Horst Seemann

Regisseur

* 11. April 1937 in Pyhanken, Tschechien; † 6. Januar 2000 in Egling-Thanning

Filmemacher Horst Seemann beginnt seine DEFA-Karriere bei der satirischen Reihe "Stacheltier", die beim Publikum sehr erfolgreich ist. Ende der 1960er-Jahre wechselt er in den Spielfilmbereich und beschäftigt sich zunächst mit Gegenwartsstoffen. Mit BEETHOVEN. TAGE AUS EINEM LEBEN (1976), FLEUR LAFONTAINE (1978) und LEVINS MÜHLE (1980) inszeniert er aber auch historische Geschichte und wird besonders wegen der atmosphärischen Dichte dieser Werke gelobt.  

Horst Seemann wird am 11. April 1937 in Pyhanken (Sudetenland, Tschechien) geboren. Sein Vater verdient den Lebensunterhalt für die Familie als Schmied, die Mutter ist Putzmacherin. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Familie aus dem Sudetenland zwangsausgesiedelt und wandert nach Greiz, Thüringen. Hier besucht er die Grund- und Oberschule. Der Vater legt Wert auf die musische Erziehung, da er als Kapellmeister tätig ist: Horst Seemann lernt Geige, Trompete und Klavier, ist Kinderdarsteller im Theater der Stadt Greiz und betätigt sich als Sprecher eines Kinderchores. Nach seinem Abitur 1956 absolviert er bis zum Sommer 1958 seinen freiwilligen Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee und gründet dort einen Soldatenchor. Noch während seines Wehrdienstes belegt er einen Lehrgang für angehende Dirigenten und Chorleiter, den er als Filmvorführer beendet.

Von 1958 bis 1962 studiert Horst Seemann Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg und inszenierte während seiner Studienzeit zusammen mit seinen Kommilitonen Siegfried Kühn und Celino Bleiweiß kurze Dokumentarfilme. Regie-Assistenzen schließen sich an: So unterstützt er Sergei Gerassimow bei seinem Film MENSCHEN UND TIERE (1962) und Günter Reisch bei DER DIEB VON MARENGO (1963). Sein Studium beendet er mit dem Diplomfilm DER FLUCH DER BÖSEN TAT (1962), einem Film der satirischen Reihe "Stacheltier" mit Brigitte Krause und Christine Laszar in den Hauptrollen.

Zwei weitere Stacheltier-Kurzfilme, SCHUTZENGEL und DER WETTLAUF DES HASEN MIT DEM IGEL, folgen nach dem Abschluss seines Studiums. Beide gehen mit einem Beitrag von Karlheinz Carpentier in das Sammelprogramm ENGEL, SÜNDEN UND VERKEHR (1963) ein und werden in Kinos aufgeführt. Sein Kurzfilm LIEBE BRAUCHT AUCH KEINE PS (1963) ist sein letzter Beitrag für die humoristische und populäre Kurzfilmreihe. Danach arbeitet Horst Seemann an dem Szenarium "Steig aus dem Sarg, Liebling!". Er will eine tragikomische Geschichte aus der Arbeiterbewegung der Weimarer Zeit erzählen. Allerdings findet das Projekt keinen Anklang bei den Studio-Verantwortlichen.

Sein Spielfilm-Debüt gibt Horst Seemann in der DEFA-Gruppe "Johannisthal" mit dem Filmmusical HOCHZEITSNACHT IM REGEN (1967). Mit Frank Schöbel, Traudl Kulikowsky und Herbert Köfer ist der Film prominent besetzt. Erzählt wird von der jungen Friseurin Gabi, die als Jockey Karriere machen will. Damit ist Ehemann Freddy gar nicht einverstanden. Trotzdem versucht sie es im Rennstall Hoppegarten, erhält aber eine Absage. Ein Stallmeister hat Mitleid und lässt sie heimlich trainieren. Mit Freddys Hilfe kann sie sich schließlich bei einem internationalen Nachwuchsrennen anmelden. Mit 1,7 Millionen Mark Budget gehört das Musical zu den teuren Filmen der damaligen Zeit. Es gibt aufwendige Reit- und Traummontagen, Gesangsstücke sind gelungen in die Filmhandlung integriert. Aber trotz beachtenswerter Schauwerte und interessanter Kameraarbeit nimmt die Presse den Streifen kritisch auf.

