Evelyn Schmidt

Regisseurin

* 20. Juni 1949 in Görlitz

Biografie

Evelyn Schmidt

bei den Dreharbeiten zu SEITENSPRUNG (R: Evelyn Schmidt, 1979) Fotograf: Frank Bredow, Klaus Goldmann

Die Filmregisseurin Evelyn Schmidt gehört zur vierten DEFA-Regie-Generation. Ihr Debütfilm SEITENSPRUNG (1979) wird national wie international beachtet, zu den Internationalen Filmfestspielen in Berlin eingeladen. Der Stolz der Verantwortlichen der DEFA über eine Frau auf dem Regiestuhl, die zudem noch interessante Filme produziert, ist beachtlich. Nach ihrem zweiten Film DAS FAHRRAD (1981), einer präzisen Sozialstudie über eine allein erziehende Mutter, ändert sich dies. Zu kritisch geht die Regisseurin mit dem Alltag in der DDR, mit Arbeits- und Geisteshaltungen um.

Evelyn Schmidt wird am 20. Juni 1949 in Görlitz geboren. Ihre Schulausbildung beendet sie 1968 mit dem Abitur und einem Facharbeiterbrief als Buchhändlerin. Danach beginnt sie ein einjähriges Volontariat beim Fernsehen der DDR in der Abteilung Dramatische Kunst. Sie erhält eine Delegierung an die Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg und beginnt 1969 dort ihr Studium, das sie 1974 mit dem Regie-Diplom abschließt.
Als erste Absolventin der Filmhochschule wird sie von 1973 bis 1977 Meisterschülerin. Ihr Mentor ist Regisseur  Konrad Wolf. Während dieser Zeit dreht sie mit Kollegen vom DEFA-Studio für Spielfilme die Kurzfilme HECKENROSE (1974) und LASSET DIE KINDLEIN ... (1976) nach einem Szenarium von  Wolfgang Kohlhaase für das Fernsehen. Danach erhält sie von 1977 bis 1979 einen Vertrag als Regieassistentin im DEFA-Studio für Spielfilme. Sie arbeitet unter anderem bei Orlando Lübbert und dessen Film DER ÜBERGANG (1978) mit. Von 1979 bis 1988 erhält Evelyn Schmidt einen Vertrag als Nachwuchsregisseurin. Ab 1988 ist sie Assistenzregisseurin.

Ihr erster Film nach dem Studium wird SEITENSPRUNG (1979). Erzählt wird von dem Ehepaar Edith und Wolfgang. Er führt ein Doppelleben: Alltag mit Frau und Sohn, die Sonntage mit der Geliebten Helene und ihrer gemeinsamen Tochter. Als die Wahrheit ans Licht kommt, muss er sich für seine Ehefrau oder sein uneheliches Kind entscheiden. Das Mädchen kommt zunächst in ein Heim, Edith und Wolfgang denken nochmals über ihre Familie nach. Der leise, zurückhaltende und polemische Film hinterfragt die Gleichberechtigung der Frau, die staatlicherseits als gelöst propagiert wird; bietet keine einfache Lösung und fordert den Zuschauer auf, seine eigene Position zum Verhalten der Protagonisten zu finden. Als Debütfilm ist das Werk ein Erfolg; er wird im Internationalen Forum auf der Berlinale gezeigt. (Weitere Hintergrundinformationen finden Sie in der Rubrik  Film des Monats: Mai 2019.)

