DEFA-Literatur 1: Die DDR und ihre Filme


Es ist durchaus von Vorteil, dass dieses Buch nicht von einem westdeutschen Publizisten verfasst wurde, sondern sich auf einen ostdeutschen Filmhistoriker berufen kann. Wolfgang Gersch (u.a. „Film bei Brecht“, „Chaplin in Berlin“) kennt die Geschichte der DEFA aus unmittelbarer Nähe. Er hat an der Babelsberger Filmhochschule sowie der Humboldt-Universität studiert und als Publizist und Dozent an der Filmhochschule gearbeitet, war zudem an der Akademie der Wissenschaften der DDR tätig und gehörte 1990 als Filmreferent der ersten frei gewählten (und damit letzten) Regierung der DDR an, bevor er von 1990 bis 2000 im Filmreferat des Bundesinnenministeriums und des Kulturstaatsministeriums arbeitete. Sein Blick auf 45 Jahre DEFA-Produktion wirkt unbestechlich, ungeschönt, frei von falscher Verklärung. Gersch geht es um eine „Filmgeschichte anderer Art“. Ästhetische und stilistische Kriterien liegen ihm fern, ebenso Porträts von Schauspielern und Regisseuren. Keine Verherrlichung, keine verspätete Entschuldigung ist angestrebt, sondern ein „direkter Blick auf die DDR“.

Gersch möchte zeitgeschichtliche Zusammenhänge aufzeigen, politische Strömungen und Denkmuster in den Bildern der Filme erkennbar machen und auf verborgene Botschaften hinweisen. In der Tat lassen sich in vielen Produktionen der DEFA, von denen 64 Titel herausgegriffen werden, die politischen Tagesparolen und sozialen Alltagssituationen erkennen, wobei es nach wie vor gravierende Unterschiede zwischen der westlichen und der östlichen Rezeption gibt. Was zwischen den Bildern und den Dialogen verschlüsselt weitergegeben wurde, war nicht für jeden sofort erfassbar, zumindest nicht in der Bundesrepublik. Ganz abgesehen davon, dass die meisten DEFA-Produktionen das westdeutsche Kino gar nicht erreichten, zunächst durch politische Intervention der Bonner Regierung, später durch das Desinteresse des Publikums.

