Jenny Gröllmann

Schauspielerin

* 5. Februar 1947 in Hamburg; † 9. August 2006 in Berlin

Biografie

Jenny Gröllmann

Jenny Gröllmann

in DIE FLUCHT (R: Roland Gräf, 1977) Fotograf: Klaus Goldmann

Die Schauspielerin Jenny Gröllmann spielt zahlreiche selbstbewusste Frauen in modernen Gegenwartsgeschichten. Mit einem kleinen, aber umso wirkungsvolleren Auftritt in dem  Konrad Wolf-Film ICH WAR NEUNZEHN (1968) überzeugt sie Kritiker und Publikum. Es folgen zahlreiche Rollen auf der Theaterbühne, bei Film und Fernsehen. Eine ihrer schönsten und eindrucksvollsten Frauenfiguren ist jene der Susette Gontard in HÄLFTE DES LEBENS (1985) unter der Regie von  Herrmann Zschoche, die sich unsterblich in den Dichter Friedrich Hölderlin verliebt.

Jenny Gröllmann wird am 5. Februar 1947 in Hamburg geboren. Ihr Vater Otto Gröllmann arbeitet als Bühnenbildner, verbringt als Kommunist und Widerstandskämpfer die Zeit des Nationalsozialismus in Gefängnis und Konzentrationslager. Ihre Mutter Gertrud Gröllmann arbeitet als Theaterfotografin, macht später Karriere als Bild-Chefredakteurin bei der DDR-Kultzeitschrift "Das Magazin". 1949 zieht ihre Familie nach Schwerin, 1955 nach Dresden. Sie wächst in einer künstlerisch orientierten Familie auf, die regen Kontakt zu Intellektuellen pflegt. Bereits im Alter von 14 Jahren steht sie parallel zu ihrer Schulausbildung auf der Bühne des Dresdener Theaters, spielt in "Die Gesichte der Simone Machard" nach  Bertolt Brecht mit. Mit 16 Jahren wird sie an der Staatlichen Schauspielschule in Berlin aufgenommen. Bis 1966 erlernt sie hier das Handwerk.

Nach ihrem Studium erhält Jenny Gröllmann ein Engagement am Maxim Gorki-Theater in Berlin. Hier wird sie zunächst in kleineren Rollen besetzt, bis sie immer größere Aufgaben erhält. In den 26 Jahren ihres Engagements an dem renommierten Theater wird sie zu einem der wichtigen Ensemblemitglieder, arbeitet bis 1992 an dem Haus. Ihr Debüt gibt sie als Hausmädchen in Henrik Ibsens Bühnenstück "Nora", als Stubenmädchen Lisa überzeugt sie in Maxim Gorkis "Wassa Shelesnowa". Besonderen Erfolg feiert sie in Gegenwartsstücken. So ist sie als selbständige Journalistin in "Regina B." nach Siegfried Pfaff zu sehen, in dem Zweipersonenstück "Ich bin einem Mädchen begegnet" von Rainer Kerndl gibt sie eine junge Elektrikerin. Es sind auch immer wieder Klassiker, in denen sie auftritt: als Anna Fjodorowna in "Barbaren" und als Polja in "Die Kleinbürger", beide nach Maxim Gorki. In einer ihrer letzten Rollen spielt sie den Knaben Cherubin in "Der tollste Tag" von Peter Turrini frei nach Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais. Erst Mitte der 1990er Jahre steht die Schauspielerin wieder auf der Theaterbühne: 1995 ist sie in Heribert Sasses Inszenierung von Bernard da Costas "Boomerang" am Renaissance-Theater als Schauspiellehrerin zu sehen.

Ab Mitte der 1960er Jahre steht Jenny Gröllmann auch vor der Kamera. Sie debütiert als junge Studentin, die ihren republikflüchtigen Eltern nicht in den Westteil Deutschlands folgen wird, in dem Episodenfilm GESCHICHTEN JENER NACHT (1967) unter der Regie von  Ulrich Thein. Eine ihrer frühen, wichtigsten Rollen gibt ihr Regisseur  Konrad Wolf. In seinem biografischen Film ICH WAR NEUNZEHN (1968) spielt sie ein junges, deutsches Mädchen, verstört und verschüchtert, das als Flüchtling in Bernau stecken geblieben ist. Aus Angst vor Vergewaltigungen geht das junge Mädchen abends zum Kommandanten, ihr passiert nichts. In der Folge verkörpert Jenny Gröllmann bei der DEFA und beim Fernsehen zahlreiche Frauenfiguren, meist selbstbewusste Frauen, aber auch verträumte, melancholische und zerrissene Mädchen.

