Eduard Schreiber

Regisseur, Drehbuchautor

* 21. Mai 1939 in Obernitz (heute Obrnice)

Biografie

Eduard Schreiber

Eduard Schreiber

Fotograf: Nicolas Rossi

In seinen filmischen Erkundungen sozialer Themen, von Künstlerbiografien und dem Verschwinden des Gedächtnisses findet Eduard Schreiber immer wieder zu einer sehr persönlichen Ausdrucksweise. Jeder Film Schreibers bezeugt ein neues Temperament. Schreibers Werk ist stets unangepasst: Als Stilist ist er im DEFA-Studio für Dokumentarfilm bekannt geworden, als hartnäckiger Spurensammler während der prägenden Ereignisse Anfang der 1990er Jahre und danach.

Eduard Schreiber wird am 21. Mai 1939 im böhmischen Obernitz (heute Obrnice) geboren. Dort wächst er bis zur „Umsiedlung“ der Familie in den Harz nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Schreiber studiert Literaturwissenschaft und Publizistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig und arbeitet als Assistent am dortigen Institut für Literarische Publizistik. Als promovierter Literaturwissenschaftler beginnt er im DEFA-Studio für Kurzfilme zunächst als Dramaturg und Szenarist zu arbeiten. Zusammen mit  Ulrich Weiß realisiert er MONTAGE ADÉ… EIN BRIGADIER ERZÄHLT (1971), einen detailliert beobachtenden Dokumentarfilm über einen Brigadier, der an Hochspannungsleitungen arbeitet und die Montage-Reisen aufgibt. Mit DEUTSCH, DEUTSCHER, BUNDESDEUTSCH gibt Schreiber 1972 sein Regie-Debüt. Hier montiert er Antworten von Passanten in bundesdeutschen Fußgängerzonen auf die Frage „Was ist deutsch?“ gegeneinander. Der Titel legt die Intention des Films bereits nahe: Er soll zeigen, wie sich nationalistische Traditionen vom Kaiserreich über das „Dritte Reich“ in der BRD fortsetzen.

Die neu geschaffene Kulturredaktion des Deutschen Fernsehfunks (DFF) bietet Schreiber die Möglichkeit für die Entwicklung seiner eigenen Handschrift als Dokumentarfilmer. Im Auftrag des Fernsehens entstehen unter anderem die Dokumentarfilme LENINGRAD - STADT MEINER DICHTUNG (1973), HERMANN HESSE 1877-1977 (1977), NUN GUT, WIR WOLLEN FECHTEN (1978) und DAS WECHSELVOLLE LEBEN DES DEUTSCHEN MALERS UND GLÜCKSSUCHERS HEINRICH VOGELER (1979). Die Filme der 1970er Jahre fasst Schreiber zusammen:

„Es war mir, glaube ich, gelungen, mich von einem zufälligen Umgang mit Bildern zu befreien, und den Bildern, die historisch festgelegt waren, eine zweite und dritte Ebene zu verleihen. Der nächste wichtige Schritt war, im Film meiner Haltung eine wirkliche Rolle beizumessen, und ich begann, sie sichtbar zu artikulieren — in Arbeiten wie DAS WECHSELVOLLE LEBEN DES DEUTSCHEN MALERS UND GLÜCKSSUCHENDEN HEINRICH VOGELER und WIELAND FÖRSTER - DEZEMBER 79. Damit versuchte ich vor allem, mich abzuwenden von einer Konzeption, Filme über etwas zu machen.“

(Becker 1988, S. 7)

Mit den bewusst artifiziellen Einstellungen und dem Auftreten des Schauspielers Wulf Bringmann als Vogeler ist HEINRICH VOGELER der erste Filmessay Schreibers, das zusammen mit Rolf Richter entsteht. Gemeinsam beobachten Schreiber und Richter in WIELAND FÖRSTER - DEZEMBER 79 (1980) den Maler, Bildhauer und Schriftsteller Wieland Förster mit voller Aufmerksamkeit bei seiner Arbeit und suchen nach biografischen Erfahrungen in dessen Werk. Der Eingriff historischer Umbrüche in individuelle Biografien tritt bei diesen Filmen als thematischer Kern von Schreibers Schaffen hervor.

