Carmen-Maja Antoni

Schauspielerin

* 23. August 1945 in Berlin

Biografie

Filmstill aus "Verflixtes Mißgeschick"

Carmen-Maja Antoni

in VERFLIXTES MISSGESCHICK (R: Hannelore Unterberg, 1988) Fotograf: Dieter Jaeger

Die Schauspielerin Carmen-Maja Antoni ist klein, nur 1,52 m groß. Sie entspricht auch nicht dem gängigen Schönheitsideal: die Haare strubblig, der Mund schmal, die Nase kräftig. Trotzdem oder gerade deswegen gilt sie im Theater wie auf der Leinwand als auffallende, interessante Erscheinung. Zu DDR-Zeiten und im wiedervereinigten Deutschland ist sie auf den Berliner Bühnen ein Star, brilliert vor allem in Bertolt Brecht-Stücken. Leider wird das Potential der Darstellerin mit dem verschmitzen Lächeln zu selten für die Leinwand genutzt.

Carmen-Maja Antoni wird am 23. August 1945 in Berlin geboren. Ihr Vater ist der Kunstmaler Joseph Antoni. Er verläßt die Familie früh. Die Mutter Ursula Antoni-Orendt verdient ihren Lebensunterhalt als Allroundkünstlerin, die sich früh dem Alkohol hingab. Mit 11 Jahren beginnt Carmen-Maja Antoni für das Fernsehen zu arbeiten. Sie ist eines der drei Mitglieder des Pionier-Kabaretts "Blaue Blitze" beim Fernsehen der DDR, die unter der Regie von Gisela Schwartz-Martell live in gewitzten Gesprächen Situationen aus dem Leben darstellten. Außerdem tritt sie in dem Musical "Der Dieb im Warenhaus" auf. Mit ihrer Arbeit ernährt sie die Familie.

Mit Erfolg bewirbt sich Carmen-Maja Antoni nach ihrem Abitur an der Deutschen Hochschule für Filmkunst Potsdam-Babelsberg. Von 1962 bis 1965 absolviert sie dort ein Schauspielstudium, als eine der jüngsten Studentinnen. Bereits während des Studiums wird die junge Schauspielerin an das Hans-Otto-Theater in Potsdam engagiert. Hier macht sie sich in dem  Bertolt Brecht-Stück "Der kaukasische Kreidekreis" einen Namen. Mit 18 Jahren überzeigt sie als jüngste Grusche die Kritiker. Danach ist sie in Märchenspielen zu sehen, erarbeitet sich ein Repertoire deutscher Klassiker, unter anderem gibt sie die Minna von Barnhelm. 1970 folgt Carmen-Maja Antoni dem Ruf der Volksbühne in Berlin. Hier arbeitet sie mit den Regisseuren Benno Besson, Matthias Langhoff und Fritz Marquardt, wird eine beliebte Darstellerin des Ensembles. Fünf Jahre bleibt sie an dem Theater, überzeugt besonders durch komische und groteske Rollen. Dabei ist ihr Repertoire vielfältig, es reicht von Moliere bis Heiner Müller.

1975 wechselt die Schauspielerin - gerufen von Ruth Berghaus - ans Berliner Ensemble. Hier macht sich Carmen-Maja Antoni einen Namen als Charakterdarstellerin. Sie überzeugt unter anderem in dem Ein-Personen-Stück "Jacke wie Hose" von Manfred Karge, spielt William Shakespeare und immer wieder Bertolt Brecht, unter anderem die weiblich-männliche Doppelrolle Shen Te/Shui Ta in "Der gute Mensch von Sezuan". Häufig spielt sie Musiktheater, gewinnt Kritiker und Zuschauer durch ihre gesanglichen und artistischen Qualitäten. In Hosenrollen feiert sie Erfolge. Zahlreiche Gastspiele führen sie ins Ausland. Mit einem Bertolt Brecht-Programm ist die Schauspielerin in den 80er Jahren in Westeuropa und in den USA zu sehen.