Nach dem Roman "Kidnapped" von Robert Louis Stevenson entsteht mit SCHÜSSE UNTERM GALGEN (1968) sein zweiter DEFA-Spielfilm. Die Geschichte ist Ende des 18. Jahrhunderts angesiedelt. David Balfour (Werner Karnitz), Sohn eines Dorfschulmeisters, erfährt, dass er der rechtmäßige Erbe eines Lords ist. Nach einigen Abenteuern erkämpft er sich sein Erbe, verzichtet aber auf Titel und Geld, um mit einer schönen Bauerntochter ein einfaches Leben zu führen. Der Film ist reich an Actionszenen und setzt ganz auf Genre-Elemente.

ZEIT ZU LEBEN (1969) erzählt von Lorenz Reger (Leon Niemczyk), Kommunist und Widerstandskämpfer. Der übernimmt, obwohl ihm der Arzt nur noch eine kurze Lebenszeit einräumt, die Leitung eines Großbetriebs, der durch Misswirtschaft in negative Zahlen gerutscht ist. Sein Engagement verschafft dem Betrieb endlich positive Ergebnisse. Reger motiviert, räumt Bürokratie aus dem Weg und schafft eine vertrauensvolle Basis zwischen Leiter und Angestellten. Auch nach seinem Tod bleibt er in Erinnerung. ZEIT ZU LEBEN wird anlässlich des 20-jährigen Bestehens der DDR aufgeführt und zählt trotz einer politisch-pathetischen Inszenierung, die den wissenschaftlichen Fortschritt des Sozialismus feiert, mehr als zwei Millionen Zuschauer.

Danach folgen drei Gegenwartsfilme, die vom Publikum positiv aufgenommen werden. Sie erzählen Alltagsgeschichte, in denen die Protagonisten aufgrund von emotionalen Ausnahmesituationen Entscheidungen im Konfliktfeld Beruf und Familie treffen müssen. LIEBESERKLÄRUNG AN G. T. (1971) thematisiert die Emanzipation der Frau. Die Physikerin Dr. Gisa Tonius (Ewa Krzyzewska) möchte ein Kind, erhält aber zugleich das Angebot, ein großes interdisziplinäres Forschungsprojekt zu leiten. Gelingt es, persönliches Glück und berufliche Erfüllung in Einklang zu bringen? Sie holt bei Freunden und Bekannten mehrere Meinungen ein und entscheidet sich letztlich für das Kind und das Forschungsprojekt. Einen ähnlichen Stoff greift der Filmemacher mit REIFE KIRSCHEN (1972) auf. Brigadier Helmut Kamp (Günter Simon), dessen Lebensinhalt in Thüringen liegt, entscheidet sich, beim Bau eines Kernkraftwerks an der Ostsee zu helfen. Seine Frau erwartet das dritte Kind und kommt bei einem Verkehrsunfall ums Leben; eine Tochter bittet um Hilfe. Für Kamp ist das alles zu viel, er wird depressiv. Erst eine neue Liebe reißt ihn aus seiner Depression; Kamp ist bereit und übernimmt den Posten eines Parteisekretärs. SUSE, LIEBE SUSE (1975) blickt auf einen junge, alleinerziehende Frau (Traudl Kulikowsky), die auf einer Großbaustelle arbeitet und sich gegen den Vater ihres Kindes, der wegen Republikflucht in Haft saß, entscheidet. Ob die Liebe zu einem sowjetischen Ingenieur eine Chance hat, weiß sie aber auch nicht, will es aber herausfinden. In der Kritik werden die Filme kontrovers diskutiert.

