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DEFA - Stiftung - Junge, Winfried

Junge, Winfried


Auf stolze 700 Jahre kann das brandenburgische Golzow 2008 zurückblicken. Außerhalb der Tausend-Seelen-Gemeinde im Oderbruch würde das Ereignis wohl kaum wahrgenommen werden, gäbe es nicht Barbara und Winfried Junge und ihre Langzeitdokumentation um die Kinder der Jahrgänge 1954/55, die 1985 schon mal im Guinness-Buch der Rekorde stand und Golzow zum kleinsten Ort der Welt mit einem eigenen Filmmuseum macht. In einem Teil der Schule erinnert seit 2000 eine Ausstellung an die Dreharbeiten, die wenige Tage nach dem Mauerbau am 28. August 1961 beginnen und 2005 enden. Drei Jahre später kommen die letzten Porträts, noch immer auf 35mm gedreht, in die Kinos und runden die Beobachtung der Lebensläufe der Golzower Kinder, ihrer Familien und ihrer Umgebung ab.  Sie bietet Stoff für 20 Filme. Über 300 Kilometer Film und Video werden gedreht, was rund 200 Stunden Material entspricht. 43 Stunden Material finden davon in den Filmen Verwendung.  


Barbara und Winfried Junge bei der Preisverleihung der DEFA-Stiftung 2007

Foto: DEFA-Stiftung/Annett Ahrends

Für die Golzower sind die Junges schon lange mehr als Chronisten. Sie wurden „Teil der Dorffamilie“ und Freunde, die jederzeit an der Wohnungstür des anderen klingeln können. Sie sind sich nah, weil die Biografien der Märker ebenso wie die der Filmemacher eng mit dem Werden und Vergehen der DDR und der Ankunft im vereinten Deutschland verwoben sind. Die Entstehung und die Schwierigkeiten bei der Fortsetzung der Produktion spiegeln ein Stück Kulturpolitik wider - in der DDR wie im vereinten Deutschland . Winfried Junge, der neben den Geschichten um die Kinder von Golzow 35 weitere Dokumentarfilme und den Kinderfilm „Der tapfere Schulschwänzer“ realisierte, muss spätestens seit Beginn der 80er Jahre ein unermüdlicher Kämpfer, Promotor und guter Netzwerker sein, um der Chronik weitere Kapitel hinzuzufügen. Und auch „seine Golzower“ erleben die Vorzüge und Nachteile von Plan- und Marktwirtschaft.   

Getreu seinem 1962 Egon Erwin Kisch entlehnten Credo „Nichts erregt und überzeugt mehr als das Leben selbst“ enttäuscht Winfried Junge die Erwartungen von Studio und SED, eine Hochglanzpostkarte über sozialistische Erziehung und die Schule eines ganz normalen Dorfes zu schaffen. Ihn interessieren der Alltag, die Sorgen und Träume, die Erfolge und die Niederlagen der Golzower. Durch das Festhalten an dieser Konzeption wird die Chronik ein einmaliges Dokument, das Geschichte “von unten” und aus der Arbeitswelt erzählt. Es sind die Porträts von jenen, die sich in der DDR engagieren, den Staat mittragen und bei denen das Scheitern der DDR Enttäuschungen hinterlässt. Von denen, die sich irgendwie arrangieren. Und von den Hoffnungen nach der Wende, den erfüllten Erwartungen und den verlorenen Illusionen. Es sind mehr Geschichten von Verlierern als Gewinnern, denkt Barbara Junge im Rückblick. 

Offizielle Ehrungen und Funktionen bleiben nicht aus. Winfried Junge ist Gründungsmitglied des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR, wo er 1979 zum Stellvertretenden Vorsitzenden der Sektion Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik gewählt wird. 1985 bis 1987 ist er Präsident des Nationalen Festivals für Dokumentar- und Kurzfilm der DDR in Neubrandenburg. 1990 Vizepräsident der Internationalen Leipziger Dokumentarfilmwoche. Seit 1995 wird er Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm und 1996 gemeinsam mit seiner Frau Barbara in die Akademie der Künste Berlin-Brandenburg berufen. 

Zum Dokumentarfilm kommt Winfried Junge über Umwege. Geboren wird er am 19. Juli 1935 als Sohn des kaufmännischen Angestellten Werner Junge und seiner Frau Margarete. 1941 wird er in Dahlwitz-Hoppegarten eingeschult. Nach dem Tod des Vaters in den letzten Kämpfen des 2. Weltkriegs, vermutlich an der Oder, wechselt er 1945 nach Berlin-Friedrichshagen, wo er 1953 sein Abitur ablegt. Im selben Jahr immatrikuliert er sich im Fach Germanistik an der Pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität.  