Nach dem Zusammenbruch der DDR wird Carmen-Maja Antoni von Claus Peymann in sein neues Team am Berliner Ensemble übernommen. Derzeit steht sie in den Bertolt Brecht-Stücken "Die Mutter" als Pelagea Wlassowa sowie in "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" auf der Bühne, sie gibt Rechas Gesellschafterin in Lessings "Nathan der Weise" und agiert in Peter Handkes "Untertagblues" sowie in William Shakespeares "Richard III.".

Mitte der 60er Jahren kommen erste Angebote von der DEFA und dem Fernsehen der DDR. Anfangs spielt Carmen-Maja Antoni in Nebenrollen. In der Komödie DER RESERVEHELD (1964) debütiert sie als junges Mädchen. Ihre nächsten beiden Filme finden nicht den Weg auf die Leinwand, verschwinden aufgrund des 11. Plenums des Zentralkomitees der SED in den Kellern. Sie spielt eine Studentin in DENK BLOß NICHT, ICH HEULE (1965), gibt eine Verkäuferin in FRÄULEIN SCHMETTERLING (1966). Die Angebote werden etwas größer. Bevorzugt wird sie mit Rollen unscheinbarer Frauen bedacht, denen sie aber immer ihren ganz individuellen Stempel aufdrückt. In der erfolgreichen Komödie DER MANN, DER NACH DER OMA KAM (1971) spielt sie eine Versicherungskassiererin. Als Kellnerin agiert sie in der Komödie DAS ZWEITE LEBEN DES FRIEDRICH WILHELM GEORG PLATOW (1973). Ihrer Rolle der fremden Meisterin in ALLE MEINE MÄDCHEN (1979) verleiht sie originelle Züge. In der Filmbiographie KÄTHE KOLLWITZ - BILDER EINES LEBENS (1986) agiert sie verhaltend als Fräulein Lina, der Vertrauten der Künstlerin (gespielt von  Jutta Wachowiak).

Eine ihrer wenigen Hauptrollen spielt Carmen-Maja Antoni in KINDHEIT (1987) unter der Regie von Siegfried Kühn. Hier agiert sie als Großmutter des 9-jährigen Alfons, der seine Kindheit um 1944 in einem schlesischen Dorf erlebt. Die Großmutter gibt ihm viel Zärtlichkeit und erzählt ihm immer wieder kuriose Geschichten. Als ein Wanderzirkus ins Dorf kommt, entsteht zwischen dem Schausteller Nardini (gespielt von Fritz Marquardt) und ihr eine zarte Liebe. Carmen-Maja Antoni wird für ihre Darstellung mit dem Kritikerpreis als beste Darstellerin ausgezeichnet.

Als Besetzung in Kinderfilmen ist Carmen-Maja Antoni besonders beliebt. In BLUMEN FÜR DEN MANN IM MOND (1975) agiert sie als Maja. Die Mutter des 9-jährigen Florian spielt sie in DER DICKE UND ICH (1981). Der neue Freund seiner Mutter will dem Sohn nicht so recht gefallen. Nach vielen Streitigkeiten will seine Mutter auf 'ihren Dicken" verzichtet, aber alle raufen sich letzlich doch zusammen. In Erinnerung bleibt ihre Darstellung in VERFLIXTES MISSGESCHICK (1989) unter der Regie von Hannelore Unterberg. Sie spielt das garstige Wesen, welches immer neue Opfer sucht und findet, mit schelmischer Bravour.

Auch im wiedervereinigten Deutschland ist Carmen-Maja Antoni auf der Kinoleinwand präsent. Wieder sind es allerdings nur kleinere Rollen, mit der die Schauspielerin auf sich aufmerksam machen kann. In einem der letzten DEFA-Filme ZWISCHEN PANKOW UND ZEHLENDORF (1991) unter der Regie von Horst Seemann gibt sie eine Verkäuferin. Nebenrollen erhält sie in den Filmen DAS LEBEN IST EIN BAUSTELLE (1997) und NACHTGESTALTEN (1999). In BERLIN IS IN GERMANY (2001) stellt sie die sympathische Bewährungshelferin dar, die dem Haftentlassenen Martin Schulz das neue, unbekannte Leben in Deutschland erleichtern soll. Die Rolle der Mutter, der Großmutter, der Umsorgenden wird häufig von ihr verkörpert. Diese gibt sie unter anderem in EIN SCHIFF WIRD KOMMEN (2002). Ihre vorerst letzte Rolle spielt sie in dem Film GESCHLECHT: WEIBLICH (2003) unter der Regie von Dirk Kummer.

