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DEFA - Stiftung - Müller, Alfred

Müller, Alfred

Der Schauspieler Alfred Müller wird über Nacht als "007 des Ostens" bekannt. Er spielt in dem Spionagefilm FOR EYES ONLY (1963) den DDR-Agenten Hansen, der die CIA überlistet. Dabei ist er kein Superman oder Abenteurer, sondern ein liebenswerter Kerl von nebenan. Der Film zählt zu den erfolgreichsten des Jahres, obwohl er unverhohlen für das kommunistische System agitiert. Die Rolle begründet die bis heute anhaltende Popularität des Schauspielers, der mittlerweile als liebenswerter Großvater in SHERLOCK HOLMES UND DIE SIEBEN ZWERGE (1994) im Märchenland ermittelt.



Alfred Müller in
"Erscheinen Pflicht" (1983)
Foto: DEFA-Stiftung/Christa Köfer

 
Alfred Müller wird am 04. Juli 1926 in Berlin, im Wedding in der Müllerstraße geboren. Sein Vater ist Hilfsarbeiter und Taxifahrer, seine Mutter arbeitet als Sekretärin. Nach seiner Schulausbildung, die er an einer Schule im Humboldthain absolviert, beginnt er eine Facharbeiterausbildung als Mechaniker bei Siemens. Hier gründet er mit Freunden ein Kabarett. Als er zum Arbeitsdienst eingezogen werden soll, schließt er die Lehre mit einer Notprüfung ab. Das Ende des Krieges übersteht er in französischer Gefangenschaft.
1949 kehrt Alfred Müller nach Berlin zurück. Sein Wunsch, Schauspieler zu werden, erfüllt sich anfangs nicht. Das DEFA-Besetzungsbüro schickt ihn wieder nach Hause. Er studiert zunächst am Konservatorium des Nordens in West-Berlin Gitarre, spielt mit Freunden in Berliner Gaststätten. Zudem steht er im Prenzlauer Berg in einer Laienspielgruppe und einem Kabarett auf der Bühne. Mit 26 Jahren versucht er es nochmals mit einem Vorsprechen an der Staatlichen Schauspielschule in Berlin-Schöneweide und wird angenommen.

Nach dem Studium erhält er sein erstes Engagement am Theater der Bergarbeiter in Senftenberg. Sein Debüt gibt er als Muley Hassan in Friedrich Schillers "Die Verschwörung des Fiesco in Genua". Er spielt weiter in Klassikern, unter anderem gibt er den Puntila, den Urfaust und den Theodor Maske in der Carl Sternheim-Komödie "Die Hose". Das experimentierfreudige Theater gilt in den 50er und 60er Jahren als Talentschmiede für die hauptstädtischen Bühnen. Alfred Müller arbeitet mit Regisseur Horst Schönemann zusammen, der ihn 1959 mit ans Maxim Gorki-Theater nimmt. Dem Theater bleibt er treu, mit einer Pause von sieben Jahren, in der er Mitglied des DEFA-Ensembles ist. Aber die Bühne, der direkte Kontakt zum Publikum fehlt ihm, so dass er 1972 zum Maxim Gorki-Theater zurückkehrt. Zu seinen zahlreichen Rollen gehören der Phileas Fogg in "Reise um die Erde in 80 Tagen", der Käpt'n Ritter in "Seemannsliebe", der Sudakow in "Das Nest des Auerhahns" und Hitler in "Das Ende".

Mit dem Erfolg auf der Theaterbühne wird auch die DEFA auf den Schauspieler aufmerksam. Vor die Kamera holt ihn erstmals der Regisseur Kurt Jung-Alsen für eine kleine Rolle eines Gestapomannes in dem Film DIE HEUTE ÜBER 40 SIND (1960). Doch die Filmkarriere beginnt schleppend. Zunächst agiert der Schauspieler in zwei TV-Streifen. Nochmals arbeitet er mit dem Regisseur Kurt Jung-Alsen in dem TV-Film "Der Schwur des Soldaten Pooley" (1961) zusammen. Hier spielt er einen Offizier der Waffen-SS, der kaltblütig britische Kriegsgefangene ermorden läßt. Es folgt der fünfteilige TV-Kriminalfilm "Der Ermordete greift ein" (1961), die im westdeutschen Theatermilieu spielt.