Dass er sich nach seinem Film über das Lichtenberger Bauprogramm ERINNERUNGEN AN HÄUSER (1980) sozialen Themen zuwendet, erklärt Schreiber in einem Interview:

„Dann gab es eine Phase, in der ich festgelegt war auf Filme über Künstler. Das wird auf die Dauer langweilig. Allzuschnell gibt es ja Etiketten. Deshalb interessierte ich mich für Bereiche, wobei mir frühere Erfahrungen zugutekamen.“

(Becker 1988, S. 7)

In DER BAUER UND SEINE FRAU (1983) sind es gesellschaftliche Veränderungen, die die Zukunft der Menschen im Dorf Molmerswende im Harz unsicher machen. Die Kinder sind weggezogen, die Alten hoffen darauf, dass ein paar der Enkel wieder in das Dorf zurückkehren und die Landwirtschaft fortsetzen. Der Film ist auf den ersten Blick nüchterner, ja vielleicht sogar konventioneller erzählt als die Arbeiten über Vogeler und Förster. Die Erzählerstimme ist zurückgenommen und stellt Fakten fest. Aber gerade in der Reduktion der Mittel eröffnet Schreiber einen Raum für Gedanken, in denen kleine Gesten große Bedeutung annehmen. So reicht der Großvater seiner Enkelin eine Geige weiter - eine Spur der Vergangenheit in den Händen der Kinder. Eine Ausstrahlungsgenehmigung erhält der Film nicht, wird aber für die Kinoverwertung freigegeben.

Für das Kino entstehen auch Schreibers nächste Filme. In ABHÄNGIG (1983) porträtiert er die Hilfe für alkoholkranke Arbeiter durch eine Betreuungsstelle in der Neptun-Werft in Rostock. In realistischem Schwarzweiß spielt Schreiber mit den Einstellungen von der Werft, mit Bildern von Schiffen und dem Wasser, um Assoziationen freizusetzen, ohne die Bilder zu überformen. Für Klaus-Peter Wolf ist ABHÄNGIG ein „Experiment, das in dieser Form in der DDR bisher einmalig ist“. In RÜCKFÄLLIG (1988) kehrt Schreiber zu diesem Thema zurück und zeichnet den Umgang mit der Alkoholsucht anhand von vier Menschen nach, wobei er hier schonungsloser in seiner Gesellschaftskritik ist: Er stellt den mit Alkoholflaschen gefüllten Supermarktregalen Bilder von Ausnüchterungszellen gegenüber.

Filmstill zu "Abhängig"

ABHÄNGIG (R: Eduard Schreiber, 1983) Fotograf: Wolfgang Dietzel

Filmstill zu "Wissen Sie nicht, wo Herr Kisch ist?"

WISSEN SIE NICHT, WO HERR KISCH IST? (R: Eduard Schreiber, 1985) Fotograf: Ervín Sanders

In den kommenden Jahren wagt Schreiber in der Wahl seiner künstlerischen Mittel immer mehr. Statt dem beobachtenden und zurückgenommenen Stil von ERINNERUNGEN AN HÄUSER und ABHÄNGIG reizt Schreiber verschiedene filmische Verfahren aus. In RADNOTI (1984) verfolgt er den Todesmarsch, den der jüdische Dichter Miklós Radnoti mit einer Kolonne von Zwangsarbeitern gehen musste. Mit einer Steadycam jagt er gleichsam in WISSEN SIE NICHT, WO HERR KISCH IST? (1985) das Gespenst des „rasenden Reporter“ Egon Erwin Kisch durch Prag.

In beiden Filmen sucht Schreiber nach Spuren von Lebensläufen und deren Um- und Abbrüchen. Mit den Umbrüchen am Ende der 1980er Jahre wird er zum Spurensucher in der Gegenwart. In THE TIME IS NOW - JETZT IST DIE ZEIT (1987) suchen Schreiber und Richter nach einem Moment, in dem jenseits von Kriegsfurcht und realpolitischen Beschränkungen Frieden neu denkbar ist. In ÖSTLICHE LANDSCHAFT (1991) richtet er den Blick auf Alltagsartefakte der DDR, die auf der Müllkippe landen.

Dass das Ende des DEFA-Studios für Dokumentarfilme keinen Bruch in Schreibers Schaffen bedeutet, belegt seine künstlerische Unabhängigkeit bereits vor der Wende. Anfang der 1990er Jahre setzt er sich, quer zum Mainstream, mit den Konsequenzen des Zusammenbruchs der DDR auseinander. 1990 präsentiert er im Forum des Junge Films der Berlinale seinen Film ICH WAR EIN GLÜCKLICHER MENSCH (1990) über den Journalisten Tilbert Eckertz, der trotz Inhaftierung während der Ulbricht-Ära noch immer von der moralischen Überlegenheit der DDR überzeugt ist, sich aber mit diesem Starrsinn von seiner Familie längst entfremdet hat.

