Heidemarie Wenzel

Schauspielerin

* 7. Juli 1945 in Berlin

Heidemarie Wenzel ist in den 1970er Jahren eine populäre DEFA-Darstellerin, die mit anspruchsvollen Charakterdarstellungen auf sich aufmerksam macht. In vielen Fällen spielt sie junge emanzipierte Frauen, die sich in der Arbeitswelt bereits ihren Platz erobert haben und nun ihr privates Glück suchen. Vielen in Erinnerung bleibt sie als Ines, "Die Schöne", die in DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (1973) als dümmliche und ordinäre Tochter eines Schaustellerpaares materialistisch orientiert ist und ihrem Ehemann Paul untreu wird. Mitte der 1980er Jahre ist ihre Karriere in der DDR abrupt beendet, da sie als politisch unzuverlässig gilt.

Heidemarie Wenzel wird am 7. Juli 1945 in Berlin geboren. Ihr Vater ist Reichsbahnoberinspektor, ihre Mutter arbeitet als Kaufmannsgehilfin. Ihre Schulausbildung, die sie 1963 mit dem Abitur abschließt, absolviert sie in ihrer Heimatstadt, steht bei Theateraufführungen ihrer Schule auf der Bühne. Als Mitglied des Bewegungschores der Deutschen Staatsoper Berlin sammelt sie ebenfalls erste Erfahrungen. Sie bewirbt sich an der Staatlichen Schauspielschule in Berlin, wird angenommen und studiert dort von 1963 bis 1966. Bereits während ihres Studiums fällt sie in Klassiker-Inzenierungen auf, spielt unter anderem die Klytämnestra in der "Orestie" von Aischylos am Studiotheater der Schule.

Nach ihrem Studium erhält Heidemarie Wenzel ein Engagement am Volkstheater Rostock. Hier gibt sie die Ophelia in "Hamlet" nach William Shakespeare, spielt Lady Milford in "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller, agiert als Julie in "Fräulein Julie" nach August Strindberg. Der Filmregisseur Egon Günther arbeitet ebenfalls mit ihr am Theater: Unter seiner Inszenierung macht sie sich einen Namen als Julia in "Der Stern wird rot" von Sean O'Casey. Heidemarie Wenzel gibt Gastspiele am Theater in Greifswald. Nach zwei Jahren festem Engagement am Theater entscheidet sich die Schauspielerin, für Film und Fernsehen frei zu arbeiten. Erst in den 1980er Jahren steht Heidemarie Wenzel wieder auf der Theaterbühne. Im TiP, dem Theater im Palast, spielt sie 1980 die Christa in "Kippenberg". In den 1990er Jahren steht sie auf der Bühne des Tourneetheaters Kempf als Greta in "Karate Billi kehrt zurück", ist auf der Freilichtbühne in Schwäbisch-Hall als Königin Gertrud in "Hamlet" und in Ralswiek auf der Insel Rügen als Brigitta in "Die Vitalienbrüder" zu sehen.

Erstmals vor der Kamera steht Heidemarie Wenzel mit einer kleinen Rolle in dem Film DER VERLORENE ENGEL (1966) von Ralf Kirsten. Der Film fällt dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED zum Opfer und kommt erst 1971 in einer verstümmelten Fassung in die Kinos der DDR. Einem größeren Publikum wird die Schauspielerin beginnend mit ABSCHIED (1968) unter der Regie von Egon Günther bekannt. Sie spielt Fanny, die Freundin des sensiblen Gymnasiasten Hans Gastl (verkörpert von Jan Spitzer). Beide lehnen ihrer familiäre bürgerliche Welt ab, begehen zusammen einen Selbstmordversuch. Ihre Vorstellung vor der Kamera wird von den Kritikern begeistert gelobt und Heidemarie Wenzel wird als darstellerischer Nachwuchs gefeiert. Nach kurzem Einsatz wird der Film allerdings nur noch für Sondervorführungen freigegeben; ängstlich nehmen die Verantwortlichen bei der Verfilmung des autobiografischen Romans von Johannes R. Becher eine Parallele zum DDR-Staat wahr. Dem Film wird Skeptizismus und Subjektivismus vorgeworfen.

