Hugo Hermann

Drehbuchautor, Produzent, Schauspieler

* 22. März 1903 in Mährisch Weißkirchen (heute Hranice na Morave, Tschechien); † 9. März 1975 in Berlin

Biografie

Hugo Hermann ist leider nur Kennern der ostdeutschen Dokumentarfilmgeschichte bekannt. Der Filmemacher mit österreichischen Wurzeln stellt Mitte der 1950er Jahre in einer kurzen Phase des Tauwetters mehrere Filme im DEFA-Dokumentarfilmstudio her. Kritiker und Kollegen wie etwa  Jürgen Böttcher schätzen seine Filme wegen ihrer dokumentarischen und filmischen Intensität. Bei den Funktionären stoßen sie allerdings auf Ablehnung. Die Zusammenarbeit von Hugo Hermann und der DEFA endet tragisch.

Hugo Hermann wird am 22. März 1903 in Mährisch Weißkirchen (heute Hranice na Morave in Tschechien) geboren. Er besitzt die österreichische Staatsbürgerschaft. Bis 1918 besucht er die Militär-Oberschule in der Wiener Neustadt. Danach beginnt er eine Ausbildung an der Fachschule für Maschinen- und Elektrotechnik in Wien, welche er 1922 abschließt. Allerdings liegen seine Interessen eher im künstlerischen Bereich: Hugo Hermann will ans Theater. 1924 wird er Bühnen-Praktikant am Max Reinhardt Theater in der Josefstadt und steigt schnell zum Regie-Praktikanten auf. Drei Jahre bleibt er an dem Theater, zwischenzeitlich und danach ist er als Regie-Assistent am Landestheater Beuthen und als Spielleiter am Stadttheater St. Pölten tätig.

Seit 1931 ist Hugo Hermann Mitglied der Kommunistischen Partei. Er erhält 1932 eine Einladung ans Moskauer Internationale Arbeitertheater und arbeitet dort kurzzeitig als Regisseur und Schauspieler. Von 1933 bis 1937 ist er Regie-Assistent bei Sojus-Kino in Leningrad. 1937 kehrt er kurzzeitig nach Wien zurück, verlässt Österreich allerdings bald wieder in Richtung Paris. Dort arbeitet er als politischer Immigrant im Filmbereich. 1939 wird er interniert. Hugo Hermann gelingt die Flucht, von 1940 bis 1943 lebt er illegal in Marseille. Er ist für die Résistance tätig, arbeitet aber auch als Regisseur und Professor für Regie am Konservatorium. Aus Marseille muss er fliehen und geht nach Grenoble, wo er unter anderem als Fotoreporter für die Forces françaises de l'intérieur (FFI; deutsch: Französische Streitkräfte im Inneren) tätig ist. Nach der Befreiung Frankreichs arbeitet er bei verschiedenen französischen Zeitungen ebenfalls als Fotoreporter.

Anfang 1946 kehrt Hugo Hermann nach Österreich zurück. Bis 1947 ist er als Hörspiel-Regisseur in Wien tätig, arbeitet aber auch als Theater- und Filmrezensent, unter anderem für die Tägliche Rundschau in Berlin. Nach einem kurzen Zwischenspiel im Hörspiel übernimmt er die Leitung der Wochenschau der Wien-Film am Rosenhügel, die vom sowjetischen Informationsdienst herausgegeben wird. Nach deren Einstellung dreht er bis 1956 mehrere Dokumentarfilme, unter anderem Auftragsfilme für die Kommunistische Partei Österreichs und Organisationen, die deren Ideologie nahe stehen. In Personalunion ist er Regisseur, Autor, Kameramann und Schnittmeister, unter anderem bei WÄHLT DEN FRIEDEN (1954), FRÜHLING OHNE SONNE (1954) und SCHATTEN ÜBER DER WELT (1955) über die Auswirkungen des Atombomben- und Wasserstoffbombenabwurfs im Auftrag des Weltfriedensrates. Der Film wird in neun Sprachen übersetzt, findet ein weltweites Publikum. Als Kommunist kann er seine Lebensexistenz in Österreich allerdings nicht sichern.

