Meyer, Marc


Meyer_Rust_Morsbach2DEFA-Indianerlegende Gojko Mitíc hat dem Niedersachsen Marc Meyer etliche unterhaltsame Stunden vor dem Bildschirm beschert und dessen Berufswunsch mit geformt.
„Erstmalig habe ich bei seinen Filmen während der Ausstrahlung in der `Flimmerstunde`
des DDR-Fernsehens von einer Geschichte wegtragen lassen. Er kam so authentisch rüber und strahlte eine Aura aus, wegen der man ihm glaubte, dass er die Figuren nicht nur lebte, sondern wirklich zum Indianer wurde.“
Mehr als 20 Jahre später schrieb Marc Meyer in der Vorlage zu „Planet B: The Antman“:
"Auf die Veranda tritt ein Indianer, der aussieht wie Gojko Mitíc." Der Serbe nahm die Rolle an und Marc Meyer konnte sein Idol im Studio Babelsberg kennen lernen.
Zwei Bücher hat Marc Meyer für die vierteilige B-Movie Science-Fiction-Serie geschrieben. Sechs Jahre später gab er nach eigener Vorlage sein Regiedebüt mit der unabhängig produzierten, tragikkomischen Familiengeschichte „Wir sagen Du! Schatz“.

Foto: poll production gmbh/ Goethe

Marc Meyer wird 1968 in Helmstedt (Niedersachsen) geboren und wächst in einem kleinen Dorf an der A2 in der Nähe von Königslutter und der Grenze zur DDR auf. „Das Kino hat mich fasziniert, aber keiner wäre dort in den 80er Jahren auf die Idee gekommen zum Film zu gehen.“ Im Gymnasium wirkt er an Schulaufführungen mit, später kommen Auftritte als Statist am Staatstheater in Braunschweig hinzu.

1991 bis 1995 studiert er Politikwissenschaft in Berlin. Mit Freunden dreht er die ersten Kurzfilme, für die er sich die Geschichten ausdenkt und zu Papier bringt. Kurz nach den Abschluss des Politologie-Studiums am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin bekommt er die erste Förderung der Entwicklung eines Drehbuches durch das Media-1-Programm. Mehr als zwei Jahre recherchiert er für die in Polen, Portugal und Deutschland spielende Episodengeschichte auf der iberischen Halbinsel. Der Produzent kann jedoch die Finanzierung nicht schließen.

Zugleich lernt Marc Meyer die Arbeit auf dem Filmsets als Assistent bei verschiedenen portugiesischen Filmproduktionen kennen. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland Ende 1997 entstehen mit Unterstützung von Förderungen weitere Bücher, die alle in der Finanzierungsphase stecken bleiben. „Stark geprägt war ich - wie fast alle in meinem Alter -  von den Filmen von Jim Jarmusch und David Lynch. Entsprechend wollte ich auch viel experimentieren mit dramaturgischen Formen und absurden Bilderwelten. Mitte der 90er war es schwer, für solche Stoffe Produzenten zu finden.“

Über eine Annonce findet Marc Meyer 1999 Kontakt zu Cyclops´ Eye. Die Firma entwickelt die trashigen B-Genre-Movies des „Planet B“-Projekts. Hinter der Idee steht Tom Zicklers Produktionsfirma Checkpoint Berlin. Marc Meyer schreibt die Drehbücher für „Mask under Mask“ und „The Antman“, das später auch als Roman veröffentlicht wird. „Ich fand die Idee verrückt und hatte auch nie wieder so große Freiheiten bei der Auslotung der Möglichkeiten eines populären Genres. Zugleich war es ein abstruser Gegenpol zum die deutschen Filmlandschaft prägenden Hang zu einer am Realismus orientierten Authentizität. Ich hätte aber nie gedacht, dass die Bücher wirklich umgesetzt werden können.“

  Tom Zickler kann die vier Filme mit prominenter Besetzung realisieren. Im Zentrum von „Mask under Mask“ steht der Schönheitswahn in einem mittelalterlichen Königreich in Paraguay. Wer jung und schön ist, hat alle Freiheiten, wer alt und hässlich wird, muss das Reich verlassen. Dieses Schicksal droht auch dem Herrscher Valdéz de Corazón. Um dem zu entfliehen, schwört er der Magierin Alyssa de Espella ewige Liebe. Nachdem sie ihm das Geheimnis ewiger Jugend und Schönheit verraten hat, bricht er seine Versprechen und verbannt Espella. Diese schwört natürlich Rache.