Ein Jahr später, nach dem Tode auch seiner Mutter,  gehört er zum ersten Jahrgang an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg. „Ich war einer der Jüngsten und bin der Letzte aus diesem Jahrgang, der noch arbeitet.“ Er entscheidet sich für die Fachrichtung Dramaturgie. „Ich hätte mir die Regie nicht so recht  zugetraut, weil ich damals noch auf den Spielfilm fixiert war.“

Nebenbei publiziert er bis 1962 Filmkritiken im “Forum - Zeitung für Studenten und junge Intelligenz“, später auch Artikel anderswo, u.a. in “Die Weltbühne”.1956 wird er von der Filmhochschule wegen “kleinbürgerlicher Standpunktlosigkeit” exmatrikuliert. Nach seinem  offensichtlich überzeugenden Einspruch  gibt ihm Prof. Hans Rodenberg, der neue Dekan, nochmals eine Chance. 1958 macht er seinen Abschluss mit einer Arbeit zum Thema „Einige Probleme der Gestaltung des neuen Helden im DEFA-Dokumentarfilm mit industrieller Thematik“  und einem Exposé über eine Brigade im Kraftwerk Berzdorf in der Lausitz. Seine Liebe zum dokumentaren Genre wurde 1956 beim Festival in Leipzig geweckt. „Ich wusste, wenn ich Regie führen könnte, dann im Dokumentarfilm. Außerdem war mir klar geworden, dass das fiktionale Erzählen weniger meine Stärke ist. Ich traute meinen Einfällen einfach nicht mehr.”

 Winfried Junge wird für drei Jahre Assistent von Karl Gass, bis eben auch Künstlerischer Leiter des populärwissenschaftlichen Studios der DEFA, wo er unter anderem bei „Kosmos – Erinnerungen an Alexander von Humboldt“, 1959, „Allons Enfants – pour l`Algerie“, 1961. und “Schaut auf diese Stadt”, 1961/62, mitarbeitet. Die Fertigstellungsregie „Bis der Mensch kam“, 1960, sowie der Kinderfilm „Der Affenschreck“, 1961, sind schon erste eigene Visitenkarten. „Karl Gass war ein autoritärer Leiter, dem man standhalten musste. Er hatte ständig neue Ideen und mindestens immer zwei Projekte zugleich in Arbeit, so dass ich ständig im Trab war und gelernt habe, zuverlässig zu sein. Ich habe später aber nicht seinen mitunter propagandistischen Impetus übernommen. Ich machte ja auch nie Filme mit dezidiert politischer Thematik, was ihn  vielleicht enttäuscht hat.”

In der „Association Internationale des Documentaristes“, dessen Generalsekretär der junge Moritz de Hadeln ist, lernt Junge die Großen seines Fachs kennen - Ivens, Cavalcanti, Alvarez, Grierson, Romm, Bossak, Marker, Leiser, die Thorndikes. Als die nach und nach sterben und die DDR die Devisen für die Mitgliedschaft nicht mehr aufbringen will, endet die AID.

1961 ist für das DEFA-Dokumentarfilm Studio eine Zäsur. Nach dem Bau der Mauer entscheiden sich jene Mitarbeiter, die im Westen Berlins wohnen, künftig dort zu arbeiten. Rare Planstellen werden frei, auch für Winfried Junge. 

Karl Gass schickt seine flügge werdenden Assistenten aufs Land. Junge nach Golzow, um einen Film über Schulanfänger zu drehen ,und Gitta Nickel zur LPG Hohenselchow. Junge soll beweisen, dass er sich der Tugenden des Dokumentarfilms, zu beobachten und nicht die Wirklichkeit für den Film zu arrangieren, bewusst ist. Überlegt wird bei der Auswahl des Ortes. Das Dorf nahe der polnischen Grenze schafft sich gerade eine moderne Infrastruktur. Das Gebäude der “Zehnklassigen Allgemeinbildenden Polytechnischen Oberschule” ist ein Jahr zuvor eingeweiht worden, die Lehrerin der 1. Klasse debütiert wie Junge selbst.  

Ursprünglich wollte Gass seine Idee selber realisieren. Er ahnt, dass er wohl schon zu alt ist, um Kinder, die in die DDR hineinwachsen und das Land prägen sollen, über einen längeren Zeitraum zu begleiten. Das Jahr 2000 als Ende der Chronik war ja von ihm schon angedacht, und Winfried Junge wird schnell klar, dass solch eine Langzeitbeobachtung eine Innovation in der internationalen Filmlandschaft ist.  

1961 entsteht in Schwarzweiß der 13minütige Film „Wenn ich erst zur Schule geh…” über 26 ABC-Schützen. “Der Film war eine Mischung von vorgefassten Absichten, die man nur inszenieren konnte, und dem, was sich wirklich ereignete.” Der spezifische Stil reift erst beim zweiten Film in Zusammenarbeit mit dem Kamera-Absolventen Hans-Eberhard Leupold heran, bei „Nach einem Jahr – Beobachtungen in einer 1. Klasse“ (“Silberne Taube” im Rahmen des DDR-Programms in Leipzig). 1966 dann „Elf Jahre alt“, (eigene “Silberne Taube”) in dem sich die Schüler mit der Sage des Prometheus, mit Heraklits “Alles fließt”, Brechts Kinderhymne “Anmut sparet nicht noch Mühe” beschäftigen. 1969 dann der offizielle Eintritt ins Erwachsenenleben in der DDR in „Wenn man 14 ist“. Anlass für die nächste Beobachtung ist zwei Jahre später der Abschluss der 10. Klasse. Es entsteht der 19minütige Film „Die Prüfung“. Mit „Ich sprach mit einem Mädchen“ endet 1975 die Serie der Kurzfilme: „Wir drehten 1975 noch ein Klassentreffen, gestalteten das aber nicht als Film, sondern machten es nur zum Hintergrund für unser erstes Porträt, das von Marieluise.  Damit hätte unser Projekt abgeschlossen sein können.“  