In der Folge wird Heidemarie Wenzel von bekannten Regisseuren besetzt, spielt in vielen Fällen junge emanzipierte Frauen, die sich in der Arbeitswelt bereits ihren Platz erobert haben und nun ihr privates Glück suchen. In dem Episodenfilm AUS UNSERER ZEIT (1970) verkörpert sie unter der Regie von Rainer Simon eine junge Bauingenieurin, die sich während ihrer Hochzeitsreise an die vergangenen Jahre erinnert. Sie arbeitet mit Günter Reisch in UNTERWEGS ZU LENIN (1970) und Horst E. Brandt in KLK AN PTX - DIE ROTE KAPELLE (1971) zusammen. In Letzterem gibt sie das Star-Mannequin Ina Schreier, die für die Widerstandsgruppe Schulze-Boysen/Harnack Kurierdienste ins Ausland übernimmt. Ein großer Publikumserfolg wird ZEIT DER STÖRCHE (1971) von Siegfried Kühn. Während eines kurzen Urlaubs lernen sich eine Lehrerin und ein Ölbohr-Arbeiter kennen und lieben. Die Begegnung mit einem ungewöhnlichen Menschen animiert sie zum Ausbruch aus ihren gelebten Konventionen. Mit Heidemarie Wenzel und Winfried Glatzeder (in seiner ersten Filmrolle) ist der Film glänzend besetzt. Einen ähnlichen Publikumserfolg kann sie als "Die Schöne" in DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (1973) von Heiner Carow feiern. Sie spielt die Ehefrau von Paul, ist als Tochter eines Schaustellerpaares etwas dümmlich und ordinär, materialistisch orientiert und ihrem Ehemann untreu.

Der Film DIE TAUBE AUF DEM DACH (1973) von Iris Gusner erzählt die Geschichte der jungen Bauingenieurin Linda Hinrichs, die erfolgreich im Beruf auch im privaten Leben nach Erfüllung sucht. Sie lernt zwei Männer kennen: einen spontanen Studenten und einen gestandenen Bauingenieur, der nicht sesshaft wird. Der Film wird nicht für zur Uraufführung freigegeben. Grund mag die unbequeme und zweifelnde Sicht auf die Arbeitswelt sein, die in der herb-poetischen Inszenierung noch deutlicher zutage tritt. Erst 1990 gelangt eine Arbeitsfassung zur Aufführung. Auch die Filmbiographie WOLZ. LEBEN UND VERKLÄRUNG EINES DEUTSCHEN ANARCHISTEN (1974) von Günter Reisch hat es schwer. Das Drehbuch entsteht bereits in den 1960er Jahren, mehrere Jahre kämpft der Regisseur für die Herstellung des Films. Heidemarie Wenzel spielt die bürgerlich aufgewachsene Agnes, die sich der kommunistischen Bewegung anschließt; aus Liebe heiratet sie den Anarchisten. Wenig Publikumsresonanz erfährt auch einer ihrer nächsten Filme: IKARUS (1975) von Heiner Carow. Wieder sind die politisch Verantwortlichen schuld, die den Film kurz nach der Premiere nur noch sporadisch im Kino einsetzen.

Trotz dieser Rückschläge ist die Schauspielerin in der Folge in zahlreichen Filmen mit anspruchsvollen Rollen zu sehen, wird nicht mehr nur auf ihre äußeren, ihren sinnlich-verführerischen Qualitäten reduziert. In gehobenen Literaturverfilmungen für Kino und Fernsehen verkörpert sie auch historische Frauenfiguren. In GOLDENE ZEITEN FEINE LEUTE (1975) unter der Regie von Kurt Veth spielt sie Berta von Krupp. Als Elisabeth Raleigh, die schöne und herrschsüchtige Chefin einer Sklavenfarm, agiert sie in DAS LICHT AUF DEM GALGEN (1976) von Helmut Nitzschke an der Seite von Alexander Lang und Erwin Geschonneck. Sie ist in Hermann Zschoches DIE INSEL DER SILBERREIHER (1977) als Mutter des ängstlichen Hubert zu sehen. In dem Horst E. Brandt-Film BRANDSTELLEN (1978) nach dem gleichnamigen Roman von Franz Josef Degenhardt spielt sie die Kommunistin Maria, die mit einem Berufsverbotsverfahren zu kämpfen hat. In dem Fernsehfilm FRANZISKA (1985) von Christa Mühl stellt sie die Schauspielerin Franziska Franz dar, die in Wien das Interesse des Grafen Petöfy erregt und schließlich von ihm zur Herrin eines Schlosses gemacht wird.