Mit dem Sozialporträt DAS FAHRRAD (1981) macht sich Evelyn Schmidt national und international einen Namen. Erzählt wird von der allein erziehenden Susanne, die für ihren Lebensunterhalt kämpfen muss: sie wohnt mit ihrer Tochter zur Untermiete, ohne Ausbildung bleibt ihr nur eine monotone, schlecht bezahlte Fabrikarbeit; ihr einziger Luxus sind Discobesuche. Ein Versicherungsbetrug soll kurzfristig von finanziellen Sorgen befreien, dafür verliert sie allerdings Thomas, einen Ingenieur, der sich für sie interessiert, aber mit ihrer Lebenseinstellung nicht einverstanden ist. Für den Film hagelt es harsche Kritik. Besonders die Arbeitshaltung der Protagonisten wird als befremdlich eingeschätzt; der Film wird wegen seiner starken sozialkritischen Fragestellungen negativ besprochen. Dabei ist DAS FAHRRAD (1981) ein Plädoyer für die Randfiguren der Gesellschaft, die sich außerhalb der Leistungsgesellschaft ein Stück individuelles Glück und innere Freiheit erhoffen. Der Werk gerät mitten in die Diskussionen zur Vorbereitung des Kongresses des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR 1982, bei dem der weitere Kurs der Filmpolitik beschlossen werden soll, aber noch keine klare Linie vorhanden ist. Ohne große Werbemaßnahmen läuft DAS FAHRRAD (1981) versteckt in einigen Kinos. Der Film wird auf Festivals eingeladen, aber von den Kulturverantwortlichen nicht hingeschickt, da sie in ihm das Ansehen der DDR geschädigt sehen. Devisen macht er aber, weil die Hauptverwaltung Film ihn mehrfach ins Ausland verkaufen kann.

Filmstill zu "Felix und der Wolf"

Evelyn Schmidt während der Dreharbeiten zu FELIX UND DER WOLF (1987) Fotograf: Klaus Goldmann

Dreharbeiten zu "Das Fahrrad"

Evelyn Schmidt während der Dreharbeiten zu DAS FAHRRAD (1981) Fotograf: Dietram Kleist

In der Folge hat die Regisseurin Schwierigkeiten, weitere Kinospielfilme zu realisieren. Ihre vorgeschlagenen Projekte werden beargwohnt. ELISABETH, DAS HITLERMÄDCHEN nach dem Buch von Maria Leitner geht nicht über eine Ideenskizze hinaus. Es entsteht AUF DEM SPRUNG (1984), der von den Freunden Gottfried und Markus erzählt. Sie planen ein gemeinsames Physik-Studium, aber Gottfried entscheidet sich um und will Erzieher werden. Seine Berufswahl stellt die langjährige Freundschaft auf eine Bewährungsprobe. Kritiker zerreißen den Film, der von ihnen als lau, inkonsequent, dilettantisch und unkünstlerisch bezeichnet wird.

Der Kinderfilm FELIX UND DER WOLF (1987) wird ihre nächste Arbeit. Der kleine Felix erhält von der alten Frau Goldberg einen Schatz, den er vor einem besitzgierigen Klempner gemeinsam mit seinen Freunden in Sicherheit bringen muss. Der Film ist spannend erzählt, zieht das jugendliche Publikum sofort in seinen Bann. Dazu versteckt sich in der einfachen und glaubwürdigen, alltäglichen und wirklichkeitsnahen Geschichte ein Plädoyer für Individualität und gegenseitiges Verständnis. Danach ist die Regisseurin wieder als Assistentin beschäftigt, arbeitet unter anderem bei dem Film DAS HAUS AM FLUSS (1985) von  Roland Gräf mit.

Im November 1990 erhält sie einen Arbeitsvertrag als Regisseurin von der DEFA. Das Projekt DER HUT (1991), das bereits Jahre in der Schublade liegt, wird endlich in den Produktionsplan aufgenommen. Eine alleinstehende, 30-jährige Mutter dreier Kinder, von Beruf Putzfrau, entschließt sich, aus ihrem Leben auszubrechen: mit einem überdimensionalen Hut im Gepäck reist sie mit ihren Kindern in ein FDGB-Ferienheim und verliebt sich. Der Film wird kein Erfolg, die gesellschaftlichen Veränderungen in der ehemaligen DDR haben ihn eingeholt.

