Karl Heinz Lotz

Drehbuchautor, Produzent, Regisseur

* 27. November 1946 in Teicha

Biografie

Der Regisseur Karl Heinz Lotz gehört zur letzten, gehandicapten Generation von DEFA-Regisseuren. Erst nach fünf Jahren Regie-Assistenz kann er seinen ersten eigenen Film vorlegen. Es sind Kinder- und Jugendfilme, mit denen er ein breites Publikum überzeugt. Besonders sein Film RÜCKWÄRTSLAUFEN KANN ICH AUCH (1990) erregt Aufmerksamkeit, da es der erste DEFA-Spielfilm ist, der sich mit dem Thema der körperlichen Behinderung auseinandersetzt. Ohne Wehleidigkeit, mit Humor und Ironie, wird das Leben eines kleinen, behinderten Mädchens geschildert, die normal wie alle anderen Kinder behandelt werden will.

Karl Heinz Lotz wird am 27. November 1946 in Teicha, bei Halle geboren. Sein Vater arbeitet als Schlosser, seine Mutter ist Hausfrau. Sein Abitur absolviert er 1965 an der Erweiterten Oberschule "Fränkische Stiftung" in Halle. Danach beginnt er eine Lehre als Elektromonteur. Zunächst entscheidet er sich für ein Studium der Physik und Mathematik an der Pädagogischen Hochschule "Karl Liebknecht" in Potsdam, bricht aber nach einem Semester ab. In der Folge ist er als Hilfsarbeiter beschäftigt, verdient sich seinen Lebensunterhalt in einer Brikettfabrik und einer Brauerei, arbeitet als Dekorateur beim Konsum, als Beleuchter am Hans Otto-Theater in Potsdam.

1970 erhält Karl Heinz Lotz eine Anstellung beim DEFA-Studio für Spielfilme, ist dort als Aufnahmeleiter tätig, später beim Fernsehen der DDR als Regie-Assistent beschäftigt. Er bewirbt sich an der Hochschule für Film und Fernsehen für das Fach Regie und wird ohne einen delegierenden Betrieb 1971 angenommen. In seinem Diplomfilm ELSE, ELLA UND EMMA (1975) porträtiert er drei Frauen, die über 20 Jahre in Eisenhüttenstadt leben und im Bandstahlkombinat arbeiten.

Im Anschluss an das Studium ist er fünf Jahre als Regie-Assistent im DEFA-Studio für Spielfilme tätig. Er arbeitet unter anderem mit dem Regisseur  Roland Oehme zusammen, ist an dessen Komödie EIN IRRER DUFT VON FRISCHEM HEU (1977) beteiligt; er ist Assistent bei  Egon Schlegel und dem Kinderfilm DAS PFERDEMÄDCHEN (1979) und sammelt Erfahrungen bei  Roland Gräfs P.S. (1979) sowie bei Regisseur  Rainer Simon und dessen Film DAS LUFTSCHIFF (1983).

Anfang der 80er Jahre erhält Karl Heinz Lotz die Chance für sein Spielfilmdebüt. Er verfilmt die Geschichte von Jens Bahre DER DICKE UND ICH (1981), einen Kinderfilm über den 9-jährigen Florian, dessen Eltern sich scheiden lassen wollen. Der neue Freund der Mutter wird argwöhnisch von ihm beobachtet und bekämpft. Als sich seine Mutter wegen den Streitigkeiten von ihm trennen will, raufen sich alle drei zusammen und beginnen ein neues Leben. Dem Filmteam gelingt es mit psychologischem und künstlerischem Fingerspitzengefühl, die Sichtweise des Jungen und der Erwachsenen deutlich zu machen. Der Regisseur nimmt den Jungen überaus ernst.

