Simon, Günther

Günther Simon wird heute noch mit den beiden Thälmann-Filmen von Kurt Maetzig in Verbindung gebracht. Er wird eins mit der Rolle, sie prägt bis heute sein Image. Dabei hat der Schauspieler neben seinen vielen Rollen als positiver Arbeiterheld auch differenzierte Persönlichkeiten darstellen können, die ihn als einen kräftigen Schauspieler auszeichnen. Regisseure wie Konrad Wolf und Egon Günther zeigen einen anderen Günther Simon.

Günther Simon wird am 11. Mai 1926 in Berlin geboren. Sein Vater ist Bankkaufmann. Bereits während seiner Schulausbildung interessiert er sich für die Schauspielerei. Seine Eltern finanzieren ihm den privaten Unterricht an einer Schauspielschule. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges kommt er mit entsprechendem Alter in ein Wehrertüchtigungslager, mit 17 Jahren meldet er sich 1943 freiwillig zum Wehrdienst. Er wird Fallschirmjäger und an der Westfront stationiert. Nach der amerikanischen Invasion wird er im Sommer 1944 gefangen genommen und in ein Lager in Colorado gebracht. Hier ist Günther Simon Mitglied einer Theatergruppe.

Nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft kehrt er 1947 in seine Heimatstadt zurück und entscheidet sich für den Beruf des Schauspielers. Zunächst nimmt er Unterricht bei Karl Meixner, bis er sein erstes Engagement erhält. Er spielt am Stadttheater Köthen, später am Stadttheater Schwerin unter seiner Lehrerin Lucie Höflich zahlreiche Nebenrollen, erarbeitet sich ein umfangreiches Repertoire in klassischen wie modernen Stücken. 1950 wechselt er ans Staatstheater Dresden und arbeitet dort unter dem Intendanten und späteren DEFA-Regisseur Martin Hellberg. Er ist es auch, der Günther Simon zu seiner ersten Filmrolle verhilft. Später spielt der Schauspieler für kurze Zeit auch an den Städtischen Bühnen Leipzig.

In DAS VERURTEILTE DORF (1952) spielt der junge Schauspieler die männliche Hauptrolle des aus russischer Gefangenschaft heimgekehrten Heinz Weimann. Nach einer wahren Begebenheit schildert der Film den Kampf westdeutscher Dorfbewohner und Bauern gegen den Bau eines amerikanischen Militärflugplatzes. Heinz Weimann führt die Bauern und Dörfler an. Bereits in DAS VERURTEILTE DORF (1952) ist Günther Simon der positive Held. Der Film wird in der Presse euphorisch gefeiert, auch aufgrund der darstellerischen Leistungen von Günther Simon und seiner Filmpartnerin Helga Göring. Danach wird der Schauspieler in ANNA SUSANNA (1952) als kämpferischer Matrose Orje besetzt, der seinen Reeder wegen eines Versicherungsbetruges vor Gericht bringen will und spielt in JACKE WIE HOSE (1953) den Arbeiter Ernst Hollup, der sich anfangs gegen Frauenarbeit an der Stahlpresse sträubt.

Bekannt – national sowie international – wird der Schauspieler unter der Regie von Kurt Maetzig in der Rolle des Kommunisten Thälmann in den beiden Ernst Thälmann-Filmen, einem großangelegten, aufwendigen Epos über den Führer der deutschen Kommunisten von den 20er Jahren bis zu seiner Ermordung im Konzentrationslager Buchenwald 1944. Günther Simon wird mit der Filmfigur eins. Er spielt den Sohn und Führer seiner Klasse kämpferisch, über Zweifel erhaben, prägnant im Ausdruck, klar und eindeutig konstituiert. Er wird mehrfach für seine Darstellung ausgezeichnet. Beide Teile werden in der DDR ein triumphaler Erfolg, erst nach der Auseinandersetzung mit dem Personenkult wird die Eindimensionalität des Films und der Figur Thälmanns kritisiert. Bis heute prägt die Rolle das Image des Schauspielers Günther Simon, auch privat ist sie entscheidend für ihn. Nach zahlreichen Gesprächen mit dem Publikum und den dortigen Anreden als Genosse, tritt er der SED bei, wird später Mitglied der Parteileitung des DEFA-Studios.