Ihre erste Hauptrolle erhält sie in dem Ingrid Reschke-Film KENNEN SIE URBAN? (1971) nach einem Drehbuch von  Ulrich Plenzdorf. Sie spielt die selbstsichere Praktikantin Gila, in die sich der herumziehende Bauarbeiter Hoffi verliebt und die ihn dazu bringt, sein Leben neu zu gestalten. In DIE FLUCHT (1977) von  Roland Gräf  verkörpert sie die Medizinerin Katharina, die für den Oberarzt Dr. Schmith (gespielt von  Armin Mueller-Stahl) eine neue Lebensgefährtin wird. Aber sie kann ihn nicht davon abhalten, einen Fluchtversuch in den Westen zu unternehmen. In dem  Ulrich Weiß-Film DEIN UNBEKANNTER BRUDER (1982) stellt sie Renate dar, die einem Widerstandskämpfer, der von seinen Erinnerungen an das Konzentrationslager gepeinigt wird, neuen Mut macht.

1985 feiert auch der historische DEFA-Film HÄLFTE DES LEBENS (1985) von Herrmann Zschoche Premiere. Erzählt werden zehn Jahre aus dem Leben des Schriftstellers Friedrich Hölderlins, von 1796 bis 1806. Als Hauslehrer verdient er seinen Lebensunterhalt und verliebt sich in die Ehefrau seines Auftraggebers. Als die Liebenden getrennt werden, zerbrechen beide daran. Ulrich Mühe spielt Hölderlin, Jenny Gröllmann spielt Susette Gontard. Es ist eine ihrer schönsten Rollen, Kritiker wie Zuschauer bescheinigen ihr ein sensibles Spiel; sie liefert die präzise Studie einer leidenschaftlichen Frau, die letztlich an ihrer verlorenen Liebe zerbricht.

Mehrfach arbeitet die Schauspielerin für das Fernsehen der DDR, ist unter anderem in  Horst E. Brandts Mini-Serie ADAM UND EVA (1973) zu sehen. In dem TV-Mehrteiler BRODDI (1975) unter der Regie von Ulrich Thein spielt sie ebenfalls eine junge Frau, die sich ganz selbstverständlich ihrer Liebe zu einem unangepassten Außenseiter hingibt. Wiederholt ist sie in der populären Serie POLIZEIRUF 110 präsent. Ihre eindringliche Darstellung als Alkoholikerin in der Folge UNHEIL AUS DER FLASCHE (1987) von Helmut Krätzig bringt ihre lobende Kritik seitens der Zuschauer und Kritiker ein.

Nach dem Zusammenbruch der DDR muss sich die Schauspielerin neu orientieren, im Westteil des Landes ist sie so gut wie unbekannt. Für die TV-Serie LIEBLING KREUZBERG steht sie seit Beginn der 1990er Jahre als Partnerin-Anwältin Isenthal von Manfred Krug vor der Kamera. Damit erhält sie ihre erste gesamtdeutsche Anerkennung. Es folgen nicht ganz so große Rollen für das Fernsehen, aber die Schauspielerin etabliert sich auf dem Fernsehmarkt. Sie hat Auftritte in zahlreichen TV-Serien, unter anderem in UNSER LEHRER DOKTOR SPECHT, GROSSSTADTREVIER, STAHLNETZ, EIN FALL FÜR ZWEI oder EDEL UND STARCK. 1999 muss Jenny Gröllmann erstmals ihre Filmarbeit unterbrechen, bei ihr bricht der Krebs aus. Trotz mehrerer Chemotherapien arbeitet sie weiter vor der Kamera. Ihre letzte Kinorolle spielt sie in ERBSEN AUF HALB SECHS (2004) von Lars Büchel; ihre letzte Rolle in der ARD-Telenovela STURM DER LIEBE (2005) muss sie aus Krankheitsgründen aufzugeben.

