Jörg Gudzuhn

Schauspieler

* 23. März 1945 in Seilershof

Biografie

Filmstill zu "Fahrschule"

Jörg Gudzuhn

in "FAHRSCHULE" (R: Bernhard Stephan, 1985/1986) Fotograf: Klaus Zähler

Jörg Gudzuhn überzeugt als Schauspieler auf der Bühne und vor der Kamera durch seine Wandlungsfähigkeit und die Vielfalt seiner darstellerischen Möglichkeiten. Als zerrissener, von Selbstzweifeln geprägter Dichter Hans Fallada wird er über die Grenzen der DDR hinaus bekannt. Heute zählt Jörg Gudzuhn zu den bekannten Schauspiel-Gesichtern - auf der Theaterbühne in Berlin und im gesamtdeutschen Fernsehen.

Jörg Gudzuhn wird am 23. März 1945 in Seilershof, am Wentowsee gelegen, im nördlichen Brandenburg, geboren. Seine Familie zieht in den Ostteil Berlins, wo er von 1951 bis 1959 die Grundschule besucht. Danach lernt er für sein Abitur an der Bertha von Suttner-Oberschule in Berlin-Reinickendorf. Als im August 1961 die Mauer in Berlin gebaut wird, geht er ohne Abschluss von der Schule ab. Zunächst arbeitet er im Wälzlagerwerk "Joseph Orlopp" in Berlin-Lichtenberg, bis er eine Lehre als Haus- und Wandmaler beginnt. 1966 hat er seinen Facharbeiterbrief in der Hand und arbeitet kurzzeitig in dem Beruf. Nebenbei besucht Jörg Gudzuhn die Volkshochschule, um sein Abitur nachzuholen und beginnt in einer Laientheatergruppe zu spielen.

1966 bewirbt sich Jörg Gudzuhn mit Erfolg an der Berliner Schauspielschule "Ernst Busch". Vier Jahre studiert er an der renommierten Einrichtung. Nach seinem Abschluss geht er zunächst nach Karl-Marx-Stadt, wo er an der dortigen Volksbühne unter dem Theatermann und Talente-Förderer Gerhard Meyer arbeitet. Ab 1974 ist er am Hans-Otto-Theater in Potsdam zu sehen, bis er 1976 am Maxim Gorki-Theater in Berlin über Jahre eine Heimstätte findet. Hier zählt der großgewachsene Schauspieler bald zu den wichtigsten Ensemblemitgliedern, ist bevorzugt auf eigenwillige Typen abonniert. Spektakulären Erfolg feiert er als McMurphy in "Einer flog über das Kuckucksnest". Außerdem ist er als Zettel in William Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" zu sehen, gibt den Satin in Maxim Gorkis "Nachtasyl" und Werschinin in "Drei Schwestern" von Anton Tschechow. Seit 1987 gehört der Schauspieler dem Ensemble des Deutschen Theaters an, wo er unter anderem den Ödipus in "König Ödipus", den Dorfrichter Adam in "Der zerbrochne Krug" und den Othello spielt. Mit dem Solo-Abend und Fußball-Monolog "Leben bis Männer" von Thomas Brussig begeistert der Schauspieler die Theaterbesucher.

Die DEFA holt den Darsteller Anfang der 1970er Jahre vor die Kamera. Jörg Gudzuhn debütiert im TILL EULENSPIEGEL (1975) unter der Regie von  Rainer Simon in der kleinen Rolle des Oberhenkers. Es dauert eine gewisse Zeit, bis der Schauspieler wieder vor die Kamera tritt. Abermals ist es der Regisseur Rainer Simon, der ihn engagiert. Diesmal gibt er Jörg Gudzuhn eine Hauptrolle. In DAS LUFTSCHIFF (1983) spielt er Franz Xaver Stannebein, einen fanatischen Erfinder, der Flugmaschinen konstruieren möchte. Er scheitert an den politischen Verhältnissen und seiner eigenen Widersprüchlichkeit. Jörg Gudzuhn macht hier erstmals auch international auf sich aufmerksam, stellt einen Menschen in verschiedenen Lebensaltern dar.

In EINE SONDERBARE LIEBE (1984) von  Lothar Warnecke wird die Geschichte einer Vernunftbeziehung zwischen Sibylle und Harald, beide Ende 30, erzählt. Nachdem sie sich für ein Zusammenleben entschieden haben, scheitert dieses an den unterschiedlichen Motiven und Ansprüchen. Als sie sich trennen, dauert es nicht lange, bis sie bemerken, daß sie sich fehlen. Der Film wird wegen seiner unaufdringlichen Inszenierung des Alltags gelobt, trifft glaubwürdige Aussagen über komplexe Partnerbeziehungen. Jörg Gudzuhn spielt an der Seite von Christina Schorn einfühlsam und intensiv, mimt den Witwer Harald still, ruhig, eher passiv. Er erhält für seine Darstellung den Kritikerpreis des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden.

Danach arbeitet der Schauspieler mit dem Regisseur Bernhard Wicki in dessen Film DIE GRÜNSTEIN-VARIANTE (1985) zusammen. Nach der Erzählung von  Wolfgang Kohlhaase wird die Geschichte dreier Gefangener erzählt, die sich durch Schach naherkommen. Neben  Fred Düren und Klaus Schwarzkopf spielt Jörg Gudzuhn den dritten Häftling Lodek, einen Ex-Boxer. Aus Langeweile bringt er dem Juden Grünstein das Schachspielen bei. Der gewinnt nach vielen Niederlagen endlich gegen ihn mit einem genialen Zug, den Lodek die "Grünstein-Variante" nennt. Lodek überlebt allein den Krieg. Sein Leben lang wird er nach dem genialen Schachzug Grünsteins suchen, der ihm entfallen ist. In dem atmosphärisch dicht inszenierten, packenden und dramatischen Film - ein Sinnbild über die Macht des Vergessen - überzeugen die Figuren durch ihren Humor, ihren Optimismus und ihre Menschlichkeit.

