Gunther Scholz

Regisseur

* 9. Oktober 1944 in Görlitz

Biografie

Dreharbeiten zu "Ein April hat 30 Tage"

EIN APRIL HAT 30 TAGE

(R: Gunther Scholz, 1978) Fotograf: Hans-Joachim Zillmer

Regisseur Gunther Scholz fühlt sich im Spiel- wie im Dokumentarfilm für Kino und Fernsehen zu Hause. In beiden Bereichen interessieren ihn bei der Stoffwahl vor allem psychologische Extremfälle. Ein weiteres Thema seiner Filme sind Stoffe, die eng mit der jüngsten deutschen Geschichte aus politischer wie individueller Sicht verknüpft sind. Seit 1996 arbeitet er ausschließlich im dokumentarischen Bereich.

Gunther Scholz wird am 9. Oktober 1944 in Görlitz geboren. Seine Eltern sind Angestellte im DDR-Außenhandel. Nach dem Besuch der Grundschule, die er in Dresden und Berlin besucht, beendet er sein Abitur in der Internatsoberschule Wickersdorf. Er absolviert von 1963 bis 1965 erfolgreich eine Berufsausbildung als Schriftsetzer. Danach beginnt er ein Studium der Theaterwissenschaften in Leipzig, wird aber nach kurzer Zeit mit anderen Studenten zum 18-monatigen Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee eingezogen und muss deshalb das Studium abbrechen. 1967 beginnt er ein Studium im Fachbereich Regie an der Filmhochschule Babelsberg. Sein geplanter Diplomfilm wird in der Buchphase abgelehnt. Seine Abschlussarbeit wird deshalb eine Inszenierung von "Die Schneekönigin" am Friedrich-Wolf-Theater in Neustrelitz. 1971 schließt er das Studium mit dem Diplom ab und geht danach auf Empfehlung von Konrad Wolf für ein Jahr ins Armeefilmstudio.

Von 1973 bis 1977 ist er als Regie-Assistent, von 1978 bis 1991 als Regisseur im DEFA-Studio für Spielfilme angestellt, wechselt aber auch häufig in den Dokumentarfilm-Bereich. In den Pausen zwischen den Spielfilmen realisiert er seit 1981 relativ kontinuierlich Dokumentarfilme.

Mit EIN APRIL HAT 30 TAGE (1979) legt er sein Regie-Debüt vor. Er erzählt von der alleinerziehenden Maria
( Angelika Waller), die sich in ihren Nachbarn Alvaro (Juri Darie), einen Emigranten aus Uruguay verliebt. Ihre Liebe ist nicht von Dauer, denn Alvaro kehrt in sein Land zurück. Sein nächstes Werk wird ein Kinderfilm. NICKI (1980) erzählt von der 12-jährigen gleichnamigen Titelheldin, die mit den aktuellen Problemen überfordert ist, so dass sie in eine Traumwelt flüchtet. Nach dem Tod ihrer Mutter muss sie ihre drei Geschwister betreuen, sich um den Haushalt kümmern und auch noch in der Schule gut sein. Aber auf dem Dachboden, wenn sie sich in ihre Welt flüchtet, ist sie die Königin. Heiter-frech, amüsant-fröhlich und emotional zugänglich erzählt der Film von den alltäglichen Problemen der Heranwachsenden. Das Porträt eines starken Mädchens ist in seiner Inszenierung zurückhaltend, dadurch zugleich intensiv und berührend. Regisseur Gunther Scholz beweist, dass er Kinderdarsteller hervorragend führen kann.

Auf den Spielfilm-Bereich bleibt die Arbeit von Gunther Scholz nicht beschränkt. Mit dem 11-minütigen AN EINEM FEBRUARVORMITTAG (1981) wendet er sich dem Dokumentarfilm zu, mit technischer Unterstützung der DEFA, aber ohne Auftrag. Der Streifen zeigt Bilder von einer Faschingsveranstaltung mit Vorschulkindern der Berliner Körperbehindertenschule "Dr. Georg Benjamin", es geht um Lebenswelten und Probleme von Menschen mit Körperbehinderungen. Der Film ist im Eröffnungsprogramm der Leipziger Dokumentarfilmwoche zu sehen und wird in den Kurzfilmwettbewerb der Berlinale 1982 eingeladen. 2007 kehrt Gunther Scholz zu seinen Protagonisten zurück. Er macht sich mit Hilfe des Kulturfördervereins Weißensee und der DEFA-Stiftung auf die Suche nach den damaligen Mitwirkenden und schaut, was aus ihnen geworden ist. In FASCHINGSKINDER (2014), der mit Unterstützung der Förderorganisation "Aktion Mensch" produziert wird, stehen acht von ihnen nach über 30 Jahren erneut vor der Kamera.

