Gitta Nickel

Produzentin, Regisseurin

* 28. Mai 1936 in Briensdorf, Ostpreußen

Die Dokumentaristin Gitta Nickel zählt in der DDR zu den Besten ihres Fachs. Sie gehört zu den wenigen Frauen, die den Einstieg in den Regieberuf geschafft haben. Bisher hat sie mehr als 60 Filme gedreht. In den meisten Fällen erzählt sie trotz propagandistischer Bekundungen und zahlreicher Klischees anrührende Geschichten, eindringlich, scharf beobachtend und einfühlend geschildert. Die Regisseurin lässt sich auf ihre gewählten Protagonisten ein und diese kommen selbst zu Wort.

Gitta Nickel wird am 28. Mai 1936 in Briensdorf, Ostpreußen (heute Borzynowo, Polen) geboren. Ihr Vater besitzt eine Molkerei. Die Familie zieht nach dem Zweiten Weltkrieg in den Harz. Nach ihrem Abitur, welches sie in Blankenburg (Harz) absolviert, beginnt sie an der Humboldt-Universität zu Berlin ein Studium der Pädagogik und Germanistik. 1957 schließt sie es mit dem Staatsexamen ab.

Zunächst arbeitet Gitta Nickel nach ihrem Studium als Regieassistentin im DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme. 1959 wird sie Regieassistentin im DEFA-Studio für Spielfilme, arbeitet unter anderem für die Regisseure Konrad Wolf, Ralf Kirsten, Joachim Kunert und Heinz Thiel. 1963 wechselt sie zum DEFA-Studio für für Wochenschau und Dokumentarfilme. Hier ist sie anfangs für den Dokumentaristen Karl Gass tätig, bis sie Mitte der 1960er Jahre mit WIR VERSTEHEN UNS (1965) ihren ersten eigenen Film vorlegt. Die Dokumentation erzählt von deutschen und russischen Kindern in einem Berliner Kindergarten. Anstelle eines Kommentar werden Kinderlieder in beiden Sprachen eingespielt. Für ihre Arbeit erhält sie auf dem Internationalen Filmfestival in Moskau ein Diplom für das Beste Regie-Debüt. Nach dieser ersten erfolgreichen Übung arbeitet die Regisseurin innerhalb der Produktionsgruppe "effekt", legt jährlich mindestens einen neuen Film vor.

Mit dem Film ... DANN SPRINGT MEIN HERZ (1966) bleibt Gitta Nickel beim Thema. Sie dokumentiert Auftritte eines Tanz- und Gesangsensemble aus der Sowjetunion, das durch die DDR tourt. Ein Jahr später reist die Regisseurin mit ihrem Kameramann Nico Pawloff, mit dem sie fest zusammenarbeitet, in die Sowjetunion und porträtiert in SIBIRIEN, MEIN HAUS (1967) Menschen am Rande einer Großbaustelle. Trotz aller romantischen Anklänge und agitatorischer Bekundungen, enthüllt die Dokumentation einen kleinen Blick auf die Lebenswirklichkeit des Landes. Mehrmals reist Gitta Nickel noch zum Dreh in die Sowjetunion. Unter anderem filmt sie Mitte der 1970er Jahre DAS IST EINFACH MEIN LEBEN (1975), in dem die Regisseurin eine Kolchose in der Ukraine porträtiert sowie LJUBOW ANDREJEWA - VORSITZENDE EINES UKRAINISCHEN KOLCHOS (1975), in dem sie Lebenshaltung und -anspruch einer Frau schildert, die seit 20 Jahren Vorsitzende einer Kolchose ist.

Gitta Nickel konzentriert sich mit ihren Filmen auch auf alltägliche Begebenheiten in der DDR, dokumentiert aktuellen Zeitgeist. In LIEDER MACHEN LEUTE (1968) porträtiert sie die Sänger und Sängerinnen des Oktoberklubs Berlin. Zum 20. Jahrestag der DDR entsteht das Großprojekt DER OKTOBER KAM (1970) unter der künstlerischen Leitung von Karl Gass, an der die Regisseurin gemeinsam mit ihren jungen Kollegen Volker Koepp, Jürgen Böttcher, Peter Rocha, Alexander Ziebell und Peter Ulbrich arbeitet. Mit Archivaufnahmen vom schweren Anfang, zahlreichen Protokoll-Sequenzen und detailgetreuen Aufnahmen von Arbeitern aus der damaligen DDR wird das Land und seine Gründer gefeiert. Mit ihrer nächsten Arbeit erlangt Gitta Nickel größere Aufmerksamkeit. In dem Frauenfilm SIE (1970) porträtiert sie Arbeiterinnen des Textilkombinats "Treffmodelle" in Berlin und versucht, die Gleichberechtigung der Frau im Arbeitsalltag sichtbar zu machen. Lebhaft diskutieren die Frauen über Qualifizierung, Arbeitsorganisation und Familienplanung. Der Film frischt das Thema Emanzipation auf.

