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DEFA - Stiftung - Jendreyko, Vadim

Jendreyko, Vadim


Vadim Jendreyko ist einer der renommiertesten Regisseure der Schweiz, dessen Dokumentarfilme auch im deutschen und österreichischen Fernsehen geschätzt sind. Mit „Die Frau mit den 5 Elefanten“ schafft er es in seiner Heimat[1] als auch hier regulär in die Kinos. In dem Porträt der Dostojewskij-Übersetzerin Swetlana Geier bleibt er dem Roten Faden seines Oeuvres treu: Vadim Jendreyko nähert sich Menschen, die ihre Heimat verloren haben oder auf der Suche nach einer neuen Heimat sind, die zwischen Kulturen gestrandet sind oder wie Swetlana Geier versuchen zwischen ihnen zu vermitteln. Der Verlust von Heimat und Kulturkreis ist bei ihnen meist auch mit der Suche nach der eigenen Identität verbunden.
„Ich habe überlegt, was verbindet `Die Frau mit den 5 Elefanten` mit anderen Arbeiten. Es ist die Frage der Identität, die ja auch bei Dostojewskij ein zentrales Thema ist. Wer ist gemeint, wenn man von Ich spricht? Wer bin ich?", fasst der Filmemacher sein Credo zusammen. Insbesondere stellt er Menschen in den Fokus seiner Aufmerksamkeit, die durch äußere Umstände ihre Identität verloren haben. „Wenn vorgegebene Identitäten, also nationale Identitäten nicht mehr greifen, scheint mich das zu beschäftigen.“ Ein Zufall ist diese Themenwahl sicher nicht. Vadim Jendreyko hat als Deutscher in der Schweiz das eine oder andere Mal gespürt, was es heißt, ein Zugezogener – ein Ausländer zu sein.

Vadim Jendreyko wird 1965 in Bremen geboren. Die Familie seines Großvaters kommt aus den Masuren, damals Ostpreußen. Die Großeltern als auch die Eltern sind in Deutschland geboren. 1969 siedelt die Familie in die Schweiz um. Obwohl Vadim Jendreyko schnell den Schweizer Dialekt lernt, wird er manchmal als „Schwob“, Deutscher, von anderen Kindern beschimpft. „Ich wurde nicht ausgegrenzt, habe aber genau gespürt, dass ich mit meinem Namen und meiner Herkunft  immer auffiel, zum Beispiel, wenn meine Mutter mich nach dem Spielen auf Deutsch rief.  Mir war das unangenehm und habe mich außerdem gefragt, warum ich  zu meinem ukrainischen Nachnamen auch noch einen russischen Vornamen haben muss. Mit der Ausländerthematik bin ich daher aufgewachsen und wahrscheinlich hat dies mein filmisches Schaffen mit geprägt.“ 
Über seinen Vater, der als Regisseur und Schauspieler an deutschsprachigen Theatern arbeitet, kommt Vadim Jendreyko früh mit der Bühne in Berührung. „Das Theater hat mich aber nicht so interessiert, vielleicht war es für mich einfach auch von meinem Vater besetzt.“ Er bleibt ihm trotzdem verbunden. Seit 1988 choreografiert er regelmäßig die Lichtsetzung bei verschiedenen Theaterproduktionen[2] in Deutschland und der Schweiz. 
Der 13jährige entdeckt sein Interesse für Fotografie, die wenige Jahre später in das Interesse für das Kino mündet. „Ich kann mich an  keine eigentliche Initialzündung erinnern, aber mit 15 war mir klar, dass ich Regisseur werden will.“
Vadim Jendreyko schreibt sich 1982 als Gasthörer für Film, Fotografie und Video an der Kunstakademie in Düsseldorf ein. „Es hat mir dort gar nicht gefallen, ich war wohl auch noch zu jung, um solch ein Studium ernsthaft anzugehen. Daher habe ich mich dann nicht für einen regulären Studienplatz beworben.“ Stattdessen sammelt er Erfahrungen in der Praxis, zunächst als Fahrer an einem Filmset, dann als Schnitt-, Kamera- und Regieassistent bei Filmproduktionen in der Schweiz und Deutschland.