In seinem nächsten Film kann Jörg Gudzuhn sein komödiantisches Talent unter Beweis stellen. In DIE FAHRSCHULE (1986) von  Bernhard Stephan spielt er Steinköhler, einen Fußgänger aus Passion, der plötzlich und unerwartet zu zwei Wartburgs gelangt. Er meldet sich zur Fahrschule an und erlebt ein Abenteuer. Die gut in Szene gesetzte Komödie behandelt den Alltag in der DDR mit überzeugender Ironie.

Durch die Darstellung des zerrissenen Künstlers Hans Fallada in  Roland Gräfs Film FALLADA – LETZTES KAPITEL (1988) erlangt der Schauspieler nationale und internationale Anerkennung. Gekonnt stellt Jörg Gudzuhn den Dichter in seinen letzten zehn Lebensjahren und in seiner ganzen Widersprüchlichkeit dar. Er zerbricht an den politischen Umständen, wird mit seiner Alkohol- und Tablettensucht, seiner eigenen Labilität und Inkonsequenz, dem Kreislauf von Aggressionen und Depressivität nicht fertig. Der Film überzeugt als psychologische Kammerspiel-Studie, in der Jörg Gudzuhn und an seiner Seite  Jutta Wachowiak sowie  Kathrin Saß brillieren.

Unter der Regie von  Heiner Carow spielt Jörg Gudzuhn in der deutsch-deutschen Liebesgeschichte DIE VERFEHLUNG (1991) den Bürgermeister Reimelt. Im Herbst 1988 lernt eine Reinmachefrau in einem Dorf der DDR einen zu Besuch weilenden Hafenarbeiter aus Hamburg kennen und lieben. Diese Liebe ist nicht erwünscht, beide werden bespitzelt, bekommen die menschenverachtenen Mechanismen des SED-Regimes zu spüren. Jörg Gudzuhn als Reimelt liebt die Frau, fühlt sich gedemütigt, je größer ihre Liebe zu dem anderen wird, und erniedrigt sie um so mehr. Sie bringt ihn letztlich um. Der Film überzeugt nicht nur als schonungslose Abrechnung mit dem SED-Regime, sondern auch als Schauspielerfilm, getragen von  Angelica Domröse, Gottfried John und Jörg Gudzuhn.

Bereits Ende der 1960er Jahre erhält Jörg Gudzuhn erste Angebote vom Fernsehen der DDR. Wie viele seiner Kollegen ist er in zahlreichen TV-Spielen der Reihen "Der Staatsanwalt hat das Wort" und "Polizeiruf 110" zu sehen. Verstärkt wird er ab den 1970er Jahren engagiert. Auch im vereinigten Deutschland ist Jörg Gudzuhn aus der Fernsehlandschaft nicht mehr wegzudenken. 1992/93 zeigt er als "Cowboy" in sechs Folgen der TV-Serie "Liebling – Kreuzberg" sein komödiantisches Talent. Als Leibwächter Manne Schacht im Fernsehfilm "Im Schatten der Macht" (2003) von Oliver Storz über den politischen Sturz Willy Brandts wird der Darsteller als ausgezeichnet gelobt. Die Fernsehzuschauer lieben den Darsteller als etwas brummeligen Kommissar an der Seite von  Ulrich Mühe in der Kriminalserie "Der letzte Zeuge" (2002-2007).

Jörg Gudzuhn lebt in Berlin.

Verfasst von Ines Walk.

Filmstill zu "Fahrschule"

(R: Bernhard Stephan, 1986) Fotograf: Klaus Zähler

Filmstill zu "Fahrschule"

(R: Bernhard Stephan, 1986) Fotograf: Klaus Zähler

Auszeichnungen

  • 1985: EINE SONDERBARE LIEBE - Kritikerpreis "Die große Klappe" des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR
  • 1989: FALLADA - LETZTES KAPITEL - "Silberner Hugo" bei den Internationalen Filmfestspielen in Chicago für die Beste Darstellung einer männlichen Hauptrolle
  • 1998: Adolf Grimme Preis
  • 2000: Nominierung für den Deutschen Fernsehpreis als Bester Darsteller in einer Serie ("Der letzte Zeuge")

Literatur

  • Helmut Ullrich: Von Niebuhr, Stannebein und anderen. DEFA-Spielfilme 1982/83. In: Horst Knietzsch (Hg.): Prisma 15. Berlin, Henschel Verlag.
  • Edeltraut Gerst: Ungeheuer viel von mir: Der Schauspieler Jörg Gudzuhn im Gespräch, in: Filmspiegel 15/1985.
  • Helga Schütz: Internationales Spiel. Jörg Gudzuhn als Fallada, in: Sonntag, 05.06.1988.
  • Helga Schütz: Zu Jörg Gudzuhn, in: Kino DDR, 06/1988,
  • Henryk Goldberg: Kunst ist nicht Luxus – Interview mit Jörg Gudzuhn, in: Filmspiegel 21/1989.
  • Helga Schütz: Jörg Gudzuhn, in: Ralf Schenk (Hrsg.): Vor der Kamera – Fünfzig Schauspieler aus Babelsberg, Berlin, Henschel Verlag 1995.
  • Ingrun Spazier, Günter Schulz: Jörg Gudzuhn, in: cinegraph, Loseblattsammlung.

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