Über Nacht stellt sich der große Erfolg für den Schauspieler mit der Rolle des Agenten Hansen in dem Politthriller FOR EYES ONLY (1963) ein. Er arbeitet mit dem Regisseur Janos Veiczi zusammen, dem mit bewährten Genre-Qualitäten des Abenteuerfilms ein Publikumserfolg gelingt. Erzählt wird die Geschichte eines DDR-Geheimdienstlers, der an hoher Position in den amerikanischen CIA eindringt, dort einen wichtigen Plan des CIA-Hauptquartiers für einen militärischen Schlag gegen die DDR entwendet und dann in seine Heimat zurückkehrt. Alfred Müller gibt den Spion mit Understatement und ohne jede Heldenposse, er ist liebenswert, klug, mutig. Der Charakter überzeugt auch wegen der Normalität, in der der Schauspieler agiert, ohne Rückgriff auf die klassischen Spionage-Klischees agiert er als Meisterspion. Die Rolle begründet die bis heute anhaltende Popularität des Schauspielers.



Alfred Müller in
"For eyes only" (1963)
Foto: DEFA-Stiftung/Fotograf unbekannt

Alfred Müller wird 1965 Mitglied des DEFA-Ensembles und erhält zahlreiche Angebote. Zu einer seiner Paraderollen wird jene des korrupten Richters in DAS KANINCHEN BIN ICH (1965) unter der Regie von Kurt Maetzig. Die Kellnerin Maria Morzeck (in ihrer ersten Filmrolle Angelika Waller) darf nicht studieren, weil ihr Bruder wegen "staatsgefährdender Hetze" zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Sie verliebt sich in den wesentlich älteren Paul Deister. Als sie erfährt, daß er der Richter ist, der ihren Bruder verurteilt hat, gerät sie in seelische Konflikte. Der politische Sprengstoff des Films liegt in der Figur des Richters, der heuchlerisch, feige und doppelzüngig nicht nur Recht spricht, sondern auch sein Leben gestaltet. Der Film wird nach dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED verboten und gelangt erst 1990 in die Kinos.

In dem Zweiteiler DIE GEFRORENEN BLITZE (1967), der von Harry Thürk geschrieben und von Janos Veiczi in Szene gesetzt wird und die Entwicklung der ballistischen Fernrakete V 2 schildert, spielt er den deutschen Wissenschaftler Dr. Grunwald, der sich in moralischen Konfliktsituationen befindet. Vom Mitläufer wandelt er sich zum Gegner der Nationalsozialisten. In MEIN LIEBER ROBINSON (1970) agiert er als Vater Gruner, der ein gespaltenes Verhältnis zu seinem Sohn hat. In DIE FAHNE VON KRIWOG ROG (1967) spielt er den Direktor Niedermeyer.

Häufig verkörpert Alfred Müller historische Persönlichkeiten, spielt die Großen der Geschichte. In der Karl Liebknecht-Filmbiographie SOLANGE LEBEN IN MIR IST (1965) von Günter Reisch mimt er den Großindustriellen Krupp. Außerdem spielt er Karl Marx in MOHR UND DIE RABEN VON LONDON (1968). Geschildert wird eine Episode aus dem Leben des Philosophen, der sich gegen Kinderarbeit einsetzt. Auch im Fernsehen spielt Alfred Müller diese Rollen häufig, gleichzeitig zu seiner Karriere bei der DEFA beginnt auch jene auf der kleinen Leinwand. So gibt er den Kunstflieger Ernst Udet in der mehrteiligen TV-Film "Ohne Kampf kein Sieg" (1966), der nach der Biographie von Manfred von Brauchitsch entsteht. In dem aufwendig, an vielen Originalschauplätzen gedrehten siebenteiligen Fernsehfilm "Die gläserne Fackel" (1989) spielt er den Begründer sowie den Generaldirektor der Carl Zeiss Jena Werke. Aber auch andere Rollen stehen dem Schauspieler offen. Im Fernseh-Mehrteiler "Die Bilder des Zeugen Schattmann" (1972) verkörpert er einen zynischen SS-Mann.

Mehr und mehr konzentriert sich der Schauspieler auf seine komödiantischen Fähigkeiten. In LEBEN ZU ZWEIT (1967) von Herrmann Zschoche agiert er als Mathematiker, der der heimliche Freund einer Standesbeamtin (gespielt von Marita Böhme) ist. Um sie heiraten zu können, muß er erstmal die 16jährige Tochter überzeugen. In dem Musical HIEV UP (1978) spielt er den Kapitän Odje auf einem Ostsee-Kutter, der das Brigadeleben der Kuttermannschaft auf Vordermann bringt. Leider nutzt die DEFA das komödiantische Talent des Schauspielers zu wenig. Seit 1982 ist Alfred Müller freischaffender Schauspieler, der sich im Unterhaltungsbereich einen Namen macht.

