Rücker, Günther

Günther Rücker beginnt seine Karriere beim Film als Drehbuchautor und Texter. Anfangs sind es dokumentarische Arbeiten, die er abliefert. Bald zählt er zu den wichtigsten Drehbuchautoren der DEFA-Spielfilmproduktion. Sein Blick ist auf die DDR-Gegenwart gerichtet; er inszeniert mit DER DRITTE (1971) einen der wichtigsten Frauenfilme der DDR. Außerdem beschäftigt er sich immer wieder mit jüngster deutscher Geschichte; sein Film DIE VERLOBTE (1980) gehört zu den anerkanntesten DEFA-Produktionen überhaupt.

Günther Rücker wird am 2. Februar 1924 in Reichenbach (zum damaligen Zeitpunkt Böhmen, heute Liberec, Tschechische Republik) geboren. Sein Vater ist Tischler. Nachdem er 1942 sein Abitur absolviert hat, wird er sofort zum Militärdienst eingezogen. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges gerät er in britische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung 1945 wandert er nach Leipzig. Hier arbeitet er zunächst als Neulehrer, außerdem wird er Redakteur und Regisseur beim Mitteldeutschen Rundfunk, nebenbei ist er Assistent am Schauspielhaus. 1951 wechselt er zum Berliner Rundfunk und arbeitet dort ab 1952 als freischaffender Autor. Bekannt wird er durch zahlreiche, oft monologische Hörspiele.

1947 beginnt Günther Rücker ein Studium der Regie an der Mendelsohn-Akademie. Nach zwei Jahren hat er sein Abschlussdiplom in der Tasche. Bereits während seines Studiums ist er als Regie-Assistent am Leipziger Schauspielhaus tätig. Später führt er Regie beim Leipziger Rundfunk, schreibt und inszeniert Hörspiele. Um 1952 siedelt er nach Berlin um. Seit dieser Zeit arbeitet er als freischaffender Autor. Themen seiner Arbeiten sind unter anderem der Vietnam- und Koreakrieg. Günther Rücker versteht sich als Beobachter, er porträtiert einfache Menschen und lässt sie aus ihrem Leben berichten.

Ab den 1960er Jahren wird der Autor für den Film tätig. Zunächst arbeitet er im dokumentarischen Bereich. Gemeinsam mit den bekannten Dokumentarfilmern Anneliese Thorndike und Andrew Thorndike entstehen Exposés, Drehbücher und Kommentare. Thematisch orientiert sich das Team an der jüngsten deutschen Geschichte, unter anderem in den Beiträgen DU UND MANCHER KAMERAD (1956) und UNTERNEHMEN TEUTONENSCHWERT (1958). Er arbeitet auch mit den Regisseuren Karl Gass, Winfried Junge und Joachim Hellwig zusammen.

Neben den dokumentarischen Arbeiten interessiert sich der Autor immer mehr für den fiktiven Bereich. Sein erstes Spielfilm-Drehbuch wird komödiantisch. JUNGES GEMÜSE (1956) nach Motiven der Komödie "Der Revisor" von Nikolai Wassiljewitsch Gogol wird der Debütfilm von Günter Reisch. Der Autor modernisiert den Stoff und verlegt ihn in ein Dorf mit viel Weißkohlanbau. Die Komödie kommt frisch und mit viel Klamauk daher, setzt sich aber auch kritisch mit Selbstherrlichkeit und Bürokratie auseinander. Einige Dialoge sind der Hauptverwaltung Film zu spitz, aber Autor wie Regisseur weigern sich, Änderungen vorzunehmen.

Gemeinsam mit dem bekannten Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase hat er nach intensivem Studium von Dokumenten den betrügerischen Anlass für die deutsche Kriegserklärung gegen Polen im September 1939 recherchiert und aufgearbeitet. Der Film DER FALL GLEIWITZ (1961) wird ein Publikumserfolg, der Regisseur Gerhard Klein inszeniert streng und mit kühl-methodischer Distanz ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte.

Dann wechselt Günther Rücker auf den Regiestuhl. Sein erster Film DIE BESTEN JAHRE (1964) erzählt von dem frisch aus dem Krieg heimgekehrten Soldaten Ernst Macher, der als Neulehrer beginnt und immer weiter die Karriereleiter hochsteigt. Gespielt wird Ernst Macher von dem jungen Horst Drinda, der hier seine erste große schauspielerische Herausforderung meistert. Der Film thematisiert die Entwicklung eines neuen Schulsystems in der DDR, zeigt die verschiedenen Positionen der Generationen auf und ist deswegen auch ein interessantes Zeitdokument.