1985 wagt er sich an seinen ersten eigenen Dokumentarfilm, „Exiltibeter zwischen zwei Kulturen“, den er unabhängig produziert  und einen kleinen Kinostart in der Schweiz hat. Angestoßen wird das Projekt von den Bitten von Tibetern, den Besuch des Dalai Lama in der Schweiz mit der Kamera zu begleiten. Dies wird der Auslöser für einen feinfühligen Film über die Konflikte innerhalb der Familien der tibetischen Exil-Gemeinde in der Schweiz. Rund 2000 Tibeter hatte die Alpenrepublik nach der Besetzung des Hochlands durch China aufgenommen. Die Eltern träumen auch 20 Jahre nach ihrer Flucht noch immer von einer Rückkehr in die Heimat, versuchen auch im Exil Sprache und Kultur zu bewahren. Ihre Kinder fühlen sich dagegen in der Schweiz heimisch, sprechen die eigene Muttersprache oft nur noch bruchstückhaft und wollen auf die Annehmlichkeiten des westlichen Lebensstils nicht verzichten.
„Der Film war vor der Tibet-Welle der 90er Jahre. In der tibetischen Gemeinschaft hat er aber viele Diskussionen in Gang gesetzt.“ Das Thema lässt ihn jedoch nicht los. 1991 beginnt er mit seiner Frau und zwei Freunden mit dem Aufbau des Kailash-Projektes für die tibetischen Exilgemeinden in Indien. „Die Tibeter leben dort in weit verstreut liegenden Siedlungen, die oft untereinander kaum Kontakt haben. Viele von ihnen, vor allem die neuen Flüchtlinge, sind Analphabeten. Trotz aller Bemühungen, drohen Traditionen wie z.B. die tibetanische Oper, Malerei oder Medizin in Vergessenheit zu geraten. Für die Seidenmandalaherstellung finden sich zum Beispiel keine Lehrlinge mehr. Auf der anderen Seite kommen Scharen westlicher Filmteams, deren Film- und Fernsehbeiträge aber meist die tibetische Gemeinschaft nicht erreichen. Es ging nun darum, einerseits all dieses Material zu archivieren und auch historisches Material zusammenzutragen und den Tibetern zugänglich zu machen. Nicht zuletzt wollten wir die Tibeter aber auch ermutigen, selbst Filme zu machen.“
Vadim Jendreyko begleitet die ersten Schritte des Projekts filmisch. Aus dem Material entsteht der Film „Auf dem Weg durchs Exil“, 1994. „Wir haben dort sicher eine wichtige Vorarbeit geleistet. Das Projekt hat uns schließlich aber zeitlich und logistisch  überfordert und wir haben es in andere Hände gegeben.“

„In diesen Jahren habe ich oft überlegt, eine Filmschule wäre nicht schlecht, da ich meine Filme immer unter großem ökonomischem Druck gedreht habe und nie Zeit und Muße hatte, zu experimentieren.“  Vadim Jendreyko entscheidet sich gegen eine akademische Laufbahn. Stattdessen baut er mit einem Freund 1989 – 1991 die internationalen Seminare für Filmgestaltung (ISFG) in Basel auf. Sie gewinnen unter anderem Ennio Morricone und den polnischen Kameramann Bogdan Dziworski für die Lectures[3].
In derselben Zeit beginnt seine Zusammenarbeit mit dem Regisseur Clemens Klopfenstein, unter anderem bei „Stones, Storm and Water“, „Das Schweigen der Männer“, 1998, „Wer Angst Wolf“, 2000, mit Bruno Ganz in der Hauptrolle, und „Die Vogelpredigt“, 2005, mit Ursula Andress. „Wir haben einen sehr guten Draht zueinander. Es sind abenteuerliche Projekte, bei denen Clemens Regie und Kamera macht und ich meist den Rest abdecke. Stilistisch sind es eigentlich Dogma-Filme, aber das war schon Klopfensteins Stil lange bevor Dogma in Europa zu einem Markenzeichen wurde.“
Für Vadim Jendreyko sind es nicht die einzigen Berührungspunkte mit dem Spielfilm, aber sie sind bislang selten. 1989 entsteht der Kurzfilm „Der Koffer“ über einen Mann, der einen schweren Koffer über Gletscher auf die Spitze eines Berges tragen will. „Die Geschichte ist eine Metapher zum Thema Sysiphus. Ich stelle mir die Frage: Ist der Mann der Gefangene seines Koffers oder der Koffer der Gefangene des Mannes?“
Spielfilme zu realisieren ist für den Regisseur nach wie vor eine Option. „Ich habe mich schon früh für Schauspielerführung interessiert und Kurse zum method acting absolviert. Ich wollte aber zunächst mit der Realität, wie ich sie vorfinde und erlebe, in meinen Filmen arbeiten. Das hat dann zu einer Konzentration auf den Dokumentarfilm geführt.“