Umso dienlicher ist Gerschs Analyse der DEFA-Produktion, die erklärtermaßen nicht zerstreuen, sondern erziehen und wegführen sollte vom Bisherigen einerseits, vom Westen andererseits. Die Schuldigen waren die Gestrigen, und all jene, die im Bereich des Kapitalismus lebten. Eine Polarisierung, die oft bis in die Filmfamilien hinein wirkte, wurde angestrebt, der Westen gegen den Osten ausgespielt; der Personenkult wurde aufgebaut, die Erziehung der arbeitenden Massen betrieben und Einfluss auf Menschen ohne geschichtliche Kenntnisse gewonnen. Die Parolen wurden nach Tagesbedarf entwickelt. Unabhängig davon, ob es um die Bodenreform ging, die Wiederaufrüstung (selbstverständlich nur die im Westen) oder den Kalten Krieg: stets wurden die Themen dem politischen Kalkül untergeordnet, zudem Utopien aufgebaut. Für seine Thesen präsentiert Gersch überzeugende Belege, indem er nicht allein den direkten Einfluss der SED auf die jeweilige Filmproduktion notiert, sondern die aktuellen Bezüge zwischen dem politischen Tagesgeschehen und den Filmthemen erkennbar macht. Er verdeutlicht zudem, wie sich innerparteiliche Strömungen und Differenzen auf die Filmpolitik auswirkten. So lässt sich das nahezu komplette Verbot des DEFA-Produktionsjahrs 1965/66 vor dem Hintergrund des Machtwechsels von Chruschtschow zu Breschnew und der daraus resultierenden Spannung zwischen Ulbricht und Honecker verstehen. Zudem wurde alles, was nicht opportun erschien, oft für Jahre aus dem Verkehr gezogen. Schon zu DDR-Tagen blieb manche Inszenierung dem Publikum vorenthalten. Die Vorstellungen der Autoren wie der Regisseure standen mitunter diametral gegen die Gebote des Staates, der sich mehr und mehr einbetonierte und gegen die jungen Strömungen in Polen, der CSSR oder Ungarn verschloss, deren Filme zeitweise verboten wurden; in den späten Tagen der DDR kurioserweise auch sowjetische „Glasnost“-Produktionen. Jedes Aufbegehren wurde sofort erstickt. Frank Beyers „Spur der Steine“ war in Gerschs Augen „der letzte große Versuch der DEFA, kritisch auf die Politik des Landes einzuwirken“. Durch die zunehmenden West-Importe, die vorwiegend der Unterhaltung dienten, war der „DEFA-Film schon vor dem Fall der Mauer nicht mehr konkurrenzfähig“. Gersch zieht eine bittere Bilanz, ungeschönt und fern jeder Legendenbildung. Die DEFA-Produktion, die sich nach 1945 zunächst der Auseinandersetzung mit dem NS-Regime gewidmet hatte und dann gegen die Bundesrepublik agierte, zog sich, nachdem sie den Kampf gegen den Dogmatismus im eigenen Lande mehr oder weniger verloren hatte, in die private Sphäre zurück. In dem sterilen Staat meldeten sich Glücksansprüche des Individuums zu Wort. So erkennt Gersch in Heiner Carows „Die Legende von Paul und Paula“ die „Freiheitssehnsucht“ einer geschlossenen Gesellschaft. Überzeugend auch die These, dass Lothar Warnekes „Einer trage des anderen Last“ allein dem tagespolitischen Kalkül entsprang. In den 1950er-Jahren, in denen der Film spielt, kannte man in der DDR keinerlei Toleranz gegenüber den Kirchen. Im Produktionsjahr 1988 richtete sich die Geschichte von dem toleranten Vopo und dem verständnisvollen Vikar gegen die evangelische Kirche, unter deren Schirm sich zu dieser Zeit Widerstandskräfte gegen die DDR sammelten.

Gerschs Interpretationen mögen eine Möglichkeit unter vielen sein, Charakter und Selbstverständnis der DEFA zu betrachten. Sie bieten in jedem Fall Aspekte, die man in der historischen Diskussion nicht außer acht lassen sollte. Folgt man seinen Thesen, erhält man nicht nur ein Bild von Größe und Elend der DEFA, sondern zugleich ein Psychogramm der DDR. Diktatorische Zensur – der Zensor gleichsam als Dramaturg – und beklemmende Enge, aber auch Widerstand und Zweifel in einem Land, das Zweifel nicht zuließ, zeichnen sich ab. Gersch hat für alle Charakteristika eines in sich gefangenen Systems überzeugende Belege. Er dokumentiert den permanenten Einfluss des politischen Alltags in der DDR auf den Film und bezeugt zugleich, wie sich – meist gegen den Willen der politischen Administration – der Alltag in manchem Film spiegelte. Und die Filmemacher? Auch sie bewegten sich im Wechselspiel der ideologischen Kräfte: Sie partizipierten, gewollt oder ungewollt, am System, das für stilistische Experimente kein Verständnis zeigte, und waren zugleich auch dessen Opfer. Manche krochen zu Kreuze und ergingen sich in blamablen Selbstbezichtigungen. Andere verweigerten sich oder wählten den Weg ins westliche Deutschland. Vorstellbar ist, dass Gersch auf Widerspruch stoßen wird, zumal er die These vertritt, dass manche kommunistische Heilsvorstellung in den DEFA-Filmen zwar weithin ins Leere ging, auf Dauer aber nicht folgenlos blieb, was sich nach dem Ende der DDR in den nostalgischen Erinnerungen offenbarte. Auch dies ein zwiespältiges Erbe.

Volker Baer (film-dienst Sonderheft 10/2006)


Wolfgang Gersch: Szenen eines Landes – Die DDR und ihre Filme, Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, Aufbau Verlag, Berlin 2006, 226 S., 24 Abb., 22,90 EUR (www.defa-spektrum.de)