Jürgen Heinrich

Schauspieler

* 20. August 1945 in Groß Godems

Biografie

Jürgen Heinrich

in HIEV UP (R: Joachim Hasler, 1977) Fotografen: Jörg Erkens, Dietrich-Werner Fabienke

Der Schauspieler Jürgen Heinrich verlässt Mitte der 80er Jahre die DDR. Er hat sich öffentlich gegen den Staat geäußert, wird mit einem inoffiziellen Berufsverbot belegt. Davor hat er sich in Rollen als unangepasster und großspuriger, aber auch liebenswerter junger Mann beim Kino- und Fernsehpublikum einen Namen gemacht. Im Westteil des Landes ist er so gut wie unbekannt. Das ändert sich, als er 1992 die Rolle des allein erziehenden Kommissar Andreas Wolff in WOLFFS REVIER übernimmt.

Jürgen Heinrich wird am 20. August 1945 in Groß Godems, bei Parchim geboren. Er wächst bei seiner allein erziehenden Mutter in Neustrelitz, Magdeburg und Berlin auf; sein Vater gilt als vermisst. Sie engagiert sich politisch, ist CDU-Bezirksvorsitzende im Bezirk Neubrandenburg, ist 15 Jahre lang Abgeordnete der Volkskammer der DDR. Als Jugendlicher besucht Heinrich die Kinder- und Jugendsportschule in Magdeburg. Aufgrund seines Talentes als Mittelstreckenläufer und Geher wird er als Kader für die Olympischen Spiele aufgebaut. Eine Blutkrankheit beendet seine sportliche Laufbahn. Nach seiner Schulausbildung lässt er sich als Stahlschiffbauer ausbilden.

Heinrich beginnt 1965 ein Schauspielstudium an der Theaterhochschule in Leipzig. Mit 21 Jahren tritt er freiwillig in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) ein. Unter den Studenten wird Mitte der 60er Jahre Diskussionsfreiheit und Eigenverantwortung eingefordert; nach dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED wird dies mit Skepsis zur Kenntnis genommen und brutal unterbunden. Aufgrund seiner kritischen Äußerungen erhält Heinrich eine Disziplinarstrafe und wird gemeinsam mit mehreren Kommilitonen vom Studium entbunden. Achtzehn Monate dient er daraufhin bei der Nationalen Volksarmee in der Nähe der deutsch-deutschen Staatsgrenze bei Mühlhausen. Nachdem er an die Hochschule zurückgekehrt ist, wird er Parteigruppenorganisator; später wird er in den Rat für Kultur beim Kulturminister berufen und als Kandidat für das Zentralkomitee der FDJ vorgesehen. Nach dem Abschluss seines Studiums 1970 führen ihn Theater-Engagements an Theater in Halle, Zwickau und Neustrelitz. In Zwickau spielt er große und interessante Rollen, unter anderem den Jakob Filter in "Die Aula" nach Hermann Kant sowie in den Bühnenstücken "Der Kreidekreis" und "Stadt in der Morgenröte" nach Rosow. Schließlich arbeitet er am Deutschen Theater in Berlin. In Neustrelitz überzeugt er Kritiker und Publikum in "Cyankali" und einem 90-Minuten-Non-Stop-Programm.

Bereits während seiner Studienzeit holt ihn der Regisseur  Egon Günther vor die Kamera. In ABSCHIED (1968) spielt er den Arbeiterjungen Hartinger. Unter der Regie von Ingrid Reschke verkörpert er in KENNEN SIE URBAN? (1971) ebenfalls eine kleine Rolle. Mit ZUM BEISPIEL JOSEF (1974) von  Erwin Stranka spielt sich der Schauspieler in die erste Riege der DDR-Darsteller. Er gibt einen Außenseiter, der als Kriegsfindelkind von Nonnen aufgezogen als Fremdenlegionär sein Geld verdient hat, nun aus dem Westen Deutschlands in die DDR übersiedelt und in einer Schiffbauerbrigade für Turbulenzen sorgt. Die Figur ist unangepaßt, seine Agilität und Körperlichkeit, die zum jugendlichen Markenzeichen seiner Schauspielkunst wird, kann er hier imposant mit einem Sprung durchs Fensterscheiben in Szene setzen. Auch in der Folge sind es jugendliche Figuren, die er spielt. In HOSTESS (1975) von  Rolf Römer verkörpert er Johannes, ein Mann mit Ecken und Kanten, deren Liebe seine Freundin ( Annekathrin Bürger) erst noch genau prüfen muss. Als Johannes schätzt ihn ein Kritiker als überheblich, angeberisch, großspurig und rundum unsympathisch ein. Als draufgängerischer Atsche, der sich als Macho vor den Frauen offenbart, sammelt er in SABINE WULFF (1978) von Erwin Stranka ebenfalls keine Sympathien.

In der DDR dreht Jürgen Heinrich 40 Filme, darunter zahlreiche Fernsehfilme. Seit 1979 ist Mitglied des Fernseh-Schauspielerensembles. Ausschlaggebend für seinen Erfolg beim Publikum sind seine Mitwirkung bei den Fernsehfilmen KING-KONG-GRIPPE (1978) in der Reihe DAS UNSICHTBARE VISIER, wo er den Kundschafter Alexander spielt und in der Jugendserie um MARTA, MARTA (1979). In DER NACHTRÄGLICHE HELD (1978) gibt er einen jungen Brigadier, voller Tatkraft und Mut, einen Mann voller Widersprüche. Dazu kommen Rollen in der populären Reihe POLIZEIRUF 110. In der TV-Serie MÄRKISCHE CHRONIK (1983) von Hubert Hoelzke gibt er einen brandenburgischen Dachdecker und KZ-Häftling. Eine seiner letzten Rollen spielt er in EINZUG INS PARADIES (1987), die erst zwei Jahre nach seinem Weggang aus der DDR, ausgestrahlt wird.

