Hilmar Thate

Schauspieler

* 17. April 1931 in Halle; † 14. September 2016 in Berlin

Biografie

Hilmar Thate

in WAHLVERWANDTSCHAFTEN (R: Siegfried Kühn, 1973) Fotograf: Klaus Goldmann

Hilmar Thate ist einer der bedeutendsten Bühnenschauspieler Deutschlands. Er hat auch durch eindrucksvolle Rollen beim Film und Fernsehen nationale wie internationale Anerkennung erfahren. Seine Karriere in der DDR, wo er besonders als "Daniel Druskat" dem Publikum in Erinnerung bleibt, ist mit der Unterzeichnung der Wolf Biermann-Petition beendet. Seit 1980 lebt der Künstler in Westdeutschland, kann seine Laufbahn mit Filmarbeiten von Rainer Werner Fassbinder, Dieter Wedel und Andreas Kleinert krönen.

Hilmar Thate wird am 17. April 1931 in Dölau bei Halle, an der Saale geboren. Sein Vater ist Lokomotiven-Maschinenschlosser, seine Mutter Hausfrau. Nach dem Abschluß der Schule beginnt er mit 16 Jahren eine Schauspielausbildung in Halle. Danach erhält er ein erstes Engagement 1949 in Cottbus. Seit 1952 ist er an verschiedenen Bühnen in Berlin tätig. Er beginnt am Theater der Freundschaft, wechselt später an das Maxim Gorki Theater, ab 1959 steht er auf der Bühne des Berliner Ensemble und ab 1972 arbeitet er am renommierten Deutschen Theater.

Heute zählt der Schauspieler zu den bedeutendsten Bühnenschauspieler Deutschlands. Besonders seine vitale und intelligente Art des Spielens läßt seine Darstellungen auf der Bühne zu Ereignissen werden. Er überzeugt in Ibsens "Gespenster" sowie in Shakespeare- und Goethe-Stücken. Er gibt den Jean Cabet in "Die Tage der Kommune", feiert Erfolge mit dem Pawel in "Die Mutter". Durch seine Gastspiele mit dem Berliner Ensemble ist er auch international anerkannt. Er spielt dort unter anderem den Givola in den Bertolt Brecht-Stücken "Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" (1959) und "Mann ist Mann" (1967). 1972 mimt er "Richard III." am Deutschen Theater. Die Darstellung wird zu einem Höhepunkt seiner Bühnenlaufbahn. Gemeinsam mit dem Regisseur Manfred Wekwerth macht er den Mörderkönig Richard III. zum Vertrauten des Publikums, spielt einen derben Intriganten, aber auch dreisten und selbstvergnügten Manipulator, dessen blutiger Logik sich der Zuschauer kaum entziehen kann. Die Rollen des Hilmar Thate sind nicht leicht zu konsumieren. Sein Spiel führt häufig zu erregten Debatten, unter anderem bei "Leben Gundlings" von Heiner Müller. Der Schauspieler sieht sich gleichzeitig grober Ablehnung und höchstem Lob ausgesetzt.

Die DEFA bietet dem Schauspieler seit Mitte der 50er Jahre Rollen. Der junge  Konrad Wolf holt ihn als Mitglied einer singenden FDJ-Jugendgruppe für seinen Diplom-Film EINMAL IST KEINMAL (1956) vor die Kamera. In DAS LIED DER MATROSEN (1958) von  Kurt Maetzig und  Günter Reisch spielt er einen Funker, der sich gegen das deutsche Kaiserreich auflehnt. In DER FALL GLEIWITZ (1961) von  Gerhard Klein ist er ein namenloser KZ-Häftling, der als Kriegsanlaß herhalten muß. Seine Leiche, uniformiert mit einem polnischen Waffenrock, wird von der SS-Mannschaft vor den Sender Gleiwitz gelegt.

