Getto, Almut


Außenseiterfilme – auf diesen Nenner einigt sich die Presse schnell, wenn es gilt die Filme von Almut Getto zu charakterisieren. Was wohl nichts weiter heißt, als dass ihre Filme Menschen ins Zentrum stellen, die in Gesellschaft und Kunst meist unter „am Rande stehend“ eingeordnet werden. Diese Kategorisierung ist der Kölner Filmemacherin fremd. „Die Welt besteht nur aus Außenseitern, die Menschheit besteht aus einer Masse von Außenseitern, weil jeder von uns das Gefühl kennt, nicht dazu zu gehören und fremd zu sein. Und das nicht nur in Deutschland. Es ist ein internationales Phänomen.“

Almut Getto wird in der Pfalz geboren und wächst dort auf. Innenarchitektin, Bildhauerin, Tiefseeforscherin will sie werden. „Ich wollte wohl etwas Interessantes machen, wo ich mich nicht nach 20 Jahren langweile.“

Sie entschließt sich für eine klassische Journalistikausbildung. Sie studiert Politik und Kommunikationswissenschaften an der Ludwig Maximilian Universität in München. In den Praktika lernt sie PR, Print, TV und Hörfunk kennen. „Zeitung und Fernsehen habe ich am meisten gemocht.“ Nach dem Magister arbeitet sie für Stadtmagazine in München und ist zwei Jahre lang freie Autorin für „München Live“, dem Regionalmagazin auf RTL. Später führt sie ihr Weg nach Potsdam zum ORB, zur Deutschen Welle und nach Hamburg zu einer freien Produktionsfirma, die unter anderem für Sat1 produziert. 

Ihre TV-Erfahrungen wecken die Lust am Dokumentarfilm. Sie ist oft unzufrieden, weil kurze Fernsehberichte meist nur einen minimalen Ausschnitt der Wirklichkeit wiedergeben und eher Klischees bedienen als sie zu hinterfragen. Ihr Schlüsselerlebnis hat sie in Kalkutta. Drei Tage lang wühlt sich ihr Team durch die Stadt, wird mit Lärm und Gestank konfrontiert. Diese Atmosphäre fand sie auf dem Material nicht wider. Im Gegenteil. Es bediente eher die Stereotypen des lächelnden Inders. 

Almut Getto will sich längeren Formen zuwenden und bewirbt sich 1995 für den Postgraduierten-Studiengang Film an der Kunsthochschule in Köln, einer Stadt, die ihr zur Heimat wird. Prof. Michael Lentz lehrt einen gesellschaftskritischen, doch humorvollen Ansatz, der eine Balance sucht zwischen klassischem und inszeniertem Dokumentarfilm. Sie dreht „Mit der Sonne habe ich es eh nicht“ und macht aus dem Material „Mama goes to Rock“, beide 1996.

Lentz ermuntert seine Studentin, sich im fiktionalen Erzählen zu versuchen. „Ich hatte selbst nie an Spielfilm gedacht und war nicht so wirklich überzeugt von der Idee.“

Trotzdem will sich Almut Getto an einem Kurzfilm versuchen. Die ersten Ideen wischt Lentz vom Tisch. Viel zu komplex für einen Kurzfilm. Schließlich hat Almut Getto doch noch eine passende Idee. Im englischen Sheffield dreht sie ihren Abschlussfilm, das moderne Märchen „Spots & Stripes“, für das sie auch die Vorlage schrieb. Im Mittelpunkt steht die 13-jährige Hollie. Ihre beiden älteren Schwestern “vererben” ihr in regelmäßigen Abständen extrem bunte, aus der Mode gekommene Kleidungsstücke. Hollies ungewöhnlicher „Look“ wird durch ihre langen, roten Haare gekrönt. Diese Kombination macht sie bei ihren trendorientierten und modebewussten Mitschülerinnen zum Gespött und zur absoluten Außenseiterin. Bis sie selbst glaubt, dass die erste Liebe für sie in weite Ferne gerückt scheint.

„Ich habe hauptsächlich mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet, die komplette Laien waren. Wir hatten viele Sets und obwohl wir wenig Geld hatten, haben wir auf 35mm gedreht. Das war alles sehr aufwändig und ich war mir sicher, ich will nie wieder einen Spielfilm machen.“ Diesem Vorsatz wurde sie schnell untreu. Die präzise und vielschichtige Beschreibung der Gefühle von Heranwachsenden, Gettos genauer Blick auf ihre Welt und das Gespür der Filmemacherin für Casting und Führung ihrer jungen Darsteller, wird zu ihrer Visitenkarte.  

