Erwin Geschonneck

Schauspieler

* 27. Dezember 1906 in Bartenstein (heute Bartoszyce, Polen); † 12. März 2008 in Berlin

Biografie

Erwin Geschonneck in ANTON DER ZAUBERER

Erwin Geschonneck

in ANTON DER ZAUBERER (R: Günter Reisch, 1977) Fotograf: Dieter Lück

Erwin Geschonneck ist einer der großen Schauspieler des letzten Jahrhunderts. Auf der Bühne wie im Film strotz er vor Vitalität, offenbart eine ungebremste Körperlichkeit, in der die zu spielende Figur und er als Spielender ineinander aufgehen. Das Spektrum der Rollen des Schauspielers ist breit, in zahlreichen Filmen spielt er Arbeiterhelden und Antifaschisten, gibt dramatische Rollen für jung und alt etwa als riesig-dämonischer Holländer-Michel mit Glasauge im Märchenfilm DAS KALTE HERZ (1950) und kann in KARBID UND SAUERAMPFER (1963) sein komisches Talent unter Beweis stellen. Nie sind es - auch in propagandistischen Filmen - Stereotypen, die der Schauspieler gibt, immer haben seine Figuren Charakter.

Erwin Geschonneck wird am 27. Dezember 1906 in Bartenstein (heute Bartoszyce in Polen) geboren. Sein Vater ist Flickschuster, seine Mutter stirbt ein Jahr nach seiner Geburt an Tuberkulose. Zur Familie gehören noch zwei ältere Geschwister: Käthe und Bruno. 1908 zieht die Familie nach Berlin, in die Rosenthaler Vorstadt. Sein Vater arbeitet als Nachtwächter bei Kempinski. 1913 wird Erwin Geschonneck eingeschult und besucht eine Gemeindeschule.

Nach seiner Schulausbildung arbeitet Erwin Geschonneck ab 1920 als Bürobote. 1923 gehört er zum Millionenheer der Arbeitslosen, findet ab und zu Tagesjobs, macht unter anderem Reklame für Kopfbedeckungen. Er betätigt sich politisch: wird Mitglied der Arbeitersportbewegung Fichte, später Leiter des Arbeiter-Athletenbundes Berlin-Kreuzberg. Aktiv ist er auch im künstlerischen Bereich: Er singt in Chören, tritt mit der Agitprop-Gruppe "Sturmtrupp links" auf, spielt im Roten Kabarett von Kurt Tucholsky. 1929 tritt er der Kommunistischen Partei Deutschlands bei. Als Erwin Gösch arbeitet er als Souffleur, Beleuchter und Darsteller bei einer Gruppe junger jüdischer Schauspieler. 1932 debütiert er an Erwin Piscators Volksbühne in dem Johannes R. Becher-Stück "Der große Plan und seine Feinde".

Ersten Kontakt mit dem Film hat Erwin Geschonneck als Jugendlicher. Kindliche Filmerfahrungen sammelt er 1919 bei Dreharbeiten zu Reinhold Schünzels Film MÄDCHEN AUS DER ACKERSTRAßE (1919). Anfang der 30er Jahre arbeitet er als Statist in KUHLE WAMPE ODER WEM GEHÖRT DIE WELT? (1932) unter der Regie von Slatan Dudow mit, ist einer der vielen Arbeitersportler in dem proletarischen Filmstreifen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 geht er nach Polen. 1934 wird er dort verhaftet und in die Tschechoslowakei abgeschoben. Hier lernt er den Künstler John Heartfield kennen, steht für ihn Modell. Gegen Ende des Jahres reist er in die Sowjetunion. Gemeinsam mit dem Schauspieler und Regisseur Gustav von Wangenheim gründet er das dortige Deutsche Theater. Später arbeitet er am Deutschen Gebietstheater in der ukrainischen Gebietshauptstadt Dnjepropetrowsk und am Kollektivistentheater in Odessa. Nach Schwierigkeiten mit dem sowjetischen Geheimdienst wird er ausgewiesen. Erwin Geschonneck darf nach Prag ausreisen, wo er sich der Freien Deutschen Spielgemeinschaft anschließt.