Mehrmals kommt es zu einer Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur Konrad Wolf und Hilmar Thate. In LEUTE MIT FLÜGELN (1960) spielt er Henne, den Sohn des Funkers und Kommunisten Ludwig Bartuscheck. Die Rolle eines Sohnes übernimmt er auch in PROFESSOR MAMLOCK (1961). Da sich Rolf Mamlock als Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten wehren will, weist ihm sein Vater, der an Recht und Ordnung glaubt, vor die Tür. In DER GETEILTE HIMMEL (1964) spielt er Ernst Wendland. Aber die Rollen sind alle klein, die Filmkarriere stagniert. Die DEFA kann das Talent des Schauspielers nicht wirklich nutzbar machen.

Seine erste Hauptrolle in einem Kinofilm spielt Hilmar Thate erst in Siegfried Kühns Literaturverfilmung WAHLVERWANDTSCHAFTEN (1974) nach Johann Wolfgang Goethe. Er stellt den Adligen Eduard dar, der seine Frau verläßt, um mit einer Jüngeren zu leben. Ihr nächster gemeinsamer Film wird DON JUAN, KARL-LIEBKNECHT-STR. 78 (1979). Erzählt wird vom Opernregisseur Wischnewsky in der Midlifecrisis, der in der Provinz "Don Giovanni" auf die Bühne bringt. An drei Frauen - der Ehefrau, der Sängerin der Donna Anna und der Sängerin der Donna Elvira - erprobt er seine Don-Juan-Qualitäten.

In den 70er Jahren feiert Hilmar Thate auch beim Fernsehen der DDR großen Erfolg. Vor allem in der Titelrolle des Fünfteilers "Daniel Druskat" (1976) wird er vom Publikum geliebt. Die Serie handelt von einem Stück konfliktreicher Land-Geschichte der DDR, in dem er als Freund und Rivale von Manfred Krug agiert. Der großangelegter Schicksals-Fernsehroman von Helmut Sakowski über die Beziehung zweier Männer zwischen Freundschaft, Rivalität und Hass während der ersten Jahrzehnte DDR-Entwicklung auf dem Lande wird zum Straßenfeger. Die Darstellung des Daniel Druskat, Vorsitzender der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in Altenstein, bringt dem Schauspieler unter anderem auch den Nationalpreis der DDR ein.

1976 gehört Hilmar Thate zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. 1980 verläßt er gemeinsam mit seiner Frau, der Schauspielerin  Angelica Domröse, die DDR. Mit Erfolg setzt der Schauspieler seine Bühnenlaufbahn im Westen fort. 1988 spielt er in Gaston Salvatores Stück "Stalin" den jüdischen Schauspieler. Angelica Domröse gibt den Diktator. George Tabori inszeniert. Das Publikum ist begeistert.

In Westberlin wird Hilmar Thate Mitglied des Schiller Theaters, bleibt dem Theater bis zu dessen Schließung auch als Gast sehr verbunden. Hier spielt er Enno Kluge in "Jeder stirbt für sich allein" (1981) und den Mephisto in "Faust" (1990). Daneben agiert er am Theater in Bochum als Titus in der Uraufführung von Heiner Müller "Anatomie Titus Fall of Rome" (1985). In Berlin ist er mit Angelica Domröse in Edward Albees Ehehrama "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" im Schloßpark Theater zu sehen. Nach der Schließung des Schiller Theaters steht er in München, Wien und Salzburg auf der Bühne. Das Wiener Kreis Theater und das Theater in der Josefstadt werden weitere Spielstätten des Theaterschauspielers. Hier arbeitet der Schauspieler mit Regisseuren wie Otto Schenk und George Tabori zusammen. In der Berliner Komödie am Kurfürstendamm agiert er in dem Theaterstück "Josef und Maria" auf der Bühne. 
Bald debütiert der Schauspieler auch im Westen Deutschlands vor der Kamera. In ENGEL AUS EISEN (1981) unter der Regie von Thomas Brasch spielt er Gustav Völpel, einen ehemaligen NS-Henker und jetzigen Aktenträger bei der Westberliner Polizei, der einen jugendlichen Banditen Werner Gladow bei Raubüberfällen im großen Stil im geteilten Berlin Tipps gibt und ihn unterstützt. In seiner Figur werden die Widersprüche der Zeit und die Unsicherheit der Menschen nach dem Krieg besonders deutlich. Rainer Werner Fassbinder holt ihn als Sportreporter Robert Kohn für DIE SEHNSUCHT DER VERONIKA VOSS (1982) vor die Kamera, der ein verhängnisvolles Liebesverhältnis mit einer alternden Schauspielerin beginnt. Er ist in Wolfgang Gaudlitz Film DIE VÄTER NARDINO (1988) zu sehen.

