Henry Hübchen

Komponist, Schauspieler

* 20. Februar 1947 in Berlin

Biografie

Henry Hübchen

in DIE MORAL DER BANDITEN (R: Erwin Stranka, 1975) Fotografen: Wolfgang Ebert, Ingo Raatzke

Auf dem Höhepunkt seiner Filmkarriere befindet sich der Schauspieler Henry Hübchen. Bereits in den 1980er und 1990er Jahre als Theaterstar in der DDR, später im wiedervereinigten Deutschland und im Ausland gefeiert, wird ALLES AUF ZUCKER (2005) zum unerwarteten Kinoerfolg und sein Jackie Zucker zum Publikumsliebling der Nation. Vielen ist Henry Hübchen aber schon vorher ein Begriff: Seit Mitte der 1970er Jahre ist er auf der Leinwand zu sehen. Anfangs als jugendlicher Liebhaber und hitziger Rabauke gehört er mittlerweile zu den wandlungsfähigen Darsteller des Landes, wobei das Spektrum seiner Rollen besonders groß ist: grotesk-komische Figuren gehören ebenso dazu wie Rollen abgründig psychopathischer Personen.

Henry Hübchen wird am 20. Februar 1947 in Berlin geboren. Sein Vater verlässt, als der Sohn zwei Jahre alt ist, den Westen Deutschlands und geht nach Ostberlin. Schon früh interessiert er sich für die Schauspielerei. Er wirkt bereits als Kind und Jugendlicher in verschiedenen Kino- und Fernsehfilmen mit. Unter anderem ist er in dem Indianerfilm DIE SÖHNE DER GROßEN BÄRIN (1965) von Josef Mach zu sehen. Aber zunächst studiert er nach seinem Abitur Physik in Berlin, ist Mitglied einer Band und schreibt Songs auch für andere, unter anderem für "City" den Klassiker "Casablanca". Sein großes Hobby ist das Windsurfen (damals unter dem Namen Brettsegeln bekannt), mehrmals wird er DDR-Meister in der Disziplin.

Aber dann entscheidet sich Henry Hübchen doch für die Schauspielerei. Er studiert an der Staatlichen Schauspielschule "Ernst Busch" in Berlin-Schöneweide und beendet 1971 sein Studium. Danach spielt er in Magdeburg Theater, erarbeitet sich ein umfangreiches Repertoire. Hier agiert er in Klassiker von Friedrich Schiller, Georg Büchner und Heinrich von Kleist. 1974 lockt ihn der Intendant und Regisseur Benno Besson nach Berlin an die dortige Volksbühne. Bald gehört er zu den wichtigsten Mitgliedern des Ensembles, spielt sowohl klassische als auch moderne Rollen. Das Berliner Publikum sieht ihn unter anderem neben den Schauspielern  Winfried Glatzeder und  Angelica Domröse in den Heiner Müller-Stücken "Der Bau", "Die Bauern" und "Die Schlacht" auf der Bühne.

Mit dem Regisseur und späteren Intendanten Frank Castorf arbeitet er eng zusammen. Zunächst sind beide ab Mitte der 1980er Jahre am Theater in Anklam tätig, wohin der Regisseur von DDR-Funktionären verbannt worden ist. Ab 1992 ist das Regie-Star-Gespann wieder an der Berliner Volksbühne beschäftigt und sorgt dort für Foure. Henry Hübchen wird in den 1990er Jahren zum Star der Bühne. Er ist unter anderem in "Rheinische Rebellen" zu sehen. Im wiedervereinigten Deutschland geht der Schauspieler nach Hamburg, spielt dort den Fernando in Goethes "Stella". Gastspiele führen ihn unter anderem an das Schauspiel Köln, zu den Salzburger Festspielen und an das Burgtheater Wien. Außerdem inszeniert Henry Hübchen selbst Stücke, unter anderem "Der Menschenfreund" von Molieré. Für die Inszenierung erhält er gemeinsam mit dem Künstlerteam 1993 den "Friedrich Luft-Preis" der Berliner Morgenpost. 1994 und 2001 wird er von den Kritikern der Zeitschrift "Theater heute" zum Schauspieler des Jahres gewählt.