Schon damals zeichnet sich ab, was Junges und Leupolds Dokumentation zu einem Schatz der Filmgeschichte macht: Im Spiel mit der Zensur loten sie das Machbare aus, um an die Menschen  wirklich heranzukommen, ihnen gerecht zu werden. Vom Honecker-Besuch mit Kim Il Sung in Golzow übernimmt Junge unkommentiert einen Filmbericht der DEFA. Chronistenpflicht, der er so genügt, ohne selbst offiziell zu werden. Und er filmt, wie Marieluise, die er schon beim Kirchgang zeigte, und Elke, ohne das blaue Halstuch, im Schulchor  den FDJ-Hit “Sag mir, wo du stehst…” singen. Kommentar: “Marieluise evangelisch, Elke katholisch, das Lied  sozialistisch. Der Refrain wiederholt sich etwas oft."

Auf Golzow alleine will sich Winfried Junge nicht festlegen lassen. Die Themen seiner Filme sind vielfältig und erfüllen thematisch den Auftrag des Studios. Doch stets gelingt es dem Filmemacher, das Besondere, Einmalige in den Menschen zu entdecken, denen er begegnet. Der Arbeit von Kindern gilt seine besondere Leidenschaft. 1963/64 entstehen die kurzen Dokumentarfilme „Der Kinder wegen - Flucht ins Vaterland“ um Familien, die von der BRD in die DDR übersiedeln, „Ferientage“ über eine Patenschaft der Schriftstellerin Alex Wedding zu einer Altenburger Kinderbibliothek, und „Vom lernenden Menschen“, eine poetische Kompilation aus internationalem Archivmaterial.

1973 folgt „Ich bin ein junger Pionier“ zum 25. Jahrestag der Pionierorganisation. In „Keine Pause für Löffler. Ein Lehrer und seine 6c “, 1974, kehrt Winfried Junge in jene Schule zurück, in der er sechs Jahre zuvor seinen einzigen Spielfilm gedreht hat. Wieder beweist er die bei den Golzowern geschulte besondere Gabe, das Vertrauen der Heranwachsenden zu gewinnen. Die Schüler und ihr Klassenlehrer artikulieren sehr direkt ihre Hoffnungen, Wünsche und Probleme. Junge zeigt, was im offiziellen DDR-Volksbildungssystem selten offen diskutiert wird: Dass Klassen außer Kontrolle geraten, weil Erziehungsziele und Methoden sich nicht an der Wirklichkeit orientieren. Löffler versucht es darum anders – und nicht wenig antiautoritär.

  Als Angestellter des Studios dreht Winfried Junge eine Reihe von Kurzfilmen, die heute, bei allen Abstrichen hinsichtlich der ideologisch bedingten Sicht auf die Ereignisse, bleibenden Wert als Momentaufnahmen vom Alltag in der DDR haben. 1965 porträtiert er in „Studentinnen - Eindrücke von einer Technischen Hochschule“  jene jungen Frauen, die  in Ilmenau Ingenieurinnen werden wollen, und geht der Frage nach, warum es so wenige sind. Im gleichen Jahr entsteht für das Fernsehen der  DDR „Sie filmen an der Moldau“, eine Reportage, die er vor allem wegen der jungen Filmemacher des “Prager Frühlings” macht. Drei Jahre später begleitet er in „Mit beiden Beinen im Himmel - Begegnung mit einem Flugkapitän“ den Ältesten einer kinderreichen Arbeiterfamilie, dem ermöglicht wurde, einen Traumberuf zu ergreifen, auf der Strecke nach Moskau und als Fluglehrer.

Außerdem widmet er der Hansestadt Rostock in ihrem 750. Jahr in „Jubiläum einer Stadt“ ein Porträt nach einer Suite von Günther Kochan. 1969 zieht es ihn an die Oder, wo er für „Auf der Oder“ den gemeinsamen deutsch-polnischen Eisaufbruch beobachtet, den er auch als Metapher auf das neue Verhältnis beider Länder versteht. Sensibel beobachtet er 1971 junge Wehrdienstpflichtige in „Einberufen“ und zeigt 1972 in „Wenn jeder tanzen würde, wie er wollte, na“, einer heiteren Studie über “zwei Kulturen auf dem Parkett”, das Selbstverständnis eines Tanzlehrers, der sein Metier gegen den Beat verteidigt.

„Sagen wird man über unsre Tage. Erkundungen auf einer großen Baustelle“ folgt 1973/1974. Das Thema “Menschen in der Arbeitswelt” lässt den Filmemacher nicht los. Mit “Termin Spirale 1” (1977) und dem Fernsehdokumentarfilm „Markersbach - Energie des Wassers und der Menschen,“ 1980/81, setzt er im Erzgebirge über 8 Jahre die Langzeitdokumentation vom Aufbau des ersten Pumpspeicherwerks mit unterirdischem Kraftwerk in der DDR fort. Aber er kehrt mit seinen Themen auch immer wieder aufs Land zurück. Für das Fernsehen der DDR dreht er 1977 die Dokumentation „Agrarflieger“. Für den Einsatz als Vorfilm entsteht 1978 als kleiner Ableger „Hummelflug“. 1986 dann „Das Pflugwesen – es entwickelt sich“ über das Training und die Meisterschaften im Wettpflügen der sozialistischen Länder in Ungarn. Der Titel spielt auf die populäre, später nicht mehr aufgelegte Platte „Lyrik, Jazz & Prosa“ an, auf der Manfred Krug die Sostschenko-Satire “Die Kuh im Propeller” liest, die sich über das “Flugwesen” in der Sowjetunion als Zeichen der Modernisierung auch auf dem Lande lustig macht.

