Kurt Weiler

Regisseur

* 16. August 1921 in Lehrte; † 2. August 2016 in Kleinmachnow

Biografie

Kurt Weiler

auf der 4. Preisverleihung der DEFA-Stiftung am 25. November 2004 im Kino Babylon (Fotografin: Sandra Bergemann)

Der Trickfilmer Kurt Weiler hat sich von seinem ästhetischen Anspruch nicht abbringen lassen. Frühzeitig entdeckt er den Animationsfilm für sich - aber jenseits des naturalistischen Stils a la Disney. In der DDR wird er einer der wichtigen Avantgardefilmer, der unbeirrt auf anspruchsvolle Experimente in Stil und Material setzt. Seine Themen sind ebenfalls komplex: In jedem noch so kleinen Märchen, welches er phantasievoll in Szene setzt, stecken philosophische Exkurse über Krieg, Ausbeutung und Macht.

Kurt Weiler wird am 16. August 1921 in Lehrte geboren. Sein Vater ist Kaufmann. Bis zur 11. Klasse besucht er ein Gymnasium. Danach absolviert er eine Lehre als Kaufmann in der 15 km entfernten Landeshauptstadt Hannover. In seiner Heimatstadt wird er als 17jähriger am 10. November 1938, einen Tag nach den Pogromen gegen jüdische Bürger, gemeinsam mit seinem Vater verhaftet. Der Vater und alle männlichen Juden der Stadt kommen nach Sachsenhausen. Er wird wegen seines Alters freigelassen und gelangt mit einem Kindertransport 1939 nach England.

In Oxford studiert Kurt Weiler an der City School of Arts and Crafts im selben Jahr Malerei und Graphik. Nach dem Kriegsbeginn wird er als 'feindlicher Ausländer' eingestuft und in einem Lager interniert. Im Anschluß an seine Freilassung zieht er nach London und kommt mit linksgerichteten Kreisen in Kontakt. Er lebt in einem Jugendgemeinschaftshaus, arbeitet als Gärtner, Kellner und Eisenbahner. Kurt Weiler wird Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ), die sich in Großbritannien gegründet hat. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kann er seiner Passion weiter nachgehen. Kurse in Malerei und Grafik schulen sein Handwerk. Zudem interessiert er sich für Filmtheorie sowie die Geschichte des Mediums und wird Mitglied in einem Filmclub.

Seine erste Beschäftigung beim Film erhält er vom Trickfilmer Peter Sachs von der Filmfirma Larkins & Co. Dieser engagiert ihn als Schnitt- und Regieassistenten, setzt ihn auch als Animator für Zeichentrick-Werbefilme ein. Kurt Weiler lernt hier das Handwerk des Trickfilmers, ist in klassischer Animation ebenso zu hause wie im plastischen Trickfilm und im Modelltrick. Er selbst bekundet später, hier seine wichtigsten Impulse für spätere Arbeiten jenseits des Disney-Naturalismus erhalten zu haben. Nachdem das Studio 1950 aufgelöst wird, siedelt Kurt Weiler in die DDR über. Zunächst findet er vorübergehend Beschäftigung bei der DEFA, die sein Potenzial aber nicht erkennt und Weiler verlässt die Produktionsfirma kurze Zeit später wieder, um ein Puppentheater in Berlin-Weißensee zu leiten. Sein erste Puppentrickfilm OSKAR KULICKE UND DER PAZIFIST (1952) entsteht hier. Der Film ist eine Minute lang und setzt sich mit der Wiederbewaffnung Deutschlands auseinander.

Einer Tätigkeit bei der DEFA steht nun nichts mehr im Wege. Im DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme inszeniert er DIE WIPPE (1955), einen Puppentrickfilm, der ähnlich wie seine erste Animation, die Wiederbewaffnung thematisiert. Diesmal nimmt der Regisseur eine Reportage in der Berliner Zeitung zum Anlass, um gegen die amerikanische Armee im westlichen Deutschland zu argumentieren. Der Film - politisch durchaus den damaligen Interessen genehm - wird für öffentliche Aufführungen gesperrt, da er ästhetisch nicht ins Konzept passt. Im gleichen Jahr verlässt Kurt Weiler Berlin und geht ins neu gegründete DEFA-Studio für Trickfilme nach Dresden.