Der zweite Film des Regisseurs wird JUNGE LEUTE IN DER STADT (1985) nach dem gleichnamigen Roman von Rudolf Braune. Geschildert wird ein Tag im Berlin der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre. Die Wege eines Taxifahrers, eines Arbeitslosen, zweier Tanzgirls und eines Polizisten kreuzen sich. Der Regisseur konzentriert sich ganz auf die Figuren und die Situationen, erreicht dadurch Authentizität und Dichte des Materials. Dokumentarisches und Fiktives stehen sich gegenüber, atmosphärisch werden die letzten Jahre der Weimarer Republik eingefangen. Beim Max Ophüls-Preis in Saarbrücken 1987 erhält der Regisseur für seinen Film den Preis des saarländischen Ministerpräsidenten.

Zwischenzeitlich arbeitet Karl Heinz Lotz auch in anderen Bereichen. Mitte der 80er Jahre produziert er das Hörfunk-Feature "Vielleicht gibt es einen Himmel mit Pferden" über den 91jährigen deutschen Veteranen Rudolph Meffner, der einer der letzten noch lebende deutschen Kavallerist des Revolutionskampfes von 1917 bis 1922 in Russland ist. Aus dem Material entsteht der Dokumentarfilm JUNGS, WIR LEBEN NOCH (1986). Karl-Heinz Lotz beobachtet genau in dem sorgfältig inszenierten Alten-Porträt, der Protagonist fällt durch Frische und Witz im Gespräch auf. Auf dem Internationalen Filmfestival in Oberhausen wird die Dokumentation ausgezeichnet.

Mit EISENHANS (1988) bearbeitet der Regisseur einen Gebrüder Grimm-Stoff. In dem Märchen begehren zwei Königskinder, Prinz Joachim und Prinzessin Ulrike, gegen ihre schmarotzenden Väter auf. Der Film, der sich an den klassischen DEFA-Märchen orientiert, zählt zu den eigenwilligsten Arbeiten für ein junges Kinopublikum. Er bietet großen Ideenreichtum, versucht neue Aspekte aus der alten Geschichte zu gewinnen. Von der Presse wird er positiv aufgenommen, an den Kinokassen ist er - vielleicht weil er für Kinder zu schwierig ist - kein Erfolg.

Auch sein nächster Film wird wieder einer für Kinder. RÜCKWÄRTSLAUFEN KANN ICH AUCH (1990) ist der erste DEFA-Spielfilm, der sich mit dem Thema der körperlichen Behinderung auseinandersetzt. Die 7-jährige Kati ist behindert, Spastikerin. Sie will unbedingt auf eine "normale" Schule gehen, darum kämpft sie und scheitert letztlich. Aber eine Niederlage ist dies für 'Humpelstilzchen' nicht. Bereits 1983 wird das Filmprojekt vom Drehbuchautor Manfred Wolter eingereicht, aber von den DEFA-Verantwortlichen nicht zugelassen. Erst kurz vor dem Zusammenbruch der DDR beginnen die Dreharbeiten. Ohne Wehleidigkeit, mit Humor und Ironie, wird das Leben der kleinen Kati geschildert. Regisseur und Drehbuchautor prangern die Ausgrenzung Behinderter an und entlarven die 'Normalen', die ihre Sicht auf die Welt monopolisieren.

In dem TV-Film DIE MAUERBROCKENBANDE (1990) blickt der Regisseur auf die 12jährige Marion, die mit ihren Eltern im Sommer 1989 über die "grüne Grenze" nach Ungarn in den Westen geht. Sie wird nicht gefragt und findet sich in einem unbekannten Westteil ihrer Heimatstadt Berlin wieder, wo sie kurz nach dem 09. November gemeinsam mit anderen Kindern Mauerbrocken verkauft. Aus der Sicht der Kinder schildert der Film einfühlsam Stimmungen, Konflikte, Hoffnungen und Enttäuschungen von der Zeit der Massenflucht aus der DDR bis hin zum Abbruch der Mauer. Aus Anlass des 200. Todestages von Wolfgang Amadeus Mozart entsteht der historische Kinderfilm DIE TRILLERTRINE (1991) über die musikalische Trine, die dem Komponisten durch halb Europa hinterher reist, um Noten von ihm für ein Rondo zu erhalten. Der Film, entstanden als Koproduktion zwischen der DEFA-Studio Babelsberg GmbH und der Regina Ziegler-Produktion, ist eine der letzten Produktionen der DEFA. Spannend und heiter wird die Geschichte präsentiert, Kinder sollen mit der Musik des Komponisten vertraut gemacht werden. Nach der Abwicklung der DEFA erhält der Regisseur seine Entlassung. Er gründet gemeinsam mit dem Dokumentarfilmer Rainer Ackermann eine eigene Produktionsfirma mit Sitz in Potsdam-Babelsberg. Hier entsteht unter anderem der TV-Dokumentarfilm UNSERE BÖSEN KINDER (1992) mit Kindern, die auf der Straße leben. Konflikte mit den Eltern haben sie aus dem Haus getrieben.