Der nächste Film nach einem seiner Drehbücher wird DER DRITTE (1971), inszeniert von Egon Günther. Er wird ein nationaler und internationaler Erfolg. Nach den Motiven des eigenen Hörspiels "Das Modell. Vier Entwürfe eines Tages" (1970) wird die Geschichte der jungen Margit Fleißer erzählt. Es geht um ihren Weg von einer Novizin zur Studentin und Programmiererin sowie um ihre Suche nach Liebe und Geborgenheit. Nach zwei herben Enttäuschungen will sie mit dem dritten Mann endlich das ersehnte Glück finden. Der Film zählt zu den besten DDR-Frauenfilmen und ist mit Jutta Hoffmann in der Hauptrolle sowie Armin Mueller-Stahl und Rolf Ludwig brillant besetzt. Die Emanzipation der Geschlechter in der DDR ist auch das Thema eines seiner nächsten Drehbücher, welches nach Gerichtsreportagen entsteht. BIS DASS DER TOD EUCH SCHEIDET (1978) wird von Heiner Carow inszeniert und berichtet von den Problemen einer jungen Ehe, die an Gewalt- und Alkoholexzessen zerbricht. Katrin Saß und Martin Seifert überzeugen in ihren Hauptrollen, der Film wird mehrfach ausgezeichnet.

Thema seiner Drehbücher und Filme ist immer wieder jüngste deutsche Geschichte. Mit WOLZ – LEBEN UND VERKLÄRUNG EINES DEUTSCHEN ANARCHISTEN (1973) verfilmt der Regisseur Günter Reisch die Biographie des Anarchisten Max Hoelz, der während der Weimarer Republik mittels individueller Anarchie soziale Gerechtigkeit erreichen will. Mit dem Regisseur arbeitet Günther Rücker nochmals zusammen. Gemeinsam inszenieren sie nach seinem Buch den mehrfach ausgezeichneten Film DIE VERLOBTE (1980), einer der erfolgreichsten DEFA-Filme überhaupt. Nach einer schweren Krankheit von Günter Reisch übernehmen Drehbuchautor Günther Rücker und Kameramann Jochen Brauer die Regie und setzen zwei Drittel des Films in Szene. Die herausragende Jutta Wachowiak spielt die überzeugte Kommunistin Hella Lindau, die mehr als zehn Jahre in einem nationalsozialistischen Frauenzuchthaus überlebt. Ausnehmend menschlich und individuell wird große Geschichte in diesem Film fassbar gemacht. Genau und präzise schildern die Filmemacher den Gefängnisalltag, bebildern die historische Entwicklung mit Archivmaterial. Auf Pathos wird verzichtet, vielmehr wird Menschlichkeit in den verschiedensten Formen präsentiert.

Günther Rücker schildert seine Kindheits- und Jugenderlebnisse in der autobiografisch eingefärbten Erzählung HILDE, DAS DIENSTMÄDCHEN (1984), die 1985 unter seiner und der Regie von Jürgen Brauer verfilmt wird. Der Film erzählt nach autobiografischen Erlebnissen die Geschichte einer Kindheit in Böhmen am Vorabend der Einverleibung des Sudetenlandes ins nationalsozialistische Deutschland.

Seit 1954 ist er Mitglied des Deutschen Schriftstellerverbandes. Als Dramatiker macht er sich ebenfalls einen Namen. "Der Herr Schmidt – Ein deutsches Spektakel mit Polizei und Musik" (1969) thematisiert den Kölner Kommunistenprozess. Ende der 1960er Jahre wird auch sein Drama "Der Nachbar des Herrn Pansa" uraufgeführt. Seit 1969 ist Günther Rücker Mitglied der Akademie der Künste der DDR, von 1974 bis 1982 ist er als Sekretär der Sektion Dichtkunst und Sprachpflege tätig sowie Mitglied des Präsidiums der Akademie. Seit 1978 ist er zugleich Mitglied des Zentralvorstands des Deutschen Schriftstellerverbandes.

Der Drehbuchautor und Regisseur ist mit einer Kostümbildnerin verheiratet. Günther Rücker stirbt am 24. Februar 2008 in Meiningen.

verfasst von Ines Walk
Stand: Januar 2015

Auszeichnung (Auswahl)

  • 1956    Du und mancher Kamerad          
                Nationalpreis der DDR II. Klasse im Kollektiv
  • 1966    Die besten Jahre         
                Heinrich-Greif-Preis I. Klasse
  • 1966    Erich-Weinert-Medaille
  • 1969    Verdienstmedaille der DDR
  • 1971    Nationalpreis der DDR II. Klasse für sein literarisches Gesamtwerk
  • 1977    Die Grünstein-Variante     
                Prix Italia – Hörspiel-Regie zusammen mit Barbara Plensat
  • 1978    Vaterländischer Verdienstorden in Bronze
  • 1980    Bis daß der Tod euch scheidet   
                1. Nationales Spielfilmfestival der DDR: Bestes Drehbuch
  • 1980    Die Verlobte     
                Internationales Filmfestival Karlovy Vary: Grand Prix       
                Nationalpreis der DDR I. Klasse im Kollektiv
  • 1981    Die Verlobte     
                Sydney Film Festival: 1. Preis
  • 1982    Die Verlobte                 
                Kritikerpreis der Sektion Theorie und Kritik des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR: Bester DEFA-Film des    Jahres 1981 
    2. Nationales Spielfilmfestival der DDR: Großer Preis

