Heiner Carow

Regisseur

* 19. September 1929 in Rostock; † 31. Januar 1997 in Berlin

Biografie

Heiner Carow

bei den Dreharbeiten zu BIS DASS DER TOD EUCH SCHEIDET (R: Heiner Carow, 1978) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Heiner Carow zählt zu den wichtigsten Regisseuren der DEFA. Zu Beginn seiner Filmkarriere dreht er dokumentarische Kurzfilme. Nach seinem Wechsel zum Spielfilm-Studio inszeniert er neben überaus erfolgreichen Kinderfilmen solche DEFA-Klassiker wie DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (1973) und BIS DASS DER TOD EUCH SCHEIDET (1978). Dem Regisseur gelingen sozial engagierte Filme, die die Realität der DDR nicht beschönigen und deshalb ein großes Publikum finden.

Heiner Carow wird am 19. September 1929 als Heinrich Carow in Rostock geboren. Sein Vater ist Kaufmann, seine Mutter Hausfrau. Schon während seiner Schulzeit spielt er Theater. Mit 21 Jahren bewirbt er sich mit Erfolg im Nachwuchsstudio der DEFA und absolviert ein Jahr in der dortigen Regie-Klasse.  Gerhard Klein und Slatan Dudow sind unter anderem seine Lehrer. Danach arbeitet er als Regisseur im Studio für populärwissenschaftliche Filme. In der Folge entstehen zahlreiche Kurzfilme. Seine Themen sind vielfältig: Schweinemast, Landwirtschaft, Flugmodellbau oder FDGB-Winterurlaub werden filmisch aufbereitet. Seine Dokumentarfilme, bei denen er in der Regel mit Kameramann  Helmut Bergmann zusammen arbeitet, fallen auf. Es ist besonders der mehrfach ausgezeichnete Film MARTINS TAGEBUCH (1956), der 1956 zu einem Wechsel zum DEFA-Studio für Spielfilme führt. Schon vorher war es das erklärte Ziel des jungen Regisseurs, Spielfilme zu drehen. Sein erster Spielfilm wird der Kinderfilm SHERIFF TEDDY (1957) nach dem gleichnamigen Buch von Benno Pludra. Erzählt wird die Geschichte von Kalle, dessen Familie von West- nach Ost-Berlin übersiedelt. Anfangs findet er keine Freunde, aber als er auf die schiefe Bahn gerät, setzen sich seine neuen Schulkameraden für ihn ein.

Kinder- und Jugendfilme bleiben immer im Blickfeld des Künstlers. Auch sein nächster Film zielt auf ein jugendliches Publikum: SIE NANNTEN IHN AMIGO (1959) entsteht gemeinsam mit dem DEFA-Autoren-Paar Wera und Claus Küchenmeister. Hier ist die Hauptfigur der 15-jährige Amigo, der einen Flüchtling im Geräteschuppen vor der Gestapo versteckt, denunziert wird und später ins Konzentrationslager kommt. Der leise und emotional ansprechende Film wird leider mit einem plakativen Ende versehen: Pepp überlebt das Konzentrationslager und wird Panzerfahrer bei der Volksarmee. Trotzdem ist der Film sehr erfolgreich, weil er Historie und Spannung gekonnt verbindet und für Jugendliche aufbereitet. In der Benno Pludra-Verfilmung DIE REISE NACH SUNDEVIT (1966) erzählt der Regisseur die abenteuerliche Reise-Geschichte des achtjährigen Tim, dem einsamen Sohn eines Leuchtturmwärters. Mit IKARUS (1975) legt der Regisseur einen seiner gelungensten Kinderfilme vor. Der achtjährige Mathias träumt davon, Pilot zu werden, und dass seine geschiedenen Eltern wieder zusammenkommen. Als sein Vater nicht zu seinem Geburtstag erscheint, begibt er sich allein auf ein Abenteuer und kommt zu der Erkenntnis, dass Ikarus nicht abgestürzt ist, weil er nicht auf seinen Vater hörte, sondern weil der ihn vergessen hat. Für einige Kritiker hat sich der Regisseur besonders in seinen Kinderfilmen immer wieder am Mythos des verlassenen, verratenen Jungen abgearbeitet.