Nach dem Erfolg der Thälmann-Filme hat es Günther schwer, sich der Festlegung auf den positiven Arbeiterhelden zu entziehen. Mehrfach wird er als Revolutionär besetzt, so ist Günther Simon der Matrose Erich Steigert in DAS LIED DER MATROSEN (1958) wieder unter der Regie von Kurt Maetzig. Eine weitere historische Persönlichkeit verkörpert er in EINER VON UNS (1960). Hier mimt er Richard Bertram, einen Sportler aus dem Berliner Arbeitermilieu, dessen Biographie sich stark an jene von Werner Seelenbinder anlehnt. In BROT UND ROSEN (1967) wird die Geschichte des Arbeiters Georg Landau erzählt, der sich in der Produktion bewährt und nach anfänglichem Sträuben ein Studium aufnimmt, Meister und Genosse wird.

Auch in Kinderfilmen spielt Günther Simon die positive Identifikationsfigur, ist bei den jugendlichen Zuschauern in der DDR überaus beliebt. In DAS TRAUMSCHIFF (1956) mimt er Franz Müller, Kapitän eines Schleppers, der die Kinder seiner zukünftigen Frau erst von sich überzeugen muß. In TINKO (1957) gibt er einen aus der Gefangenschaft heimgekehrten Vater, der sich auf die gesellschaftlich richtige Seite stellt und auch seinen ihm fremd gewordenen Sohn davon überzeugen kann. In SHERIFF TEDDY (1957) agiert er als Lehrer Freitag.

Zu den interessanten, differenziert dargestellten Figuren des Schauspielers gehören unter anderem der einarmige Obersteiger Franz Beier in SONNENSUCHER (1958) von Konrad Wolf, der aber erst nach seinem Tod in den Kinos zu sehen ist. Beier war früher Angehöriger der SS, arbeitet jetzt im Uran-Bergbau. In ihm spiegelt sich jüngste deutsche Geschichte, er will nicht an seine Vergangenheit denken, mit Arbeit das Vergangene ungeschehen machen. Thematisiert wird unter anderem sein Konflikt mit der sowjetischen Betriebsleitung, der sich auch auf privater Ebene äußert. Alle Beteiligten - deutschen Kommunisten, Arbeiter, Frauen sowie sowjetische Offiziere - sind hier überaus menschlich dargestellt. Die Premiere von SONNENSUCHER (1958) wird zunächst hinausgezögert, dann Ende 1959 angekündigt und im letzten Moment doch aufgrund eines Einspruchs des sowjetischen Botschafters wieder abgesagt. Mit dem Regisseur Egon Günter arbeitet er in LOTS WEIB (1965) zusammen. Hier spielt er einen autoritären Marine-Offizier Richard Lot. Seine Ehe mit der Lehrerin Katrin (gespielt von Marita Böhme) ist gescheitert, er will sie aber aus Image-Gründen nicht gehen lassen. Erst als sie in einem Kaufhaus stiehlt, und er um sein Ansehen fürchtet, willigt er in eine Scheidung ein. Der ernsthafte Film setzt sich problembewußt mit überkommenen Werten in der DDR auseinander.

Günther Simon nimmt gern auch Rollenangebote an, die nicht in das festgefügte Schema passen. Er will sich der Eindimensionalität seiner Rollen erwehren, übernimmt auch immer wieder größere Nebenrollen. In dem Musikfilm MEINE FRAU MACHT MUSIK (1958) spielt er an der Seite von Lore Frisch einen autoritären Ehemann, der sich nur langsam von dem Gesangstalent seiner Frau überzeugen läßt. Der leichte Unterhaltungsfilm zählt zu den größten DEFA-Erfolgen des Jahrzehnts. In dem Science Fiction-Film DER SCHWEIGENDE STERN (1960) ist er einer der internationalen Kosmonauten, die auf der Venus eine gigantische Vernichtungsmaschinerie entdecken. Günther Simon zeigt sich auch als vorzüglicher Komiker in dem Kinderfilm ALFONS ZITTERBACKE (1966) und persifliert hier gekonnt die Vorbild-Rolle des Vaters.