Wie alle ihrer Kollegen wird Evelyn Schmidt aufgrund der Abwicklung der ostdeutschen Produktionsfirma entlassen. Zahlreiche Projekte zerschlagen sich. Das Filmprojekt „Amalie Dietrich“ über die Botanikerin und Naturforscherin, das sie gemeinsam mit der Autorin Tanja Stern erarbeitet, kommt über die Drehbuchphase nicht hinaus. Zwischen 1988 bis 1993 bieten sie es der DEFA und später diversen Produktionsfirmen an. Seit 1993 arbeitet Evelyn Schmidt in der Theaterwerkstatt Pankow e. V. mit Kindern und Jugendlichen, inszeniert Aufführungen, unter anderem „Fundervogel“ nach einem Märchen der Gebrüder Grimm und die szenische Collage „1000 Tage und mehr“ über die Befindlichkeiten von Jugendlichen nach der „Wende“. Sie lehrt als Dozentin an verschiedenen Schulen, ist Gastprofessorin an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg sowie Dozentin für medienspezifisches Schauspiel an der staatlich anerkannten Schauspielschule Charlottenburg in Berlin. Mittlerweile inszeniert sie Bühnenstücke an Off-Theatern. Zudem engagiert sie sich als Vorsitzende des Berliner Film- und Fernsehverbandes, arbeitet in der Jury für den Deutschen Kurzfilmpreis mit und ist bis 2009 Vorsitzende des Förderausschusses der DEFA-Stiftung.

Evelyn Schmidt lebt in Berlin.

Verfasst von Ines Walk. (Stand: September 2006)

Trailer zu SEITENSPRUNG (R: Evelyn Schmidt, 1979)

Literatur

Eigene Texte:

  • Evelyn Schmidt: Eigene Arbeit zu haben, ist kein schlechtes Gefühl, in: Film und Fernsehen 05/1977.
  • Evelyn Schmidt: Zur Helden- und Themenwahl - vorerst Fragen, in: Beiträge zur Film- und Fernsehwissenschaft 02/1982.
  • Evelyn Schmidt: Beeinflussende und beeinflußbare Faktoren einer Vorkalkulation und die Arbeit des Filmökonomen zur Optimierung dieser Kalkulation, Diplomarbeit im Fachbereich Produktion, Standort Hochschule für Film- und Fernsehen Potsdam-Babelsberg, 1984.
  • Evelyn Schmidt: Gewalt und Krieg - eine Männersache: einige sehr subjektive Anmerkungen zu einem Aspekt deutscher Filmgeschichte, in: Film- und Fernsehen 6/1993+1/1994.
  • Evelyn Schmidt: Na und? Rückblick einer DEFA-Regisseurin, in: Film- und Fernsehen 1+2/1996.
  • Evelyn Schmidt: Für, über, mit - Gespräch mit Margret Albers, der Geschäftsführerin und Leiterin des Deutschen Kinderfilm- & Fernsehfestivals "Goldener Spatz" [Interview], in: Film- und Fernsehen 3+4/1997.
  • Evelyn Schmidt: Verlorene, in: Torsten Schulz (Hrsg.) Orangemond im Niemandsland, Vistas Verlag 2004.

Fremde Texte:

  • Erika Richter: Wir haben den Kampf nicht gelernt - Die Debütantin Evelyn Schmidt, in: Sonntag, 27.05.1979.
  • Axel Geiß: Ich hatte einfach keine Lust mehr, höflich zu sein! [Interview], in: Filmspiegel 08/1989.
  • o. A.: Evelyn Schmidt, in: Dietmar Hochhuth (Hrsg.): DEFA NOVA – nach wie vor? Versuch einer Spurensicherung, Stiftung Deutsche Kinemathek 1993.
  • Cornelia Klauß, Ralf Schenk (Hg.): Sie – Regisseurinnen der DEFA und ihre Filme, 02/2019.

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