Erfolgreich mit seinen Kinder- und Jugendfilmen lässt sich Heiner Carow aber nicht auf die Gattung festlegen. Er inszeniert mit DAS LEBEN BEGINNT (1960) eine deutsch-deutsche Liebesgeschichte, mit der er selbst nicht zufrieden ist. Auch DIE HOCHZEIT VON LÄNNEKEN (1963), eine Geschichte über Fischer und die Gründung einer Genossenschaft, findet keine Gnade beim Regisseur, da der Film auf eine Aussage hin inszeniert ist. DIE RUSSEN KOMMEN (1968) schätzt er dagegen als eines seiner gelungensten Werke ein. Der Film wird allerdings verboten und gelangt erst 20 Jahre später in die Kinos. Heiner Carow erzählt um 1945 von einem 15-jährigen Jungen, der dazu verleitet wird, einen gleichaltrigen, entflohenen russischen Zwangsarbeiter zu jagen und an seine Peiniger auszuliefern. Später muss er sich seiner Handlung stellen. Erstmals stellt ein DEFA-Film einen Mitläufer als Opfer in den Mittelpunkt einer Handlung. Damit werden die Grenzen zwischen Schuld und Unschuld des Einzelnen im Dritten Reich infrage gestellt. Auf politischen Druck nach dem 11. Plenum der SED bearbeitet der Regisseur den Film, fügt eine Gegenwartshandlung ein. Unter dem Titel KARRIERE (1970) kommt er in die Kinos. Als Verrat an seinem eigenen Film sieht der Regisseur später seine Neufassung. Erst 1987 gelangt DIE RUSSEN KOMMEN (1968) in einer restaurierten Fassung in die Kinos.

Anfang der 1970er Jahre beginnt Heiner Carow mit dem Szenaristen und Schriftsteller Ulrich Plenzdorf zusammen zu arbeiten. Beide bereiten das Projekt "Die neuen Leiden des jungen W." vor, das aber von der DEFA abgelehnt wird und erst Jahre später auf der Theaterbühne und als Buch für Furore sorgt. Auch einer seiner erfolgreichsten Filme entsteht nach der Vorlage von Ulrich Plenzdorf: DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (1973). Heiner Carow übernimmt das Filmprojekt von der Regisseurin Ingrid Reschke, die den Film mit Ulrich Plenzdorf konzipiert hat und kurz vor den Dreharbeiten tragisch zu Tode gekommen ist. Erzählt wird die Geschichte der allein erziehenden Verkäuferin Paula, die sich in den beruflich erfolgreichen und verheirateten Paul verliebt. Zunächst steht er nicht zu seiner Liebe. Dem Regisseur gelingt ein unterhaltsamer, komisch wie tragischer Film, der soziale Wirklichkeit und poetischen Traum gekonnt miteinander verbindet. Schauspielerisch überzeugen Angelica Domröse und Winfried Glatzeder. In der Presse der DDR kommt es zu heftigen Diskussionen um den Film, drei Millionen Besucher sind begeistert. DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (1973) gilt heute als der erfolgreichste Film der DEFA-Geschichte.

Auch das nächste Werk des Regisseurs wird überraschend ein Publikumserfolg. BIS DAß DER TOD EUCH SCHEIDET (1978) erzählt von der Liebe zweier Menschen, die durch Gewalt und Alkohol zerbricht. Drastisch schildert das Filmteam den Verlauf der Ehe, deren Träume sich in Fremdheit auflösen und an deren Ende ein Tötungsversuch steht.  Katrin Saß überzeugt als Sonja hier in ihrer ersten großen Rolle. In SO VIELE TRÄUME (1986) schildert der Regisseur das Leben einer Hebamme, die ihr eigenes Kind beim ungeliebten Mann zurücklässt. Mit seinem letzten DEFA-Film COMING OUT (1989) bricht der Regisseur mit einem Tabu. Er erzählt die Geschichte eines Lehrers, der aus seiner sicheren Welt ausbricht und sich offen zu seiner Homosexualität bekennt. Der Film feiert am Tag des Mauerfalls, dem 09. November 1989, im Kino International Premiere. Auf der folgenden Berlinale erhält er den Silbernen Bären. Der letzte Kinofilm von Heiner Carow wird DIE VERFEHLUNG (1991). Auch hier erzählt er von einer Liebe, wieder mit  Angelica Domröse in der Hauptrolle. Sie ist eine Reinmachefrau in einem kleinen Dorf in der DDR. Als sich ein Hamburger Hafenarbeiter in sie verliebt, kommt es für sie 1988/1989 zu Repressalien des Staates. Eindringlich schildert der Regisseur die Eingriffe des Regimes in die Beziehungen der Menschen. Nach diesem Film scheitern mehrere seiner Projekte. Über Jahre arbeitet er an der Verfilmung des "Simplicissimus", muss aber aus Kostengründen immer wieder verzichten.