1986 kehrt ihr Ehemann, der Regisseur Helmut Nitzschke, von einer Reise nach Westdeutschland nicht mehr in die DDR zurück. Heidemarie Wenzel stellt einen Ausreiseantrag und hat danach Schwierigkeiten, Angebote zu erhalten, da sie als politisch unzuverlässig gilt. Arbeit findet sie als Bürohilfskraft in der Evangelischen Gemeinde Berlin-Köpenick. Innerhalb der Kirche tritt sie mit Lesungen auf, beteiligt sich an Rezitationsabenden. 1988 wird die Schauspielerin Mitglied der Liga für Freiheit und Menschenrechte; sie solidarisiert sich mit verhafteten Bürgerrechtlern und wird danach aus der DDR ausgewiesen. Im Februar 1988 verlässt sie das Land und geht nach München.

Im Westteil Deutschland arbeitet Heidemarie Wenzel vorrangig für das Fernsehen, tritt in TV-Klassikern wie "Tatort", "Derrick", "Der Landarzt", "Zappeck" und "Der Alte" auf. Ein Erfolg wird ihre Sylvia Hagenbeck in "Unsere Hagenbecks" (ab 1989).

Heidemarie Wenzel ist in erster Ehe mit dem Fernsehregisseur Kurt Veth verheiratet. Ihre zweite Ehe führt sie seit 1977 mit dem Regisseur Helmut Nitzschke. Sie hat zwei Kinder, den Sohn David (geb. 1971) und die Tochter Laura (geb. 1980). Die Familie lebt in Berlin.

Verfasst von Ines Walk. (Stand: August 2006)

Auszeichnung

  • 1972: Zuschauerpreis des Jugendmagazins "Neues Leben".

Literatur

  • Dieter Borkowski: Iby, die Prinzessin, in: Filmspiegel 17/1968.
  • Constanze Pollatschek: Nicht nur fotogen, in: Neues Leben 10/1971
  • Hans-Joachim Kynaß: Stippvisite bei Heidemarie Wenzel, in: Wochenpost, 24.09.1971
  • Marlis Tico: Spatz in der Hand oder Taube auf dem Dach. Sechs Fragen an Heidemarie Wenzel, in: Filmspiegel 07/1973
  • W. N. Berger: Laßt mich den Löwen auch noch spielen - Werkstattgespräch mit Heidemarie Wenzel, in: Berliner Zeitung, 16.12.1973
  • Marlis Linke: Heidemarie Wenzel, in: Treffpunkt Kino 02/1974
  • Heinz Hofmann: Heidemarie Wenzel, in: Renate Seydel (Hrsg.): Schauspieler, Henschel Verlag Berlin 1974
  • Marlis Linke: Heidemarie Wenzel - Zwischenbilanz, in: Filmspiegel 09/1976.
  • Irma Zimm: Sie bewundert die Stärke der Agnes, in: BZ am Abend, 02.09.1976.
  • Peter Stefan Herbst: "DDR"-Star bei uns, in: Bild, München, 11./12.11.1988.
  • Eva Meschede: Heidemarie Wenzel, in: Süddeutsche Zeitung, 20.12.1988.
  • Eva Meschede: Emigranten in einem Land, das ihre Sprache spricht, in: Süddeutsche Zeitung, 22.01.1990
  • Ralf Schenk, Ingrun Spazier: Heidemarie Wenzel, in: cinegraph, Loseblattsammlung.

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