In der Folge arbeitet Gitta Nickel in verschiedenen thematischen Bereichen. Sie dreht mehrere biographische Porträt für das Fernsehen der DDR, unter anderem über Gret Palucca (1971), Walter Felsenstein (1971), Paul Dessau (1974), Gisela May (1977), Konrad Wolf (1977), Renate Holland-Moritz (1984) und Vladimir Pozner (1984). Später folgen der Komponist Siegfried Matthus (1989) und der ungarische Regisseur István Szabó (1993). In den Künstlerporträts werden Momente der Begegnung festgehalten; sie liefern eindrucksvolle Berichte über die künstlerischen Arbeiten der Akteuere. Damals wie heute sind die Filme von großem Wert.

Neben weiteren politischen Auftragswerken wie ZUM BEISPIEL ... SILBITZER IM WETTBEWERB (1971) im Auftrag des Zentralinstituts für sozialistische Wirtschaftsführung bei Zentralkomitee der SED dreht Gitta Nickel wiederholt mit Arbeitern und Bauern, wobei die Regisseurin sich häufig auf ihre gewählten Protagonisten einläßt und diese selbst zu Wort kommen. Sie verzichtet weitesgehend auf eigene Kommentierung. Unter anderem filmt sie die Reportage HEUWETTER (1972) über die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) in Hohenselchow. Gitta Nickel greift in ihrem Film auf Archivmaterial von 1963 zurück, welches unter anderem Karl Gass gedreht hat, und sieht mit zeitlicher Distanz auf den Ort und seine damaligen wie heutigen Probleme. Die Kälberzüchterin Frida Franz erzählt über das Jahr 1972. Der Film erhält zahlreiche Auszeichnungen im In- und Ausland, weil er persönliche Erzählung und historische Zeitereignisse gekonnt miteinander verbindet. In JUNG SEIN ... UND WAS NOCH? (1977) porträtiert sie eine Jugendbrigade auf der Stralsunder Werft, die sich offen und kritisch über ihre Probleme unterhält.

Der TV-Dokumentarfilm ... UND MORGEN KOMMEN DIE POLINNEN (1974) erzählt in eindrucksvoller Weise von fremden Arbeitern in der DDR. Im Kombinat Industrielle Mast (KIM) in Storkow werden polnische Arbeiterinnen in vier Wochen angelernt. Nach ihrer Ankunft sind sie bestürzt über die Arbeitsbedingungen in der Broilermast- und -verarbeitungsanlage, deutsche Arbeiterinnen versuchen, ihnen die Arbeit zu erleichtern. Trotz aller Klischees und Sentimentalitäten zeichnet der Film ein Bild von der Zusammenarbeit mit den sozialisitischen Ländern jenseits der propagandistischen Verlautbarungen. Mehrfach porträtiert Gitta Nickel Frauen in ihrem Filmen. In ... UND DAS WEIB SEI NICHT MEHR UNTERTAN (1979) stellt sie mehrere Frauen vor, in WIR VON ESDA (1976) Arbeiterinnen aus einem Textilwerk und GUNDULA – JAHRGANG 58 (1982) ist die Charakterstudie einer Krankenschwester, die von ihrem Leben mehr erwartet als Arbeit und Familie und auch als Schlagersängerin auftritt. 2004 kehrt die Regisseurin nochmals zu ihrer Protagonistin zurück. In GUNDULA - SOLO FÜR EINE KRANKENSCHWESTER (2004) erzählt sie, welche Spuren die gesellschaftlichen Umbrüche hinterlassen haben.

