Doris Borkmann

Regie-Assistentin, Assistenz-Regisseurin

* 13. März 1935 in Berlin; † 12. Mai 2017 in Potsdam

Biografie

Doris Borkmann

Doris Borkmann

bei der 14. Preisverleihung der DEFA-Stiftung am 14.11.2014 (© Reinhardt & Sommer)

Doris Borkmann ist Kennern als die "große alte Dame des ostdeutschen Films" bekannt. Sie hat von 1956 bis 1991 bei der DEFA als Regie-Assistentin bzw. Assistenz-Regisseurin gearbeitet. Damit geht sie langjährige Arbeitspartnerschaften mit Kurt Maetzig, Konrad Wolf, Lothar Warneke und Frank Beyer ein. Ihre Erfahrungen gibt sie nach der Abwicklung der DEFA an junge Filmemacher wie Andreas Dresen und Bernd Böhlich weiter.

Doris Borkmann wird am 13. März 1935 in Berlin geboren. Ihr Vater Peter Paul Nowiki ist freischaffender Maler und Grafiker, ihre Mutter arbeitet als Chefsekretärin. Eingeschult 1941 in Berlin besucht sie bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Schulen in Berlin und Pommern, versäumt allerdings durch den Krieg wie viele Kinder ihrer Generation reichlich Stoff. In der Oberschule beginnt Doris Borkmann sich fürs Theater zu interessieren, besucht Theaterproben und ist fasziniert von der Arbeit hinter der Bühne. Zudem besucht sie die Volkshochschule, zeichnet und fotografiert. Nach ihrer Schulausbildung bewirbt sie sich bei der DEFA, beginnt eine praktische und theoretische Ausbildung, die sie mit allen im Filmbereich vorkommenden Berufen vor allem in den künstlerisch-technischen Bereichen vertraut macht. Die Fotografie steht genauso im Mittelpunkt wie die Arbeit im Kopierwerk des Spielfilmstudios. So lernt sie den gesamten Film-Herstellungsprozess kennen mit dem Berufsziel, Regie-Assistentin zu werden.

Nach dem Abschluss der Ausbildung, die sie mit Auszeichnung besteht, arbeitet Doris Borkmann auf Anraten von Professor Albert Wilkening beim Schnitt in der Gruppe von Filmemacher Martin Hellberg, der "Der Richter von Zalamea" (1956) nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Pedro Calderon de la Barca inszeniert. Bei ihrem ersten Filmprojekt lernt sie viel an praktischer Erfahrung für ihren eigentlichen Traum, als Regie-Assistentin zu arbeiten. Vertraut werden ihr technische Abläufe der Filmherstellung, sie lernt Schwierigkeiten in der Post-Produktion zu bedenken. Sie ist zunächst Cutter-Assistentin und erlangt bald die Befähigung zu selbständigen Schnittarbeiten. Danach wird sie als 2. Regie-Assistentin von Herbert Ballmann am Film DAS TRAUMSCHIFF (1956) engagiert.

Ab 1956 arbeitet Doris Borkmann mit  Kurt Maetzig zusammen, unter anderem als 2. Regie-Assistenz. Für Doris Borkmann wird der Filmemacher einer der wichtigsten Mentoren, da sie von ihm lernt, wie sie sich gedanklich, optisch und praktisch auf ein Filmprojekt einstellt. Es entstehen mit ihrer Mitarbeit unter anderem die zwei Teile von SCHLÖSSER UND KATEN (1956/1957), SEPTEMBERLIEBE (1961) und DER TRAUM DES HAUPTMANN LOY (1961). Sie sammelt Erfahrungen bei Dreh mit zwei Stäben, lernt Arbeiten unter zeitlichem Druck fertigzustellen wie etwa bei dem Prestige-Projekt DAS LIED DER MATROSEN (1958), bei dem sie als 1. Regie-Assistentin arbeitet. Zudem kann sie ihre Erfahrungen bei internationalen Ko-Produktionen mit Polen bei DER SCHWEIGENDE STERN (1960) und Kuba bei PRELUDIO 11 (1964) einbringen. Als Regisseur Kurt Maetzig wegen einer Teilnahme am Filmfestival Karlovy Vary die Dreharbeiten zum Science-Fiction DER SCHWEIGENDE STERN kurzzeitig verlassen muss, drehen Doris Borkmann und Kameramann Joachim Hasler eigenständig Szenen ab. Eines ihrer Credos wird, den Regisseur von praktischen Problemen des Drehprozesses weitestgehend freizuhalten, damit er sich der kreativ-künstlerischen Arbeit widmen kann.

