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DEFA - Stiftung - Kaiser, Wolf

Wolf Kaiser

Spät entdeckt Wolf Kaiser seine Liebe zur Schauspielerei. In den 50er Jahren wird er einer der herausragenden Bertolt Brecht-Darsteller des Berliner Ensembles. Sein Mackie Messer in "Die Dreigroschenoper", den er in mehr als 450 Vorstellungen auf der Bühne verkörpert, wird in Berlin und auf internationalen Tourneen gefeiert. Auch die DEFA entdeckt den großen Schauspieler mit dem markanten Gesicht, findet aber zu selten große, ansprechende Rollen für ihn. Wolf Kaiser verkörpert in den häufigsten Fällen negative Charaktere wie unbarmherzige Offiziere und verführerische Hochstapler, denen er mit Bravour seinen unverkennbaren Stempel aufdrückt.


Wolf Kaiser in "Ernst Thälmann -Sohn seiner Klasse" (1954)
Foto: DEFA-Stiftung/Heinz Wenzel

Wolf Kaiser wird am 26. Oktober 1916 in Frankfurt am Main als Wolf Wilhelm Kaiser geboren. Sein Vater ist Eisengießer und Galvaniseur, der Metall- und Kunststoffoberflächen veredelt. Um 1920 zieht die Familie in die Schweiz, nach Basel, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen. Der Vater verläßt die Familie, Wolf Kaiser kommt in ein Heim. Bereits als Kind arbeitet er in der Landwirtschaft, als Jugendlicher übernimmt er Hilfsarbeiten. Mit 21 Jahren kehrt er 1937 in seine Heimatstadt zurück. Dort belegt er Kurse in der Abendschule, um sein Abitur nachzuholen und beschäftigt sich mit Physiologie und Chemie. Kurze Zeit später wird er zum Arbeitsdienst, dann 1938 zum Wehrdienst nach Gießen eingezogen. Nach einem Unfall bei einer Sportveranstaltung wird er entlassen und als untauglich erklärt.

1939 beginnt Wolf Kaiser an der Reimannschule in Berlin und an der Schauspielschule Margarethe Wellhoener Unterricht zu nehmen. Um den Unterricht zu finanzieren, arbeitet er als Kellner. Zwei Jahre läßt er sich ausbilden, bis er 1941 ein Engagement in böhmisch-mährischen Iglau (heute tschechisch Jihlava) erhält. Hier debütiert er als 25jähriger in dem Stück "Petersburger Krönung" von Friedrich Wilhelm. Bereits ein Jahr später steht er auf der Theaterbühne in Berlin, spielt an der dortigen Volksbühne unter Eugen Klöpfer. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges debütiert der junge Schauspieler auch beim Film. Er übernimmt eine kleinere Rolle in DAS LEBEN RUFT (1944) unter der Regie von Arthur Maria Rabenalt. Außerdem ist er im selben Jahr in dem Heimatfilmen DER ERBFÖRSTER (1944) von Alois Johannes Lippl und DER KREUZLSCHREIBER (1944) von Eduard von Borsody zu sehen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist Wolf Kaiser kurz an Theaterbühnen in München und Frankfurt am Main engagiert, bis er 1947 nach Leipzig geht und dort bis 1950 Theater spielt. Hier erspielt er sich ein umfangreiches Repertoire, erobert das Publikum. Zwischenzeitlich ist er am Deutschen Theater in Berlin engagiert, bis er am Berliner Ensemble seine Heimstätte findet, an dem er bis 1967 arbeitet. Er macht sich einen Namen als herausragender Bertolt Brecht-Darsteller. In allen bekannten Stücke des Autors ist er zu sehen. Sein Mackie Messer in "Die Dreigroschenoper", den er in mehr als 450 Vorstellungen auf der Bühne verkörpert, wird in Berlin und auf internationalen Tourneen gefeiert, die ihn unter anderem nach Moskau und Leningrad, Stockholm und Helsinki, Paris und London führen. Er arbeitet mit Regisseuren wie Erich Engel, Manfred Wekwerth und Benno Besson zusammen. Nach 16 Jahren Berliner Ensemble geht der Schauspieler an die Berliner Volksbühne. Hier gibt er den Caesar in "Caesar und Cleopatra", ist Philipp in "Don Carlos" und agiert als "Macbeth".