Horst Seemann übernimmt danach die Regie bei BEETHOVEN. TAGE AUS EINEM LEBEN (1976), nachdem eine geplante Biografie über Karl Marx nicht in die Tat umgesetzt wird. Gemeinsam mit Günter Kunert schreibt er auch das Drehbuch. In der Parabel über Macht und Kunst, die in den Wiener Jahren von 1813 bis 1819 spielt, verkörpert Donatas Banionis den deutschen Musiker. Er leidet unter der Bevormundung seiner Brüder, der Bespitzelung durch die Geheimpolizei sowie seiner zunehmenden Taubheit und Vereinsamung. Trotzdem ist seine schöpferische Kraft ungebrochen. Die Künstlerbiografie, die episodisch verschiedene Szenen aus dem Alltag des Komponisten bündelt, wird ein Erfolg an den Kinokassen und bei den Kritikern.

Filmprojekte über den Dichter Heinrich von Kleist nach einem Szenarium von Klaus Schlesinger sowie über Albert Einstein scheitern. Dafür arbeitet Horst Seemann erstmals für das Fernsehen der DDR. Er dreht FLEUR LAFONTAINE (1978) mit Angelica Domröse in der Hauptrolle. Der Zweiteiler thematisiert nach dem Roman "Das angstvolle Heldenleben einer gewissen Fleur Lafontaine" von Dinah Nelken die sozialen Auseinandersetzungen im Berlin der 1920er-Jahre und stellt ein Frauenschicksal in den Mittelpunkt. Die Literaturverfilmung überzeugt Zuschauer und Kritiker. Letztere loben den Anspruch und besonders die eindrucksvolle wie intensive schauspielerische Leistung.

Nach dem Roman von Johannes Bobrowski entsteht LEVINS MÜHLE (1980), eines der bekanntesten Werke von Horst Seemann. Erzählt wird vom jüdischen Mühlenbesitzer Levin (Christian Grashof), der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom reichen deutschen Mühlenbesitzer Johann (Erwin Geschonneck) aus Westpreußen vertrieben wird. Wieder sind es die schauspielerischen Leistungen, die Kritiker besonders hervorheben, aber auch die Kunstfertigkeit der Inszenierung, die das Lebensgefühl und die Atmosphäre der Zeit trifft, wird gelobt.

Wieder für das Fernsehen entsteht der Dreiteiler HOTEL POLAN UND SEINE GÄSTE (1980), eine Adaption des Bildungsromans "Bohemia, mein Schicksal" von Jan Koplowitz. Danach inszeniert Horst Seemann mit ÄRZTINNEN (1984) nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Rolf Hochhuth seinen letzten großen Film als internationale Koproduktion. Dabei geht der Blick nach Westdeutschland. Dort müssen sich Mutter und Tochter (Inge Keller und Judy Winter) als Ärztinnen den Fragen von Fahrlässigkeit mit neuen Präparaten stellen. Ihr Berufsethos steht auf dem Prüfstand. Der Film wird bei der Berlinale aufgeführt, die Resonanz ist allerdings nicht besonders gut. Vermisst wird die Tiefe bei der Auslotung der behandelten Probleme, kritisiert die schablonenhafte Darstellung kapitalistischer Dekadenz. Auch mit dem utopischen Film BESUCH BEI VAN GOGH (1985) sowie mit dem Fernsehfilm VERA – DER SCHWERE WEG DER ERKENNTNIS (1989) kann der Filmemacher nicht an seine früheren Erfolge anknüpfen.

Nach dem Zusammenbruch der DDR inszeniert Horst Seemann mit ZWISCHEN PANKOW UND ZEHLENDORF (1991) einen der letzten DEFA-Filme. Der Stoff beruht auf dem Roman "Wenn ich kein Vogel wär" von Rita Kuczynkski, die auch am Drehbuch beteiligt war. Erzählt wird eine familiäre Geschichte aus dem geteilten Berlin im Jahre 1953. Kritik wie Zuschauer lehnen den Film ab, naiv und mit vielen Klischees beladen, ist der Streifen wenig glaubwürdig. Danach kann der Filmemacher keinen Spielfilm mehr verwirklichen. Für sein Drehbuch "Freiheit, die ich meine", das Porträt einer jungen Frau, die mit 20 von der Staatssicherheit eingesperrt wurde, findet er keinen Produzenten, ebenso wie für das Projekt um die Geschichte des letzten Zigeunerzirkus in der DDR. Horst Seemann beendet mit der Regie beim Jugendfilmprojekt FREMDSEIN IN DEUTSCHLAND (1995) seine Arbeit als Filmemacher.