Seine erste wichtige Rolle vor der Kamera erhält Henry Hübchen von Frank Beyer in dessen erfolgreichen Film JAKOB DER LÜGNER (1974). Der Schauspieler mimt Mischa, einen jungen Juden im Warschauer Ghetto, der seine Frau Rosa schützen will, es aber nicht vermag. Wie seine Nachbarn wird er auf den letzten Transport Richtung Auschwitz gehen. Bereits hier agiert Henry Hübchen in einer ihm ganz eigenen Mixtur: eine romantische angelegte Figur, die trotz des Wissens um die Wahrheit, die Hoffnung nicht aufgibt. In der Folge ist Henry Hübchen in zahlreichen Kinoproduktionen zu sehen. Erwähnenswert ist seine Rolle des Neulehrers Lindner in DIE MORAL DER BANDITEN (1976) in der Regie von  Erwin Stranka. Ein brandenburgisches Dorf wird 1947 von einer Bande Jugendlicher terrorisiert. Lindner setzt sich gegen den Bürgermeister des Ortes für eine Umerziehung der Jugendliche ein.

Besonders populär wird der Schauspieler durch das Fernsehen. Im Ostteil des Landes ist er mehrfach in Teilen von "Polizeiruf 110" zu sehen. Henry Hübchen spielt meist Kleinkriminelle und Mörder, gibt den Typ eines jugendlichen Hitzkopfs mit den Qualitäten eines Romeos. Diesen Rollentyp verkörpert er unter anderem in "Aber Doktor" (1979). Des Weiteren steht er in den TV-Filmen "Die Ehrbaren Fünf" (1989) von Klaus Gendries oder "Es steht der Wald so schweigend" (1985) von Wolfgang Hübner inszeniert, vor der Kamera.

Nach der Wiedervereinigung Deutschland wird er im Westteil des Landes bekannt durch Rollen in TV-Serien. Er ist unter anderem in "Karl May" (1992), "Der Schattenmann" (1996) und "Der König von St. Pauli" (1998) zu sehen. Der TV-Mehrteiler "Warten ist der Tod" (1999) von Hartmut Schoen, in dem Henry Hübchen die Hauptrolle des spielt, wird 2000 mit dem Deutschen Fernsehpreis 2000 als Bester TV-Film ausgezeichnet. Der Darsteller wird mit seinen Kollegen Ulrich Tukur und Jörg Schüttauf als bester Schauspieler nominiert. Seit 1997 gibt er in Schwerin den Kommissar Törner an der Seite von Uwe Steimle. Für seine Darstellung - sie ist zugleich herzerfrischend kodderschnäuzigund melancholisch - erhält er 2005 den Adolf Grimme-Preis.

Erstmals in einem Kinofilm nach dem Zusammenbruch der DDR agiert Henry Hübchen in EIN MANN FÜR JEDE TONART (1992) von Peter Timm. Als Konzertkritiker Georg Lasinde mit einem ausgeprägten Hang zur Romantik spielt er neben Katja Riemann und Uwe Ochsenknecht. Schlagartig macht sich Henry Hübchen einen Namen im wiedervereinigten Deutschland durch seine Rolle des Vater Ehrenreich in SONNENALLEE (1999) von Leander Haußmann. An der Seite von Katharina Thalbach spielt er den liebenswerten Hausmann, im weißen, doppelgerippten Unterhemd, der per trickreicher Eingabe ein heißbegehrtes Telefon für die Familie organisiert, aber mit dem modernen Tisch im DDR-Ambiente nicht klar kommt. Witzig, zwischen schwarzem und plakativem Humor pendelnd, tragen die Szenen mit den zwei gestandenen Darstellern zum Erfolg des Films bei.

Als Kriminalsekretärs Fabich überzeugt er in SASS (2001) von Carlo Rola und ist den beiden Einbrecher-Brüder Franz und Erich Sass immer dicht auf der Spur. In LICHTER (2002) von Hans-Christian Schmid gibt er Wilke, den deutschen Geschäftsmann, für den eine gewisse Art von Spaß zum Erfolg gehört. Er öffnet dem jungen Philip (gespielt von August Diehl) die Augen darüber, was es kosten kann, Karriere zu machen.