Ab den 50er Jahren erhält Wolf Kaiser auch Filmangebote von der DEFA. Zunächst ist er in einer kleinen Rolle als SS-Mann in DIE LETZTE HEUER (1951) von Ernst W. Fiedler zu sehen. Nochmals gibt er einen schnittigen, eiskalten und ungeschminkt aggressiv agierenden Offizier, diesmal einen amerikanischen, in DAS VERURTEILTE DORF (1952) unter der Regie von Martin Hellberg. Mehrmals werden Regisseur und Schauspieler zusammenarbeiten. Nach mehreren kleineren Aufgaben etwa als Major Zinker im ersten Teil der ERNST THÄLMANN-Biographie von Kurt Maetzig oder als Hauptwachmann in DIE GESCHICHTE VOM KLEINEN MUCK (1953) von Wolfgang Staudte erregt der Schauspieler mit dem Schwabenhannes in THOMAS MÜNTZER (1956), ebenfalls von Martin Hellberg, größere Aufmerksamkeit. Danach besetzt ihn der Regisseur mit seiner ersten Hauptrolle in DIE MILLIONEN DER YVETTE (1956). Er gibt den Hochstapler Maurice Daurignac, der die französische Modistin Yvette (gespielt von Josephine Back) zur Rache an der feinen Gesellschaft überredet.



Wolf Kaiser (l.) in "Das tapfere Schneiderlein" (1956)
Foto: DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

In der Folge agiert der Schauspieler in Verfilmungen bekannter Theaterstücke. In KABALE UND LIEBE (1959) gibt er den Präsidenten Walter. In der Bertolt Brecht-Verfilmung MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER (1961) agiert er als Feldprediger. Im selben Jahr wird der Film DAS KLEID (1961) nach dem Märchen "Des Kaisers neue Kleider" von Hans Christian Andersen in der Regie von Konrad Petzold nicht aufgeführt. In der Parabel spielt Wolf Kaiser den etwas einfältigen Kaiser Max, über den sich alle Welt kräftig lustig macht. Die Doppeldeutigkeit, mit der Selbstherrlichkeit und Ignoranz angeprangert werden, macht den Film für die Verantwortlichen suspekt. Er wird erst 1991 in einer nachsynchronisierten Fassung uraufgeführt und zeigt ein brillant aufgelegtes Schauspielerensemble. Einen seiner letzten DEFA-Filme legt der Darsteller mit ALASKAFÜCHSE (1964) vor. In Erinnerung bleibt die prägnante Darstellung Wolf Kaisers als Generalmajor Wolzow in DIE ABENTEUER DER WERNER HOLT (1965), der auf eine 250jährige soldatische Tradition zurückblicken kann und seinem Sohn zu einem Fanatiker erzieht.

Ab 1961 ist Wolf Kaiser verstärkt in Fernsehinszenierungen präsent. 1969 wird er festes Mitglied des Ensembles des Fernsehens der DDR. Zahlreich sind seine Auftritte. Als zweifelhafter Geschäftemacher Jachmann überzeugt er in der Hans Fallada-Verfilmung "Kleiner Mann - was nun?" (1967). Für die Darstellung des Meister Falk in der Verfilmung der Benito Wogatzki-Romane wird der Schauspieler mit zwei Nationalpreisen ausgezeichnet. Die Palette seiner Figuren ist breit gefächert. Er gibt politisch engagierte Zeitgenossen ebenso wie leichtlebige Bürgerliche, unzufriedene Künstler sowie verbitterte alte Männer, aktiv handelnde Privatdetektive gehören ebenso dazu. Besonders in Erinnerung bleibt die Carl Gassauer-Verfilmung "Casanova auf Schloß Dux" (1981), wo er an der Seite von Marianne Wünscher den alten Lebemann mit erotischem Flair gibt.

Mehrfach arbeitet Wolf Kaiser in der Schweiz. Gegen Ende der 70er Jahre spielt er dort Theater und ist in Stücken von Wedekind, Zuckmayer und Dürrenmatt zu sehen. Zahlreich sind seine Arbeiten beim schweizerischen Fernsehen. In der Verfilmung der Gottfried Keller-Novelle "Ursula" (1978), die Egon Günther in einer Koproduktion zwischen der DDR und der Schweiz realisiert, übernimmt Wolf Kaiser die Rolle des Schnurrenberger. Der Film wird nach einmaliger Ausstrahlung im DDR-Fernsehen nicht wieder aufgeführt. Grund mag die Aktualisierung und der Gegenwartsbezug der Novelle gewesen sein.

Wolf Kaiser engagiert sich in der DDR auch gesellschaftlich. Er ist Präsident des Klubs der Gewerkschaft Kunst "Die Möwe". Neben seiner umfangreichen Tätigkeit ist er zudem häufig als Sprecher bei Hörspiel- und Synchronarbeiten tätig.