Unter der Regie von Andreas Kleinert spielt Hilmar Thate in WEGE IN DIE NACHT (1999) einen ehemaligen DDR-Kombinatsleiter, der nach dem Fall der Mauer arbeitslos wird. Er verliert seine Orientierung und ernennt sich selbst zum Ordnungshüter. Hilmar Thate gibt eine gespaltene und widersprüchliche Figur, die außer sich ist, sozusagen in sich hinein explodiert. Der Film wird aufgrund der Kraft der Bilder und ihrer schlüssigen Montage hochgelobt, Hilmar Thate für seine herausragende darstellerische Leistung auf dem Filmfest in Karlovy Vary ausgezeichnet.

Die Zuschauer sehen ihn in Fernsehproduktionen in der Regel als schwierigen, wenn nicht dunklen, gewalttätigen Charakter, so etwa in dem ZDF-Fernsehspiel "Hurenglück", in dem er einen brutalen Zuhälter spielt. Er lehnt die Rolle einen Tatort-Kommissars des NDR ab, wird einem größerem Publikum aber bekannt durch die sechsteilige SAT 1-TV-Serie "Der König von St. Pauli" von Dieter Wedel, in der er die Kiezgröße Rudi spielt, den Betreiber der bedrohten Striptease-Bar "Blaue Banane".

In dem TV-Film "Operation Rubikon" gibt er den BKA-Chefs Richard Wolf. Für seine Darstellung wird er mit dem Bayrischen Fernsehpreis ausgezeichnet. In der Begründung heißt es: "Mit seinem überragenden Schauspieltalent gestaltet Thate seine Rolle in diesem komplexen und spannenden Fernseh-Zweiteiler nach einem Buch von Andreas Pflüger zu einem Vexierspiel, das die Zuschauer über 200 Minuten fasziniert." In der TV-Krimikomödie "Krieger und Liebhaber" (2000) mimt er den Unterweltboß Cäsar. Er gibt ihn aufbrausend-empfindlich. Den frisch pensionierten Polizeikommissar Otto Konrad, der dem Rentner Thomas Wünsche bei einem Mord auf die Schliche kommt, spielt er in der schwarzen Komödie "Zweikampf" (2001).

In einer seiner letzten Kinoarbeiten ist Hilmar Thate als Bischof Philipp Lux in dem Drama DER NEUNTE TAG (2004) unter der Regie von Volker Schlöndorf zu sehen. Derzeit arbeitet der Schauspieler an dem Kinofilm der Saxonia Media GmbH HITLERKANTANTE unter der Regie von Jutta Brückner, der voraussichtlich 2006 in die Kinos kommt. Hier spielt er an der Seite der Nachwuchsdarstellerin Lena Lauzemis den Komponisten Hanns Broch, der in einem totalitären System überleben will.

Hilmar Thate ist Mitglied der Akademie der Künste in Ost wie West. Er erhält mehrere Auszeichnungen. Mit Bertolt Brecht-Programmen tourt er durch ganz Europa.