Bei der Rezeption von „Spots & Stripes“ wird Almut Getto zum ersten Mal mit dem Etikett „Außenseiterfilm“ konfrontiert.  Die Preise auf nationalen und internationalen Festivals ermutigen sie, sich 1998 als Autorin und Regisseurin selbständig zu machen. Zum ersten Mal muss sie die Gesetze des Marktes erkennen. Von allen Seiten wird ihr auf die Schultern geklopft und sie ermutigt, den eigenen Weg zu suchen.  Sie holt eine der Ideen, die Michael Lentz als „zu komplex für einen Kurzfilm“ bezeichnet hatte hervor, will daraus ihren ersten Langspielfilm machen. Doch diesmal wird die Idee als zu teuer für einen Erstlingsfilm eingestuft.   

Also denkt sie sich einen „billigeren“ Film aus und das Skript von „Fickende Fische“ überzeugt. Eigene, sehr private Erfahrungen fließen in das Buch ebenso ein wie der Schatz aus unzähligen Büchern von Therapeuten und Psychologen über mentale Phänomene der Gesellschaft. Die Filmemacherin hat selbst mit Kindern einer HIV-Ambulanz gearbeitet, die keine lange Überlebenschance hatten. Ein Freund, der als Kind an Diabetes erkrankt ist, musste damit umgehen, dass die Ärzte ihm vorausgesagt hatten, er werde nicht älter als 40 Jahre. Nicht zuletzt flossen auch die Nachmittags-Talkshows der privaten Sender ein. „Ich war völlig schockiert, dass da 13-Jährige mit dicken Bauch auf dem Sofa saßen und erklärten, sie hätten nicht gewusst, dass man beim ersten Mal schwanger werden kann. In solchen Momenten hatte ich den Eindruck, da entwickelt sich was rückwärts.“

Die Finanzierung von „Fickende Fische“ ging schnell und problemlos, auch der Titel stand schon während des Schreibens fest. „Er war nie als Provokation gedacht. Nach dem alten Duden meines Vaters bedeutet ficken übrigens schlicht sich hin und her, auf und ab bewegen. Und der Ausdruck fickrig steht für nervös und unruhig. Das Ficken zu so einem Unwort geworden ist, ist eigentlich komisch. Mir hat jedenfalls vor allem die Kombination gefallen, weil Fische ja bis auf wenige Ausnahmen Eier legen. Der Titel steht deswegen im übertragenen Sinne für etwas, das scheinbar so gar nicht zusammengehört und doch existiert – so wie Jugendliche und HIV.  “

Im Zentrum des Films steht die erste große Liebe von Nina und Jan. Der junge Mann ist nach einer Bluttransfusion HIV-positiv getestet worden. Obwohl sich beide sicher sind, die erste Liebe gefunden zu haben, traut sich Jan nicht, seine Krankheit zu thematisieren. Er zieht sich zurück und hinterlässt bei Nina große Ratlosigkeit. Sie verlieren sich aus den Augen, doch nach einer erneuten Begegnung erfährt Nina von Jans Krankheit. Sie ist schockiert, ganz wie Jan befürchtet hat. Doch auch sie kann ihn nicht vergessen. Gemeinsam brechen sie aus- eine gemeinsame Zukunft können sie sich in ihrer von Vorurteilen geprägten Umgebung jedoch nicht vorstellen. Getto verweigert ihnen ein Happy End. Mit einem Auto stürzen sie sich von einer Brücke. 

Die Kritik ist begeistert vom unverkrampften Blick auf Heranwachsende, auch wenn vereinzelte Stimmen der Filmemacherin die Betonung von Klischees vorwerfen. Doch wie so oft bei Klischees, sie entsprechen der Realität – hier die Stigmatisierung von AIDS-Kranken durch eine Gesellschaft, die nicht wahrhaben will, wie vielfältig die Ansteckungswege sind. So scheuten sich Ende der 90er Jahre Bluter, die in einem Bonner Krankenhaus durch versuchte Blutkonserven infiziert worden waren, während der ersten Fernsehberichte mit Gesicht oder richtigem Namen über ihr Schicksal zu sprechen. Diese Schwierigkeiten für die Betroffenen, offen mit der noch immer als „Schwulenseuche“ eingestuften Krankheit umzugehen, nimmt sie auf.  

Wieder bekommt der Film den Stempel Außenseiter-Problematik. Er verkennt, dass Getto die allgemeine Unsicherheit von Teenagern bei den Erfahrungen der ersten Liebe und dem Herantasten an die eigene Sexualität sehr feinfühlig ins Zentrum der Geschichte stellt.

120.000 Zuschauer lockt der Film ins Kino. Weitere Angebote für Getto bleiben trotzdem aus. Eine Erfahrung, die die Regisseurin mit anderen jungen Filmemachern teilt. Also schreibt sie wieder selbst, die Geschichte einer Binnenschifferfamilie auf der „MS Constanze“. Axel Prahl ist besetzt, das Casting der Crew vor und hinter der Kamera läuft. Kurzfristig sagt der WDR ab.

