Andreas Voigt

Regisseur

* 25. August 1953 in Eisleben

Biografie

Andreas Voigt

auf der 9. Preisverleihung der DEFA-Stiftung (2009) Fotografen: Reinhardt & Sommer

Die Filme des Dokumentaristen Andreas Voigt sind geprägt durch ihre Nähe zu den Menschen. Der Regisseur sammelt ihre Geschichten, Träume und Hoffnungen auf, findet für sie bildliche Metaphern, sensibel hinterfragt er Lebensschicksale. Mehrfach reist der Regisseur nach Leipzig und dreht dort zwischen 1989 bis 1997 bislang fünf Dokumentarfilme, die eindrucksvoll gesellschaftliche und individuelle Veränderungen seit dem Zusammenbruch der DDR schildern.

Andreas Voigt wird am 25. August 1953 in Eisleben geboren. Seine Kindheit und Jugend verbringt er in Dessau. 1972 beendet er seine Schulausbildung mit dem Abitur in Halle (Saale). Danach beginnt er ein Studium der Physik an der Universität in Krakow. Nach einem Jahr verlässt er die polnische Universität und belegt an der Hochschule für Ökonomie in Berlin Seminare in den Fächern Volkswirtschaft und Wirtschaftsgeschichte. 1978 schließt er das Studium mit dem Diplom ab.

Seit 1978 arbeitet Andreas Voigt als Dramaturg und Autor im DEFA-Studio für Dokumentarfilme. Erste eigene Regiearbeiten legt er für das Kinderfernsehen der DDR vor, inszenierte einige Realfilme des Sandmann-Abendgrußes. Außerdem inszeniert er Magazinbeiträge für die Reihe DEFA-KINOBOX, die als Nachfolgerin der Wochenschau Unterhaltung und Information ins Kino bringt. Andreas Voigt wird 1984 an die Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg delegiert. Hier studiert er extern im Fachbereich Regie. Sein Diplom-Abschlussfilm ALFRED (1987), in dem er den 76-jährigen Kommunisten Alfred Florstedt befragt und von dessen Leben in einer sehr subjektiven Erzählweise berichtet, wird mit dem "Findling", dem Preis der Filmclubs der DDR, als Bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Nach dem Studium ist er Regisseur im DEFA-Studio für Dokumentarfilme, seit deren Abwicklung 1991 ist er freischaffend als Regisseur tätig. Mit LEIPZIG IM HERBST (1989) dokumentiert Andreas Voigt gemeinsam mit dem Co-Regisseur  Gerd Kroske und Kameramann Sebastian Richter die Umbruchzeit in der DDR. Zusammengesetzt aus Interviews und Bildern der eindrucksvollen Massendemonstrationen in Leipzig bringt der Film die Atmosphäre der Wendezeit, die Gefühle der Menschen zum Ausdruck. Essenzielle Momente des Verfalls der DDR werden dokumentiert, die Menschen werden getragen von der Euphorie des Umbruchs. Mehrmals kehrt der Regisseur nach Leipzig zurück, dreht fünfmal in der Stadt. Der Leipzig-Zyklus wird mit fortgesetzt mit LETZTES JAHR - TITANIC (1991), das Bild wird differenzierter; es folgt die Ernüchterung. Hier wählt das Filmteam ganz konkrete Lebens- und Alltagsgeschichten aus, die Wende wird mit Euphorie und Resignation aufgenommen, Menschen bleiben auf der Strecke oder sehen aber auch ihren Vorteil bei der eiligen Wiedervereinigung. Über ein Jahr hinweg begleitet Andreas Voigt in GLAUBE, LIEBE, HOFFNUNG (1994) eine Gruppe Jugendlicher in Leipzig von Dezember 1992 bis Dezember 1993. Gewalt und Aggression, Hoffnungen und Träume, Ängste und Agonie der jungen ostdeutschen Generation kommen zum Ausdruck. Er zeigt den Verfallszustand der Stadt, zeigt ihn im Gegensatz zum neuen Glanz der Stadt. Seinen Protagonisten begegnet der Regisseur einfühlsam und kritisch. Er erhebt nicht den Anspruch, allgemeingültige Aussagen über die Radikalisierung der Gesellschaft zu treffen, beobachtet und läßt das dokumentarische Material für sich allein sprechen. Durch den Film kommt es auch zu einem kleinen Skandal: Der Immobilienmakler Dr. Schneider kommt zu Wort und kann die Grundsätze seiner Unternehmer-Ethik erläutern. Er erreicht durch eine einstweilige Verfügung durch das Amtsgericht Leipzig, dass der Film in seiner bisherigen Form nicht weiter aufgeführt werden darf. Sollte dies doch geschehen, dann hat der Verleih mit einer Geldstrafe von 500.000 DM zu rechnen. Nachdem Teile des Films durch Schwarzfilm ersetzt werden, läuft der Film trotzdem. Erst nach dem Verschwinden des Immobilienbetrügers wird das Bilderverbot aufgehoben. Nochmals kehrt der Regisseur in GROSSE WEITE WELT (1997) nach Leipzig zurück, besucht seine älter gewordenen Protagonisten. Was ist aus den Hoffnungen und Sehnsüchten von damals geworden? Die Bestandsaufnahme gerinnt zum Porträt von mehr oder minder weniger Enttäuschten, die sich in ihrem Leben eingerichtet haben. Etwas Wehmut kommt auf, Larmoyanz erlaubt sich das Filmteam nicht.