Neben seiner eigenen Filmarbeit ist Heiner Carow auch an anderen Projekten beteiligt. Er wird als künstlerischer Berater tätig bei PUGOWITZA (1980) von Jürgen Brauer; bei Regie-Kollegen tritt er als Darsteller auf. Am Theater in Rostock inszeniert er Stücke von Rolf Hochhuth und Rainer Kerndl. Für das Fernsehen arbeitet der Regisseur ebenfalls. Bereits Mitte der 1960er Jahre realisiert er "Jedermann hat seine Geschichte". Aber erst in den 1990er Jahren wird das Fernsehen sein vorrangiger Beschäftigungsort. Er dreht Teile von TV-Serien, unter anderem "Großstadtrevier" und "Kanzlei Bürger". Mit dem Drama VATER MUTTER MÖRDERKIND (1992), welches er nach der Vorlage von  Ulrich Plenzdorf für das ZDF realisiert, erregt Heiner Carow größere Aufmerksamkeit. Er blickt auf einen Teenager, dessen Adoptivvater als ehemaliger westdeutscher Terrorist im Osten Deutschland mit Unterstützung der Stasi untergetaucht ist und nach der Wende verhaftet wird. Zur Zeit der deutsch-deutschen Wiedervereinigung schwankt der Junge in seiner Gefühlswelt hin und her: Soll er seiner Mutter beistehen, die nichts von der Vergangenheit ihres Mannes wusste, oder seinen Vater aus der Haft befreien. Sensibel arbeitet der Regisseur damit aktuelle Zeitgeschichte auf.

Heiner Carow ist ab 1977 im Präsidium des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR tätig. Er ist Mitglied der Akademie der Künste, von 1982 bis 1991 deren Vizepräsident. 1989 wird er zum außerordentlichen Professor der Akademie ernannt. Seine Meisterschüler sind die später erfolgreichen Filmemacher Helke Misselwitz, Herwig Kipping und Thomas Heise. Schon 1984 ist Heiner Carow Mitglied der Akademie der Künste Berlin-West geworden. 1996 wird er zum stellvertretenden Direktor der Abteilung Film und Medienkunst ernannt, kurze Zeit später zu deren Direktor.

Heiner Carow ist seit 1954 mit der Schnittmeisterin  Evelyn Carow verheiratet. Er stirbt unerwartet am 31. Januar 1997 im Krankenhaus Berlin-Buch.

Verfasst von Ines Walk. (Stand: Oktober 2009)

Trailer zu "Die Legende von Paul und Paula" (R: Heiner Carow, 1973)

Auszeichnungen

  • 1956: MARTINS TAGEBUCH - Internationales Dokumentarfilmfestival Leipzig: Preis der Filmschaffenden
  • 1957: MARTINS TAGEBUCH - Filmfestival der Weltfestspiele der Jugend und Studenten Moskau: Silbermedaille
  • 1959: SIE NANNTEN IHN AMIGO - Filmfestival der Weltfestspiele der Jugend und Studenten Wien: Bronzemedaille
  • 1959: SIE NANNTEN IHN AMIGO - Heinrich-Greif-Preis I. Klasse
  • 1966: DIE REISE NACH SUNDEVIT - Internationales Filmfestival Mannheim: Urkunde
  • 1967: DIE REISE NACH SUNDEVIT - Heinrich-Greif-Preis I. Klasse
  • 1967: DIE REISE NACH SUNDEVIT - Jugendfilmwoche Halle: Preis der Jury
  • 1980: Nationalpreis II. Klasse
  • 1980: BIS DASS DER TOD EUCH SCHEIDET - Filmpreis des Jugendmagazins "Neues Leben"
  • 1987: DIE RUSSEN KOMMEN - Nationales Spielfilmfestival der DDR: Preis für Regie
  • 1990: COMING OUT - Konrad Wolf-Preis der Akademie der Künste zu Berlin
  • 1990: COMING OUT - Kritikerpreis des Verbandes der Deutschen Kritiker
  • 1990: COMING OUT - Spielfilmfestival der DDR: Preis für Regie (ex aequo mit Rainer Simon für "Jadup und Boel")
  • 1990: COMING OUT - Internationale Filmfestspiele Berlin: Silberner Bär