   „Das zweite Standbein war wichtig, denn es bot mir und später auch uns beiden die Gelegenheit, den Blick zu weiten und sogar mal im Ausland zu arbeiten.“ 1970 ist Winfried Junge das erste Mal mit der Kamera in Syrien. Ursprünglich will er Bauarbeitern aus der DDR folgen, die dort Mühlen und Silos errichten. Das Thema erweist sich als nicht besonders filmogen. So entscheidet er sich für Monteure, die in Homs eine Spinnerei erweitern, und macht „In Syrien auf Montage“. Türöffner für eine erste deutsch-syrische Koproduktion ist jedoch „Syrien auf den zweiten Blick“, den er mit einem gemischten Team dreht.

  Ende der 80er Jahre kehrt Winfried Junge in dieses Land zurück. Jetzt mit seiner Frau. Es entsteht der Fernsehdokumentarfilm „… und der Vater blieb im Krieg - Begegnung mit syrischen Waisen“ und fürs Kino, wieder in Koproduktion, „Nicht jeder findet sein Troja - Archäologen“, worin Ausgrabungen von über 3000 Jahre alter mesopotamischer Alltagskultur beobachtet werden. An die Dreharbeiten im Herbst 1989 erinnern sich die Junges genau. Von den Ereignissen, die zum Fall der Mauer führen, hören sie meist nur über Radio Monte Carlo und sind verunsichert. Dennoch gelingt ihnen ein Film, den sie auch heute noch für vorzeigenswert halten. Im Unterschied zu der Fernsehreportage wird er in der untergehenden DDR aber nicht mehr gesehen.

Ein Jahr zuvor entsteht der 22minütige Dokumentarfilm „Gruß aus Libyen oder Grün ist eine schöne Farbe“, der den Spuren von Dieter aus Golzow folgt, der als DDR-Leiharbeiter in der Cyrenaica Silos betoniert und der DEFA Gelegenheit gibt, sich in einem weitgehend unbekannten Land umzuschauen. Afrika ist Winfried Junge schon etwas vertraut. Vier Filme dreht er 1976, diesmal mit Kameramann Werner Kohlert, in Somalia: „Somalia im Jahre 7 seiner Revolution“ (für das DDR-Fernsehen), „Somalia – die große Anstrengung,“ und „Somalia – nicht länger arm sein“. Aus dem gesamten Material schneidet er mit „Freunde fern in Afrika“ am Ende noch einen Dokumentarfilm für Kinder, erzählt von Jutta Hoffmann, die nach der Biermann-Affäre arbeitslos wird. Alle Filme werden “nach Mogadischu” – der Befreiung der RAF-Geiseln aus der entführten Lufthansa-Maschine und der Abwendung Somalias von den sozialistischen Staaten  - in der DDR zurückgezogen.

1987/88 setzen die Junges mit viel Mühe auch die erste und einzige Filmkoproduktion DDR-Großbritannien durch. Auf Einladung des Amber-Workshops drehen sie in Newcastle-North Shields, die Engländer berichten aus Rostock-Warnemünde.  So kostet es die Partner keine Devisen. Titel des zweistündigen Films in der DDR: „Diese Briten, diese Deutschen - Zueinander unterwegs nach Newcastle und Rostock.” Junge sagt dazu später: “Als der Film im Herbst 1989 hierzulande in die Kinos kommt, wollen sich die Zuschauer von den Engländern, die daheim unter dem Sozialabbau der Thatcher-Regierung leiden, nicht mehr sagen lassen, wie gut man es bei uns hat. Und sie wollen sich von uns nicht ein Land zeigen lassen, was sie selbst nicht bereisen können. Die blauäugigen Sichten der linken Labour-Filmer auf der einen und unsere Kapitalismus-Kritik auf der anderen Seite ergaben im Kinodunkel eine explosive Mischung, die sich bei Diskussionen schnell entlud.” Was sich Viele damals aber nicht vorstellen können: Der soziale Niedergang Newcastles nach dem Zusammenbruch einer gewachsenen Industrielandschaft wird bald auch das Schicksal vieler Industriestandorte der DDR sein. 


Beim Leipziger Dokfilmfestival lernt Winfried Junge 1966 seine spätere Frau Barbara kennen, die dort im Studenteneinsatz dolmetscht. Nach ihrem Diplom zieht die gebürtige Thüringerin mit ihrer Tochter nach Berlin um, wo sie im DEFA-Dokumentarfilmstudio als Synchronregisseurin bei der Auslandsinformation anfängt. Parallel arbeitet sie sich am Schneidetisch ein, gewinnt Gefühl für alles, was einen Film ausmacht. Mit zahllosen Karteikarten schafft sie ab 1978 Übersicht über die in zwei Jahrzehnten gedrehten Materialien der Golzower Chronik, wofür Winfried Junges langjährige Schnittmeisterin Charlotte Beck angesichts nachfolgender anderer Filme nie Zeit finden konnte. Ab 1983 schneidet Barbara Junge die Filme ihres Mannes und steht seit 1992 als Ko-Autorin und –Regisseurin an seiner Seite im Nachspann.