Almut Getto wendet sich wieder dem Stoff zu, der eigentlich ihr erster Film werden sollte, geht damit ins Writers Lab nach Amsterdam, das nach dem Prinzip funktioniert, dass jeder Autor an einem eigenen und zwei Büchern von Kollegen intensiv arbeitet. Jeder gibt seine Ideen den anderen und bekommt dafür den Input der anderen geschenkt. Aus dem dort entstandenen Gerüst will Almut Getto nach der Arbeitsmethodik vieler dänischer Filmemacher mit Schauspielern in einem besonderen Probenprozess das fertige Buch entwickeln. „Ich habe noch nicht so ganz herausgefunden, warum ich diesen Film unbedingt machen will. Ich schreibe eher instinktiv, fange eine Geschichte an und weiß zunächst nicht, wie sie endet. Dadurch kann ich mich selbst von meinen Figuren überraschen lassen.“ 

Sie beantragt dafür Projektentwicklungsförderung bei der Filmstiftung NRW. Das Vorhaben wird abgelehnt. Beide Filme waren auf rund 3,5 Mio. Euro Produktionskosten kalkuliert. Zu viel, wie sich herausstellte. „Ich will versuchen, die Herstellungskosten drastisch zu senken und lieber wieder einen kleinen Film inszenieren, bei dem mir am Ende nicht so viele Leute hineinreden,“ ist Almut Gettos Fazit nach diesen Jahren.

In Amsterdam lernt sie einen Mann kennen, den man einfach mögen muss, denn er ist witzig, intelligent und charmant. Auf der anderen Seite stößt er seine Mitmenschen oft plötzlich und unvermittelt vor den Kopf, taucht in die völlige Isolation ab, unfähig jedweder Kommunikation. Über dieses Phänomen will sie ein Drehbuch schreiben, als sie einen Anruf vom Produzenten Michael Eckelt erhält. Er habe ein Drehbuch, das sie als Regisseurin reizen könnte. „Es war ein interessanter Zufall, dass es so viele Parallelen gab zwischen der Hauptfigur Phillip und dem jungen Mann über den ich selbst gerade schreiben wollte.“  

Am Buch für „Ganz nah bei Dir“ von Speedy Deftereos und Hendrik Hölzemann ändert sie unter anderem an der einen oder anderen Stelle den Ton „Der Humor war nicht immer meiner.“ Gerne hätte sie sich noch etwas mehr Zeit für Drehbuch und Vorbereitung genommen, doch wegen der Förderung muss 2007 gedreht werden.
Im Zentrum der zauberhaften Romanze, die das ewige Filmthema gekonnt variiert, dass zwei Menschen, die auf den ersten Blick nichts verbindet, doch füreinander geschaffen sind, stehen der nah am Rande des Autismus stehende Pedant Philipp und die erblindete Lina. Er führt ein Einsiedlerleben, das er nur mit seiner Schildkröte Paul teilt. Sein einziger Freund ist zugleich sein Psychoanalytiker. Lina geht dagegen das Leben optimistisch und offen an. Durch ihre ansteckende Lebensfreude öffnet auch er sich für seine Umgebung.

Wieder erntet Almut Getto das Label Außenseiterfilm und wieder muss man dem widersprechen, nicht nur, weil er Menschen mit Behinderungen als Außenseiter pauschal abstempelt bzw. andererseits mit Philipp einen typischen Zeitgenossen porträtiert, der nur für seine Arbeit lebt. Im Kern erzählt die Filmemacherin mit viel Humor und einem liebevollen Blick auf die Marotten und Eigenheiten von Menschen eine wunderbare Geschichte über Gegensätze, die sich bekanntlich anziehen, und die Kraft der Liebe, die Berge versetzen kann.
Der Film besticht auch wieder durch die Schauspieler. „Bastian Trost und Katharina Schüttler waren für den Film wie ein 6er im Lotto“, gibt Almut Getto gerne das Lob an ihre beiden Hautdarsteller weiter. In Vorgesprächen hatte sie ausgelotet, ob sie gemeinsame Vorstellungen von den Figuren und deren Lebenswelt hatten. „Das Casting macht meiner Meinung nach 70-80% eines Films aus, daher lasse ich mir immer in meinen Vertrag schreiben, dass ich dabei das letzte Wort habe.“

Ihre Erfahrungen gibt Almut Getto als Dozentin an der Filmhochschule des Landes Baden-Württemberg in Ludwigsburg weiter. Außerdem war sie fünf Jahre lang für die AG Kurzfilm/Regieverband in der FFA-Kommission Produktionsförderung. „Das hat großen Spaß gemacht, ist aber richtig viel Arbeit und reißt immer wieder aus dem eigenen Schreiben raus“.

Zwei Projekte bereitet sie jetzt vor: einen Dokumentarfilm, für den sie Förderung bei der DEFA-Stiftung beantragt hat. Auf den Recherchen soll ihr nächster Spielfilm aufbauen. Das Thema will sie noch nicht verraten.   

Autorin: Katharina Dockhorn
Stand: Oktober 2009