Porträts erweisen sich für die Regisseurin als besonders geeignet, ihren Standpunkt zu verdeutlichen: die Dinge anzupacken. Sie porträtiert einen Buchhändler aus Wernigerode (Harz) in DAS ZÜNGLEIN AN DER WAHRHEIT (1987), der mit vielen Plänen und Ideen für eine lebendige Künstlerszene in seiner Kleinstadt beschäftigt ist. In DEN WIND AUF DER HAUT SPÜREN (1989) erzählt die Regisseurin von dem querschnittsgelähmten Thomas Kahlau aus Potsdam-Babelsberg, der durch seine künstlerische Arbeit einen neue Lebensqualität und Erfüllung findet. Der Film ZWEI DEUTSCHE (1988) erregt durch seine originelle Grundidee Aufmerksamkeit. Zwei Porträts zweier Deutscher, aufgenommen kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges 1945, dienen als Ausgangspunkt, um die Biografien der beiden Protagonisten weiter zu verfolgen. Da ist Wilhelm Hübner, ausgezeichnet von Goebbels und in Berlin als Held gefeiert, und Hans Henke, der fassungslos nach einem Gefecht in Mecklemburg weint. Das Filmteam befragt die beiden Männer Jahrzehnte später nach ihren Lebenswegen jenseits und diesseits der Mauer. Die sind recht unterschiedlich verlaufen, aber beide haben eine Gemeinsamkeit: "Es darf keinen Krieg mehr geben."

Nach dem Zusammenbruch der DDR ist Gitta Nickel als freie Filmdokumentaristin tätig. Mit den Sender des Mitteldeutschen und Ostdeutschen Rundfunks arbeitet sie mehrfach zusammen. Gemeinsam mit ihrem Co-Autor Wolfgang Schwarze, den Kameramännern Niko Pawloff und Andreas Bergmann, Reiner Simon und Maik Behrens entstehen zahlreiche Dokumentationen über Befindlichkeiten in den Neuen Bundesländern. Wiederholt gehörten und gehören die Tonmeister Wasil Filipow, Klaus Schieber oder Andreas Walter zu ihremTeam.

Mehrfach setzt sich die Dokumentaristin in der DDR für einen streitbaren Dokumentarfilm ein. Sie veröffentlicht Texte zur Diskussion. Außerdem engagiert sie sich in verschiedenen Funktionen. Sie ist seit 1972 im Vorstand des Verbands der Film- und Fernsehschaffenden der DDR. Seit 1973 gehört sie dem Komitee der Internationalen Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche an. In den Jahren 1969 und 1976 ist sie zudem Mitglied der Internationale Jury des renommierten Festivals. Seit 1980 ist Gitta Nickel Präsidentin des Nationalen Festivals für Dokumentar- und Kurzfilme Neubrandenburg.

Die Regisseurin ist mehrmals verheiratet. Eine Ehe führt sie mit ihrem Regie-Kollegen Karl Gass. Die Künstlerin lebt in Werder, Brandenburg.

Verfasst von Ines Walk. (Stand: 2005)

Auszeichnungen

  • 1965: WIR VERSTEHEN UNS - Internationales Filmfestival Moskau: Diplom für das Beste Regie-Debüt
  • 1967: SIBIRIEN, MEIN HAUS - Internationales Dokumentarfilmfestival Leipzig: Anerkennung
  • 1970: SIE - Internationales Dokumentarfilmfestival Leipzig: Silberne Taube
  • 1971: WALTER FELSENSTEIN - Internationales Dokumentarfilmfestival Leipzig: Goldene Taube
  • 1972: HEUWETTER - Internationales Dokumentarfilmfestival Leipzig: Silberne Taube
  • 1972: HEUWETTER - Preis der Association Internationale du Film Documentaire
  • 1973: Oberhausen: Preis der Internationalen Jury des Deutschen Hochschulverbandes
  • 1973: Oberhausen: Preis der Jungsozialisten
  • 1973: Kunstpreis der DDR
  • 1973: TAY-HO, DAS DORF IN DER 4. ZONE - Internationales Dokumentarfilmfestival Leipzig: Goldene Taube
  • 1974: Nationalpreis III. Klasse
  • 1975: PAUL DESSAU - Internationales TV-Festival Prag: Preis der Intervision
  • 1975: PAUL DESSAU - Internationales TV-Festival Prag: Preis der Presse
  • 1975: DAS IST EINFACH MEIN LEBEN - Internationales Dokumentarfilmfestival Leipzig: Preis der IDFF
  • 1977: DIE MAY - Internationales TV-Festival Prag: Preis der Journalisten
  • 1977: JUNG SEIN - UND WAS NOCH? - Internationales Dokumentarfilmfestival Leipzig: Silberne Taube
  • 1978: ... UND DAS WEIB SEI DIR NICHT UNTERTAN - Internationales Dokumentarfilmfestival Leipzig: Preis der IDFF
  • 1980: VERBRENNT NICHT UNSERE ERDE - Internationales Dokumentarfilmfestival Leipzig: Preis der Internationalen Organisation der Journalisten
  • 1982: MUSIKANTEN - Mendelssohn-Medaille
  • 1981: MANCHMAL MÖCHTE MAN FLIEGEN - Internationales Dokumentarfilmfestival Leipzig: Silberne Taube
  • 1982: GUNDULA – JAHRGANG 58 - Internationales Dokumentarfilmfestival Leipzig: Findling (Preis der Filmklubs)
  • 1984: Held der Arbeit
  • 2002: DRESDNER KNABEN EROBERN DIE WELT - Internationales Musik-Television- Kunstfestival in Budapest: Erwachender Löwe