Die ersten Wünsche nach einem zusammenfassenden und Rückschau haltenden Film über die Kinder von Golzow” werden 1975 nach Aufführungen in London und Algier laut. Die Chance dazu ergibt sich im Vorfeld des 30. .Jahrestages der DDR. Das Ergebnis ist 1979/80 der Film “Anmut sparet nicht noch Mühe – die Geschichte der Kinder von Golzow”. Der zunächst abgelehnte Film bekommt 1981 den Nationalpreis, ein Verdienst ebenso von Uwe Kant, der den Kommentar schreibt. „Danach wurde uns aber auch gesagt, man hätte zwar die Chronik der Klasse erlebt, aber den Einzelnen und seine Probleme nicht richtig kennengelernt. Diesbezügliche Szenen hatte man zwar schon im Rohschnitt des Filmes gesehen, aber sie mussten wieder rausgeschnitten werden, weil ‘Anmut sparet nicht noch Mühe’ sonst dreimal so lang geworden wäre. Der Nationalpreis erlaubt nun, wieder an die zu erinnern und so entstehen  die ‘Lebensläufe – Die Geschichte der Kinder von Golzow in einzelnen Porträts’, der Film, der erstmals neun Schicksalen folgt.” Er bekommt in Leipzig 1981 eine “Goldene Taube ehrenhalber” und im Internationalen Forum des Jungen Films der Berlinale 1982 den FIPRESCI- und den Interfilm- oder “Otto-Dibelius-Preis” der Kirche. Nach der Wende werden die Junges hier mit zehn weiteren Filmen Stammgäste. Die Zuschauer sind weltweit begeistert von diesem lebendigen Blick auf den Alltag, der Privates und Zeitgeschichte verknüpft. Der Progress Filmverleih, der alle Filme der Junges bis heute herausbringt, startet die Dokumentation mit einer Laufzeit von vier Stunden und siebzehn Minuten im Sondereinsatz, nachdem Egon Krenz sein Plazet gegeben hat.

Dennoch bleibt den kulturpolitischen Hardlinern im ZK der SED und im Volksbildungsministerium das Projekt suspekt. Es bietet zu viele ungute Durchblicke auf den “realen Sozialismus”. Nach “Lebensläufe”  lehnt man im Filmwesen weitere Dokumentarfilme über die Golzower ab. Sie hätten mit ihrer wachsenden Länge im Kino keine Chance mehr. Ein tatsächlich schwer zu entkräftendes Argument. Die Junges probieren es beim DDR-Fernsehen, für das sie 1984 “Diese Golzower – Umstandsbestimmung eines Ortes” machen. Die “Lebensläufe” hätten sie nur fortsetzen können, wenn sie vor allem mit den “Fortschrittlichen”, den Genossen, drehen. Mit anderen Worten, nicht mehr mit jedem. Winfried Junge, der selber nie Mitglied der SED wird, spürt, dass er seiner Konzeption untreu werden müsste. Wieder wehrt er sich. Nach einem wortgewaltigen brieflichen Plädoyer an Egon Krenz ist das Geld für den Dreh für weitere Jahre gesichert. Ziel jetzt: Der 50. Jahrestag der DDR 1999.

Anfang der 80er Jahre verliert Winfried Junge seinen Kommilitonen Hans-Eberhard Leupold als wichtigsten Wegbegleiter des Projektes. Der Kameramann, der seit dem zweiten Kurzfilm mit ihm in Golzow war, sieht keine weiteren künstlerischen Herausforderungen. „Ich kann den Entschluss verstehen. Als die Kinder erwachsen wurden, war die Gruppensituation weg, spielte sich für einen Kameramann nicht mehr so viel ab.“ Leupold hatte das Projekt von Hans Dumke übernommen, der 1961 von seinem Einsatz bei den Kampfgruppen entbunden werden musste, um mit dem Regisseur in das Oderbruch zu reisen. Seit Ende der 80er Jahre ist Harald Klix, der bei Leupold schon assistiert hatte, für das Bild verantwortlich und sieht darin eine herausfordernde Aufgabe.

„Die Spontanität und Naivität der Kinder ging natürlich mit dem Alter verloren. Dafür bekamen die Filme eine bisher unbekannte historische Dimension durch den Effekt “Leben im Zeitraffer.“ Winfried und Barbara Junge drehen in den 80er Jahren weiter und sind dabei herrlich frei. Sie filmen erstmals für das Archiv. Vorzeigen brauchen sie das Dokumentierte ja erst 1999, und da könnte, müsste, würde die DDR sicher schon eine reformierte sein, wie sie hoffen. Sie fangen dabei auch ein, was man auf der Leinwand noch nicht zeigen und diskutieren kann: Eine Stimmung der Sättigung, der Lethargie und des Stillstands in einem Land, in dem die Ideale des Sozialismus auf der Strecke bleiben. Gorbatschows Perestroika, nach der Junge in seiner gewohnt vorsichtigen Art fragt, weckt, wie sich in dem Interview mit Gudruns Vater, dem LPG-Vorsitzenden, an der Oder zeigt, aber auch auf dem Land einen Hoffnungsschimmer. 