In den 1990er Jahren bestimmt Schreibers Oeuvre primär eine umfangreiche Gedächtnisarbeit, ein filmisches Spurensuchen im Angesicht der Umwälzungen. In DIE ANGST UND DIE MACHT - DIE TRIBÜNE macht er in historischen Filmmaterialien jene Einzelpersonen ausfindig, die nicht den Tribünen zujubeln, auf denen sich die Herrscher präsentierten. In seiner ersten Langzeitbeobachtung LANGE NACH DER SCHLACHT (1995) folgt er gemeinsam mit Regine Kühn über Jahre hinweg dem Abzug russischer Soldaten aus Brandenburg. Für AVIATRICEN. DIE STARS DER STALINSCHEN LUFTFAHRT (1999) gelingt es Schreiber und Kühn, bislang unbekanntes Filmmaterial aus russischen Archiven zu verwenden und dieses mit den persönlichen Privatarchiven seiner Protagonistinnen zu montieren. Auch hier richtet er den Blick auf Gegenwart und Vergangenheit gleichermaßen:

„Dass er die Zuschauer mit Fragen statt mit schnellen Antworten entlässt, dass er sie zugleich wissender und gerechter machen will, lässt den Film in einem Wust von Geschichts-Entertainment zur wichtigen Ausnahme werden“.

(Schenk 1999, 26)

Als bloße Trümmer und Traumsplitter findet Schreiber die Spuren des sowjetischen Imperiums in PHANTOMASIEN (2006) vor. In Russland entsteht auch ZONE M. (2000), in dem Schreiber in ebenso ruhigen wie beeindruckenden Landschaftsbildern aufzeigt, wie das Vakuum, das Geschichtsvergessenheit hinterlässt, mit Spekulationen gefüllt wird und es nur noch um nacktes Überleben geht.

Mit DIE ERFINDUNG GOETHES führt Schreiber spätestens 1999 die Linie der Künstlerfilme in seinem Werk fort. In dem Film bricht Schreiber nicht nur das Image des Nationaldichters, sondern ironisiert auch die offiziellen Bemühungen des Jubiläumsjahres. Auf WIELAND FÖRSTER - DEZEMBER 79 folgen drei weitere Filmessays mit und über Förster: Die Verfilmung seines Texts UNSER TÄGLICH BROT GIB UNS HEUTE (1992), GROSSER TRAUERNDER MANN (1993) und IM LABYRINTH. DIE WELT DES BILDHAUERS WIELAND FÖRSTER (2005).

Seine Filmarbeit begleitet er durch Texte zur Filmtheorie und zum Sehen. 1991/92 hat er eine Gastprofessur (Dokumentarfilm) an der Uni Hamburg inne. Er ist literarischer Übersetzer aus dem Tschechischen (bisher über 20 Bücher, Poesie und Prosa u.a. von Ludvík Kundera, František Listopad, Jiří Kolář, Jiří Gruša, Daniela Hodrová).

Verfasst von Stephan Ahrens. (Stand: Oktober 2019)

Auszeichnungen

  • 1983: ABHÄNGIG - Findlingspreis der Filmklubs der DDR
  • 1984: ABHÄNGIG - Internationale Kurzfilmtage Oberhausen: Auszeichnung innerhalb des Länderprogramms
  • 1986: WISSEN SIE NICHT, WO HERR KISCH IST? - 16. Internationale Kurzfilmfestival in Tampere: Ehrendiplom
  • 1986: RADNÓTI und WISSEN SIE NICHT, WO HERR KISCH IST? - Heinrich-Greif-Preis
  • 1991: ÖSTLICHE LANDSCHAFT - Deutscher Kurzfilmpreis

Literatur

Eigene Texte (in Auswahl):

  • Reise durch ein Zimmer in mehreren Jahren, Film und Fernsehen, 1992/1.
  • Zeit der verpaßten Möglichkeiten 1970 bis 1980, in: Jordan/Schenk (Hg.) Schwarzweiß und Farbe. DEFA-Dokumentarfilme 1946-1992, Berlin 1996, S. 128-179
  • Die Schuwalkins – das sind wir, Film und Fernsehen 1996/3+4
  • Das Auge schwimmt auf dem Canale Grande, in: Michael Tobias (Hg.) The Search for Reality. The Art of Documentary Filmmaking, Studio City, CA 1998

Fremde Texte:

  • Klaus-Peter Wolf: Rezension ABHÄNGIG, Neue Zeit vom 22.10. 1983.
  • Hannes Schmidt: Die Suggestion des Poetischen, Filmspiegel, 1986/1, S. 6-7.
  • Wieland Becker: Viele Bäche oder ein Strom, Film und Fernsehen, 1988/1. Gespräch mit Eduard Schreiber. S. 4 - 9.
  • Erika Richter: „…die eigene Arbeit kritisch reflektieren“, Gespräch mit Eduard Schreiber, Film und Fernsehen, 1996/5,6, S. 35-40.
  • Ralf Schenk:  Östliche Landschaften, Filmdienst, 1996/3, S. 34-38.
  • Ralf Schenk: Behutsames Tasten nach der Wahrheit, Film und Fernsehen, 1999/3+4, S. 26f.
  • Martin Mund: Individualist und Wahrheitssucher, Neues Deutschland, 21.05.1999.
  • Tobias Rahne: Begegnung Eduard Schreiber. Die filmischen Strategien der DEFA-Dokumentarfilme „Abhängig“ (1983) und „Ruckfällig“ (1988). Braunschweig, 2006

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