Mitte der 90er Jahre, Vadim Jendreyko ist mittlerweile Vater von zwei Kindern, dreht er in Koproduktion mit verschiedenen Sendern Dokumentarfilme in mehreren Schnittvarianten und Längen zu ökologischen Themen mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit. Im Mittelpunkt stehen der Lehmbau, eine alte Methode des umweltverträglichen Bauens, die beinahe in Vergessenheit geraten ist. Und die unterschiedlichen Möglichkeiten des Einsatzes von Kork in der Industrie sowie dessen nachhaltigen Anbau. „Der Focus dieser beiden Filme lag an sich mehr auf den Themen und nicht so sehr auf den Menschen, die mit ihnen in Berührung kommen. Im Rückblick erkenne ich aber, dass im Zentrum der gelungenen Sequenzen dieser Filme doch immer wieder Menschen stehen, die mich auf irgendeine Weise fasziniert haben und durch die das Thema erst lebendig wurde.“
Die Arbeiten überzeugen, so dass Vadim Jendreyko größere Freiheiten eingeräumt werden. Seit der Jahrtausendwende kann er sich mehr Zeit und die Muße nehmen, sich für seine Dokumentarfilme auf Menschen einzulassen, ihr Vertrauen zu gewinnen. „Das ist das doch das Wichtigste an der Arbeit und oft Teil eines langen Reifeprozesses.
Jeder Film ist für mich wie eine Forschungsreise, auf die ich nicht mit vorgefertigten Meinungen gehen kann. Ich will meine Fragen stellen und Antworten suchen. Was nicht heißt, dass ich sie immer finde. Ich muss mich also auch meiner eigenen Ratlosigkeit und Unsicherheit aussetzen, denn sonst kann ich ja nicht zu neuen Erkenntnissen gelangen. Das ist manchmal unangenehm und belastend, zugleich aber auch ein Privileg, das ich zu schätzen weiß. Ich kann viel lernen mit jedem Film, jede Arbeit verändert mich und mein Leben.“
Für seine Fernsehfilme, „Transit – Flughafen Zürich“, 2003, und „Leistung am Limit“, 2004, gesendet im Schweizer Fernsehen und auf 3sat, hat der Filmemacher die Themen selbst vorschlagen und die Filme der von ihm und seinem Kollegen Hercli Bundi 2002 gegründeten Firma Mira Film selbst produziert. „Ich bevorzuge Filme, in denen man die Zuschauer die Bilder lesen lässt und ihm die Menschen und ihre Geschichten in ihrer Ambivalenz darstellt. Er muss sich selber auf den Weg machen und zu seinen eigenen Schlüssen finden. Ein Film wie `Transit – Flughafen Zürich` wurde zur besten Sendezeit um 20.00 ausgestrahlt und hat so einen großen Publikumskreis erreicht. Die Redaktionen verlangen da normalerweise Filme, die den Zuschauer an die Hand nehmen und ihm Erklärungen bieten. Ich habe in dieser Arbeit versucht,  meinen eigenen Anspruch und die Vorgaben für so einen populären Sendeplatz unter einen Hut zu kriegen. Das ist eine Gradwanderung bei der ich mir sehr bewusst werden musste, zu welchen Kompromissen ich bereit bin.“
Die äußeren Umstände bedingen den Zeitraum, den er sich nehmen kann, um die Asylsuchenden auf dem Flughafen von Zürich bei ihren verzweifelten Versuchen zu begleiten, einen Asylantrag zu stellen und gegen die Ablehnungsbescheide vorzugehen. Viele sind nur wenige Wochen in der Schweiz, dann werden sie wieder in ein Flugzeug in Richtung Heimat gesetzt. Nur Wenige haben eine kleine Chance auf Asyl, Armut und Hunger gelten nach europäischem Recht nicht als Grund, in der westlichen Gemeinschaft Aufnahme zu finden.