Gemeinsam mit Gisela May widmet er Kurt Tucholsky, Bertolt Brecht und Erich Kästner verschiedene literarisch-musikalische Programme, die auch im Ausland, in Paris, Sydney, Stockholm und Zürich Erfolge feiern. Dem Unterhaltungsstar Helga Hahnemann gibt er Stichworte für ihre Sketsche auf der Bühne des Friedrichstadt-Palastes. Mit Marianne Wünscher arbeitet er an der Volksbühne zusammen. Er produziert zahlreiche Lacher mit dem Komiker Hans-Joachim Preil, in dessen Sketchen und Schwänke er als Briefträger Alois Wachtel auftritt.

Nach dem Zusammenbruch der DDR hat der Schauspieler zunächst wie viele seiner anderen Kollegen Schwierigkeiten. Im Westen des Landes ist er so gut wie unbekannt. Er gastiert an Theater in Dessau und erfüllt sich hier den Traum, die Titelrolle im "Hauptmann von Köpenick" zu spielen. Weitere Stationen sind Hagen oder Dresden. In Berlin steht er in Musicals wie "Anything Goes" oder "Blue Jeans" am Theater des Westens auf der Bühne, spielt am Theater am Kurfürstendamm. Mittlerweile ist er in zahlreichen TV-Serie und -Spielfilmen präsent.

Bei Kindern besonders beliebt ist seine Rolle des Großvaters und Kriminalisten in SHERLOCK HOLMES UND DIE SIEBEN ZWERGE (1994) in der Regie von Günter Meyer, wo er mit viel Ironie und Kombinationsgabe im Märchenwald ermittelt. Mit dem Regisseur arbeitet er mehrfach zusammen. In dem Kinderfilm SPUK AM TOR DER ZEIT (2002) und der TV-Serie "Pengo! Steinzeit"" (2002) steht er ebenfalls als hilfsbereiter Großvater vor der Kamera.

Alfred Müller ist mit der Kostümbildnerin Eva Drechsler seit 1958 verheiratet. Ihr gemeinsamer Sohn Nico wird 1967 geboren. Die Familie lebt in Berlin, am Grünauer See.
Am 2. Dezember 2010 ist Alfred Müller in Berlin gestorben.

zusammengestellt von Ines Walk (www.film-zeit.de)


Filmographie

  • 1960 Die heute über 40 sind
    Darsteller
  • 1961 Stacheltier: Der Dickhäuter
    Kurzfilm, Darsteller
  • 1963 For Eyes Only
    Darsteller
  • 1965 Das Kaninchen bin ich
    Darsteller
  • 1965 Solange Leben in mir ist
    Darsteller
  • 1967 Die gefrorenen Blitze
    Darsteller
  • 1967 Leben zu zweit
    Darsteller
  • 1967 Turlis Abenteuer
    Darsteller
  • 1967 Die Fahne von Kriwoj Rog
    Darsteller
  • 1968 Mohr und die Raben von London
    Darsteller
  • 1968 Das siebente Jahr
    Darsteller
  • 1969 Geheime Spuren,
    3. Teile Darsteller
  • 1969 Netzwerk
    Darsteller
  • 1969 Aus unserer Zeit
    Darsteller
  • 1970 Mein lieber Robinson
    Darsteller
  • 1970 Signale - Ein Weltraumabenteuer
    Darsteller
  • 1970 Meine Stunde Null
    Darsteller
  • 1970 KLX an PLX - Die Rote Kapelle
    Darsteller
  • 1971 Anflug Alpha 1
    Darsteller
  • 1972 Der kleine Kommandeur
    Darsteller
  • 1972 Laut und leise ist die Liebe
    Darsteller
  • 1977 Hiev up
    Darsteller
  • 1977 Das Versteck
    Darsteller
  • 1979 Chiffriert an Chef – Ausfall Nummer 5
    Darsteller
  • 1983 Erscheinen Pflicht
    Darsteller
  • 1987 Kindheit
    Sprecher
  • 1994 Sherlock Holmes und die sieben Zwerge
    Darsteller
  • 2002 Spuk am Tor der Zeit
    Darsteller