Seemann ist insgesamt drei Mal verheiratet, in zweiter Ehe mit der Schauspielerin Traudl Kulikowsky. Er hat zwei Kinder. Sein Sohn Jakob Seemann (geboren 1980 in Berlin) ist nach seinem Studium im Fachbereich Kamera an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg als freier Kameramann tätig. Horst Seemann stirbt im Alter von 62 Jahren am 6. Januar 2000 nach einer schweren und langwierigen Krankheit in Egling-Thanning (Bayern).

Verfasst von Ines Walk. (Stand: Januar 2015)

Auszeichnungen

  • 1969: ZEIT ZU LEBEN - Nationalpreis der DDR II. Klasse im Kollektiv
  • 1970: ZEIT ZU LEBEN - Kunstpreis des FDGB (gemeinsam mit Wolfgang Held)
  • 1976: BEETHOVEN. TAGE AUS EINEM LEBEN - Preis der Filmkritik der DDR in der Kategorie Bester Film
  • 1982: LEVINS MÜHLE - Nationales Spielfilmfestival der DDR: Nationaler Filmpreis          
  • 1982: LEVINS MÜHLE - Nationales Spielfilmfestival der DDR: Spezialpreis der Jury
  • 1982: Nationalpreis der DDR II. Klasse für Kunst und Literatur
  • 1982: HOTEL POLAN UND SEINE GÄSTE - Preis der Filmkritik der DDR in der Kategorie Bester TV-Film
  • 1985: ÄRZTINNEN - Preis der Filmkritik der DDR "Große Klappe" in der Kategorie Bester Film

Literatur

  • H.-D. Schütt: Romantik - Wäre heute 70 - Horst Seemann, in: Neues Deutschland, 11.04.2007.
  • Peter Hoff: Immer auf der Suche nach der filmischen Poesie - Zum Tode des Regisseurs Horst Seemann, in: Neues Deutschland, 10.01.2000.
  • Hans-Georg Rodek: Defa, unberechenbar - Zum Tode von Horst Seemann, in: Die Welt, 10.01.2000.
  • Ralf Schenk: Revue der guten Menschen gegen die bösen. Zum Tod des Filmregisseurs Horst Seemann, in: Berliner Zeitung, 10.01.2000.
  • G. R. K.: Beethoven lebte in Ost-Berlin. Zum Tod von Horst Seemann, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.01.2000.
  • Ralf Schenk: Horst Seemann, in: Film-Dienst, 2000/3.
  • Kerstin Decker: Der Kinoerzähler. Zum Tod des Defa-Regisseurs Horst Seemann, in: Der Tagesspiegel, 08.01.2000.
  • Ralf Schenk: Sinn für Bilder und große Gefühle, in: Berliner Zeitung, 11.04.1997.
  • Manfred Nillius: Über realistisches Milieu, Detailtreue und die kalten Reize des Kapitalismus - Interview, in: Die Wahrheit, 17.03.1984.
  • Angelika Mihan: Duldet keinen Stillstand - Horst Seemann, in: Kino DDR, 07/1984.
  • Horst Knietzsch: Kunstsinn und Professionalität sind zwei Seiten der Medaille - Im Gespräch mit dem Filmregisseur Horst Seemann, in: Neues Deutschland, 14.01.1984.
  • Hans-Michael Bock, Ralf Schenk, Ingrun Spazier: Horst Seemann, in: cinegraph, Loseblattsammlung, 1984ff.
  • Dieter Wolf: Horst Seemann. Mit dem Blick auf Emotionalität und Wirksamkeit, in: Rolf Richter (Hg.): DEFA-Spielfilm-Regisseure und ihre Kritiker, Band 1, Henschel Verlag, Berlin 1981.
  • Günter Sobe: Mein Hausrecht als Autor und Regisseur: Auffassungen des Filmemachers Horst Seemann, in: Horst Knietzsch (Hg): Kino- und Fernseh-Almanach - Prisma 12, Henschel Verlag, Berlin, 1981.
  • Fred Gehler: Ein Adept der schönen Bilder, in: Der Sonntag, 09.11.1980.

DEFA-Filmografie

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