Seit 1976 ist er mit der Schauspielerin Angelica Domröse verheiratet, mit der er bis heute zusammenlebt. Mehrfach sind beide in Filmen und Fernsehproduktionen zu sehen, stehen häufig gemeinsam auf der Theaterbühne. Die Familie lebt in Berlin, Wien und in einem Haus am Siethener See in Brandenburg.

Hilmar Thate stirbt am 14. September 2016 in Berlin.

Zusammengestellt von Ines Walk.

Trailer zu "Leute mit Flügeln" (R: Konrad Wolf, 1960)

Auszeichnungen

  • 1966: Nationalpreis II. Klasse
  • 1967: Schauspieler des Jahres
  • 1976: Nationalpreis II. Klasse
  • 1980: Schauspieler des Jahres
  • 2000: WEGE IN DIE NACHT - Internationales Filmfestival von Karlovy Vary: Bester Darsteller
  • 2003: OPERATION RUBIKON - Bayerischer Fernsehpreis als Bester Darsteller

Literatur

  • Jutta Voigt, Fritz-Jochen Kopka: "Ich war immer ein bisschen seltsam". Hilmar Thate über sein Schauspielerleben und die Notwendigkeit, an allem zu zweifeln, in: Die Woche, 26.10.2001.
  • Ralf Schenk:  Gewalt und Zärtlichkeit - Zwei deutsche Stars: Angelica Domröse und Hilmar Thate, in: film-dienst 08/2001.
  • Christine Wahl: … als Stalin die Angelica – Das Schauspieler-Duo Dömröse & Thate, ein Ehepaar, in: Der Tagesspiegel, 23.04.1996.
  • Andreas Kleinert: Introvertierte Temperamentsbombe. Die Selbstsamkeit des Schauspielers ider von der Nützlichkeit der Krise. Hilmar Thate wird heute 70, in: Berliner Zeitung, 17.04.2001.
  • Gerhard Stadelmaier: Stellungsspieler. Frechheit siegt. Hilmar Thate zum siebzigsten Geburtstag, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.04.2001.
  • Hans-Dieter Schütt: Von Ursprüngen. Heute wird Hilmar Thate 70 Jahre alt, in: Neues Deutschland, 17.04.2001.
  • Antje Schmitz: Sehnsucht nach einem Land, das niemals war, in: Stuttgarter Zeitung, 09.07.2000.
  • Kerstin Decker: König im Niemandland, in: Der Tagesspiegel, 25.11.1999.
  • Manfred Hanfeld: Hilmar Thate – König ohne Land, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.01.1998.
  • Birgit Gotz: Notorischer Verneiner – Trotzdem kehrt Hilmar Thate nun auf dem Bieldschirm zurück, in: Märkische Allgemeine Zeitung, 13.01.1998.
  • Christa Hasselhorst: Im Rotlicht liegt der Löwe auf der Lauer. Rückkehr in Episoden – Der Berliner Schauspieler Hilmar Thate verkörpert im Fernsehen den "König von St. Pauli", in: Die Welt, 03.01.1998.
  • Hans-Dieter Schütt: Bruder Baals, dann wieder sonderbar milde. Der Schauspieler Hilmar Thate wird heute 65 Jahre alt, in: Neues Deutschland, 17.04.1996.
  • Horst Knietzsch: Gespräch mit dem Schauspieler Hilmar Thate – Es eskaliert, wenn wir uns nicht wehren, in: Neues Deutschland, 24.06.1993.
  • Gisela Karau: Der Schwierige aus dem Osten – Hilmar Thate, in: Neues Deutschland, 29.06.1991.
  • Detlef Friedrich: Der Schauspieler Hilmar Thate wird heute 60 Jahre alt. Erfahren und skeptisch, in: Berliner Zeitung, 17.04.1991.
  • Maren Deicke: Der Schwierige von drüben, in: Zeitmagazin, 13.01.1984.

DEFA-Filmografie

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