Als die deutsche Wehrmacht in die Tscheslowakei einmarschiert, begibt er sich in den Untergrund. Im März 1939 wird er verraten und von der SS verhaftet. Ein sechsjähriger Leidensweg durch die Konzentrationslager Sachsenhausen, Dachau und Neuengamme folgt. Erwin Geschonneck betätigt sind hier künstlerisch, spielt und inszeniert Theater. Die Mithäftlinge achten ihn, er wird Stubenältester, später Blockältester. Auch in der Widerstandsorganisation des Lagers Dachau ist er aktiv. Im Mai 1944 wird er bei der Evakuierung des Lagers Neuengamme auf dem ehemaligen Passagierdampfer "Cap Arcona" eingesperrt. Als das Schiff am 03. Mai 1945 nach einer Bombardierung durch britische Bomber mit etwa 4000 Häftlingen sinkt, gehört er zu den 350 Geretteten. In dem TV-Film "Der Mann von der Cap Arcona" (1982) wird die lebenswichtige Begebenheit verfilmt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begibt sich Erwin Geschonneck zunächst nach Hamburg. Hier arbeitet er in einer Kommission zur Entnazifizierung von Künstlern mit, ist Mitglied im Komitee ehemaliger politischer Häftlinge. Er beginnt wieder als Schauspieler zu arbeiten, debütiert an den Hamburger Kammerspielen unter der Regie von Helmut Käutner. Bald gehört er zu den angesehenen Mitgliedern des Ensembles, spielt Wolfgang Borchert, Max Frisch und Carl Sternheim. Zudem ist er als Sprecher in Hörspielen und beim Rundfunk aktiv.

1949 geht er nach Berlin und wird dort am Berliner Ensemble engagiert. Er debütiert in dem Bertolt Brecht-Stück "Herr Puntila und sein Knecht Matti". In der Folge ist er in zahlreichen Brecht-Inszenierungen zu sehen, unter anderem in "Mutter Courage und ihre Kinder", "Die Dreigroschenoper" und "Die Gewehre der Frau Carrar". Außerdem steht er in Stücken von Erwin Strittmatter, Heinrich von Kleist und Molière auf der Bühne. Er arbeitet mit dem Regisseuren Erich Engel, Benno Besson, Peter Palitzsch und Bertolt Brecht zusammen, zählt in den 50er Jahren zu den ganz großen Berliner Theaterschauspielern. 1955 verläßt er die Bühne, um ausschließlich - mit wenigen Ausnahmen - für Kino und Fernsehen zu arbeiten.

Mit dem Film kommt Erwin Geschonneck bereits wieder in Hamburg in Kontakt. Er ist als Automechaniker Schmitt in Helmut Käutners erstem Nachkriegsfilm IN JENEN TAGEN (1947) zu sehen. Fünf weitere Hamburger Filme folgen, darunter Wolfgang Liebeneiners Film LIEBE 47 (1949) nach Wolfgang Borcherts Roman "Draußen vor der Tür". Schon während der Uraufführung des Stückes steht der Schauspieler auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele. Einen richtigen Schub erhält seine Filmkarriere allerdings erst mit seiner Übersiedlung nach Berlin. Hier zählt Erwin Geschonneck bald zu den besten und bekanntesten Schauspielern der DEFA.

Seine erste Rolle des Ganove Motes bei der DEFA übernimmt er in dem Film DER BIBERPELZ (1949) nach Gerhart Hauptmann unter der Regie von Erich Engel. Der Film bietet bestes Unterhaltungskino. Als riesig-dämonischer Holländer-Michel mit Glasauge erschreckt er in Paul Verhoevens Märchenfilm DAS KALTE HERZ (1950) Kinder und Erwachsene gleichermaßen. In seiner dunklen Behausung klopfen Tausende von Herzen in Gefäßen, die er ihren Besitzern aus dem Leib entfernt, während sie einen kalten, seelenlosen Stein tragen.

In DAS BEIL VON WANDSBEK (1951) nach dem gleichnamigen Roman von Arnold Zweig vom Regisseur Falk Harnack spielt er den Schlachter Albert Teetjen, der sich in den ersten Jahren der Nazizeit als Scharfrichter verdingt und vier Antifaschisten köpft. Der Film ist eine beklemmende Studie zum Typus des Mitläufers, der zum Mörder wird. Bereits während der Dreharbeiten gibt es zahlreiche Einwände der DEFA-Kommission, nach der Premiere wird der Film aber zwei Monate später zurückgezogen. Ihm wird Mitleid mit den Tätern vorgeworfen. 1962 gelangt eine um 20 Minuten gekürzte Fassung in die Kinos. Erwin Geschonneck erhält auf ausdrücklichen Wunsch 1981 als Geburtstagsgeschenk eine restaurierte Fassung des Films, die neu aufgeführt wird.

Seine biografischen Erfahrungen bringt der Schauspieler in seine wichtigsten Filmrollen ein. In NACKT UNTER WÖLFEN (1963) von  Frank Beyer spielt er den Lagerältesten Krämer, der mit seinen Kameraden einem kleinen Jungen das Leben rettet. Anfangs lehnt der Schauspieler die Rolle aus Respekt und Befangenheit ab, da sie ihn zu sehr an seine eigene Geschichte erinnert. Aber der Buchautor Bruno Apitz und der Regisseur überzeugen ihn.