 „The Antman“ führt nach Mexico-City, wo Don Josè de Alvarez nach der Vernichtung einer Plage von Ameisenmonstern zum Volksheld avanciert. Die ungeliebten Viecher holen ihn wieder ein nachdem er sich mit seiner Geliebten Bella Bonita in sein Heimatdorf zurückgezogen hat. Dort herrscht der skrupellose Loco Satano, der nach der absoluten Macht über die Menschheit strebt. Um an sein Ziel zu gelangen, setzt er auf das Ameisenheer. Er entführt Bella Bonita, um sie mit den Ameisen zu kreuzen und zur Ameisenkönigin zu küren. Das kann Alvarez natürlich verhindern.

Während der Produktion wird bei Marc Meyer der Wunsch geweckt, selber Regie zu führen. „Es war klar, dass die Umsetzung der Planet B-Bücher zu großen Kompromissen führen würde - die Regisseure mussten ihren eigenen Ansatz finden, um diese aufwendigen Fantasy-Stoffe bei dem bescheidenen Budget artgerecht zu interpretieren. Da blieb natürlich viel von meiner eigenen Vorstellungswelt auf der Strecke und ich wusste: Mach es selber." 

2003 ist Marc Meyer Co-Regisseur bei dem Dokumentationsprojekt „Freedom2speak“. Ein Jahr später inszeniert er seinen ersten Kurzfilm „Sonntag im August“, in dem er ein Paar, das sich auseinander gelebt hat, dessen Gefühle füreinander aber noch nicht erkaltet sind, auf engsten Raum, in einem Boot, aufeinander treffen lässt.

Der Film gewinnt den Förderpreis der Kunstministerin Sachsens auf dem Filmfest Dresden. Das Preisgeld macht die Entwicklung der Vorlage von Marc Meyers Langfilmdebüt möglich Im November 2006 erfüllt sich endlich der Traum einen langen Spielfilm zu realisieren. „Es hätte schon früher geklappt, wenn meine weiteren Bücher finanziell und vom logistischen Aufwand her günstiger umzusetzen gewesen wären. Mit "WIR SAGEN DU! SCHATZ." hatte ich endlich einen Stoff, dessen Handlung sich im Wesentlichen auf eine Wohnung beschränkt. Das war ein sehr überschaubarer Produktionsrahmen. So überschaubar, dass ich den Film zusammen mit einem Freund, Faysal Omer, selber produzieren konnte. Sogar ohne Beteiligung eines Fernsehsenders. Was uns wichtig war, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren."

Im Zentrum der Tragikkomödie steht der 38-jährige Oliver, der sich wenige Tage vor Weihnachten den Traum von einer eigenen Familie erfüllt. Die Familienmitglieder werden einfach gekidnappt und entsprechend von ihrem Glück überrascht und überrollt. Oliver hat ihnen den Weg aus dem 18. Stockwerk eines weitgehend leer stehenden Hochhauses versperrt. Unter den Gekidnappten sind zwei Frauen, von denen die eine ihr wahres Alter verschweigt um sich und ihrer Umgebung nicht eingestehen zu müssen, dass sie nur noch arbeitet um nicht einsam zu sein. Die andere klammert sich zunächst verzweifelt an die Hoffnung, ihr Mann werde sie retten, muss sich aber dessen Untreue stellen. Der ältere Nachbar verteidigt stetig seine Wohnung als Hort der Erinnerungen. Der Fernseher ist beinahe sein einziger Kontakt zur Außenwelt.