Im Überraschungserfolg ALLES AUF ZUCKER (2005) in der Regie von Dany Levy spielt Henry Hübchen die Hauptrolle des Jackie Zucker, ein Berliner Zocker mit jüdischer Verwandtschaft. Um einer Erbschaft willen muss er sein vergessenes Judentum wieder aufleben lassen und eine siebentägige jüdische Totenwache halten. Gleichzeitig will er aber auch ein Billard-Turnier gewinnen. Welten prallen also aufeinander, als sein Bruder Samuel mit seinem ganzen Familienclan in seinem chaotischen Haushalt anrückt. Der Regisseur hat eine selbstironische Farce über das Jüdischsein im heutigen Deutschland gedreht. Ihr Erfolg beim Zuschauern und diversen Jurys - unter anderem wird sie mehrfache Gewinnerin des Deutschen Filmpreises - ist auch ein Verdienst von Henry Hübchen, ohne dessen Charme, Unverschämtheiten und Berliner Schnauze der Film halb so witzig wäre.

Einige Zeit später ist der Darsteller in der kulinarischen Gangsterkomödie BASTA. ROTWEIN ODER TOTSEIN (2005) unter der Regie von Pepe Danquart zu sehen. Er spielt einen Kleinganoven aus der Wiener Unterwelt, der sich in seine einstige Gefängnispsychologin Maria (gespielt von  Corinna Harfouch) verliebt und nun aussteigen will. Allerdings muss er vorerst noch einige Aufgaben erledigen. In ALTER UND SCHÖNHEIT (2009), einer Tragikomödie von Michael Klier, verkörpert er den Freund eines todkranken Mannes. In der Literaturverfilmung LILA, LILA (2009) gibt er einmal mehr einen Herumtreiber, der zum Erpresser wird. Mit Regisseur  Andreas Dresen und Drehbuchautor  Wolfgang Kohlhaase arbeitet er bei WHISKY MIT WODKA (2009) zusammen. Henry Hübchen spielt einen alternden Schauspieler, der damit klar kommen muss, dass er einen deutlich jüngeren Ersatzmann hat, falls er ausfallen sollte. Auf einmal muss er um seine Rolle kämpfen und auch sonst ist im Leben des Lebemanns einiges im Argen. Die melancholische Komödie aus dem Schauspieler-Milieu punktet mit brillanten Darstellerleistungen und pointierten Dialogen.

Immer wieder wechselt Henry Hübchen zwischen Fernsehen und Film hin und her. Zwischen 2006 und 2007 agiert er in der Rolle des Commissario Laurenti in der gleichnamigen ARD-Reihe. Für das Fernsehen wird er zu König Gustav ("Die Gänsemagd") und zum russischen Major des Geheimdienstes ("Der Uranberg"). Auf der Kinoleinwand verkörpert er den Vater von GOETHE! (2010), einen Bäckermeister in POLNISCHE OSTERN  (2010) und einen etwas anderen Dorfpfarrer in JESUS LIEBT MICH (2012). In der Klamauk-Komödie HAI ALARM AM MÜGGELSEE (2013) kann er gemeinsam mit  Michael Gwisdek als Bürgermeister dem Affen richtig Zucker geben und auch in DA GEHT NOCH WAS (2013) verlassen sich die Filmemacher ganz auf die komödiantischen Qualitäten von Henry Hübchen.

Henry Hübchen ist verheiratet, lebt aber getrennt von seiner Ehefrau in Berlin. Sie haben zwei gemeinsame Töchter. Teresa Hübchen (geb. 1971) arbeitet ebenfalls als Schauspielerin.