Literatur

  • Carow, Heiner / Agde, Günther: Bis daß der Tod Euch scheidet. Werkstattgespräch, in: Aus Theorie und Praxis des Films 05/1979.
  • Carow, Heiner / Albrecht, Hartmut: Ich bin einer aus dem Volke [Interview], in: Filmwissenschaftliche Beiträge 04/1979.
  • Carow, Heiner / Gehler, Fred: Geschichtenerzählen macht Spaß, [Interview], in: Der Sonntag, 24.08.1976.
  • Carow, Heiner / Gehler, Fred: Machen und machen lassen, in: Film und Fernsehen 02/1990.
  • Carow, Heiner / Herlinghaus, Hermann: Zwischenbilanz [Interview], in: Film und Fernsehen 04/1977.
  • Carow, Heiner / Plenzdorf, Ulrich: Die Legende von Paul und Paula. Die Leiden des jungen W. Ein Kino- und ein Bühnenstück, Henschel Verlag Berlin 1974.
  • Carow, Heiner / Rückert, Günther: Bis daß der Tod Euch scheidet. Film-Szenarium, Henschel Verlag Berlin 1979.
  • Carow, Heiner / Schlesinger, Klaus: Ikarus. Film-Szenarium, Henschel Verlag Berlin 1975.
  • Carow, Heiner / Thrum, Brigitte: Es ist Zeit, über das Kino nachzudenken [Interview], in: Film und Fernsehen 02/1976.
  • Carow, Heiner / Wolf, Dieter: Um der Zukunft Willen [Interview], in: Film und Fernsehen 11/1987.
  • Carow, Heiner: Angelica Domröse, in: Ralf Schenk (Hrsg.): Vor der Kamera, Henschel Verlag Berlin 1995.
  • Domröse, Angelica: Gedanken zu Heiner Carow, in: Film und Fernsehen 02/1997.
  • Friedrich, Detlef: Dimensionen in unsere Spielfilme!, in: Filmspiegel 10/1979.
  • Gehler, Fred: Labyrinth der Erinnerungen, in: Film und Fernsehen 11/1987.
  • Gehler, Fred: Machen und machen lassen - Auskünfte von Heiner Carow, in: Film und Fernsehen 02/1990.
  • Hartmann, Helga: Die dreizehnte Fee - ein neuer Film von Heiner Carow, in: Filmspiegel 08/1986.
  • Heise, Thomas: Für Heiner Carow, in: Film und Fernsehen 02/1997.
  • Herlinghaus, Hermann: Filmkunst, die alle angeht [Gesammelte Aufsätze und Interviews], in: Aus Theorie und Praxis des Films 03/1983.
  • Herlinghaus, Hermann: Heiner Carow - Leidenschaft und Charakter, in: Rolf Richter (Hrsg.): DEFA-Spielfilm-Regisseure und ihre Kritiker, Band 2, Henschelverlag Berlin, 1981.
  • Lücke, Detlef: Ein Künstlerleben zwischen Harmonie und Konflikt, in: Freitag 06/1997.
  • o.A.: Bis daß der Tod Euch scheidet, in: Rezensionen und Meinungen zu den DEFA-Gegenwartsfilmen, in: Aus Theorie und Praxis des Films 09/1981.
  • o.A.: Filmspiegel fragte Regisseur Heiner Carow, in: Filmspiegel 18/1986.
  • o.A.: Heiner Carow, in: Cinegraph - Loseblattsammlung, edition text + kritik seit 1986.
  • Reisch, Günter: Zu früher Tod nach einem langen Atem, in: Film und Fernsehen 02/1997.
  • Richter, Erika: Die Legende von Paul und Paula, in: Richter, Erika: Alltag und Geschichte in DEFA-Gegenwartsfilmen der 1970er Jahre. Filmwissenschaftliche Beiträge 01/1976.
  • Richter, Erika: Für Heiner Carow, in: Film und Fernsehen 01/1997.
  • Roth, Wilhelm: Nachruf - Heiner Carow, in: epd-film 02/1997.
  • Schenk, Ralf: Nachruf - Heiner Carow, in: film-dienst 04/1997.

DEFA-Filmografie

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