TV-Filme und Serien

  • 1961 Der Ermordete greift ein,
    5 Teile TV-Film, Darsteller
  • 1962 Der Schwur des Soldaten Pooley
    TV-Film, Darsteller
  • 1966 Geheimkommando Bumerang
    TV-Film, Darsteller
  • 1966 Ohne Kampf kein Sieg,
    5 Teile TV-Film, Darsteller
  • 1967 Schatten über Notre Dame
    TV-Film, Darsteller
  • 1968 Geheimkommando Ciupaga,
    3. Teile TV-Film, Darsteller
  • 1971 Tod in der Kurve
    TV-Film, Darsteller
  • 1973 Die sieben Affären der Dona Juanita,
    4 Teile TV-Film, Darsteller
  • 1974 Visa für Ocantros,
    2. Teile TV-Film, Darsteller
  • 1974 Das Geheimnis des Ödipus
    TV-Film, Darsteller
  • 1978 Captain Future
    TV-Serie, Sprecher
  • 1979 Die lange Straße,
    5 Teile TV-Film, Darsteller
  • 1982 Die dunklen Jahre – Sauerbruch/Bonhoeffer
    TV-Film, Darsteller
  • 1983 Ferienheim Bergkristall Schwank,
    TV-Serie, Darsteller
  • 1984 Klassenkameraden
    TV-Film, Darsteller
  • 1988 Die gläserne Fackel
    TV-Serie, Darsteller
  • 1988 Tiere machen Leute,
    9. Teile TV-Serie, Darsteller
  • 1989 Die ehrbaren Fünf
    TV-Film, Darsteller
  • 1992 Die Gespenster von Flatterfels
    TV-Serie, Darsteller
  • 1993 Tatort, Episode "Verbranntes Spiel"
    TV-Film, Darsteller
  • 1993 Schwarz-Rot-Gold – Der Rubel rollt
    TV-Film, Darsteller
  • 1994 Polizeiruf 110, Episode "Totes Gleis"
    TV-Film, Darsteller
  • 1995 Nikolaikirche,
    2. Teile TV-Film, Darsteller
  • 1996 DEFA. Es werden einpaar Filme bleiben
    Dokumentarfilm, Mitwirkender
  • 1997 Polizeiruf 110, Episode "Der Sohn der Kommissarin"
    TV-Film, Darsteller
  • 1997 Wolffs Revier, Episode "Clever und tot"
    TV-Serie, Darsteller
  • 1999 Der Pfundskerl
    TV-Film, Darsteller
  • 2000 Osterfeuer
    TV-Film, Darsteller
  • 2000 Der Raub der Sabinerinnen
    TV-Film, Darsteller
  • 2000 Heimatgeschichten: Osterfeuer
    TV-Film, Darsteller
  • 2002 Pengo! Steinzeit!
    TV-Serie, Darsteller
  • 2003 Für alle Fälle Stefanie, Episode "Am Abgrund"
    TV-Serie, Darsteller
  • 2003 Das Bernsteinamulett, 2 Teile
    TV-Film, Darsteller
  • 2003 In aller Freundschaft
    TV-Film, Darsteller
  • 2004 Finanzbeamte küßt man nicht
    TV-Film, Darsteller
  • 2004 Schloß Einstein
    TV-Serie, Darsteller


Auszeichnungen

1969 MOHR UND DIE RABEN VON LONDON
Nationalpreis III. Klasse

Kunstpreis der DDR
Fritz Heckert-Medaille des FDGB

Vaterländischer Verdienstorden in Silber

1975 Goethepreis der Stadt Berlin

Kunstpreis des FDGB


Ausgewählte Literatur

Peter Hoff: Salut für einen Alleskönner. Der Alfred aus der Müllerstraße wird 75, in: Neues Deutschland, 04.07.2001.

E. Förster: Aktiver Mime – Alfred Müller, in: Berliner Morgenpost, 04.07.1996.

Armin Stolper: Star ohne Allüren. Alfred Müller, Schauspieler und Entertainer, wird heute 70 Jahre alt, in: Neues Deutschland, 04. Juli 1996.

MAZ: 007 der DDR wird heute siebzig, in: Märkische Allgemeine Zeitung, 04.07.1996.

J. D.: Starkasten – Alfred Müller, in: Neues Deutschland, 02.03.1995.

Dieter Wolf: Alfred Müller, in: Ralf Schenk (Hrsg.): Vor der Kamera - Fünfzig Schauspieler in Babelsberg, Henschel Verlag Berlin, 1995.

Helga Schwarz-Stötzer: Alfred Müller – Die besten Jahre, in: Helga Schwarz-Stötzer: Mit Leib und Seele. Eine Porträtsammlung, Berliner Verlag 1990.

Manfred Möckel: Alfred Müller wird 60.!, in: Filmspiegel 13/1986.

Henryk Goldberg: Mich reizen Aufgaben, die so vielfältig sind wie unser Leben. Bekenntnisse eines populären Schauspielers. ND-Gespräch mit Alfred Müller, in: Neues Deutschland, 04.02.1984.