Mit VERZEIHUNG, SEHEN SIE FUSSBALL? (1983) dreht Gunther Scholz einen Episodenfilm, der auf fünf Mietsparteien schaut, die sich alle auf die Fernsehübertragung des Weltmeisterschaftsfinales in Spanien zwischen Italien und Deutschland vorbereiten. Das ist aber nur Anlass, um Probleme der Zeit zu thematisieren. AB HEUTE ERWACHSEN (1984) schaut auf die Schwierigkeiten eines jungen Mannes, der nicht in der Masse untergehen will, sondern ein unverwechselbares Leben führen möchte. In dem Coming-of-Age-Film will der 18-jährige Maurerlehrling schnell von zuhause ausziehen, episodisch wird das Verhältnis zu neuen Bekannten und seiner Mutter beobachtet.

Dreharbeiten von "Vernehmung der Zeugen"

Gunther Scholz während der Dreharbeiten zu VERNEHMUNG DER ZEUGEN (1987) Fotograf: Klaus Goldmann

Bei Dreharbeiten zu "Ab heute erwachsen"

Gunther Scholz bei den Dreharbeiten zu AB HEUTE ERWACHSEN (1984) Fotograf: Wolfgang Ebert

Einer der am meisten diskutierten Filme von Gunther Scholz wird VERNEHMUNG DER ZEUGEN (1987), der nach einer Erzählung von Inge Meyer in Szene gesetzt wird. Er untersucht die Ursachen eines Tötungsdelikts unter Jugendlichen und stellt sich der Frage, wie es zwischen ganz normalen Schülern aus ganz normalen Familien in einem ganz normalen Dorf zu einem solchen Verbrechen kommen konnte. Nicht die Ermittlungen um Täter oder Tatvorgang sind für den Filmemacher interessant, sondern die Vorgeschichte der Tat. Mit DAS LICHT DER LIEBE (1991) nach den Motiven des Versepos "König Renés Tochter" von Henrik Hertz dreht Gunther Scholz einen der letzten DEFA-Filme für Kinder. Er erzählt eine märchenhaft-phantastische Geschichte über die Liebe, die allen Gefahren trotzt. Durch historische Authentizität, romantisches Kolorit und mit viel Raum für Fantasie steht der Streifen in bester DEFA-Märchen-Tradition.

Dazwischen sind es immer wieder Dokumentarfilme, die Gunther Scholz dreht, etwa das Porträt eines Arbeiters mit DER DICKE LIPINSKI (1984), die Beobachtungen zur Reinigung eines Schornsteins des Kraftwerkes Jänschwaldein ZU FUSS IN DIE WOLKEN (1984) oder ein Porträt über Hermann Henselmann, der die Architektur und den Städtebau in der DDR der 1950er und 1960er Jahre prägte. FREITAG, DER 13. (1989) ist eine 24-Stunden-Reportage bei der Berliner Verkehrsunfallbereitschaft. Gunther Scholz wendet sich auch Themen zu, die bisher unter dem Radar der öffentlichen Berichterstattung liegen. In ES WAR EINMAL MITTWOCH (1988) porträtiert er ein junges Paar, welches als Sechzehnjährige einen gemeinsamen Suizid-Versuch unternahm.

Nach dem Zusammenbruch der DDR arbeitet Gunther Scholz als freischaffender Autor und Regisseur bei Fernsehspielen und Serien, ist größtenteils aber in der Sparte Dokumentarfilm tätig. Er ist Mitglied des Bundesverbandes Regie und der Deutschen Filmakademie. Es entstehen Arbeiten für die ARD und deren dritte Programme, für das ZDF sowie die Privatsender SAT.1 und RTL.

