Joachim Hellwig

Autor, Regisseur

* 31. März 1932 in Birnbaum (heute Midzychód, Polen); † 14. Juli 2014 in Potsdam

Biografie

Der Dokumentarfilmregisseur Joachim Hellwig ist einer der Großfilmer der DEFA, ein Propagandist, der die Glaubensinhalte des sozialistischen Staates unbefragt in zahlreichen Filmen bebildert. Dabei wendet er sich thematisch häufig der deutschen Geschichte zu, beschäftigt sich mit dem "Wesen des Kapitalismus" und hat sich zum Ziel gesetzt, dessen Verbindung zum Nationalsozialismus zu entlarven. Dabei stehen die agitatorischen Aussagen ganz im Zeichen der Strategie der Einheitspartei, dienen zur Legitimierung der eigenen Politik. Heute sind sie Zeitdokumente des Kalten Krieges.

Joachim Hellwig wird am 31. März 1932 in Birnbaum (heute Midzychód, Polen) geboren. Bereits während seiner Schulzeit interessiert er sich für den Film, führt als Oberschüler in einem Kino Filme vor, arbeitet 1947/1948 als Landfilmvorführer. Nach seiner Schulausbildung ist er zunächst als Aufnahmeleiter bei Phönix-Film in Berlin beschäftigt, ab 1950 in der Synchronabteilung der DEFA. Ein Jahr später wechselt er als Aufnahmeleiter und Regiehilfe ins DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme. Von 1952 bis 1954 ist er dort Regieassistent, arbeitet unter anderem bei dem Regisseur Andrew Thorndike, wirkt bei dessen Filmen WILHELM PIECK - DAS LEBEN UNSERES PRÄSIDENTEN (1952) und DIE SIEBEN VOM RHEIN (1954) mit.

Seit 1954 ist Joachim Hellwig als Regisseur beim DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme fest angestellt. Neben seiner Arbeit absolviert er ein Fernstudium der Literaturwissenschaften und promoviert 1975. Sein erster eigener Dokumentarfilm wird GLÜCKLICHE KINDER (1954). In UM DEN MENSCHEN (1956) erzählt er von einem Landarzt. DIE BILDER VON DRESDEN (1956), der die Zerstörung der Stadt durch den Zweiten Weltkrieg thematisiert, wird auch auf dem Internationalen Filmfest in Edinburgh gezeigt. Eine interessante filmische Studie wird SYNTHESE (1957) über die Architektur des neuen Funkhauses des Staatlichen Rundfunkkomitees in Berlin.

Sein größter Erfolg wird EIN TAGEBUCH FÜR ANNE FRANK (1958), der im In- und Ausland auf reges Interesse stößt. Der Regisseur nimmt das Schicksal der Anne Frank zum Ausgangspunkt, um die Technologie des Massenmordes der Nationalsozialisten aufzuzeigen und um nachzuweisen, dass zahlreiche Mörder unbehelligt in der Bundesrepublik leben. Der Film liefert einschlägige Beweise für die Giftgasproduktion der IG Farben, und zeigt zudem, dass der ehemalige Kommandant des SS-Sammellagers für Juden in Westerbork (Holland) Albert Konrad Gemmeker unbehindert in der Bundesrepublik lebt. Die ehemaligen Nazigrößen Karl Wolff und Hans Globke werden ebenfalls gezeigt. Trotz der stichhaltigen Fakten, die der wertvolle Film sammelt, steht er ganz im Zeichen der Strategie der Einheitspartei, da er die westdeutsche Regierung angreift und für sich behaupten kann, das bessere Deutschland zu erbauen. Im Film IN BERLIN... IN WARSCHAU... UND IN AMSTERDAM (1959) berichtet Hellwig über die Premiere des Films EIN TAGEBUCH FÜR ANNE FRANK in den drei Städten.