Mitgebracht hat Oliver eine 18-jährige Herumtreiberin, einen Jungen, der von zu Hause weg gelaufen ist, weil er sich nicht geliebt fühlt, und ein Baby aus der Babyklappe. In den folgenden Tagen prallen die Temperamente, Vorurteile, Ängste und Neurosen aufeinander. Ein glückliches Familienleben hat sich Oliver anders vorgestellt – aber er ist zufrieden mit dem Glück, das er gefunden hat. Zumal einige nach heftigen Streits ein wenig aufeinander zu gehen.  

„Die Idee entstand als ich mich mit einem Freund, der ebenfalls ein einsamer Schreiber ist, fragte, warum um uns herum am Prenzlauer Berg so viele Kinder geboren werden und wir selber keine Familie haben. Pflegen wir nur unseren ungesunden Eskapismus und sind die Familienmenschen glücklicher? Mein Leitsatz stammt dabei von Camus: Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen!"

 Zweiter Ausgangspunkt der Überlegungen war die Sicht des Politologen auf die Familie als kleinste Zelle, aber auch als kleinste Zwangsgemeinschaft der Gesellschaft. Diese Intention und Metapher verliert der Filmemacher beim Entwurf des Skriptes, das unterschiedliche Menschen zum Zusammenleben auf engstem Raum und damit zu Arrangements zwingt, und der Umsetzung nie aus dem Auge. Neben dem ständigen Streit und Reibereien beim Arrangieren des täglichen Zusammenlebens erleben die Figuren aber auch unerwartete Momente des Glücks in der Zwangsgemeinschaft

Um die notwendige Sicherheit bei der Arbeit an seinem Debüt zu finden, dreht Marc Meyer in chronologischer Reihenfolge. Er lässt den Schauspielern zunächst den Raum zur Improvisation. Nach drei Tagen merken alle, dass die Dialoge so stimmig geschrieben sind, dass sie nicht verändert werden dürfen, um die bis ins letzte Detail stimmig konstruierte Struktur der Tragikkomödie nicht zu gefährden.  

Diese Sorgfalt zahlt sich aus. Die Lebensentwürfe – und Lügen der Figuren, ihre Emotionen und Neurosen prallen ungefiltert und heftig aufeinander. Ihre Situation ist zugleich das Abbild der modernen Gesellschaft, in der Werte wie Familie, Regeln und Miteinander neu definiert und einen anderen Stellenwert erhalten.

Bei seiner Tournee zum Filmstart konstatiert Marc Meyer auch die unterschiedliche Rezeption des Films in den Alten- und Neuen Bundesländern. „Die gesellschaftliche Dimension, die ich zwar im Hinterkopf hatte, aber nie vordergründig mitinszeniert hatte, wurde im Osten Deutschlands sehr viel stärker bemerkt. Mir persönlich ging es bei der Inszenierung vor allem um den Balanceakt zwischen Tragik und Komik, in dessen Spannungsfeld sich die "Inhalte" entfalten können. Das war mein "Experiment" - quasi das Angebot von verschiedenen Interpretationsräumen. Und bei der Rezeption durch das Publikum im Kino stellte ich glücklicherweise fest, dass die subtilen Elemente des Film, sei es die Parabel hinter der Geschichte oder auch der doppelbödige Humor, sehr dankbar aufgenommen werden.“


Trotz des Erfolges bleiben Regie-Angebote aus, auf die Marc Meyer gehofft hatte um seinen Lebensunterhalt besser bestreiten zu können. Zugleich haben ihn die positiven Reaktionen ermutigt, das Buch für seinen nächsten Film wieder selber zu schreiben. „Es wäre schön, wenn Angebote von außen kommen. Andererseits lege ich stets Wert darauf, mich mit Projekten auseinander zu setzen, die meiner Art zu erzählen bzw. meine Art die Welt zu sehen, entsprechen. Diesen Weg gehe ich auch sehr gerne und sehr motiviert weiter, auch wenn ich weiß, dass es ein harter Weg ist seine Visionen nicht aufzugeben.“ 

Stand: Januar 2008
Autorin: Katharina Dockhorn