Bedingt durch eine langjährige Krankheit kann der Schauspieler nach dem Zusammenbruch der DDR immer weniger Aufgaben wahrnehmen. Wolf Kaiser wählt am 21. Oktober 1992 in Berlin den Freitod.

zusammengestellt von Ines Walk (www.film-zeit.de)

 

Filmographie

  • 1944 Das Leben ruft
    Darsteller
  • 1944 Der Erbförster
    Darsteller
  • 1944 Die Kreuzlschreiber
    Darsteller
  • 1951 Die letzte Heuer
    Darsteller
  • 1952 Das verurteilte Dorf
    Darsteller
  • 1952 Karriere in Paris
    Darsteller
  • 1953 Die Geschichte vom kleinen Muck
    Darsteller
  • 1954 Der Fall Dr. Wagner
    Darsteller
  • 1954 Der Ochse von Kulm
    Darsteller
  • 1954 Ernst Thälmann - Sohn seiner Klasse
    Darsteller
  • 1955 Stacheltier: Prometheus
    Kurzspielfilm, Darsteller
  • 1956 Das tapfere Schneiderlein
    Darsteller
  • 1956 Die Millionen der Yvette
    Darsteller
  • 1956 Thomas Müntzer
    Darsteller
  • 1957 Katzgraben
    Dokumentarfilm, Mitwirkender
  • 1957 Stacheltier: Die Moritat von Kies
    Kurzspielfilm, Darsteller
  • 1957 Stacheltier: Tanz in der Galerie
    Kurzspielfilm, Darsteller
  • 1959 Kabale und Liebe
    Darsteller
  • 1959 Senta auf Abwegen
    Darsteller
  • 1960 Mutter Courage und ihre Kinder
    Darsteller
  • 1961 Das Kleid
    Darsteller
  • 1961 Italienisches Capriccio
    Darsteller
  • 1963 Der Dieb von San Marengo
    Darsteller
  • 1963 Jetzt und in der Stunde meines Todes
    Darsteller
  • 1964 Alaskafüchse
    Darsteller
  • 1964 Stacheltier: Das blaue Zimmer
    Kurzspielfilm, Darsteller
  • 1965 Die Abenteuer des Werner Holt
    Darsteller
  • 1979 Rauch ohne Feuer
    HFF-Film, Darsteller
  • 1981 Das gefrorene Herz
    Darsteller


TV-Filme und Serien

  • 1960 Heinrich VIII. oder Der Ketzerkönig
    TV-Film, Darsteller
  • 1961 Die heilige Johanna von Amerika
    TV-Film, Darsteller
  • 1962 Der Tempel des Satans,
    3. Teile TV-Film, Darsteller
  • 1962 Mariana Pineda
    TV-Film, Darsteller
  • 1965 Filumena Marturano
    TV-Film, Darsteller
  • 1966 Meine besten Freunde
    TV-Film, Darsteller
  • 1967 Die Erben des Manifest, Episode "Das Vorwerk"
    TV-Film, Darsteller
  • 1967 Kleiner Mann, was nun?
    TV-Film, Darsteller
  • 1967 Meine besten Freunde, 3 Teile
    TV-Film, Darsteller
  • 1968 Ich – Axel Caesar Springer,
    3 Teile TV-Film, Darsteller
  • 1968 Zeit ist Glück, 2 Teile
    TV-Film, Darsteller
  • 1969 Die Zeichen der Ersten,
    3 Teile TV-Film, Darsteller
  • 1969 Kriminalfälle ohne Beispiel, Episode "Das Verbrechen an Timo Rinnelt und seine Aufklärung"
    TV-Film, Darsteller
  • 1970 Denn ich sah eine neue Erde
    TV-Film, Darsteller
  • 1970 Der Sonne Glut,
    3 Teile TV-Film, Darsteller
  • 1970 Fiete Stein
    TV-Film, Darsteller
  • 1971 Das letzte Wort,
    3 Teile TV-Film, Darsteller
  • 1971 Der Tod des Millionärs,
    3 Teile TV-Film, Darsteller
  • 1971 Istanbul-Masche
    TV-Film, Darsteller
  • 1972 Das Märchen vom alten Arbat
    TV-Film, Darsteller
  • 1972 Der Adjutant, 3 Teile
    TV-Film, Darsteller
  • 1972 Der Herr Ornifle
    TV-Film, Darsteller
  • 1973 Das Erbe seiner selbst
    TV-Film, Darsteller
  • 1973 Spätsaison,
    3 Teile TV-Film, Darsteller
  • 1974 Solange der Wagen rollt
    TV-Film, Darsteller
  • 1975 Bin ich Moses?,
    2 Teile TV-Film, Darsteller
  • 1975 Der Besuch
    TV-Film, Darsteller
  • 1975 Die heilige Sophia
    2 Teile TV-Film, Darsteller
  • 1975 Sensationsprozeß Marie Lafarge
    TV-Film, Darsteller
  • 1976 De Schützekönig
    TV-Film, Darsteller
  • 1976 Der Stumme
    TV-Film, Darsteller
  • 1976 Sein letzter Fall,
    2 Teile TV-Film, Darsteller
  • 1976 Was kostet Martin die Welt?
    TV-Film, Darsteller
  • 1977 Goldene Zeiten – feine Leute,
    2 Teile TV-Film, Darsteller
  • 1977 Happy End
    TV-Film, Darsteller
  • 1977 Rückkopplung
    TV-Film, Darsteller
  • 1978 Ursula
    TV-Film, Darsteller
  • 1979 Der Besuch der alten Dame
    TV-Film, Darsteller
  • 1979 Rumpelstilz
    TV-Film, Darsteller
  • 1980 Beenschäfer
    TV-Film, Darsteller
  • 1980 Sehr jung, sehr blond, und das gewisse Etwas
    TV-Film, Darsteller
  • 1981 Berühmte Ärzte der Charité, Episode "Der Mann aus Jena"
    TV-Film, Darsteller
  • 1981 Casanova auf Schloß Dux
    TV-Film, Darsteller
  • 1981 Schöne Ferien
    TV-Film, Darsteller
  • 1981 Warte uf de Godot
    TV-Film, Darsteller
  • 1982 Die Leidenschaftlichen
    TV-Film, Darsteller
  • 1984 Schlucker oder Fahren wir eben mal nach Görlitz
    TV-Film, Darsteller
  • 1985 Das heilige Experiment
    TV-Film, Darsteller
  • 1987 Der schwarze Tanner
    TV-Film, Darsteller