Zunächst setzt der Regisseur - meistens mit dem Kameramann Erich Günther - lehrreich inszenierte Märchen- und Kinderfilme um. So entstehen DIE GESTOHLENE NASE (1956), DAS FASCHINGSKOSTÜM (1956) und DIE GESCHICHTE VON DEN FÜNF BRÜDERN (1957). Aber die Filme entsprechen nicht seinen künstlerischen Ansprüchen, zu eingeengt fühlt er sich im Studio unter der Leitung von Johannes Hempel, welcher sich streng an die Regeln des sozialistischen Realismus halten will. Kurt Weiler verlässt Dresden und geht zurück nach Berlin. Hier arbeitet er für die Deutschen Werbe-AG, später setzt er seinen einzigen Spielfilm DER VERLORENE BALL (1959) in Szene. Nach einem Szenarium von Wera Küchenmeister und Claus Küchenmeister erzählt er die Geschichte eines Balles, der plötzlich lebendig wird und alle Kinder fasziniert. Das Mädchen, dem der Ball gehört, will aber nur allein damit spielen und merkt erst spät, dass dies kein Spaß macht. Daneben dreht er für die populäre Stacheltier-Produktion. Seine beiden Arbeiten werden aber für Aufführungen nicht zugelassen.

1963 beschäftigt ihn das DEFA-Studio für Kurzfilme. Hier entstehen populärwissenschaftliche Dokumentationen. Besonders erfolgreich wird die Serie NÖRGEL UND SÖHNE (1967-1968). In der Reihe geht das Filmteam der Entstehung des Geldes nach, stellt die Geschichte der Menschheit von der Sesshaftwerdung bis zur Erfindung des Geldes als Tausch-Äquivalent dar. Die Utopie MACHEN IM JAHRE 2001 ALLES DIE MASCHINEN (1967) thematisiert das problematische Verhältnis von Mensch und Maschine.

Daneben ist er Gastregisseur in Dresden, inszeniert Kinofilme und arbeitet dabei eng mit dem Bühnenbildner Achim Freyer, Ezio Toffolutti, Gabrielle Koerbl und dem Theaterregisseur Einar Schleff zusammen. Die Zeichentrickfilme sind ästhetisch eigenwillig und anspruchsvoll, abstrahieren Puppen und Gegenstände, revolutionieren die Verwendung von unüblichen Materialien für den Zeichentrick. Die Themen, denen sich das Filmteam stellt, sind komplex und werden philosophisch überhöht dargeboten. So entstehen Trickfilmklassiker wie DAS TAPFERE SCHNEIDERLEIN (1964) und HEINRICH DER VERHINDERTE (1966), der auszog, um Polens Thron zu besteigen, aber auf dem Misthaufen endet. Letzterer gefällt dem Ministerium für Kultur überhaupt nicht: Die Anti-Kriegsparabel wird nach kurzer Zeit aus den Kinos entfernt. In DAS GESCHENK - EINE BEINLICHE GESCHICHTE (1974) gibt es aufklappbare Köpfe, deren Inhalt entsorgt werden kann. REKONSTRUKTION EINES BERÜHMTEN MORDFALLES (1975) schildert die Legende der biblischen Geschichte von Kain und Abel, an deren Beispiel die Entstehung der Ausbeutung illustriert wird. Ab Mitte der 1970er Jahre übernimmt Kurt Weiler auch Aufträge vom DEFA-Studio für Spielfilme. Er stellt Trickteile für einige Filme her.

In KONZERT FÜR BRATPFANNE UND ORCHESTER (1976) von Hannelore Unterberg animiert er das Orchester, in EIN SCHNEEMANN FÜR AFRIKA (1977) von  Rolf Losansky wandert ebensolcher auf einen Schiff durch die Hitze. Ab 1977 ist der Regisseur beim DEFA-Studio für Trickfilme angestellt und gehört dort bis 1989 zu den führenden Mitarbeitern. Aus bekannten Sagen und Märchen konstruiert er komplexe Geschichten, die immer auch weltanschauliche Exkurse bieten. Der Film DIE SUCHE NACH DEM VOGEL TURLIPAN (1977) wird in ästhetischer Hinsicht eines seiner wichtigsten Werke. Verlacht von seinen Kollegen, zieht ein Dekan aus der Stadt Salamanca los, um den sagenhaften Vogel Turlipan zu finden. Der Film ist überaus fantasievoll gestaltet, adelt zudem Eigenschaften wie Mut und Neugierde. Das Märchen DIE GESCHICHTE VOM KALIF STORCH (1984) gerinnt zu einem Aufruf an alle Herrscher, sich um die Sorgen und Nöte ihres Volkes zu kümmern. In dem Collagetrickfilm ERINNERUNG AN EIN GESPRÄCH (1984) lässt der Regisseur die Figuren des Pergamonaltars lebendig werden und über die Sinnlosigkeit des Krieges reflektieren.