Das Geld für die Produktion reicht bis zur Währungsunion und erlaubt, den Untergang der DDR zu dokumentieren. Wieder steht das Projekt vor dem Aus. Dann hilft eine Sonderförderung des Bundesinnenministerium für letzten DEFA-Projekte, die noch nicht abgeschlossen sind. Und im Falle der Golzower Chronik auch eine großzügige Förderung in gleicher Höhe durch das Hamburger Filmbüro. Kleinere Förderquellen tun sich ebenfalls auf. Als der VEB (Volkseigener Betrieb) DEFA Studio für Dokumentarfilme eine “Defa GmbH” wird und die Treuhandanstalt in Leo Kirch einen Käufer für das Haus anvisiert, gehen die Junges auf die Westberliner JOURNAL-Film Klaus Volkenborn KG zu. Sie kennen Volkenborn durch die Leipziger Dokwoche als Alt-68er Linken, und er schätzt das Golzow-Projekt. Sie sind schon wegen des Fördergeldes willkommen. Der neue Produzent schließt, der Rechte am vorhandenen Material wegen, mit der späteren Dokfilm Babelsberg GmbH einen Koproduktionsvertrag. Und des Charakters der Förderung wegen kann und muss ein Kinodokumentarfilm entstehen. An eine Serie fortgesetzter “Lebensläufe” fürs Fernsehen ist erst einmal nicht zu denken.

Der erste Film nach dem Ende der DDR wird 1992 “Drehbuch: Die Zeiten – Drei Jahrzehnte mit den Kindern von Golzow und der DEFA” heißen und ein Dreiteiler von 4 Stunden und 44 Minuten sein. Für viel Förderung wollen sich die Junges einfach mit viel Film bedanken. Und da in Deutschland ja was passiert war, gibt es auch eine Menge von den Golzowern zu erzählen. Dieser zehnte Film ist aber zugleich auch ein Bericht aus der Werkstatt der Langzeitdokumentation.

Das Publikum dankt den Chronisten nicht nur hierzulande, sondern auch international mit viel Interesse. Und schon deshalb, weil die Geschichte der DDR und ihres Beitritts zur Bundesrepublik Deutschland aus der Sicht der Betroffenen zu erleben ist.

“Drehbuch: Die Zeiten” eröffnet 1993 im Internationalen Forum des Jungen Films die Reihe von zehn Filmen, die über die Jahre zur Berlinale Premiere haben werden. Ein Rekord eigener Art. Die Junges sind mit ihm in Amsterdam, Taormina (Sizilien), Sao Paulo, Yamagata (Japan: 2 Preise), Lissabon, Peking und Istanbul. Aber der Film lief auch in Vancouver, Hongkong und anderswo. Da fehlt ihnen die Übersicht.

Nach “Lebensläufe” (1980) wird er zum erfolgreichsten unter den Golzow-Filmen in vereinten Deutschland. Die Junges konzentrieren sich jetzt auf eine Filmreihe, die nun fern jeglichen agitatorischen Pathos’, aber auch fern jeglicher Larmoyanz den “Lebensläufen” der Golzower bis in die Gegenwart folgt. Dazu brauchen sie neues Geld. Volkenborn weiß nicht mehr, woher es kommen soll. Er produziert 1993/94 noch den überlangen Pilotfilm “Das Leben des Jürgen von Golzow”, das Porträt des strahlend in die Kamera lächelnden Jungen vom ersten Schultag, der als Maler und Tapezierer nach 1990 arbeitslos wird. Dann wirft er das Handtuch.

Auf der Suche nach einem neuen Produzenten stoßen Barbara und Winfried Junge auf Klaus Schmutzer, auch Babelsberger Absolvent, der eine “à jour Film GmbH” aufgemacht hat. Sie holen gemeinsam den ORB und zeitweise auch den NDR und SWR wie auch alte und neue Förderer mit ins Boot. Reich sind sie dabei nie geworden. Im Gegenteil, sie teilen das Schicksal einiger Golzower und gehen zwischen den Filmen immer wieder zum Arbeitsamt. Brandenburgs Sozialministerin Regine Hildebrandt hätte die Langzeitbeobachtung wohl gern aus ihrem Haushalt bezahlt, kann aber nur immer wieder auf sie aufmerksam machen.

Die Junges beginnen die Reihe einzelner abendfüllender Lebensläufe” 1995 mit “Die Geschichte des Onkel Willy aus Golzow“. Sie porträtieren den Klassenkleinsten, der auch durch die oft schwere körperliche Arbeit als Agrotechniker zu einem stattlichen Mann heranreift, zwei Söhne aus erster Ehe hat und von seinem dritten Onkel genannt wird, weil er dessen Mutter noch nicht geheiratet hat.

„Was geht euch mein Leben an. Elke – Kind von Golzow“, 1996, folgt dem katholisch aufgewachsenen, zielstrebigen Mädchen, das nach einer kurzen Ehe sich dreimal einen neuen Lebenspartner sucht und den letzten, einen Geschäftsmann aus Frankfurt am Main, später auch heiraten wird.