Vadim Jendreyko dokumentiert den Konflikt an Hand von einigen Beispielen, die anschaulich machen, dass sich hier im Kleinen der große Konflikt zwischen der reichen westlichen Welt und den so genannten Entwicklungsländern widerspiegelt. „Mich haben die Leute interessiert, die oft die viel versprechendsten Mitglieder ihres Clans sind, von diesem unter Aufbringung aller Ersparnisse zu uns geschickt werden um hier ihr Glück zu suchen und schließlich in der Transitzone des Flughafens stranden. Hier kommen sie in die Mühlen eines Asyl-Schnellverfahrens und halten sich für zwei bis drei Wochen in einer Welt auf, die mit ihren Luxusshops all die Träume von unserem westlichen Luxus bestätigt. Wie fühlen sie sich, wenn sie ganz nah am Ziel ihrer Wünsche sind, und sich doch mit dem Gedanken anfreunden müssen, dass die Hoffnungen von so vielen unerfüllt bleiben werden? Auf der anderen Seite haben mich die Beamten interessiert, die täglich mit den Abschiebungen von diesen Menschen konfrontiert sind und sie durchzuführen haben, obwohl sie oft zugegebenermaßen ebenso wie die Betroffenen handeln würden, wenn sie in der selben Situation wären.“
Zu den Olympischen Spielen 2004 wird „Leistung am Limit“ ausgestrahlt. Der Film thematisiert die Dopingproblematik im Spitzensport. Der Filmemacher spricht mit Ärzten, deren widersprüchliche Meinungen zur Leistungsmanipulation er aufzeichnet, er porträtiert Sportler, die kurz vor dem Durchbruch stehen und solche, die gedopt haben um den Durchbruch zu schaffen.
„Mich interessiert der Widerspruch zwischen den Ärzten, die kontroverse Meinungen vertreten aber beide so überzeugend und sympathisch rüberkommen, dass man jedem von ihnen Recht geben möchte. Und auf der anderen Seite die Sportler, die in dem Konflikt stehen, dass sie ohne Doping wahrscheinlich keinen Erfolg haben werden, doch ohne Siege können sie nicht leben. Sie blenden die Doping-Problematik oft aus und sind in jungen Jahren auch überfordert, die langfristigen Konsequenzen einzuschätzen. Sie werden mit diesem Konflikt oft alleine gelassen, nicht nur von ihrer Umgebung, sondern auch von einer Gesellschaft, in der jeder durchzukommen scheint, der mit gezinkten Karten spielt. Leistungsoptimierung um jeden Preis ist doch ein allgemein verbreitetes Credo heute. Banker können mit privaten Einlagen und öffentlichen Mitteln ohne ethische Bedenken investieren wie sie wollen, ohne dass sie Strafen zu befürchten haben. Aber vom Sport, wo nur Siege zählen, verlangt die gesellschaftliche Moral, dass eine Form der Sauberkeit herrscht, die in den meisten anderen Bereichen längst über Bord geworfen wurde. Und der Sportler muss als eine Art Stellvertreter des gesellschaftlichen Gewissens diese Schizophrenie ausbaden. Ein groteskes Setting.“

