fein austarierten Drama das scheinbar Unmögliche: Sie wecken natürlich Empathie für Klingler als Opfer ihrer engstirnigen Umgebung und des Versagens ihrer engsten Bezugspersonen. Der Film zeigt ihre Eltern als Gefangene ihres Glaubens und ihrer Ängste, in der Vaterfigur zeigt sich jedoch auch die ganze Hilflosigkeit mit einer solchen Situation umzugehen. „Sie findet in ihrer Familie nichts mehr, was sie als positiv bewerten könnte. Daher habe ich mir den Film stets als extreme Familiengeschichte vorgestellt. Vor dem Hintergrund einer Zeit, in der es große Spannungen gab, und den starken Wunsch junger Menschen, sich von der Generation, die noch den Krieg miterlebt hatte, zu lösen.“
Der Film klagt auch nicht die Katholische Kirche als Ganzes, sondern nur einzelne Priester an. "Der Glaube an sich ist ja nichts Schlechtes. Es kommt auf dessen Auslegung an. Sowohl in Teilen der Kirche wie auch in Michaelas Familie dominiert die Vorstellung, dass man demütig und fromm sein soll. Wenn bestimmte Erwartungen nicht erfüllt werden, droht Bestrafung. Und das hat bei Michaela mit Sicherheit zu Ängsten geführt." Vor allem aber lässt der Regisseur seiner Hauptfigur einen würdevollen Tod. Michaela Klingler hat ihren Frieden gefunden, auch wenn dies für andere Menschen nicht zu akzeptieren ist. „Diesem Gedanken könnte ich schon zustimmen, dass sie die Sehnsucht hatte in einem höheren Ziel aufzugehen oder der eigenen Persönlichkeit und Befindlichkeit einen anderen Wert zu geben. Ein Happy End stelle ich mir anders vor. Ich will nicht, dass die Botschaft am Ende des Films lautet, findet euch damit ab, es könnte Dämonen geben und dämonische Besessenheit. Das ist nicht meine Haltung.“
Zwischen diesen Filmen zieht Hans-Christian Schmid Anfang des Jahrtausends von München nach Berlin und beginnt mit „Lichter“ seinen Abschied von den Teenager-Geschichten, der nach „Requiem“ endgültig wird. „Schon nach `23`war ich auf der Suche nach einer Geschichte über Erwachsene. Dann kam `Crazy` dazwischen. Neben den thematischen Gemeinsamkeiten der Filme sehe ich gravierende Unterschiede. Die Persönlichkeit Karl Kochs hätte mich auch interessiert, wenn er 20 Jahre älter gewesen wäre.“
Das Sozialdrama „Lichter“ fängt in mehreren Episoden die gesellschaftliche Realität in der durch die Grenze geprägten Schwesterstadt Frankfurt/Oder und Slubice vor dem Beitritt Polens in die EU ein, wo tausende Flüchtlinge aus dem Osten versuchen illegal die Grenze zu überwinden. „Ich wollte schon länger einen Film über Deutschland als ein Land drehen, das Flüchtlinge aufnimmt - oder eben nicht. Ich finde es bedenklich, dass der Gesetzgeber bestimmt, dass derjenige, der nicht über einen der vorgeschriebenen Wege nach Deutschland kommt, hier illegal ist. Ich frage mich, wer uns das Recht gibt, dies so zu handhaben.“ Ausgangspunkt für die Geschichte war ein Artikel über Flüchtlinge aus Pakistan, die die Schlepper an der deutsch-polnischen Grenze sitzen gelassen haben mit dem Versprechen, sie wären kurz vor London. Am Abend bräuchten sie nur auf die Lichter des Ortes zuzugehen und sie wären dort. „Ich fragte mich, was passiert denn jetzt mit denen? Der Zufall entscheidet, ob sie ankommen oder umkommen.“
Der Film beginnt, wenn eine Gruppe ukrainischer Flüchtlinge von ihrem Schlepper Abschied nehmen. Die Lichter, die sie sehen, sind jedoch nicht die wie versprochenen, die von Berlin, sondern die einer Kleinstadt auf der polnischen Seite der Grenze. Einem jungen Mann hilft die Dolmetscherin, die er beim Verhör nach seinem missglückten Versuch den Fluss zu durchschwimmen trifft, nach Berlin zu kommen. Sie riskiert dafür einen Streit mit ihrem Freund. Ein polnischer Taxifahrer nutzt seine kargen Ersparnisse, die für die Kommunion seiner Tochter gedacht waren, um einem Paar mit Baby zu helfen die Grenze zu überwinden. Eigentlich kann die Familie keinen Zloty entbehren. 14 Tage lang hat seine Frau in einem deutschen Matratzenladen gearbeitet, der Pleite gegangen ist. Dessen Besitzer versucht verzweifelt seine Existenz zu retten und den Schein zu wahren. Erst langsam begreift er, dass er auch die Hilfe der einzig verbliebenen Mitarbeiterin annehmen kann.