1955 siedelt Hugo Hermann in die DDR über. Von August 1955 bis Ende 1957 ist Hugo Hermann als Regisseur und Kameramann im DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme tätig, erhält auf Empfehlung von Anton Ackermann einen gut dotierten Dauer-Honorarvertrag. Credo seiner dokumentarischen Arbeit wird es, die Realität ungeschönt aufs Bild zu bannen und ehrlich bei der filmischen Inszenierung zu sein. TRÄUMT FÜR MORGEN (1956) ist die erste Arbeit von Hugo Hermann für die DEFA, welche er nach einem Drehbuch von Wera und Claus Küchenmeister produziert. Im Ost-Berliner Hirschhof im Prenzlauer Berg sehen Kinder ein Kasperletheater und fertigen danach eigene Handpuppen an, sie spielen Geschichten aus ihrem Leben nach und erzählen von ihren Wünschen für die Zukunft. Still beobachtet die Kamera das Geschehen, der Filmemacher improvisiert ohne Szenarium mit seinen Protagonisten und fängt so die Authentizität des Milieus und der kleinen Persönlichkeiten gekonnt ein. Für einen Dokumentarfilm ist der Film überaus poetisch, obwohl er das Leben darstellt, wie es wirklich ist, und erreicht mit einfachen Mitteln eine Unmittelbarkeit des Geschehens, das zur damaligen Zeit bei der DEFA einzigartig ist.

Der in kurzer Zeit und mit wenig Kosten erstellte Film wird von einem Mitarbeiter des Drehstabes anonym bei der Filmbehörde denunziert. Er stelle einseitig die "Überbleibsel des Alten" dar, ohne auf Neues wie Pionierparks, Neubaugebiete und Jugendclubs zu verweisen. Insofern stimme der Film "von vorne bis hinten" nicht. Hugo Hermann werden Individualismus, Schwelgen im Zille-Milieu und Verstöße gegen das Kontrollverfahren des Studios vorgeworfen. Der Künstlerische Rat des Studios besteht auf Änderungen, wobei der Filmemacher in einigen Punkten hart bleibt. Er wendet sich an Künstler und Funktionäre (unter anderem  Joris Ivens, Helene Weigel und  Bertolt Brecht), um seine Position der künstlerischen Freiheit zu behaupten. Die Studioleitung versucht, flexibel zu reagieren, bringt den Film 1956 mit Änderungen ins Kino und erteilt Hugo Hermann eine Ermahnung.

Sein zweiter Film für das DEFA-Dokumentarfilmstudio wird STAHL UND MENSCHEN (1956). Der 17-minütige Kurzfilm ist ein Auftragswerk. Der Filmemacher schaut auf Arbeiter im Stahl- und Walzwerk Brandenburg, die über Verbesserungen beraten, um Unfälle zu vermeiden, und beobachtet sie genau am Arbeitsplatz selbst. Erzielt werden nüchterne und zugleich beeindruckende Bilder, die mit Originalton unterlegt sind und so akustisch wie visuell auf die Schwere der Arbeit verweisen. Ohne Musik, mit wenig Kommentar und überaus innovativer Kamera ist die Dokumentation eine fesselnde Hommage an die schwerarbeitenden Stahlwerker. Entstanden in der kurzen Zeit des Tauwetters findet Stahl und Menschen bei Funktionären keinen Rückhalt, da Partei und Staat außen vor gelassen werden, aber wegen seiner dokumentarischen und filmischen Intensität erhält er von Kollegen und Kritikern viel Lob. Hugo Hermann nimmt Methoden des Dokumentarischen vorweg, die erst Jahre später von Kollegen wie etwa Jürgen Böttcher wieder aufgegriffen werden.

