Jürgen Brauer

Drehbuchautor, Kameramann, Regisseur

* 6. November 1938 in Leipzig

Biografie

Jürgen Brauer

Jürgen Brauer

bei den Dreharbeiten zu GRITTA VON RATTENZUHAUSBEIUNS (R: Jürgen Brauer, 1984) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Jürgen Brauer beginnt seine Karriere beim DEFA-Studio für Spielfilme als Kameramann. Er arbeitet intensiv mit  Horst Seemann,
 Heiner Carow und  Günter Reisch zusammen und versteht sich nicht nur als Techniker, sondern als kreativer Partner des Regisseurs. Stilsicher findet er Bilder, die die Geschichten nicht nur unterstützen, sondern sie atmosphärisch ausmalen. Als Regisseur macht er sich einen Namen mit phantasievollen und opulent in Szene gesetzten Kinderfilmen. Dabei bleibt er immer ein Regisseur, der auch Kameramann ist.

Jürgen Brauer wird am 6. November 1938 in Leipzig geboren. Sein Vater verdient den Lebensunterhalt für die Familie als Schuhmacher. Nach seinem Abitur nimmt er 1956 ein Studium der Physik an der Technischen Hochschule Dresden auf und besucht unter anderem Vorlesungen zur wissenschaftlichen Fotografie. Er fotografiert selbst, nimmt an Foto-Ausstellungen teil und gewinnt mit seinen Arbeiten Preise. Das Physik-Studium beendet er frühzeitig und arbeitet etwa ein Jahr als optischer Rechner im VEB Kamera-Werke Niedersedlitz, prüft Objektive, beschäftigt sich mit Lichtbrechung und Glasarten. In ihm reift der Entschluss, einen anderen beruflichen Weg einzuschlagen: 1958 beginnt er ein Studium an der Deutschen Hochschule für Kamerakunst in Potsdam-Babelsberg. 1962 schließt er in der Fachrichtung Kamera mit seinem Diplomfilm WAGENWÄSCHE die Ausbildung ab.

Das DEFA-Studio für Spielfilme stellt Jürgen Brauer an. Zunächst arbeitet er als Kameramann in der Gruppe Johannisthal bei einigen satirischen Stacheltier-Produktionen. Hier lernt er unter anderem den Regisseur Horst Seemann kennen, mit dem er später mehrmals zusammenarbeiten wird. Er kann sich bei den kurzen satirischen Streifen, die als Vorprogramm im Kino laufen und beim Publikum überaus erfolgreich sind, ausprobieren und Erfahrungen sammeln.

Sein erster großer Film wird der Kinderfilm DIE REISE NACH SUNDEVIT (1966), den Heiner Carow nach einer Geschichte von Benno Pludra in Szene setzt. Die Schwarz-Weiß-Bilder von Jürgen Brauer spiegeln die Empfindungen des 8-jährigen Tim und fangen die Stimmungen akribisch ein. Mit dem Regisseur Heiner Carow kommt es danach zu einer intensiven Arbeitsbeziehung. Gemeinsam drehen sie unter anderem DIE RUSSEN KOMMEN (1968), DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (1972) und BIS DASS DER TOD EUCH SCHEIDET (1978). Die Filme sind an den Kinokassen und über die Grenzen der DDR erfolgreich und gehören zu den großen Erfolgen der DEFA. Filmemacher Günter Reisch arbeitet ebenfalls mehrfach mit Jürgen Brauer als Kameramann. Bei den Filmen EIN LORD AM ALEXANDERPLATZ (1967), UNTERWEGS ZU LENIN (1970), TROTZ ALLEDEM! (1971) und WOLZ – LEBEN UND VERKLÄRUNG EINES DEUTSCHEN ANARCHISTEN (1973) sowie DIE VERLOBTE (1980) ist er beteiligt. Bei letzterem ist er als Regisseur beteiligt, da Günter Reisch durch eine schwere Krankheit ausfällt. Drehbuchautor Günther Rücker und der Kameramann setzen zwei Drittel des Films in Szene.

Jürgen Brauer versteht sich nicht nur als Techniker, sondern als kreativer Partner des Regisseurs. Technik ist Handwerkszeug, dem Filmprozess fügt er seine eigene Subjektivität, seine Haltung und Sicht bei. Nur so entsteht etwas Gemeinsames. Regisseure loben seine Arbeitsweise: Rational und logisch bereitet er die Dreharbeiten vor, verlässt sich nicht auf Intuition und Zufall. Im Vorfeld skizziert er akribisch Einstellungen und Abläufe und ist in der Lage, die Ideen des Regisseurs mit handwerklicher Perfektion und stilistischer Sicherheit umzusetzen. Dass der Kamera eine Eigenständigkeit zukommt, sieht der Zuschauer bei fast allen seinen Filmen. Die intensive Zusammenarbeit mit dem Regisseur führt dazu, dass Jürgen Brauer sich mehr und mehr mit der Regie beschäftigt und selbst diese Funktion übernimmt.