Heinrich protestiert öffentlich gegen den Einmarsch der Sowjetarmee in Afghanistan, schreibt einen Brief an Erich Honecker und kritisiert zudem nach einem Drehaufenthalt in der Mongolei zum Indianerfilm DER SCOUT (1983) in einem Radiointerview die Diskriminierung von Minderheiten in dem sozialistischen Staat. Warnungen, sich nicht mehr politisch zu äußern, schlägt er aus. Nach seinem Austritt aus der SED im September 1982 bleiben Arbeitsangebote aus, Verträge werden ignoriert. Das Deutsche Theater in Berlin, an dem er engagiert ist, bietet keine Rollen mehr. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich als Taxifahrer und Schneider. Gemeinsam mit seiner Familie stellt er 1984 einen Ausreiseantrag in die Bundesrepublik. Ein Jahr später verlässt er die DDR in Richtung Westberlin.

Trailer zu DER SCOUT (R: Dshamjangijn Buntar, 1982)

Im Westteil Deutschlands ist Heinrich so gut wie unbekannt; fast zwei Jahre bleibt er ohne Arbeit vor der Kamera. Von 1985 bis 1987 arbeitet er am Schillertheater in Berlin. Nachdem er sich bei verschiedenen TV-Sendern bewirbt, erhält er erste Rollenangebote und zählt bald zu den bekanntesten Fernsehgesichtern. Die erste Rolle hat er in der ersten Staffel von PRAXIS BÜLOWBOGEN, gibt einen Toten in einem Schimanski-TATORT und spielt eine stumme Rolle in Wim Wenders DER HIMMEL ÜBER BERLIN (1987). In RÜCKKEHR ZUM LEBEN (1991) von Hans Werner stellt er den Leistungssportler Wolfgang Thom dar, der durch einen Autounfall zeitlebens an den Rollstuhl gefesselt ist. Besonders populär wird er mit der Rolle des allein erziehenden Kommissar Andreas Wolff in WOLFFS REVIER, den er ab 1992 für SAT.1 verkörpert. Die erste eigen produzierte Serie des Privatsenders hält es mehr als ein Jahrzehnt auf dem Bildschirm. Für die Serie arbeitet er auch als Drehbuchautor und probiert sich seit 2000 zudem als Regisseur. Ebenfalls bei SAT.1 spielt er in DIE FALLE (1995) den deutschen Ehemann Peter Fendt, der sich an der Costa Brava in eine Spanierin verliebt.

Jürgen Heinrich lebt mit seiner Ehefrau Gabrielle, mit der er seit 1972 verheiratet ist, und seinen Kindern Katja (geb. 1975) und Fabian (geb. 1978) in Berlin-Friedenau.

Zusammengestellt von Ines Walk. Stand: September 2006

Filmstill zu DER SCOUT (R: Dshamjangijn Buntar, Konrad Petzold, 1982) Fotografen: Bredow, Goldmann, Kagermann, Öldsijbajar

Filmstill zu DER KLEINE ZAUBERER UND DIE GROSSE 5 (R: Erwin Stranka, 1976) Fotograf: Dietram Kleist

Auszeichnung

  • 1993: Adolf Grimme-Preis für WOLFFS REVIER

Literatur

  • Anna Stefan: Zum Beispiel Jürgen Heinrich, in: Filmspiegel 21/1977.
  • Klaus Klingbeil: Im Vorspann - Jürgen Heinrich, in: Berliner Zeitung, 22.11.1980.
  • Brigitte Müller: Rückkehr und Abschied. Neuer DFF-Film mit Jürgen Heinrich, in: Tribüne, 26.09.1990.
  • Thomas Schuller: Der Schauspieler Jürgen Heinrich über seine Rolle in der Krimiserie WOLFSS REVIER, in: Süddeutsche Zeitung, 7.10.1993.
  • Frank Junghänel: Der Schauspieler Jürgen Heinrich über sich und seine Rolle in der SAT-1-Krimiserie WOLFFS REVIER, in: Berliner Zeitung, 27.1.1994.
  • Michael Maciejok: Schauspielerische Phantasie erneuern [Interview], in: Märkische Allgemeine, 3.2.1995.
  • Christian Schröder: Großstadtbulle mit Melancholikerblick, in: Der Tagesspiegel, 4.3.1995.
  • Susanne Lost: Was der Löwe will, das kriegt er auch - Er ist der Dickschädel unter den deutschen TV-Kommissaren: Jetzt geht Jürgen Heinrich bei SAT 1 wieder als "Kommissar Wolff" auf Ganovenjagd, in: Berliner Morgenpost, 10.3.1996.
  • Konstantin Lange: Ein Kommissar mit Charakter, in: Berliner Zeitung, 29.2.1996.
  • Ralf Schenk: Zwischen Märchenfilmen und hartem Realismus - Vom DEFA-Fremdenlegionär in ZUM BEISPIEL JOSEF zum SAT.1-Kommissar Wolff. Die Wege des Schauspielers Jürgen Heinrich, in: Schweriner Volkszeitung, 3.5.1997.

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