Seit den 60er Jahren ist Günther Simon auch vermehrt in Fernsehen der DDR präsent. Nach dem Roman von Max von der Grün entsteht "Irrlicht und Feuer" (1966). Günther Simon spielt die Hauptrolle des Bergmanns Jürgen Fohrmann, der seine Arbeit in der Zeche verliert. Dadurch kommt es zu Schwierigkeiten in der Ehe. In Erinnerung bleibt seine Darstellung des Fred Krause in dem populären TV-Mehrteiler "Krupp und Krause" (1969). Neben seiner Arbeit für Film und Fernsehen arbeitet der Schauspieler auch häufig als Synchronsprecher.

In seinem letzten Film wird Günther Simon vom Regisseur Horst Seemann in Szene gesetzt. In REIFE KIRSCHEN (1972) spielt er Helmut Kamp, einen Brigadier Mitte 40, dessen Frau nach zwei erwachsenen Töchtern nochmals ein Kind erwartet. Er muß sich entscheiden, ob er bei seiner Familie in Thüringen bleiben oder als Fundamentbauer beim Aufbau eines Kernkraftwerks an der Ostsee helfen will.

Günther Simon ist in erster Ehe mit einer Solotänzerin verheiratet, die er bei seinem Theaterengagement in Schwerin kennengelernt hat. Er ist Vater von vier Kindern, drei Söhnen und einer Tochter. Der Schauspieler stirbt am 25. Juni 1972 im Alter von nur 47 Jahren in Berlin.

zusammengestellt von Ines Walk (www.film-zeit.de)


Ausgewählte Auszeichnungen

1954 THÄLMANN - SOHN SEINER KLASSE
Nationalpreis 1. Klasse im Kollektiv

1956 DAS LIED VOM MENSCHEN
Heinrich Greif Preis II. Klasse für Synchronisation gemeinsam mit Wolfgang Krüger

1966 THÄLMANN - FÜHRER SEINER KLASSE
Preis für beste männliche schauspielerische Leistung auf dem Internationalen Filmfest in Karlovy Vary