Die Karriere beim Fernsehen startet die Darstellerin ebenfalls Mitte der 60er Jahre. Als Magd überzeugt sie in dem populären fünfteiligen Fernsehroman "Wege übers Land". In der Krimiserie "Rosa Roth" spielt sie seit 1992 die hilfreiche Sekretärin von Kommissarin Rosa Roth, die von Iris Berben gegeben wird. Mit dieser Rolle wird sie über Jahre identifiziert. Überaus populär wird die Schauspielerin als Großmutter in dem TV-Dreiteiler "Der Laden" nach Erwin Strittmatter. Als kleine Großmutter huscht sie unauffällig, aber emsig und zuverlässig durch das Haus, hat ihre Augen und Ohren überall, ist die praktische Großmutter. Regisseur Jo Baier und Drehbuchautor
 Ulrich Plenzdorf gelingt ein fesselnder und äußerst aufwendig inszenierter Fernsehbeitrag, der durch brillante Schauspielerleistungen getragen wird.

Neben ihren schauspielerischen Tätigkeiten auf der Bühne und beim Film leiht Carmen-Maja Antoni ihre Stimme Hörspielfiguren. Mit ihren Lesungen erreicht sie ein großes Publikum, unter anderem liest sie Lyrik von Thomas Brasch. Außerdem arbeitet sie als Dozentin an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg sowie an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch".

Seit 1974 ist Carmen-Maja Antoni verheiratet. Zur Familie gehören ein Sohn und eine Tochter. Sie lebt in Berlin.

Zusammengestellt von Ines Walk.

Filmstill zu "Kindheit"

Carmen-Maja Antoni als Großmutter in KINDHEIT (1986) Fotografen: Eckhardt Hartkopf, Waltraut Pathenheimer

Filmstill zu "Kindheit"

Carmen-Maja Antoni als Großmutter in KINDHEIT (1986) Fotografen: Eckhardt Hartkopf, Waltraut Pathenheimer

Auszeichnungen

  • 1974: Kritikerpreis der Berliner Zeitung - (Beste Darstellerin des Jahres) für die Eva in "Herr Puntila und sein Knecht Matti"
  • 1976: Kritikerpreis der Berliner Zeitung - (Beste Darstellerin des Jahres) für die Herakes in "Herakes W" von Heiner Müller
  • 1988: Kritikerpreis der Berliner Zeitung - (Beste Darstellerin des Jahres) für die Mutter in "Baal"
  • 1988: KINDHEIT - Preis für die Beste weibliche Hauptrolle auf dem 5. Nationales Spielfilmfestival der DDR
  • 1989: Kunstpreis der DDR - für das künstlerische Gesamtschaffen
  • 1990: Helene Weigel-Medaille - für die Darstellung der Schwiegermutter in "Der Selbstmörder"

Literatur

  • Martin Linzer: Carmen-Maja Antoni, in: Renate Seydel: Schauspieler, Henschel Verlag Berlin 1974.
  • Marlis Linke: Hosen-, Weiber- und andere Komödien, in: Filmspiegel, 08/1987.
  • Friedel von Wangenheim: Die Neugier hat mich jung und fröhlich gehalten, in: Zwischentöne. Verlag Das Neue Berlin 1996.
  • Ingrun Spazier: Carmen-Maja Antoni, in: cinegraph, Loseblattsammlung
  • Holde-Barbara Ulrich: Wer hat Angst vor der Antoni? Sie war ein Star, damals auf den Bühnen der DDR. Dann kam die Zeit der kleinen Fernsehrollen. Doch jetzt trumpft Carmen-Maja Antoni auf, in Claus Peymanns neuer Truppe am wiedereröffneten Berliner Ensemble, in: Die Zeit, 2000.
  • o.A.: Berliner Ensemble - Gespräch mit Carmen-Maja Antoni. Eine ehrliche Haut sein, in: Berliner Zeitung, 25.04.2003.

DEFA-Filmografie

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