Literatur (Auswahl)

  • Günther Rücker: Sieben Takte Tango. 11 Hörspiele & 1 Komödie, Reclam, Leipzig 1979.
  • Günther Rücker: Bis daß der Tod euch scheidet. Filmszenarium, Henschel Verlag, Berlin 1979.
  • Günther Rücker: Herr von Oe. Hilde, das Dienstmädchen. Zwei Erzählungen, Aufbau Verlag, Berlin/Weimar 1984.
  • Günther Rücker: Anton Popper und andere Erzählungen, Aufbau Verlag, Berlin/Weimar 1985.
  • Günther Rücker: Alles Verwandte. Novellen, Wagenbach, West-Berlin 1987.
  • Günther Rücker: Die Verlobte. Texte zu sieben Spielfilmen, Peter Wuss (Hg.). Henschel Verlag, Berlin 1988. [Darin: Der Fall Gleiwitz / Die besten Jahre / Der Dritte / Wolz – Leben und Aufklärung eines deutschen Anarchisten / Bis daß der Tod euch scheidet / Die Verlobte / Hilde, das Dienstmädchen].
  • Günther Rücker: Erzählung eines Stiefsohns. Prosa, Essay, Reclam, Leipzig 1988.
  • Günther Rücker: Woher die Geschichten kommen, Aufbau Verlag, Berlin 1990.
  • Günther Rücker: Otto Blomow. Geschichte eines Untermieters, Rütten & Loening, Berlin 1991.
  • Günther Rücker: Aus dem Leben eines Witwers, Berliner Handpresse, 1995.
  • Günther Rücker: Erste Liebe und anderes, Edition Schwarzdruck Berlin 2007.
  • Ralf Schenk. Günther Rücker, in: Film-Dienst 07/2008.
  • Heinz Kersten: Nachruf, in: Der Freitag, 29.02.2008.
  • Christel Berger: Trauer und Liebe, Günther Rücker wird 75, in: Neues Deutschland, 02.02.1999
  • Ulf Heise: Meister des Einpersonendramas, in: Märkische Allgemeine 02.02.1999.
  • Horst Haase: Sinnliches Erzählen gegen die Bedrohung, in: Neues Deutschland, 03.02.1994.
  • Hans-Michael Bock, Ingrun Spazier: Günter Rücker, in: cinegraph, Loseblattsammlung, 1984ff.
  • Wolfgang Kohlhaase: Günther Rücker - 60 Jahre, in: Der Sonntag, 29.01.1984.
  • Horst Knietzsch: Ein Meister der Sprache in der Literatur und im Film, in: Neues Deutschland, 02.02.1984.

 

Filmografie

  • 1993: Der olympische Sommer
    Vorlage
  • 1986: Hilde, das Dientstmädchen
    Regie, Szenarium
  • 1985: Radnóti
    Drehbuch
  • 1982: Hotel Polan und seine Gäste
    Drehbuch
  • 1980: Die Verlobte
    Regie, Drehbuch
  • 1978: De Geyter - Geschichte eines Liedes
    Drehbuch
  • 1978: Bis dass der Tod euch scheidet
    Szenarium
  • 1974: Wolz. Leben und Verklärung eines deutschen Anarchisten
    Szenarium
  • 1972: Der Dritte
    Szenarium
  • 1971: Der Herr Schmidt. Ein deutsches Spektakel mit Polizei und Musik
    Drehbuch
  • 1971: Syrien auf den zweiten Blick
    Kommentar
  • 1965: Viktorina über Sibirien (Teil 1)
    Drehbuch
  • 1965: Die besten Jahre
    Regie, Drehbuch
  • 1963: Das russische Wunder - Teil 2
    Drehbuch
  • 1961: Patrice Lumumba
    Drehbuch
  • 1961: Der Fall Gleiwitz
    Drehbuch
  • 1960: Freiheit, Freiheit über alles
    Kommentar
  • 1960: Der schweigende Stern
    Drehbuch
  • 1959: Die Stiere des Hidalgo
    Kommentar
  • 1959: Der Fall Heusinger
    Sonstiges
  • 1958: Unternehmen Teutonenschwert
    Kommentar
  • 1957: Urlaub auf Sylt
    Kommentar
  • 1957: Der Fall Harzmann und andere
    Sonstiges
  • 1956: Junges Gemüse
    Drehbuch
  • 1956: Du und mancher Kamerad
    Kommentar