Mit PUGOWITZA (1980) realisiert Jürgen Brauer seinen ersten Film als Regisseur; er übernimmt die Funktion von Heiner Carow, der zuerst den Film realisieren sollte. Dabei adaptiert er einen Roman von Alfred Wellm, der von dem elfjährigen Heinrich erzählt. Nach dem Tod seiner Mutter verlässt er mit einem Flüchtlingstreck die Masuren, schließt Freundschaft mit einem alten Mann und sowjetischen Soldaten und findet eine neue Heimat. Mit wenigen Dialogen kommt der Film aus, die Bilder sprechen für sich. Kritiker bezeichnen die Literatur-Adaption als bildkompositorisch beeindruckend und meisterhaft.

Auch bei seinem zweiten Regie-Film greift Jürgen Brauer auf ein literarisches Werk zurück. Er verfilmt mit GRITTA VON RATTENZUHAUSBEIUNS (1985) das romantische Märchen, welches Gisela und Bettina von Arnim verfasst haben. Erzählt wird von der selbstbewussten 13-jährigen Hochgräfin Gritta, die mit Hilfe der Thronrettungsmaschine das Königreich ihres schrulligen Vaters (Hermann Beyer) vor einem Umsturz retten kann. Dem Filmteam gelingt es, romantischen Elementen der Vorlage eine zeitgemäße, spielerische Form zu geben, das Märchenhaft-Phantastische wird erhalten und für Kinder zielgruppengerecht sowie witzig-unterhaltsam und für Erwachsene doppeldeutig präsentiert. Zudem ist der Film bildgewaltig und stilsicher arrangiert, die optische Phantasie steht der Geschichte in nichts nach. Jürgen Brauer schöpft dabei aus dem Vollen: Er erprobt erstmals Spezialeffekte, arbeitet mit Glas- und Modellaufnahmen, verbindet Trick- mit Realaufnahmen. Erwachsene wie Kinder können sich dem Reiz des Films nicht entziehen.

Mit Günther Rücker führt er gemeinsam Regie bei HILDE, DAS DIENSTMÄDCHEN (1986) und führt zudem die Kamera. Die Liebesgeschichte vor historischem Hintergrund erzählt von einer jungen Frau, die 1938 als Dienstmädchen in einer tschechischen Kleinstadt nahe der deutschen Grenze arbeitet, um in der Nähe ihres tschechischen Geliebten zu sein, der einer Widerstandsgruppe angehört. Als dieser stirbt, ändert sich vieles für sie.

Dem Kinderfilm bleibt Jürgen Brauer treu. Mit DAS HERZ DES PIRATEN (1987) verfilmt er wieder eine Geschichte von Benno Pludra. Die 10-jährige Jessi findet das versteinerte sprechende Herz des vor Jahrhunderten verstorbenen Piraten William. Das Traumbild des Seeräubers wird ihr zum Vaterersatz, denn nichts wünscht sie sich mehr als ihren richtigen Papa. Als der eines Tages auftaucht, ist es nicht so, wie sie es sich erträumt hat. Ernüchtert trennt sie sich von dem Herz des Piraten. Wieder gelingen dem Regisseur und Kameramann dichte, stimmungsvolle und schöne Bilder, die mit scheinbarer Leichtigkeit entstanden sind. Mit Poesie, Humor und viel Phantasie verbindet er Alltag mit Traum und schaut feinfühlig und ernsthaft auf die Sorgen und Gefühle von Kindern.

Danach entsteht nach der Novelle "Der Kirschbaum" von Jurij Koch die poetisch-metaphorische Dreiecksgeschichte SEHNSUCHT (1989). Wieder verbindet der Filmemacher eine realistische mit einer imaginären Welt. In TANZ AUF DER KIPPE (1991) setzt sich ein Jugendlicher gegen gesellschaftliche Zwänge zur Wehr. Der Film wird zur Bestandsaufnahme des Endzustandes der DDR.

Nach dem Zusammenbruch der DDR arbeitet Jürgen Brauer verstärkt für das Fernsehen. So führt er bei mehreren Folgen der Reihen "Tatort" und "Polizeiruf 110" Regie. Bei der ARD-Serie "In aller Freundschaft" gehört er seit 1999 zum festen Regieteam und inszeniert mehr als 130 Folgen. Mit ANNA-ANNA (1993) und LORENZ IM LAND DER LÜGNER (1996) entstehen unter seiner Regie auch zwei Kinderfilme fürs Kino, die aber an den Erfolg seiner früheren Arbeiten nicht anknüpfen können.

Von 1977 bis 1990 ist Jürgen Brauer Mitglied des Präsidiums des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden. Seit 1984 lehrt Jürgen Brauer neben seinen Filmarbeiten als Dozent an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg.