Verfasst von Ines Walk. (Stand: Oktober 2013)

Filmstill zu "Die Moral der Banditen"

Filmstill zu DIE MORAL DER BANDITEN (R: Erwin Stranka, 1975) Fotografen: Wolfgang Ebert, Ingo Raatzke

Filmstill zu "Die Moral der Banditen"

Filmstill zu DIE MORAL DER BANDITEN (R: Erwin Stranka, 1975) Fotografen: Wolfgang Ebert, Ingo Raatzke

Auszeichnungen

  • 1993: Friedrich-Luft-Preis
  • 1994: Schauspieler des Jahres
  • 2000: Berliner Theaterpreis
  • 2001: Schauspieler des Jahres
  • 2005: Adolf Grimme Preis
  • 2005: ALLES AUF ZUCKER - Deutscher Filmpreis als Bester Hauptdarsteller
  • 2012: Paula-Preis des Progress Film-Verleih

Literatur

  • Gerhardt Ebert: Chaplinesk - Henry Hübchen, in: Neues Deutschland, 09.09.1994.
  • Ingolf Kern: "Ich mag keine glatten Helden" - Henry Hübchen, zum Schauspieler des Jahres gekürt, spielt an der Volksbühne den Danton, in: Berliner Zeitung, 26.11.1994.
  • Frank Junghänel: Der alte Soldat - Immer an der Volksbühne, immer nur mit Castorf - Henry Hübchen findet das selbt 'gruselig', deshalb spielt er jetzt öfter auch im Film, in: Berliner Zeitung, 06.11.1999.
  • Tanja Fiedler: Futter fürs Ego - Der Schauspieler Henry Hübchen bekennt sich zu seiner Eitelkeit, in: Berliner Morgenpost, 07.05.2000.
  • Rüdiger Schaper: "Stand by your man!" - Verleihung des Berliner Theaterpreises an Castorf & Hübchen, in: Der Tagesspiegel, 08.05.2000.
  • Thomas Gehringer: Sehnsucht nach Castorf - Henry Hübchen über das Fernsehen im vereinten Deutschland, in: Der tagesspiegel, 31.08.2000.
  • Maelsa: Das Porträt - Henry Hübchen, in: Neues Deutschland, 25.09.2001.
  • Ralf Mielke: Ein Schatten auf der Männerseele - Porträt Henry Hübchen, in: Berliner Zeitung, 20.09.2003.
  • Andreas Kurtz: Der Partyverweigerer - Der Schauspieler Henry Hübchen macht sich rar, in: Berliner Zeitung, 11.05.2004.
  • Matthias Heine: "Ich bin der Gartenzwerg" - Interview mit Henry Hübchen, in: Berliner Morgenpost, 12.06.2004.
  • Regine Sylvester: Hübchen! Rauskommen! Spielen! – Interview, in: Berliner Zeitungm 31.12.2004.
  • Karsten Krampitz: "Ich habe eben mehrere Talente" - Aber über das Windsurfen darf man mit dem Mann nicht reden. Eine Stunde mit Henry Hübchen beim Italiener, Berliner Morgenpost, 24. April 2005.
  • Matthias Heine: Renaissance des Volksschauspielers: Henry Hübchen, in: Die Welt, 07.01.2005.
  • Christine Claussen: Der Hübchenspieler, Der Stern, 15.01.2005.
  • Gunnar Decker: Eifersucht auf Italienisch - Henry Hübchen bekommt heute den Grimme-Preis, in: Der Tagesspiegel, 18.03.2005.
  • Anke Sterneborg: Ein Mann für jede Tonart - Mit den Jahren immer besser: Henry Hübchen, in: epd-film 05/2005.
  • Jan Freitag: Ich schwitze als einziger - Interview, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.05.2006.
  • Matthias Heine: Idealer Italiener ermittelt in Triest, in: Berliner Morgenpost, 04.06.2006.
  • Hans-Dieter Schütt: Für Steinle – Henry Hübchen, in: Neues Deutschland, 06.06.2006.
  • Kerstin Decker: Sitzt, zappelt, holt Luft. Henry Hübchen zum 60. Geburtstag, in: Der Tagesspiegel 20.02.2007.
  • Gunnar Decker: Erotik der Verweigerung. Dem Schauspieler Henry Hübschen zum 60. Geburtstag, in: Neues Deutschland, 20.02.2007.
  • Ulrich Seidler: „Ich harre aus“ – Interview, in: Berliner Zeitung, 20.02.2007.

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