Von 1963 bis zur Abwicklung 1991 ist Doris Borkmann bei der DEFA in der Funktion der Regie-Assistenz angestellt. Den Schauspieler Ulrich Thein unterstützt sie bei seinem Regie-Debüt DER ANDERE NEBEN DIR (1963), der für das Fernsehen der DDR entsteht. Hier entdeckt die Regie-Assistentin, wie Schauspiel-Regisseure mit Schauspielern zum szenischen Ergebnis gelangen. Nach einem weiteren Film mit Ulrich Thein als Regisseur bleibt dies ihr einziger Ausflug zum Fernsehen der DDR. Erst nach der Abwicklung der DEFA wird sie wieder in diesem Bereich arbeiten.

Eine enge künstlerische Arbeitspartnerschaft ergibt sich mit  Konrad Wolf. Beide arbeiten insgesamt 15 Jahre zusammen, wobei Doris Borkmann die Möglichkeit erhält, sehr selbständig als Assistenz-Regisseur tätig zu werden. Heute bezeichnet es die Filmemacherin als Glück, von der Bucharbeit bis zur Mischung an einem Projekt beteiligt gewesen zu sein. 1967 treffen beide erstmals bei einem Gespräch aufeinander, zu dem Konrad Wolf eingeladen hat. Zunächst trägt Doris Borkmann die Verantwortung für Probeaufnahmen für die Hauptrolle beim Film ICH WAR NEUNZEHN (1968), gemeinsam entdecken sie den jungen Schauspieler Jaecki Schwarz. Mit dem späteren Filmregisseur Rainer Simon ist sie dann als Assistenz-Regisseur an dem Projekt beteiligt. Bei der internationalen Groß-Produktion GOYA (1971) übernimmt Doris Borkmann gemeinsam mit Vladimir Stepanov die gleiche Funktion. Zudem gibt es fünf weitere Regie-Assistenten; der organisatorische Aufwand für das Projekt ist enorm. Intensiv beschäftigt sich Doris Borkmann hier mit dem historischen Ritualen, Lebensgewohnheiten und Hintergründen. Sie nimmt dieses vorbereitende Arbeitsprinzip, dem die Gründlichkeit in der historischen Recherche zugrunde liegt, in ihr Berufsbild auf. Es entstehen in Zusammenarbeit weitere Filme wie DER NACKTE MANN AUF DEM SPORTPLATZ (1974), der mit viel improvisierenden Szenen ohne Einstellungsnummern gedreht wird. Zudem ist sie bei MAMA, ICH LEBE (1977) und SOLO SUNNY (1980) beteiligt.

In Arbeitspausen von Konrad Wolf arbeitet Doris Borkmann mit anderen DEFA-Regisseuren zusammen. Dazu zählen unter anderem  Ralf Kirsten (DIE ELIXIERE DES TEUFELS, EINE PYRAMIDE FÜR MICH, ICH ZWING DICH ZU LEBEN),  Rainer Simon (JADUP UND BOEL),  Roland Gräf (FARIAHO),  Lothar Warneke (EINE SONDERBARE LIEBE, BLONDER TANGO, EINER TRAGE DES ANDEREN LAST) und  Jürgen Brauer (GRITTA VON RATTENZUHAUSBEIUNS). Doris Borkmann lernt als Assistentin verschiedene Arbeitsprinzipien und -systeme, ästhetische Konzepte und künstlerische Mentalitäten kennen und schätzen.