Aber er spielt auch Gegner des Systems. In  Gerhard Kleins Jugendkrimi ALARM IM ZIRKUS (1954) gibt er einen West-Berliner Barbesitzer, der hinter einer seriösen Maske Egoismus und Machtallüren verbirgt. Als hoher Wehrmachtsoffizier, der unter falschem Namen bei seiner vermeintlichen Witwe untergekrochen ist, agiert er in DER HAUPTMANN VON KÖLN (1956) unter der Regie von Slatan Dudow. In SCHLÖSSER UND KATEN (1957) von  Kurt Maetzig spielt er den Gutsverwalter, der auf die Rückkehr seiner alten Herrschaft wartet und dazwischen Sabotageakte ausheckt.

In LOTTERIESCHWEDE (1958) nach einer Geschichte von Martin Andersen Nexö unter der Regie von Joachim Kunert spielt er Steinbrucharbeiter Johan Jönsson, der seinen Lotterieschein zu Geld macht. Als das Los gewinnt, begeht er Selbstmord. Nochmals besetzt ihn der Regisseur Kurt Maetzig in DIE FAHNE VON KRIWOJ ROG (1967), wo er einen kommunistischen Helden spielt, der auch durch seine Schwächen Größe erlangt.

Seine Arbeiterfiguren sind es, die den Schauspieler ebenfalls zum Star werden lassen. Als Jupp König überzeugt er in SONNENSUCHER (1958) von Konrad Wolf. Hier spielt er einen unorthodoxen Kommunisten, der im Uranabbau bei der Wismut beschäftigt ist. Er ist lebenslustig und fröhlich, robust und kraftvoll, zugleich radikal und anarchistisch – eine der faszinierendsten Arbeiterfiguren der DEFA. Der Film wird nach monatelangem Hin und Her verboten, kommt erst 1972 in die Kinos. Auch Jahre später als pensionierter Arbeiter in BANKETT FÜR ACHILLES (1975) überzeugt der Darsteller in einem der wenigen, wirklich bedeutenden Arbeiterporträts der DEFA. Unter der Regie von Roland Gräf spielt er Karl Achilles, 65 Jahre alt und dreißig Jahre im Chemie-Kombinat Bitterfeld tätig, der in die Rente entlassen wird. Kein Held wird da porträtiert, sondern eine empfindsame und vitale Person, die sich nicht einfach so aus dem Arbeitsleben verabschieden kann.

Erwin Geschonneck stirbt am 12. März 2008 in Berlin.

Zusammengestellt von Ines Walk.

Trailer zu "DAS BEIL VON WANDSBEK" (R: Falk Harnack, 1951)

Filme über Erwin Geschonneck

  • 1985: Goethe in D. oder Die Blutnacht auf dem Schreckenstein oder Wie Erwin Geschonneck eine Hauptrolle spielte, Regie: Manfred Vosz
  • 1986: Lebenszeichen – Notizen über Erwin Geschonneck, Regie: Kurt Tetzlaff
  • 1995: Zwischentöne: Erwin Geschonneck, Regie: Matti Geschonneck

Auszeichnungen

  • 1954: Nationalpreis II. Klasse für sein Gesamtschaffen
  • 1954: Erich Weinert Medaille
  • 1954: Artur Becker Medaille
  • 1960: LEUTE MIT FLÜGELN - Darstellerpreis auf den Internationalen Filmfestspielen in Karlovy Vary
  • 1960: LEUTE MIT FLÜGELN - Nationalpreis II. Klasse
  • 1961: GEWISSEN IM AUFRUHR - Nationalpreis I. Klasse im Kollektiv
  • 1965: Vaterländischer Verdienstorden in Silber
  • 1966: Erich Weinert Medaille
  • 1968: DIE FAHNE VON KRIWOJ ROG - Nationalpreis I. Klasse im Kollektiv
  • 1969: Verdienstmedaille der Nationalen Volksarmee in Silber
  • 1971: Artur Becker Medaille in Gold
  • 1974: Theodor Körner Preis
  • 1975: Medaille für Waffenbrüderschaft
  • 1975: Internationale Filmfestspiele Wolgograd: Goldmedaille
  • 1975: JAKOB DER LÜGNER - Nationalpreis II. Klasse im Kollektiv
  • 1976: Vaterländischer Verdienstorden in Gold
  • 1977: Goldener Lorbeer des Fernsehens der DDR
  • 1981: Karl Marx Orden
  • 1982: DER MANN VON DER CAP ARCONA - Kunstpreis der FDJ für im Kollektiv
  • 1985: Kunstpreis des FDGB
  • 1987: EIN WIGWAM FÜR DIE STÖRCHE - Ehrendiplom beim Kinderfilmfestival "Goldener Spatz" in Gera
  • 1993: Deutscher Filmpreis für sein Gesamtschaffen
  • 2004: Ehrenmitglied der neu gegründeten Deutschen Filmakademie