2001 muss sich die Schauspielerin mit dem Sachverhalt auseinandersetzen, als Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) für die Staatssicherheit gearbeitet zu haben. Sie bestreitet die Vorwürfe. Ein Major hat ohne ihr Wissen Berichte erfunden und verfasst. Sie trifft sich mit dem ehemaligen Stasioffizier; die Vorwürfe verlaufen sich im Sande und werden nicht weiter öffentlich aufgriffen. Als der Film DAS LEBEN DER ANDEREN (2006) von Florian Henckel von Donnersmarck in die deutschen Kinos kommt, der sich mit der DDR-Stasi-Vergangenheit im Künstlermilieu der 1980er Jahre beschäftigt, verbreitet der Hauptdarsteller Ulrich Mühe, dass seine frühere Ehefrau Jenny Gröllmann, Kontakte mit der Staatssicherheit gehabt habe. Im Buch zum Film wird dies ausführlich beschrieben. Jenny Gröllmann setzt sich juristisch dagegen zur Wehr und erreicht eine einstweilige Verfügung: Passagen des Buches müssen geschwärzt werden, Ulrich Mühe darf seine Behauptung nicht wiederholen. Aber Schauspieler und der Verlag Suhrkamp ziehen vor Gericht. Erst vor dem Landgericht Berlin erreicht Jenny Gröllmann ihr Recht: Es gibt keinen Beweis für ihre Arbeit als IM.

Jenny Gröllmann hat zwei Töchter. 1969 wird ihre Tochter Jeanne geboren, die heute als Maskenbildnerin arbeitet. 1973 heiratet die Schauspielerin den Regisseur Michael Kann. Die Ehe scheitert und wird geschieden. 1984 beginnt sie eine zweite Ehe mit dem Schauspieler Ulrich Mühe, den sie 1982 bei den Dreharbeiten zu dem Fernsehfilm DIE POGGENPUHLS (1984) unter der Regie von Karin Hercher kennen gelernt hat. Ihre gemeinsame Tochter Anna Maria Mühe wird 1985 geboren. Sie arbeitet mittlerweile auch erfolgreich als Schauspielerin. Die Ehe wird 1990 geschieden. 2004 heiratet sie ihren langjährigen Lebenspartner, den Filmarchitekten Claus-Jürgen Pfeiffer.

Jenny Gröllmann stirbt nach langer, schwerer Krankheit am 9. August 2006 im Alter von 59 Jahren in Berlin.

Zusammengestellt von Ines Walk. (Stand: September 2006)

Trailer zu "Hälfte des Lebens" (R: Hermann Zschoche, 1984)

Literatur

  • Hans-Michael Bock: Jenny Gröllmann, in: cinegraph, Loseblattsammlung.
  • o.A: Ich habe am Theater mein Handwerk gelernt: Jenny Gröllmann, in: Zwischentöne - Gespräche mit Schauspielern und Regisseuren, Verlag Neues Berlin 1996.
  • Wolfram Schroeder: Der Liebling von Herrn Liebling - Ein Gesicht, eine Frau, eine Karriere: Jenny Gröllmann, in: Berliner Morgenpost 12.06.1994.
  • Daniel Kothenschulte: Die Sünden der anderen: Jenny Gröllmanns Stasi-Akte, in: Frankfurter Rundschau 19.04.2006.
  • Uwe Müller: Das Leben der anderen Jenny Gröllmann, in: Die Welt 22.04.2006.
  • Hanno Harnisch: "Kein IM" - Jenny Gröllmann, in: Neues Deutschland 24.04.2006.
  • Jürgen Schreiber: Der Verführungsoffizier: Zur Stasitätigkeit des Filmstars Jenny Gröllmann, in: Der Tagesspiegel 28.04.2006.
  • Frank Pergande: Jenny Gröllmann und Ulrich Mühe. Sie waren einmal ein Traumpaar, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 28.04.2006.
  • Regine Sylvester: Die Zielperson. Geschiedene Leute: Die Schauspielerin Jenny Gröllmann wehrt sich gegen Stasi-Vorwürfe, die ihr früherer Mann Ulrich Mühe gegen sie erhebt, in: Berliner Zeitung, 03.05.2006.
  • Dieter Krause, Werner Mathes: Ich muss das zu Ende bringen - meinetwegen bis zum Tod: Interview mit Jenny Gröllmann, in: Der Stern 20.07.2006.
  • Regine Sylvester: Langer Abschied. Gestern starb die Schauspielerin Jenny Gröllmann, in: Berliner Zeitung, 10.08.2006.
  • Hans-Dieter Schütt: Das Fräulein Courage: Zum Tode der Schauspielerin Jenny Gröllmann, in: Neues Deutschland 11.08.2006.

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