Jürgen Brauer lebt in Berlin.

Verfasst von Ines Walk. (Stand: Januar 2015)

Trailer zu "Gritta von Rattenzuhausbeiuns" (R: Jürgen Brauer, 1984)

Auszeichnungen

  • 1967: DIE REISE NACH SUNDEVIT - Heinrich-Greif-Preis, I. Klasse (im Kollektiv)
  • 1970: UNTERWEGS ZU LENIN - Nationalpreis der DDR für Kunst und Literatur, III. Klasse (im  Kollektiv)
  • 1972: TROTZ ALLEDEM! - Kunstpreis des FDGB (im Kollektiv)
  • 1979: Johannes R. Becher-Medaille in Gold
  • 1980: LACHTAUBEN WEINEN NICHT - Heinrich-Greif-Preis, I. Klasse (im Kollektiv)
  • 1980: DIE VERLOBTE - Nationalpreis der DDR für Kunst und Literatur, I. Klasse (im Kollektiv)
  • 1982: DIE VERLOBTE - Nationales Spielfilmfestival der DDR, Nationaler Filmpreis, Beste Kamera
  • 1984: FARIAHO - Nationales Spielfilmfestival der DDR, Nationaler Filmpreis, Beste Kamera
  • 1986: HILDE, DAS DIENSTMÄDCHEN - Karlovy Vary: Diplom (Kamera)
  • 1987: Heinrich-Greif-Preis
  • 1987: GRITTA VON RATTENZUHAUSBEIUNS - Nationales Kinderfilmfestival Gera: Ehrenpreis der Jury des jungen Publikums
  • 1987: GRITTA VON RATTENZUHAUSBEIUNS - Nationales Kinderfilmfestival Gera: Sonderpreis des Ministerrats der DDR
  • 1987: GRITTA VON RATTENZUHAUSBEIUNS - Nationales Kinderfilmfestival Gera: Der Findling – Preis der ZAG der Pionierfilmclubs
  • 1989: DAS HERZ DER PIRATEN - Nationales Kinderfilmfestival Gera: Goldener Spatz

Literatur

  • Jürgen, Brauer: Die künstlerischen Aufgaben von Schnitt und Montage unter Berücksichtigung der Aufgaben des Kameramannes, Diplomarbeit, Standort: Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg, 1962.
  • o.A.: Gespräch zu DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA; in: Zur Arbeit des Kameramanns im Spielfilm – Dokumentation, Aus Theorie und Praxis des Film, 05/1977.
  • Roland Gräf: Zur schöpferischen Rolle des Kameramanns im Spielfilm. Roland Gräf diskutiert mit Werner Bergmann und Jürgen Brauer, in: Aus Theorie und Praxis des Films 02/1978.
  • Gudrun Hindemith: "…so kann die Arbeit zu Kunst werden!" [Interview], in: Filmspiegel 05/1978.
  • Hannes Schmidt: Gespräch mit dem Kameramann Jürgen Bauer, in: Aus Theorie und Praxis des Film, 05/1979.
  • Hans-Dieter Schütt: Gedanken werden zur Gebärde. Die Filme des Kameramanns Jürgen Brauer. Versuch einer Bildbeschreibung, in: Film und Fernsehen 08/1981.
  • Jürgen Brauer: Der große Schrei nach Freiheit, in: Film und Fernsehen 05/1982.
  • Marlis Linke: Das zweite Auge - Gespräch mit Jürgen Brauer, Kameramann und Regisseur, in: Der Sonntag, 10.03.1985.
  • Gisela Harkenthal: Hobby: Filme machen, ein Gespräch mit dem Regie-Kameramann Jürgen Brauer, in: Filmspiegel 09/1987.
  • Hans-Michael Bock: Jürgen Brauer, in: cinegraph, Loseblatt-Sammlung.
  • Margit Voss: Jürgen Brauer, in: cinegraph, Loseblatt-Sammlung.
  • Margit Voss: Einer von sieben: im Spiegel der Wende. Bei Dreharbeiten für einen neuen DEFA-Film, in: Berliner Zeitung, 01.09.1990.
  • Hans-Günther Dicks: Zuerst der Spaß, dann die Erkenntnis - Interview mit Regisseur und Kameramann Jürgen Brauer über seinen Kinderfilm, in: Film & TV Kameramann 05/1997.
  • Martin Mund: Plädoyer für Phantasie und Gefühl. Dem Regisseur und Kameramann Jürgen Brauer zum 60., in: Neues Deutschland, 06.11.1998.
  • Angelika Mihan: Es fährt ein Zug. Auf Sylt dreht Jürgen Brauer fünf Teile der Serie "CityExpress", in: Märkische Allgemeines, 15.04.1999.

DEFA-Filmografie

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