Literatur

Eigene Texte:

  • Gitta Nickel: Kühnheit und Leidenschaft, in: Neues Deutschland, 17.03.1974.
  • Gitta Nickel: Mutige Filme fordern mich heraus, in: Film und Fernsehen, Nr. 04/1977.
  • Gitta Nickel: Die Wirklichkeit entdecken - wie? Dokumentarfilme für das Fernsehen, in: Horst Knietzsch (Hrsg.): Prisma 8, Henschel Verlag, Berlin 1977.
  • Gitta Nickel: Wieviel ist uns der Dokumentarfilm wert?, in: Neubrandenburg '80. Podium und Werkstatt, Nr. 05/1981.

Fremde Texte:

  • Evelin Maschke: Gitta Nickel, in: Filmdokumentaristen der DDR, Henschel Verlag, Berlin 1969.
  • Hannes Schmidt: Zurück, aus Vietnam, in: Film und Fernsehen, Nr. 02/1973.
  • Hans-Dieter Tok: Gestern einen Film über Frauen und morgen einen über Musiker. Im Gespräch mit der Dokumentaristin Gitta Nickel, die bald in Leipzig drehen wird, in: Leipziger Volkszeitung, 10.05.1979.
  • Henryk Goldberg: Den Zuschauern genügend Raum für eigene Entdeckungen lassen. Gespräch mit der Filmdokumentaristin Gitta Nickel, in: Neues Deutschland, 23.09.1980.
  • Margit Voss: Verbrennt nicht unsere Erde, in: Film und Fernsehen, Nr. 07/1980.
  • Hans-Dieter Tok: Die Schlüssel der Gitta Nickel. Rückbesinnen anlässlich einer Begegnung am Schneidetisch, in: Leipziger Volskzeitung, 21./22.11.1981.
  • Gitta Nickel: Es geht um den Zuschauer, in: Podium und Werkstatt, Nr. 07/1981.
  • Hermann Herlinghaus: Der Zuschauer will die Realität ungeschminkt sehen, in: Hermann Herlinghaus (Hrsg.): Dokumentaristen der Welt in den Kämpfen unserer Zeit, Henschel Verlag, Berlin 1982.
  • o. A.: Die Meltewitzer und die Musen. Gitta Nickel zur Arbeit an neuen Dokumentarfilmen, in: Neues Deutschland, 10.01.1983.
  • Werner Köhler: Ein Film über ein Dorf, seine Menschen und Musik, Interview mit der DDR-Dokumentaristin Gitta Nickel, in: Leipziger Volkszeitung, 25.01.1983.
  • Horst Knietzsch: Engagierte Filme über eine große Liebe. Neue Arbeiten der Dokumentaristin Gitta Nickel in den Lichtspieltheatern, in: Neues Deutschland, 03.12.1987.
  • Horst Knietzsch: Collagen aus Geschichten und Geschichte. Fragen an die Regisseurin Gitta Nickel: 40 Jahre DDR in siebenmal 45 Minuten?, in: Neues Deutschland, 01.10.1993.
  • Margit Voss: Eine Frau, die in die Zeit passt. Für jedes Lebensjahr ein Film – Gitta Nickel wird heute seschzig, in: Neues Deutschland, 28. Mai 1996.
  • Hiltrud Müller: Autorin der Zeitgeschichte. Dokumentarfilmerin Gitta Nickel kommt morgen nach Kleinmachnow, in: Märkische Allgemeine Zeitung, 03.03.1999.
  • Gitta Nickel: Ich war nicht zu bremsen. (Interview von Christiane Mückenberger mit Gitta Nickel), in: Ingrid Poss, Christiane Mückenberger, Anne Richter (Hgg.): Das Prinzip Neugier. DEFA-Dokumentarfilmer erzählen. Berlin: Verlag Neues Leben 2012, 333-360.

DEFA-Filmografie

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