Dies bleibt auch weiterhin Thema bei dem Filmemacher. Wie viele seiner Kollegen beschäftigt er sich mit dem "Wesen des Kapitalismus", hat sich zum Ziel gesetzt, dessen Verbindung zum Nationalsozialismus zu entlarven. In DER FALL HEUSINGER (1959) nimmt er die Ernennung Adolf Heusingers zum Generalinspekteur der Bundeswehr und NATO-General zum Anlass, um zu fragen, welche Rolle er als General Adolf Hitlers gespielt hat. In der Dokumentation SO MACHT MAN KANZLER (1961) werden zwei Lebenswege parallel betrachtet: Adolf Hitlers Machtübernahme und die Wahl Konrad Adenauers zum ersten bundesdeutschen Kanzler soll eine kontinuierliche Linie in der deutschen Geschichte nahe legen, die von reaktionären, großindustriellen Kräften durchgesetzt wird. Der Film besteht aus Fakten, die nicht immer stimmen und keine Beweiskraft haben, die nur zur Legitimierung der eigenen Politik, aktuell des Mauerbaus im August 1961, dienen sollen; heute besitzt er seinen Wert als Zeitdokument des Kalten Krieg. KAMPF UM DEUTSCHLAND (1963) bietet ein Bild der deutschen Geschichte von 1930 bis zur Gegenwart. Dabei wird die Geschichte geschönt, gefälscht und so aufbereitet, dass sie in die eigene Interpretation passt. Der Film ist nur noch Bebilderung der politischen Propaganda, ein Loblied, dass in keiner Weise zu Widerstand oder Kritik fähig ist. Wegen seiner anbiedernden Haltung zum sowjetischen Parteiführer Michael Chruschtschows kann der Film nach dessen Sturz 1964 nicht mehr gezeigt werden.

Der Dokumentarist wählt auch andere Themen, deren Aufbereitung aber zweifelsfrei im Sinne der politischen Tagespolitik stehen. In DER SCHWARZE STERN (1965) beschäftigt sich der Regisseur mit Ghana und dem dortigen Aufbau, der ganz im Sinne von Karl Marx stattfindet. CHANSON VON DER SPREE (1966) beobachtet impressionistisch Menschen an dem Fluss. PROTOKOLL FÜR EINEN (1966) schildert die letzten Tage des Kommunisten Rudolf Hallmeyer, der von den Nationalsozialisten verhaftet und hingerichtet wird. Aus seinen Briefen werden Vernehmungen, Fragestellungen im Kreuzfeuer rekonstruiert. In ERZÄHLUNGEN AUS DER NEUEN WELT (1968) sollen sechs kurze Beiträge die Bedeutung des Kommunistischen Manifests zeigen und wie dessen Maxime bereits international umgesetzt worden sind. Neben seinen Einzelarbeiten ist der Regisseur zudem an großen Auftragswerken beteiligt, unter anderem an WER DIE ERDE LIEBT (1973) als Hauptregisseur, einem dokumentarisches Essay über die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in der DDR 1973.

Immer wieder schaut der Regisseur auf deutsche Geschichte. Der Kompilationsfilm KENNST DU DAS LAND... EINE POLITISCHE REVUE (1979) blickt ohne viel Fragen auf 30 Jahre DDR und stellt dieses Jubiläum in einer beliebigen Mischung aus historischen Ereignissen, an Hand von politischen Liedern, Ausschnitten aus Spiel- und Trickfilmen sowie dokumentarischem Material dar. Nochmals greift Joachim Hellweg das Phänomen Adolf Hitler auf. In IM LAND DER ADLER UND DER KREUZE - BILDER AUS DER DEUTSCHEN GESCHICHTE (1980) dokumentiert er den Weg des Diktators zur Macht. Auch hier wird wieder die besondere Rolle des Kapitals befragt, deren Einfluss auf die Politik im Sinne der marxistischen Geschichtsschreibung interpretiert wird. KAISER, KÖNIGE UND SOLDATEN (1981) wendet sich der deutschen Geschichte von der Reichsgründung über die Jahrhundertwende bis zur Zeit des Faschismus zu. In dem Porträt VÄTER DER TAUSEND SONNEN (1989) schildert der Regisseur den Lebensweg des Physiker Klaus Fuchs, der am amerikanisch-englischen Atomwaffen-programm mitwirkte und in den 40er Jahren sein Wissen an die Sowjetunion weitergab. Ein ähnliches Thema beschäftigt ihm in seinem letzten DEFA-Film ZWISCHEN KONVEYER UND TROIKA (1990). Hier schildert er das Leben der deutschen Physiker Georg Friedrich Houtermans und Alexander Weissberg, die in den 1930er Jahren nach Sowjetrussland gegangen sind und nach Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes an Hitlerdeutschland ausgeliefert wurden.