Literatur

Eigene Texte:

  • Erwin Geschonneck: Beruf und Berufung, in: Film und Fernsehen, Nr. 09/1989.
  • Erwin Geschonneck: Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt, in: Renate Seydel (Hrsg.): Aller Anfang ist schwer ... Schauspieler erzählen über ihre ersten Filme, Henschel Verlag Berlin 1988.
  • Erwin Geschonneck: Vom mündigen Schauspieler, in: Film und Fernsehen 12/1986.
  • Erwin Geschonneck: Meine unruhigen Jahre, herausgegeben von Günter Agde. Dietz Berlin 1984.
  • Erwin Geschonneck: Meine unruhigen Jahre, in: Sinn und Form, Nr. 06/1981 (Abweichender Vorabdruck aus den Memoiren).
  • Erwin Geschonneck: Auskünfte und Ansichten, Zusammenstellung: Hermann Herlinghaus, Verband der Film- und Fernsehschaffenden Berlin, 1981.

Fremde Texte:

  • Dieter Reimer: Erwin Geschonneck, in: Dieter Reimer: DEFA-Stars - Legenden aus Babelsberg, Militzke Verlag, Leipzig 2004.
  • Manfred Wekwerth: Plebejisches Genie ..., in: Neues Deutschland, 27.12.2004.
  • Roland Gräf: ... so vital, in: Neues Deutschland, 27.12.2004.
  • Frank Beyer: ... und verläßlich, in: Neues Deutschland, 27.12.2004.
  • Michael Hanisch:  Ein Gesicht, kantig, fast hölzern. Der Schauspieler Erwin Geschonneck wird 95, in: film-dienst 26/2001.
  • Ralf Schenk:  Spiel und Leben: Zum 90. Geburtstag von Erwin Geschonneck, in: film-dienst 02/1997.
  • Rosemarie Rehahn: Erwin Geschonneck, in: Ralf Schenk (Hrsg.): Vor der Kamera, Henschel Verlag Berlin 1995.
  • Thomas Heise: Widerstand und Anpassung - Überlebensstrategie. Gespräch mit Erwin Geschonneck., in: Sinn und Form, Nr. 03/1988.
  • Günter Agde: Mit Erwin Geschonneck in Paris: Dem Schauspieler zum 80. Geburtstag, in: Filmspiegel 26/1986.
  • Günter Reisch: Wir gratulieren Erwin Geschonneck zum 80. Geburtstag, in: Film und Fernsehen 12/1986.
  • Hans-Michael Bock, Jutta Voigt: Erwin Geschonneck, in: cinegraph, Loseblattsammlung.
  • Günter Agde: Erwin Geschonneck: Meine Befreiung, in: Filmspiegel 09/1985.
  • o. A.: Erwin Geschonnecks Memoiren, in: Filmspiegel 12/1984.
  • o. A.: Für Erwin Geschonneck, Film und Fernsehen, Nr. 12/1981. (Sondernummer).
  • Jutta Voigt: Dunkler Traum mit rosa Schimmer. Aus der Kindheit eines Schauspielers, in: Sonntag, Nr. 52/1981.
  • Manfred Wekwerth: Erwin Geschonneck. Versuch einer Beschreibung, in: Film und Fernsehen, Nr. 12/1976.
  • Horst Knietzsch: Geburtstage des Jahres: Erwin Geschonneck, in: Horst Knietzsch (Hrsg.): Kino- und Fernseh-Almanach: Prisma 07, Henschel Verlag Berlin 1976.
  • Ernst Schumacher: "Mein Leben war immer Agitation für unsere Sache". Gespräch mit Erwin Geschonneck, in: Film und Fernsehen, Nr. 01/1973.
  • Erika Richter: Erwin Geschonneck - ein exemplarischer Fall, in: Filmwissenschaftliche Mitteilungen, Nr. 01/1967.
  • Herbert Ihering: Erwin Geschonneck, in: Theaterarbeit. 6 Aufführungen des Berliner Ensembles. Dresden: Dresdner Verlag / Düsseldorf, 1962.
  • Wolfgang Carlö: Erwin Geschonneck, Henschel Verlag Berlin 1960, (Künstler unserer Zeit 2).

DEFA-Filmografie

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