Zwei beeindruckende Kinodokumentarfilme dreht Vadim Jendreyko im neuen Jahrtausend. 2001 entsteht „Bashkim“, das Porträt eines talentierten Boxers. Der Teenager ist Kosovo-Albaner, sein Vater kam als Gastarbeiter in die Schweiz und holte später seine Familie nach. Der Junge könnte ein herausragender Sportler werden, wenn er seine Aggression außerhalb des Boxrings im Griff haben würde. Er ist jedoch eingezwängt durch die Moralvorstellungen seiner Herkunft, insbesondere zu Ehre und Rache. Er ist aber auch Opfer der eigenen Unfähigkeit zu lernen, mit seiner Verletzbarkeit umzugehen.
Über das Schicksal des Jungen hinaus gelingt es Vadim Jendreyko, die Zerrissenheit der Familie und ihre ökonomische und soziale Situation als Beispiel für die persönlichen Folgen der Kriege auf dem Balkan zu zeigen. Die Familie lebt in einer eigenen Welt, die sich in ihren Wertvorstellungen oft fundamental von den Schweizern unterscheidet.
Auf Bashkim wurde der Filmemacher durch einen Freund aufmerksam, der ihn als Sozialarbeiter betreut hat. Der Regisseur war gefesselt von dem 15jährigen Jungen, der sich einerseits im Ring gegen einen größeren und kräftigeren Boxer entfesselt durchzusetzen vermochte und danach in der Garderobe schüchtern und verletzlich wirkte. „Er war in gewisser Weise auch sprachlos, nicht nur, weil seine Deutschkenntnisse eingeschränkt waren. Mir stand ein charismatischer, aber auch schüchterner und sensibler junger Mensch gegenüber, dessen Stimmung schnell in Gewalttätigkeit umschlug, wenn er sich provoziert fühlte.“ Der Filmemacher kommt ihm sehr nah, beschreibt seine Seelenlage, aber auch die Hilflosigkeit, die eigenen Gefühle in den Griff zu kriegen. „Ihn nur als Opfer der Umstände zu sehen, ist mir zu einfach. Ich suchte das Konglomerat auseinander zunehmen und Bashkims Ohnmacht zu ergründen. Aber auch die Ohnmacht von uns im Umgang mit jemandem wie Bashkim.“
2005 - 2009 dreht der Regisseur „Die Frau mit den 5 Elefanten“ nachdem er sich zunächst monatelang mit Swetlana Geier angefreundet hatte. Sein Interesse an Dostojewskij führte ihn zu ihr. „Ich habe mich länger mit der Geschichte eines ehemaligen Weggefährten von Calvin befasst, der sich ihm als Einziger entgegen gesetzt hat, als Calvin damit begann, Menschen im Namen der Reformation wegen ihrer Überzeugungen auf den Scheiterhaufen zu bringen. Für diesen Gelehrten war klar, einen Menschen umzubringen heißt, einen Menschen umzubringen, egal aus welchem Grund. Er war ein Vorkämpfer der Gewissensfreiheit und der Überzeugung, dass der Zweck die Mittel nicht heiligen kann. Dostojewskij hat diese Thematik in seinem Werk ebenfalls zentral behandelt. Ich wollte wissen, ob er von Calvins Gegner wusste. Darüber wurde ich auf Frau Geier aufmerksam. Nach meinem Besuch bei ihr war ich wie elektrisiert. Als ich ihr Haus betreten habe, hatte ich den Eindruck, ich würde eine Art von Europa betreten, dass ich vorher noch gar nicht kannte. Ein Europa, in dem Ost und West ein Ganzes bilden. Das Haus ist das Abbild von Frau Geier selbst. Ich habe das gemerkt als ich sie näher kennen gelernt habe, und dass sie ein kulturelles Selbstverständnis hat, dem ich so noch nie begegnet war.“