Bis 1991 ist Joachim Hellwig Regisseur und Autor im DEFA-Studio für Dokumentarfilme. Außerdem arbeitet er als Dramaturg für viele seiner Kollegen und für den utopischen Spielfilm IM STAUB DER STERNE (1976)
von  Kurt Maetzig. Er ist Leiter der Künstlerischen Arbeitsgruppe "futurum". Seit der Abwicklung der DEFA ist er freischaffend tätig, legt diverse Videoproduktionen vor und wird als künstlerischer Berater engagiert. Zusätzlich zu seinen Filmarbeiten veröffentlicht der Regisseur Bücher, unter anderem gemeinsam mit Günter Deicke "Ein Tagebuch für Anne Frank", gemeinsam mit Hans Oley "Der 20. Juli und der Fall Heusinger" und "Bilder eines starken Mannes".

Joachim Hellwig stirbt am 14. Juli 2014.

Zusammengestellt von Ines Walk. (Stand: September 2018)

Auszeichnungen

  • 1959: EIN TAGEBUCH FÜR ANNE FRANK - Internationales Dokumentarfilmfest Leipzig: 1. Hauptpreis
  • 1959: EIN TAGEBUCH FÜR ANNE FRANK - Ernst Zinna-Preis I. Klasse (Preis des Berliner Magistrat zur Förderung der Jugend)
  • 1959: EIN TAGEBUCH FÜR ANNE FRANK - II. Weltfestspiele Wien: Silbermedaille
  • 1963: Vaterländischer Verdienstorden
  • 1963: Ernst Moritz Arndt-Medaille
  • 1970: HIER BIN ICH MENSCH - Kunstpreis der DDR (im Kollektiv)
  • 1974: WER DIE ERDE LIEBT - Kunstpreis der DDR (im Kollektiv)
  • 1979: Nationalpreis der DDR 2. Klasse für das Gesamtschaffen (im Kollektiv mit anderen Regisseuren)

Literatur

  • Joachim Hellweg: Zu einigen künstlerischen Fragen des Dokumentarfilms, NFW 06/1953.
  • Manfred Heidecke: Dokumentarfilm ist nicht Anfängerklasse - Wir sprachen mit Joachim Hellwig, in: Berliner Zeitung, 19.11.1961.
  • o. A.: Verwurzelt tief in seines Volkes Grund [Interview], in: Deutsche Filmkunst 01/1961.
  • Joachim Hellweg: Hemingway, die Jungen und das Meer, in: Kino DDR 07/1966.
  • o. A.: Joachim Hellwig, in: Werkstatt, Berlin 1974.
  • Rolf Liebmann: Joachim Hellwig, in: Filmdokumentaristen der DDR, Berlin 1969.

DEFA-Filmografie

Diese Webseite verwendet Cookies. Mit der Nutzung stimmen Sie der Verwendung zu. Datenschutzhinweise

Verstanden
menu arrow-external arrow-internal camera tv print arrow-down arrow-left arrow-right arrow-top arrow-link sound display date facebook facebook-full range framing download filmrole cleaning Person retouching scan search audio twitter cancel youtube instagram