Während der Unternehmer vergeblich um einen Termin zur Bearbeitung seines Kreditantrags ringt, lassen sich die Verantwortlichen der Bank gerne bei der Grundsteinlegung für ein deutsch-polnisches Großprojekt sehen. Die Investoren wollen ihren Geldgeber etwas bieten – die polnischen Dolmetscherinnen wissen, dass von ihnen mehr verlang wird als Übersetzungskünste. Das stört einen jungen ambitionierten Architekten, der sich das Wiedersehen mit seiner Ex-Freundin ganz anders vorgestellt hätte. In ähnliche emotionale Turbulenzen wird ein halbwüchsiger Zigarettenschmuggler gestürzt. Er verliebt sich in die Freundin und Komplizin seines Bruders, die von den Behörden in ein Heim gesteckt wurde.
Die Lichter an der Oder-Grenze zwischen beiden Ländern sind das Verbindungsglied zwischen den sechs Geschichten, von 48 Stunden Momentaufnahmen aus dem Leben von Menschen beiderseits des Flusses und der Solidarität der Schwachen. „Ich will nicht diese Verkrampfte aus anderen Episodenfilmen, wenn mit allen Mitteln versucht wird Geschichten zu verknüpfen.“ So steht bei Schmid jede Episode für sich und exemplarisch für einen Aspekt der sozialen Realität.
Alle Charaktere sind in der einen oder anderen Form auf der Suche nach Glück, Freiheit, Liebe oder Wohlstand. Sie müssen sie aber mit der Realität abgleichen. Obwohl die trostlos scheint und es Schmid fern liegt, die Illusion eines großen Happy Ends zu wecken, lässt er doch jeder Figur einen Schimmer Hoffnung am Horizont. Mit der Handkamera kommt Schmid ihnen sehr nahe. „Für mein Gefühl passt dieser Erzählstil zur Art der Geschichten. Mit der Handkamera wollte ich den Schauspielern viel Freiheit geben.“
Der Film bildet zugleich den Einstieg in einen Themenkomplex, der ihn nicht mehr loslässt. Als Produzenten stehen Schmid und Britta Knöller hinter Robert Thalheims „Am Ende kommen Touristen“, in dem ein junger Mann seinen Zivildienst in der Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim/Auschwitz ableistet. Beide hatten sich bei der gemeinsamen Aufführung ihrer Filme „Lichter“ und Thalheims „Die Grenze – Granica“ kennen gelernt.
Dem Sujet der deutsch-polnischen Beziehungen bleibt Schmid auch in seinem Dokumentarfilm „Die wundersame Welt der Waschkraft“ treu. Er porträtiert ein deutsches Unternehmen, das die schmutzige Wäsche führender Berliner Hotels nach Polen und am nächsten Tag sauber zurück bringt. Ein Film über Bademäntel im Grenzverkehr und über die Menschen, durch deren Hände sie gehen.
Stand: Dezember 2007
Autorin: Katharina Dockhorn