Bei HEIMATKUNDE – HEIMATLIEBE (1957) kommt es zu ähnlichen Konflikten wie bei TRÄUMT FÜR MORGEN. Da der Dokumentarfilm aber für die Studioleitung "einen notwendigen und wertvollen Einblick in diesen wichtigen Teil der pädagogischen Arbeit an unseren Schulen" liefern würde, akzeptiert sie einen Ablehnungsbescheid der Abnahmekommission nicht. Nach einer Sondervorführung für den Staatsekretär Alexander Abusch wird der Film in einer mehrfach veränderten Fassung zur Aufführung freigegeben. Danach arbeitet Hugo Hermann an dem Künstlerporträt FRITZ CREMER – SCHÖPFER DES BUCHENWALDDENKMALS (1957). Hugo Hermann zeigt den Bildhauer bei der Arbeit, der bei den Staatsfunktionären im Zuge der Formalismus-Debatte zeitweise in Ungnade gefallen ist, da seine um Freiheit kämpfenden Gefangenen "zu wenig siegesbewusst und optimistisch" seien. In der Dokumentation zu sehen sind Studien Cremers in seinem Atelier, unter anderem beim Modellieren eines Mädchenkopfes.

Die Fronten verhärten sich bei dem Kurzfilm WIR AUS SCHÖNBACH (1958). Der Filmemacher thematisiert die Traditionspflege in Dörfern. Trotz bereits getätigter Schnitt-Zugeständnisse durch den Filmemacher, reicht das Studio den Film bei der zuständigen Kommission ein, die eine Zulassung verweigert. Das Studio arbeitet den Film ohne Einverständnis des Regisseurs um und entfernt seinen Namen aus den Credits. Hugo Hermann versucht gerichtlich, seine Autorenschaft einzuklagen und klagt mit einer einstweiligen Verfügung gegen die Aufführung der veränderten Fassung des Films. Das Studio organisiert eine Testvorführung mit dem gewünschten Resultat. Formal und inhaltlich bringt Hugo Hermann frischen Wind in die DEFA-Studios, kommt aber gegen die Borniertheit der Funktionäre und die Systemstrukturen nicht an. Die DEFA löst nach Abstimmung mit der Hauptverwaltung Film den Vertrag mit Hugo Hermann.

Nach dem Ende der Zusammenarbeit mit der DEFA ist Hugo Hermann von 1958 bis 1965 als freiberuflicher Regisseur beim Deutschen Fernsehfunk in der Abteilung Dramatische Kunst tätig. Er inszeniert unter anderem für das Fernsehen KABALE UND LIEBE (1959). Als Dokumentarist fürs Kino kann er nicht mehr wirklich arbeiten. Dazwischen inszeniert er als Gast-Regisseur am Theater in Stralsund.

Hugo Hermann lebt mit seiner Familie ab Mitte der 1950er-Jahre in Berlin. Seine Tochter Traute Hermann wird Schauspielerin. Der Filmemacher stirbt am 9. März 1975 in Berlin (Ost).

Verfasst von Ines Walk. (Stand: Januar 2015)

Auszeichnungen

  • 1954: FRÜHLING OHNE SONNE - Filmfestival Bukarest: Goldmedaille
  • 1955: SCHATTEN ÜBER DER WELT - Filmfestival Bukarest: Silbermedaille

Literatur

  • Wolfgang Joho: Unser Dokumentarfilm hat viele Gesichter, in: Sonntag, 15.04.1956.
  • Günter Jordan: Kramen in Kästen, in: Film und Fernsehen, 3-4/1999.
  • Günter Jordan, Ralf Schenk (hrsg): Schwarzweiß und Farbe. DEFA-Dokumentarfilme 1946 - 92, Jovis 2000 (mehrere Part, unter anderem S. 79 bis 81).

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