Marieluise hätte aus der Filmreihe beinahe aussteigen müssen. Als die christlich erzogene junge Frau, die im Frankfurter Halbleiterwerk mit ihrer Meinung nie hinter dem Berg hielt, einen Offizier aus der Regierungsstaffel der DDR heiratet, dem als Geheimnisträger geraten wird, sich nicht weiter filmen zu lassen, steht sie eben ohne ihn vor der Kamera. Heute ist Steffen Offizier der Bundeswehr und am Rhein stationiert.  „Da habt ihr mein Leben – Marieluise, Kind von Golzow“, 1997, endet mit dem Umzug dorthin. 

„Brigitte und Marcel - Golzower Lebenswege“, 1999, ist der Film mit den traurigsten Momenten. Brigitte, Geflügelzüchterin, wird mit 17 Mutter. Der Vater macht sich aus dem Staube. Die Junges zeigen sie alleine mit ihrem Strickzeug am Kachelofen, in  steter Sorge um ihren Sohn, den sie allein aufzieht. Mit 29 stirbt die herzkranke junge Frau. „Ihr Tod war auch für mich ein einschneidendes Erlebnis: wenn Kinder vor den Eltern sterben...“, sagt Winfried Junge. Er und seine Frau begleiten nicht nur mit der Kamera, sondern eher wie Paten das Erwachsenwerden von Brigittes Sohns Marcel, der später selber Vater eines körperlich behinderten Jungen wird.

Fünf Schüler aus der Klasse sterben über die Jahre, darunter zwei aus dem engeren Kreis, mit denen die Chronisten drehen. Auch der Abschied vom 52jährigen Jürgen, der jahrelang ungeschützt mit gesundheitsschädigenden Farben hantiert und nach langer Alkohol- und Nikotinabhängigkeit an Speiseröhrenkrebs erkrankt, gehört zu ihren bewegendsten Erinnerungen. 

„Ein Mensch wie Dieter – Golzower“, 2000, porträtiert einen Sitzenbleiber aus der 1. Klasse. Dieter wird Zimmermann. Als DDR-Bürger will er immer raus, jobbt legal als Leiharbeiter in Frankfurt/Main beim Bau der Startbahn West. Die Junges dürfen ihn nicht dorthin begleiten, da die DDR offiziell gegen das Flughafenausbauprojekt ist. Aber nach Libyen können sie ihm in den 80er Jahren folgen. Ende der 90er Jahre wird er arbeitslos, zieht in den Westen und arbeitet – wieder als Leiharbeiter - in den Niederlanden und später in Österreich. Aber das zeigt der Film schon nicht mehr.

“Jochen – ein Golzower aus Philadelphia, 2001, erzählt von einem Jungen, der in einem Brandenburgischen Ort dieses Namens geboren wird und nur deshalb für ein Jahr unter die Golzower Erstklässler gerät, weil sein Vater als Landwirtschaftsfunktionär hier eine Zeitlang die Maschinen- und Traktorenstation leitet. Junge findet Jochen als Melkerlehrling wieder. Er filmt den Dreizentnermann nicht nur immer wieder im Beruf, sondern auch als Familienvater mit seinen drei Kindern in Bernau, bis dieser ihn 1998 mit der Kamera nicht mehr bei sich einlassen will.

„Eigentlich wollte ich Förster werden – Bernd aus Golzow“, 2002, beschließt die Einzelporträts. Es ist die Geschichte eines, der vom Lande in die große Industrie geht und Meister im Petrolchemischen Kombinat Schwedt wird. Weil er seine Qualifikation auf der Höhe der Anforderungen hält, hat er dort noch immer eine gut bezahlte Arbeit und steuert das Familienschiffchen mit der arbeitslosen Frau und den zwei Töchtern umsichtig durch die Zeiten.

Diese acht Golzower treten in den abschließenden  beiden Zweiteilern von insgesamt fast zehn Stunden wieder in die Gruppe zurück, bilden den Hintergrund für letzte zehn kürzere oder längere Porträts, in denen die Unterschiedlichkeiten der Lebenswege en bloc noch einmal sehr deutlich werden. Und wieder interessiert, was Junges einstiger Texter Uwe Kant so formuliert hatte: „Am ersten Schultag betreten alle das gleiche Sprungbrett. Wie weit trägt der Flug den Einzelnen?“

Die Junges wählen zum Abschied einen Satz aus den Märchen als Titel, der auf das offene Ende des Erzählten verweist: “Und wenn sie nicht gestorben sind… “ Die Teile 1 und 2 um den zweiten Jürgen, um Petra, Christian, Ilona und Winfried, feiern 2006, und die Teile 3 und 4 mit  dem Folgesatz “…dann leben sie noch heute”, in deren Zentrum die andere Elke, Karin, Gudrun und ihr Vater sowie Bernhard und Eckhard stehen, 2008 Berlinale-Premiere.

Gudrun gehört neben Petra und Ilona zu den drei der 18 Golzower, die nicht mehr gefilmt werden wollen. Die Junges bemühen sich dennoch weiter um Kontakt zu ihnen. Vergeblich. Gudrun, die Tochter des LPG-Vorsitzenden Arthur Klitzke und spätere Bürgermeisterin im Nachbardorf Genschmar, findet nicht mal die Zeit, sich den Teil des Films anzusehen, der ihre Biografie bis 1991 umfasst. Den Junges ist das Bedauern über die Entscheidung anzumerken. Nicht nur, weil ein Faden ins Leere läuft. Sie wären neugierig, wie sich  gerade ihre Reflexion der Jahre in der DDR und der Wende einreiht in den Kanon der einstigen Mitschüler. Aber die ehemalige Genossin hört wie schon immer auf ihren Vater und zieht sich mit ihm zurück. Junge sagt: „Man mag das bedauern,  man muss es akzeptieren“. Im April 2008 ist Arthur Klitzke verstorben.