Jendreyko zeigt fast ein wenig wehmütig die Ruhe und Konzentration im Haus der alten Dame, die noch immer an den Übersetzungen von Dostojewskijs Werken feilt. „Erst ein Zuschauer hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass in dem Film kein Handy und kein Computer vorkommen. Was hat das für Folgen? Ruhe. Und  diese Ruhe bedeutet hier im höchsten Maße Sammlung. Wenn gekocht wird, wird gekocht. Da läuft kein Fernseher oder klingelt kein Handy. Die unglaubliche Sorgfalt und Zugewandtheit, nicht nur dem Text gegenüber, sondern auch den kleinen Dingen des täglichen Lebens gegenüber, hat mich fasziniert. Ich habe mit ihr eine Frau erlebt, die nicht nur eine brilliante Intellektuelle ist oder ein Hausfrau im besten Sinne des Wortes, sondern ein Frau, in der sich diese beiden Aspekte von Frausein ergänzen und gegenseitig befruchten. Je mehr ich über ihre Geschichte erfuhr und je deutlicher die Idee für den Film entstanden ist, desto klarer wurde mir, dass ich die verschiedenen Seiten dieser Frau miteinander verweben möchte: ihre Geschichte erfahren und mir wurde klar, ich will sie in ihrer Arbeit als Intellektuelle, ihr Wirken als Haus- und Familienfrau und ihre Biografie. Diese drei Ebenen unterstützen und ergänzen sich gegenseitig. Ich verstehe viel über ihren Umgang mit Sprache, wenn ich sie beim Bügeln erlebe und ich verstehe etwas über ihre Motivation, auch im hohen Alter noch mit Texten zu arbeiten, wenn ich mehr über ihre Biografie erfahre.“
Swetlana Geiers Leben ist geprägt von der sowjetischen Geschichte und dem 2. Weltkrieg. „Frau Geiers Geschichte ist für viele Menschen irritierend, weil sie nicht dem Klischee entspricht. Es gab in Kiew Ende der 30er Jahre keine Familie, die nicht Opfer zu beklagen hatte durch die Säuberungen des stalinistischen Terrorregimes. Geier hat ihren Vater verloren. Die Deutschen wurden damals von vielen Ukrainern als Befreier gesehen, bis sich herausgestellt hat, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen sind“, umreißt der Filmemacher die Biografie der Ukrainerin. „Frau Geier ist auch in den schweren Zeiten ihres Lebens immer wieder Menschen begegnet, mit denen sie sich verbunden fühlte, unabhängig davon, ob es Russen, Deutsche oder Ukrainer waren. Eine dieser Personen ermöglichte ihr, weiter die Schule zu besuchen, obwohl ihr Vater in Ungnade gefallen war. Andere haben sich für sie eingesetzt, als sie im Ostarbeiterlager in Dortmund interniert war und für sie 1944 ein Stipendium erwirkt, obwohl sie Russin war und Deutschland dabei war, den Krieg zu verlieren. Diese Menschen haben damit Kopf und Kragen riskiert und tatsächlich wurde ihr Ministerium für die besetzten Ostgebiete auf Grund dieses Falles einer Säuberung unterzogen, der NSDAP unterstellt und einige von ihnen an die Ostfront geschickt. Aus diesen Erlebnissen heraus fühlt sich Swetlana Geier in einer Schuld. Für sie sind die Deutschen nicht einfach Nazis, sondern eben auch Menschen, die ihr Leben für sie riskiert haben.“
Das sensible Zeitzeugnis überzeugte am Festival von Nyon, bei der Viennale, beim Leipziger Dokumentarfilmfestival und auch im Kino.  In den Schweizer Filmtheatern lief er mehrere Wochen, in Deutschland startet er am 28. Januar 2010.  


 [1] Das mit der Heimat ist so eine Sache: eigentlich ist Deutschland meine Heimat, meine Eltern wie auch ich sind dort geboren und mit 4 Jahren kam ich in die Schweiz. Ich habe einen deutschen Pass, fühle mich als Deutscher und Schweizer zugleich. Deshalb würde ich hier einfach Heimat weglassen und von Der Schweiz und Deutschland sprechen

 [2] Es waren meist freie Produktionen, die oft in Koproduktion mit Stadttheatern wie in Düsseldorf oder Basel entstanden. Ich habe aber nicht direkt für diese Häuser gearbeitet.

 [3] Ich habe diesen Teil vorgezogen, um die Chronologie zu erhalten.

Stand: Januar 2010
Autorin: Katharina Dockhorn