Karl Heinz Lotz übt an verschiedenen Hochschulen eine Lehrtätigkeit aus, unter anderem an der Hochschule für Film und Fernsehen Babelsberg, der Hochschule für Theater und Musik Rostock und der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin. Von 1995 bis 1997 ist er Festivaldirektor des "Schweriner Filmkunstfest".

Karl Heinz Lotz heiratet 1970. Seine Frau Brigitte Lotz arbeitet als Ärztin und zieht 1990 für die Grünen in das Potsdamer Stadtparlament ein. Gemeinsam haben sie zwei Söhne, Gregor (geb. 1970) und den adoptierten David (geb. 1978). Die Familie lebt in Potsdam.

Zusammengestellt von Ines Walk.

Stand: Mai 2006

Auszeichnungen

  • 1987: JUNGE LEUTE IN DER STADT - Max-Ophüls-Preis Saarbrücken: Preis des saarländischen Ministerpräsidenten (Interfilm-Jury)
  • 1987: JUNGS, WIR LEBEN NOCH - Internationales Filmfestival Oberhausen: Scotti-Preis
  • 1989: Ehrendiplom beim Goldenen Spatz Gera
  • 1990: MAUERBROCKENBANDE - Fernsehpreis des Bundesministers für innerdeutsche Beziehungen: Jakob-Kaiser-Preis
  • 1991: RÜCKWÄRTSLAUFEN KANN ICH AUCH - Kinder- und Jugendfilmfestival Gera: Goldener Spatz in der Kategorie Spielfilm

Literatur

  • Karl Heinz Lotz: Die Wechselwirkung von Pathos und Ironie als Wertungsmöglickeit bei der Gestaltung gesellschaftlicher Widersprüche, abgehandelt an "Kalina Krasnaja", Diplomarbeit im Fachbereich Regie 1976, Standort: Hochschule für Film und Fernsehen, Potsdam-Babelsberg.
  • Karl Heinz Lotz: Kalina Krasnaja, in: Filmwissenschaftliche Beiträge 02/1977.
  • Fred Gehler: Es war mein Traum von Anfang an [Interview], in: Sonntag, 01.12.1985.
  • Ida Falken: Gespräch mit Regisseur Karl Heinz Lotz, in: Filmspiegel 23/1985.
  • Beatrix Langner: Eisenhans - Ein Gegenentwurf. Gespräch mit dem DEFA-Regisseur Karl Heinz Lotz, in: Sonntag, 02.10.1988.
  • Axel Geiß: ... eine Frage der Kraft [Interview], in: Filmspiegel 02/1990.
  • Sabine Wagner: Wer trillert, hungert nicht. Karl Heinz Lotz beendete Dreharbeiten zu neuem DEFA-Kinderfilm, in: Der Tagesspiegel, 11.01.1991.
  • Michael Maciejok: Nach DEFA-Jahren nun eigene Firma [Interview], in: Märkische Allgemeine Zeitung, 25.03.1992.
  • o. A.: Karl Heinz Lotz, in: Dietmar Hochhuth (Hrsg.): DEFA NOVA – nach wie vor? Versuch einer Spurensicherung, Stiftung Deutsche Kinemathek 1993.
  • Hans-Michael Bock: Karl Heinz Lotz, in: cinegraph (Loseblattsammlung)

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