Dazwischen dreht der Regisseur auch in anderen Regionen, bleibt aber den Thema der jüngsten deutschen Geschichte verbunden. In GRENZLAND – EINE REISE (1992) blickt er Menschen, die in an der Oder/Neiße-Grenze leben: deutsche und polnische Nachbarn. Mit OSTPREUSSENLAND (1995) entdeckt er eine weitere Gegend, in der sich deutsche, polnische und russische Geschichte treffen. Für 3sat dreht Andreas Voigt zwischen 1997 und 2006 mehrere Dokumentationen für die Reihe "Fremde Kinder", darunter DAVID@NEWYORK (2001) und DER MUSIKANT AUS DER TATRA (2003). Mehrfach arbeitet er für das Fernsehen. In einem seiner letzten Beiträge reist er entlang des riesigen Flusses Ob durch Westsibirien.

2004 ist es sein langer Dokumentarfilm INVISIBLE - ILLEGAL IN EUROPA (2004), der auf zahlreichen Festivals läuft und in Leipzig mit dem European DocuZone Award ausgezeichnet wird. Der Film erzählt von den Hoffnungen und Träumen fünf Flüchtlinge, die sich illegal in Europa aufhalten. Das Filmteam blickt auf ihre Suche nach Glück, Liebe, Heimat und davon, was ihnen dabei widerfährt. Andreas Voigt verzichtet auf jeden Kommentar, lässt die Bilder und Interviewpassagen für sich sprechen. Mit Mitteln des großen Erzählkinos führt der Regisseur das politische Problem der Flüchtlinge auf uns alle verbindende, existentielle Lebensfragen zurück.

Seine Filmarbeiten führen Andreas Voigt unter anderem nach England und Indien, er dreht in Nicaragua und Südafrika, bereist Russland und die USA. Von 1988 bis 1990 ist er Vorstandsmitglied des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR. Er arbeitet ab Mitte der 1990er Jahre als Hochschullehrer an der Medienakademie Hamburg/Berlin sowie an Goethe-Instituten in Deutschland, Syrien und Indien.

Andreas Voigt lebt in Berlin.

Trailer zu "Glaube, Liebe, Hoffnung" (R: Andreas Voigt, 1992-1993)

Auszeichnungen

  • 1987: ALFRED - Preis der Filmklubs der DDR für den besten Dokumentarfilm
  • 1989: LEIPZIG IM HERBST - Internationales Dokumentar- und Animationsfilmfestival Leipzig: Goldene Taube
  • 1992: LETZTES JAHR TITANIC - Adolf Grimme Preis
  • 1993: GRENZLAND - EINE REISE - Strasbourg: Prix de la Direction Regionale des Affaires Culturelles
  • 1994: GLAUBE, LIEBE, HOFFNUNG - Strasbourg: Grand Prix
  • 1996: MR. BEHRMANN - LEBEN TRAUM TOD - Amsterdam: Silver Wolf, Hauptpreis für den besten Videofilm
  • 2004: INVISIBLE - illegal in Europa - Internationales Dokumentar- und Animationsfilmfestival Leipzig: European Docu Zone Award

Literatur

  • Hannes Schmidt: Film muß auch Widerrede sein – Interview mit Andreas Voigt, in: Sonntag 43/1989.
  • Martin Hübner: Ist die Zeit nun gekommen? - Fragen an Andreas Voigt, in: Film und Fernsehen, 06/1990.
  • Erika Richter: Filmische Erfahrungen mit einer veränderten Realität – Interview mit Andreas Voigt, in: Film und Fernsehen 01/1998.
  • Hans-Jörg Rother: Orte im Umbruch - neue Dokumentarfilme von Heinz Brinkmann, Gerd Kroske und Andreas Voigt, in: Film und Fernsehen, 03/1994.
  • Claus Löser: GLAUBE LIEBE HOFFNUNG, in: film-dienst 11/1994.
  • Ralf Schenk: OSTPREUSSENLAND, in: film-dienst 26/1995.
  • Lothar Kompatzki, Andreas Voigt: Leben und Filme machen sind zwei sehr verschiedene Dinge – Krzysztof Kieslowski antwortet auf Fragen, in: Film und Fernsehen 02/1997.
  • Erika Richter: Filme Erfahrungen mit einer veränderten Realität - Gespräch mit Andreas Voigt über GROßE WEITE WELT, in: Film und Fernsehen 01/1998.
  • Berit Wich-Heiter: "Bin Wanderer zwischen den Welten" – Interview mit Andreas Voigt, in: scheinschlag, 05/1998.
  • Ralf Schenk: GROßE WEITE WELT, in: film-dienst 06/1998.
  • Hans Messias: Invisible – Illegal in Europa, in: film-dienst 09/2005.
  • Anrdeas Voigt: Geschichten aus dem kleinen menschenleben. (Interview von Christiane Mückenberger mit Anrdeas Voigt), in: Ingrid Poss, Christiane Mückenberger, Anne Richter (Hgg.): Das Prinzip Neugier. DEFA-Dokumentarfilmer erzählen. Berlin: Verlag Neues Leben 2012, S. 557-592.

DEFA-Filmografie

Diese Webseite verwendet Cookies. Mit der Nutzung stimmen Sie der Verwendung zu. Datenschutzhinweise

Verstanden
menu arrow-external arrow-internal camera tv print arrow-down arrow-left arrow-right arrow-top arrow-link sound display date facebook facebook-full range framing download filmrole cleaning Person retouching scan search audio twitter cancel youtube instagram