Eine weitere Arbeitsbeziehung ergibt sich mit Filmemacher Frank Beyer. Bereits Ende der 1950er Jahre haben beide bei EINE ALTE LIEBE (1959) zusammen gearbeitet. Ende der 1980er Jahre intensiviert sich ihre Kooperation. Sie arbeiten gemeinsam an der deutsch-deutschen Koproduktion DER BRUCH (1989). Für den zweiteiligen TV-Film ENDE DER UNSCHULD (1991) über deutsche Atomwissenschaftler während des Zweiten Weltkrieges, den der Westdeutsche Rundfunk in Auftrag gibt und der zwischen Mauerfall und Währungsunion entsteht, ist historisch gründliche Recherche wieder unabdingbar. Im Blick auf ihr Berufsbild gehört diese vorbereitende Arbeit laut Doris Borkmann zu den wichtigen Momenten im Film-Prozess. Doris Borkmann arbeitet am letzten DEFA-Film des Regisseurs DER VERDACHT (1991) mit. Danach entstehen Arbeiten fürs Fernsehen, unter anderem die WDR-Ehekomödie SIE UND ER (1992). Die Satire DAS GROSSE FEST (1992) thematisiert die Wiedervereinigung. DAS LETZTE U-BOOT (1993) ist eine große internationale Koproduktion. In Arbeitspausen des Regisseurs sind es unter anderem Margarethe von Trotta (DAS VERSPRECHEN) und Michael Verhoeven, die auf die Erfahrungen von Doris Borkmann zurückgreifen. Mehrfach arbeitet sie mit Filmemacher Bernhard Stephan zusammen.

1996 beendet Doris Borkmann ihre Karriere als Regie-Assistentin und steigt im Alter von 61 Jahren aus dem aktiven Drehprozess aus. Dies bedeutet allerdings nicht, dass sie dem Film den Rücken kehrt. Bereits bei ihrer frühen Zusammenarbeit mit Filmregisseur Kurt Maetzig übernimmt Doris Borkmann Casting-Aufgaben. Der Filmemacher schickt sie Anfang der 1960er Jahre unter anderem an Theater und Schauspielschulen, um junge Talente zu entdecken. Dabei und bei ihrer täglichen Arbeit beim Film entwickelt sie einen Blick für gute Schauspiel-Leistungen. Aus diesen Anfangstagen ist ihr der Auswahlprozess geblieben: Doris Borkmann sieht sich Talente in Vorstellungsgesprächen an, hält enge Kontakte zu Schauspielschulen und beobachtet über einen längeren Zeitraum Talente, die sie besonders interessieren. Aus ihrer Dreh-Erfahrung mit Schauspielern ist sie zudem sehr tolerant gegenüber kapriziösen Eigenschaften, akzeptiert diese als Vorbereitung auf den Filmprozess. Das sind hervorragende Voraussetzungen für Casting-Arbeiten. Nach ihrer Zeit bei der DEFA übernimmt Doris Borkmann diesen Aufgabenbereich für junge Regisseure. Filmemacher wie  Andreas Dresen, Sebastian Peterson, Doris Dörrie und Bernd Böhlich haben so das Glück, von ihren Erfahrungen zu lernen.

Ihre Kenntnisse und ihr Wissen reicht Doris Borkmann an die jüngere Generation weiter. Sie gibt unter anderem Seminare an der Schauspielschule in Leipzig sowie Rostock und vor Autoren, Dramaturgen und Regie-Studenten an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg.

Doris Borkmann verstarb am 12. Mai 2017.

Verfasst von Ines Walk. (Stand: November 2014)

Trailer zu "Solo Sunny" (R: Konrad Wolf, Wolfgang Kohlhaase, 1979)

Auszeichnungen

  • 1985: Heinrich Greif Preis (gemeinsam mit Evelyn Carow und Hans Poppe)
  • 2014: Preis der DEFA-Stiftung für das filmkünstlerische Lebenswerk

Literatur

  • o.A.: Künstlerische Mitarbeiter mit Engagement und Können, in: DEFA-Blende 1985.

DEFA-Filmografie

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