1967 IRRLICHT UND FEUER
Kunstpreis des FDGB im Kollektiv

1968 BROT UND ROSEN
Kunstpreis des FDGB im Kollektiv

1969 KRUPP UND KRAUSE / KRAUSE UND KRUPP
Nationalpreis 1. Klasse im Kollektiv

1971 KLK AN PTX - DIE ROTE KAPELLE
Kunstpreis des FDGB im Kollektiv


Filmographie

  • 1952 Das verurteilte Dorf
    Darsteller
  • 1952 Anna Susanna
    Darsteller
  • 1953 Jacke wie Hose
    Darsteller
  • 1954 Ernst Thälmann - Sohn seiner Klasse
    Darsteller
  • 1955 Ernst Thälmann - Führer seiner Klasse
    Darsteller
  • 1955 Drei Mädchen im Endspiel
    Darsteller
  • 1956 Das Traumschiff
    Darsteller
  • 1956 Treffpunkt Aimöe
    Darsteller
  • 1956 Damals in Paris
    Darsteller
  • 1957 Tinko
    Darsteller
  • 1957 Sheriff Teddy
    Darsteller
  • 1957 Vergeßt mir meine Traudel nicht
    Darsteller
  • 1958 Meine Frau macht Musik
    Darsteller
  • 1958 Das schwarze Bataillon
    Darsteller
  • 1958 Sonnensucher
    Darsteller
  • 1958 Der Lotterieschwede
    Darsteller
  • 1958 Das Lied der Matrosen
    Darsteller.
  • 1958 Geschwader Fledermaus
    Darsteller
  • 1959 Der kleine Kuno
    Darsteller
  • 1969 Eine alte Liebe
    Darsteller
  • 1959 Senta auf Abwegen
    Darsteller
  • 1959 Der schweigende Stern
    Darsteller
  • 1959 Einer von uns
    Darsteller
  • 1960 Die heute über 40 sind
    Darsteller
  • 1960 Die Frau seiner Träume
    Stacheltier-Produktion, Darsteller
  • 1960 Kein Ärger mit Cleopatra
    Darsteller
  • 1960 Der Moorhund
    Darsteller
  • 1960 Die Liebe und der Co-Pilot
    Darsteller
  • 1960 Der Fremde
    Darsteller
  • 1960 Der Tod hat ein Gesicht
    Darsteller
  • 1960 Ärzte
    Darsteller
  • 1961 Der Traum des Hauptmann Loy
    Darsteller
  • 1961 Eine Handvoll Noten
    Darsteller
  • 1962 Mord ohne Sühne
    Darsteller
  • 1962 An französischen Kaminen
    Darsteller
  • 1962 Nebel
    Darsteller
  • 1962 Geheimarchiv an der Elbe
    Darsteller
  • 1963 Was ihr wollt
    TV-Film, Darsteller
  • 1963 Schwarzer Samt
    Darsteller
  • 1963 Preludio 11
    Darsteller
  • 1964 Titel hab' ich noch nicht
    TV-Film, Darsteller
  • 1964 Das Lied vom Trompeter
    Darsteller
  • 1964 Der Reserveheld
    Darsteller
  • 1965 Lots Weib
    Darsteller
  • 1965 Ballade vom roten Mohn
    TV-Film, Darsteller
  • 1965 Der Frühling braucht Zeit
    Darsteller
  • 1965 Wenn du groß bist, lieber Adam
    Darsteller nicht aufgeführt
  • 1966 Alfons Zitterbacke
    Darsteller
  • 1966 Reise ins Ehebett
    Darsteller
  • 1966 Irrlicht und Feuer, 2 Teile
    TV-Film, Darsteller
  • 1967 Brot und Rosen
    Darsteller
  • 1968 Heroin
    Darsteller
  • 1968 Krupp und Krause, 5 Teile
    TV-Film, Darsteller
  • 1969 Die Zeichen der Ersten, 2 Teile
    TV-Film, Darsteller
  • 1969 Verdacht auf einen Toten
    Darsteller
  • 1969 Weil ich Dich liebe...
    Darsteller
  • 1970 Jeder stirbt für sich allein, 3 Teile
    TV-Film, Darsteller
  • 1970 Zwei Briefe an Pospischiel, 2 Teile
    TV-Film, Darsteller
  • 1970 KLK an PTX - Die rote Kapelle
    Darsteller
  • 1971 Junger Mann
    TV-Film, Darsteller
  • 1972 Gefährliche Reise, 6 Folgen
    TV-Serie, Darsteller
  • 1972 Der Regimentskommandeur
    Darsteller
  • 1972 Amboss oder Hammer sein
    Darsteller
  • 1972 Reife Kirschen
    Darsteller


Ausgewählte Literatur

Joachim Reichow: Günther Simon. In: Renate Seydel (Hrsg.): Schauspieler von Theater, Film und Fernsehen, Berlin Henschel Verlag 1966.

Heinz Hofmann: Günther Simon, Berlin Henschel Verlag 1969 (Künstler unserer Zeit).

A. W.: Günther Simon gestorben, in: Die Welt, 27.06.1972.

Konrad Wolf: Für Günther Simon (1925-1972), in: Horst Knietzsch (Hrsg.): Prisma 4, Berlin Henschel Verlag 1973.

Horst Knietzsch: Er war sein Leben lang der große Junge, der den Volkstribun spielte – Vor 20 Jahren starb der Schauspieler Günther Simon, in: Neues Deutschland, 25.06.1992.

Klaus Wischnewski: Günther Simon, in: Ralf Schenk (Hrsg.): Vor der Kamera, Berlin Henschel Verlag 1995.

o.A.: Thälmann-Rolle erst nach Zureden gespielt – Film-Erinnerung an Günther Simon, in: Märkische Allgemeine Zeitung, 24.06.1997.

Hans-Michael Bock: Günther Simon, in: cinegraph, Loseblattsammlung.






Günther Simon in
"Ernst Thälmann-Sohn seiner Klasse" (1954)

Foto: DEFA-Stiftung/Hein Wenzel







Günther Simon in
"Preludio 11" (1963)

Foto: DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer







Günther Simon (r.) mit Helmut Rossmann in
"Alfons Zitterbacke" (1956)

Foto: DEFA-Stiftung/Fotograf unbekannt