 

Auszeichnungen

1961 Kunstpreis der DDR

1965 Nationalpreis II. Klasse

1967 GEDULD DER KÜHNEN
Nationalpreis III. Klasse im Kollektiv

1968 ZEIT IST GLÜCK
Nationalpreis I. Klasse im Kollektiv.

1977 Vaterländischer Verdienstorden in Silber

1981 Vaterländischer Verdienstorden in Gold


Ausgewählte Literatur

Joachim Reichow: Wolf Kaiser - Meister Falk und andere, in: Der Morgen, 12.10.1969.

Ehrentraud Novotny: Wolf Kaiser, in: Renate Seydel (Hrsg.): Schauspieler, Berlin Henschel Verlag 1974.

Irene Böhme: Sein letzter Fall, in: Sonntag, 41/1976.

Käthe Rülicke-Weiler: Happy End, in: Film und Fernsehen, 09/1977.

Jutta Voigt: Gratulation, in: Sonntag, 44/1981.

Peter Berger: Glanzrollen in Frack und Meistermontur. Heute wird Wolf Kaiser 65 Jahre alt, in: Neues Deutschland, 26.10.1961.

Helga Schwarz-Stötzer: Wolf Kaiser. Plädoyer für einen Volksschauspieler, in: FF-Dabei, 6/1983.

Ingrid Fausak: Ein Charakterdarsteller von besonderem Gepräge. Zum 70. Geburtstag des Schauspielers Wolf Kaiser, in: Neues Deutschland, 25.10.1986.

Dieter Krebs: Mackie und Meister Falk. Zum 70. Geburtstag von Wolf Kaiser, in: Berliner Zeitung, 25./26.10.1986.

Ernst Schumacher: Charakterdarsteller von "raubtier-eleganter" Gestik. Wolf Kaiser wird heute 75 Jahre, in: Berliner Zeitung, 26.10.1991.

Detlef Friedrich: Zwischen Mackie Messer und Meister Falk, in: Berliner Zeitung, 23.10.1992.

Gn: Der "Lear" bleibt ungespielt. Der Schauspieler Wolf Kaiser ist tot, in: Die Tageszeitung, 24.10.1992.

Christoph Funke: Faszination des Zwielichtigen. Zum Tod von Wolf Kaiser, in: Der Tagesspiegel, 24.10.1992.

Ernst Schumacher: Ein Monarch ist dahingegangen. Im Berliner Ensemble fand die Trauerfeier für Wolf Kaiser statt, in: Berliner Zeitung, 07.11.1992.

Eberhard Esche: Monarch der Schauspielkunst. Trauerrede auf einen großen Mimen, in: Neues Deutschland, 04.01.1993.

Horst Knietzsch: "Ich möchte' nicht mehr weiter jetzt… ". Wolf Kaiser: Erinnerungen an seinem 80. Geburtstag, in: Neues Deutschland, 26.10.1996.

Hans-Dieter Schütt: Charakter. Vor zehn Jahren starb Wolf Kaiser, in: Neues Deutschland, 21.10.2002.