Kriminalstoffe bleiben für Gunther Scholz interessant. Für das ZDF entsteht in der Reihe 37 GRAD mit ES GESCHAH BEIM SCHÜTZENFEST (2000) eine Dokumentation über Josef Sträter, einen Mann, der seit 16 Jahren im Gefängnis sitzt und behauptet, er sei kein Mörder. Frei von Emotionen präsentiert der Filmemacher die Geschichte des Mannes, beleuchtet die Hintergründe des damaligen Verbrechens und überlässt dem Zuschauer die Wertung. Die dreiteilige Film-Reihe MASKE DES BÖSEN – SEXUALSTRAFTÄTERN AUF DER SPUR (2005) geht der Frage nach, die die Öffentlichkeit am meisten bewegt: Müssen solche Täter nicht für immer hinter Gitter? Einem ähnlichen Thema widmet er sich mit einem Dokudrama um den Mord an der Frankfurter Prostituierten Rosemarie Nitribitt, zu deren Kunden auch Prominenz aus Politik und Wirtschaft zählte. Auch die Geschichte des wegen Totschlags Verurteilten und mittlerweile rechtskräftig Freigesprochenen Harry Wörz interessiert den Regisseur. Er arbeitet diese zwischen 2001 und 2014 in vier Filmen auf.

Ein weiteres Thema der Arbeiten von Gunther Scholz sind die Spuren der DDR nach der Wiedervereinigung. Für den MDR ist er an dem Mehrteiler DAS WAR DIE DDR beteiligt, unter anderem gehören auch Gitta Nickel, Donat Schober und Uwe Belz zu den Regisseuren. Der Kurzdokumentarfilm EINSCHUB IN DEN BERICHT DES POLITBÜROS (1998), der im Kurzfilm-Wettbewerb der Berlinale zu sehen ist, thematisiert ironisch die Kandidatur der Stadt Leipzig für die Olympischen Spiele des Jahres 2004. DIE NEUE BESCHEIDENHEIT (2000) ist eine kleine filmische Randnotiz auf die Bauarbeiten des Kanzleramts in Berlin. Der Dokumentarfilm ALS DIE MAUER FIEL (1999), der im Auftrag des RBB gemeinsam mit Hans-Hermann Hertle entsteht, rekonstruiert minutiös die Ereignisse zwischen dem 9. und 11. November 1989, die zur Öffnung der deutsch-deutschen Grenze führten.

In den letzten fünf Jahren entstehen drei Kino-Dokumentarfilme, deren Ausgangspunkt DDR-Geschichten sind, die ins Heute reichen. In SAG MIR WO DIE SCHÖNEN SIND (2008) porträtiert er neun junge Frauen um die Vierzig, die sich um den Titel "Miss Leipzig 1989" bewarben. Der Leipziger Fotograf Gerhard Gäbler konnte damals einige für Doppelporträts gewinnen: Er nahm sie am Arbeitsplatz und in ihrem privaten Umfeld auf. Knapp 18 Jahre später suchen der Filmemacher und der Fotograf Gerhard Gäbler die Frauen wieder auf, erzählen in dem Film, was aus ihnen wurde und entdecken die unterschiedlichsten Lebenswege. Ein ähnliches Konzept verfolgt HEUTE WAR DAMALS ZUKUNFT (2010). Der Dokumentarfilm blickt auf die Aufsätze von 15-jährigen Magdeburger Schülern aus dem Jahre 1985. Damals lautete das Thema "Wie stelle ich mir das Leben im Jahr 2010 vor". Der Filmemacher hat die Verfasser besucht und mit ihren damaligen Aussagen konfrontiert. Vergangenheit und Gegenwart werden poetisch und genau beobachtend in Beziehung gebracht.

Gunther Scholz ist geschieden und hat zwei Kinder. Er lebt in Berlin.

Verfasst von Ines Walk. (Stand: Januar 2015)

Auszeichnungen

  • 1979: EIN APRIL HAT 30 TAGE - Kunstpreis des FGDB (gemeinsam mit Angelika Waller, Thea Richter, Günter Haubold und Carlos Cerda)
  • 1998: EINSCHUB IN DEN BERICHT DES POLITBÜROS - Friedrich-Wilhelm-Murnau-Kurzfilmpreis
  • 2000: ALS DIE MAUER FIEL - Bayerischer Fernsehpreis (gemeinsam mit Hans-Hermann Hertle)
  • 2000: 37 GRAD – ES GESCHAH BEIM SCHÜTZENFEST - Deutscher Fernsehpreis

Literatur

  • Peter Brock: Sätze mit Fragezeichen, in: Berliner Zeitung, 28.03.2000.
  • Günter Agde: Scholz, Gunther, in: Wer war wer in der DDR?. Links Verlag Berlin 2010.
  • Ralf Schenk: Die Spur der Texte, in: Berliner Zeitung, 24.03.2011.

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