Das Ende des Filmprojekts ist für die Junges kein Abschied von Golzow. „Wir werden nun  nicht dorthin ziehen, weil wir eben doch Städter sind, schon um die Angebote Berlins zu nutzen, wozu bisher wenig Zeit war. Wir werden aber immer wieder mal gern  in Golzow sein,“ wirft Barbara Junge einen Blick voraus.

Jetzt muss das Schrift- und Fotomaterial in Winfried Junges “Höhle”, wie er das kleine Arbeitszimmer in der Plattenwohnung in Berlin-Friedrichsfelde nennt, geordnet werden. Im Schneideraum in Johannisthal geht es um unendlich viele Büchsen. Die Negative wandern ins Bundesfilmarchiv. Der ältere der beiden Schneidetische aus der DEFA-Zeit soll nach Golzow. Die dortige “Ständige Filmausstellung  Kinder von Golzow” wird nach Plakaten, 850 Fotos, Devotionalien aus mehreren Koffern  und allerlei Filmtechnik, die die Junges schon stellten oder vermittelten, noch etliche Rollen Arbeitspositive von  den 300 km Material aus 47 Jahren erhalten. Der Verein “Golzower für Golzow” möchte sich daraus eine eigene Ortschronik zusammenstellen. Und  eigentlich könnte man ja auch die “Saga”  über das siebenhundertste Jahr von Golzow im Oderbruch hinaus nun selber filmisch  fortschreiben.

2oo8 - zu ihrer letzten Berlinale - verabschieden sich Barbara und Winfried Junge von ihrer Arbeit, die mit Fug und Recht ein Lebenswerk genannt werden  kann,  mit diesem Statement: „Als der Ältere von uns beiden die „Kinder von Golzow“ erstmals drehte, war er 26, war die Jüngere 17 und ging noch zur Schule.

Was mit einem sehr endlichen 15-Minuten-Film im Golzower Kindergarten begann, wuchs sich über viereinhalb Jahrzehnte zu einer „unendlichen Geschichte“ aus, der die eigene Lebenszeit sowieso irgendwann ein Ende setzt und die wir deshalb lieber nach Plan beenden.

Wir sind nun 72 oder 64, und der letzte Film hat fast 5 Stunden und ist ein Zweiteiler. Mit einer Pause, die Linderung verschafft. Erzählt ist mit ihm dennoch bei weitem nicht alles, was vom Aufwachsen und Leben der Kinder mitteilenswert wäre, die längst selber Kinder und gar schon Enkel haben und sich von DDR-Bürgern zu Bundesbürgern wandelten. Da Filme jedoch bestenfalls stundenlang, jedoch nie tagelang dauern dürfen, bleibt eben allzu viel ungezeigt und ungesagt. Von den 26 ABC-Schützen des Jahres 1961 gelang es uns immerhin, in zwanzig Filmen achtzehn ein Stück durchs Leben zu begleiten, die einen kürzer, die anderen länger.

Das, was ihr Leben ausmacht, dessen ganzen Reichtum, konnten die Filme nicht erfassen. Auch mangelnder Voraussetzungen wegen – Geld, Zeit und Technik – mussten wir zuletzt mehr und mehr die Augen vor der sich ständig verändernden Wirklichkeit verschließen. Aber: Wir wollten es mit so einer Langzeitdoku wenigstens mal versucht haben. Vielleicht kommen andere mit heutiger und morgiger Technik ein Stück weiter. Mit dem Leben Schritt zu halten, wird jedoch niemandem gelingen.

Und so wollen wir auch mit den verbliebenen letzten fünf Lebensgeschichten der „Kinder von Golzow“ aus dem Oderbruch, die heute zur Generation 50plus zählen, einen filmischen Schlusspunkt setzen, das Licht ausmachen, das sie eine Zeitlang aus der Menge  heraushob und wieder in die Anonymität entlassen, in der Millionen von Menschen leben.“

„Und wenn sie nicht gestorben sind – dann leben sie noch heute...“

Literatur:

- Roland Rust: Vom Wollen, Können, Dürfen und Müssen. Winfried Junges Langzeitstudie "Die Chronik der Kinder von Golzow", in: Film-Dienst, 10/1992.

- Ralf Schenk: Die unvollendete Geschichte. Gespräch mit Winfried Junge. In: Film-Dienst, Nr. 14, 2005.

- Wilfried Junge: Lernen als Lebenshaltung. (Interview von Anne Richter mit Winfried Junge) + Barbara Junge: Wie ein Paket, das man auspackt. (Interview von Anne Richter mit Barbara Junge) , in: Ingrid Poss, Christiane Mückenberger, Anne Richter (Hgg.): Das Prinzip Neugier. DEFA-Dokumentarfilmer erzählen. Berlin: Verlag Neues Leben 2012, S. 251-280 + 281-302.

Autorin: Katharina Dockhorn
Stand: Mai 2008