Seit Mitte der 1980er Jahre engagiert sich der Künstler in der Asifa, einer Vereinigung von Trickfilmer, die sich um die Bewahrung und Archivierung internationaler Animationsfilme bemüht. Von 1987 bis 1998 ist Kurt Weiler an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam Babelsberg als Lehrbeauftragter für die Geschichte und Ästhetik des Anima-tionsfilms beschäftigt. Er erhält zahlreiche Auszeichnungen für seine Filme und sein Lebenswerk. Plane für verschiedene Filmarbeiten, zum Beispiel die filmische Adaption von Aristophanes "Frieden", können leider nicht realisiert werden.

Kurt Weiler ist ab 1952 mit der Autorin Hanna Weiler verheiratet, die auch mehrfach mit ihm an den Drehbüchern seiner Filme arbeitet. Seine Tochter Kathrin Weiler (geb. 1952) ist auch im Filmbereich tätig und arbeitet als Cutterin.

Kurt Weiler stirbt am 2. August 2016 in Kleinmachnow bei Potsdam.

Verfasst von Ines Walk. (Stand: August 2005)

Filmstill aus "Die gestohlene Nase"

Filmstill zu DIE GESTOHLENE NASE (R: Kurt Weiler, 1955) Fotograf: Erich Günther

 Filmstill aus "Die gestohlene Nase"

Filmstill zu DIE GESTOHLENE NASE (R: Kurt Weiler, 1955) Fotograf: Erich Günther

Auszeichnungen

  • 1956: EINE UNGLAUBLICHE GESCHICHTE - Kultur- und Dokumentarfilmwoche Leipzig: Ehrende Anerkennung
  • 1957: DIE GESTOHLENE NASE - Internationale Filmfestspiel Moskau: Silbermedaille
  • 1958: EINE UNGLAUBLICHE GESCHICHTE - Internationales Puppen- und Marionettenfilmfestival Bukarest: Diplom
  • 1965: Artur Becker Medaille
  • 1968: NÖRGEL UND SÖHNE - Internationales Filmfest für Kurz- und Dokumentarfilme Leipzig: Silberne Taube
  • 1969: DER APFEL - Internationales Filmfest für Kurz- und Dokumentarfilme Moskau: Goldmedaille
  • 1969: Heinrich-Greif-Preis III. Klasse für das Gesamtschaffen und die NÖRGEL-Filme an das Kollektiv Kurt Weiler und Erich Günther
  • 1971: DER LÖWE BALTHASAR - Internationales Kurzfilmfestival Bilbao: Ehrendiplom
  • 1973: DIE NUSS - Jugendfilmwoche Erfurt: Preis des Ministers für Kultur der DDR
  • 1975: REKONSTRUKTION EINES BERÜHMTEN MORDFALLES - Internationales Filmfest für Kurz- und Dokumentarfilme Leipzig: Ehrende Anerkennung
  • 1976: KONZERT FÜR BRATPFANNE UND ORCHESTER - Internationaler Filmtechnischer Wettbewerb Moskau: Grand Prix für die tricktechnische Gestaltung
  • 1976: Kunstpreis der DDR
  • 1982: Nationalpreis der DDR III. Klasse
  • 1989: Fontane-Preis des Rates des Bezirkes Potsdam
  • 2004: Preis der DEFA-Stiftung

Literatur

Eigene Texte:

  • Alfred Hirschmeier: Gedanken zum Puppentrickfilm. Eine Anregung zur Diskussion, in: Deutsche Filmkunst, Nr. 05/1954.

Fremde Texte:

  • Bernt Karger-Decker: Oskar Kulicke und Frau Holle. Kurt Weiler und FDJ-Mitglieder drehten ersten Streifen, in: Mitteldeutsche Neueste Nachrichten, Leipzig, 30.07.1952.
  • o. A.: Oskar Kulicke und der Pazifist, in: Deutschlands Stimme, Berlin/DDR, Nr. 39/1952.
  • Bert Kirfel: Apfel und Erkenntnisse, in: Filmspiegel, Nr. 20/1969.
  • Wieland Becker: Mut zur Phantasie, in: Film und Fernsehen, Nr. 03/1976.
  • Lutz Pretzsch: Positiver Held - tapferes Schneiderlein. Bei Regisseur Kurt Weiler in die DEFA-Trickfilmkiste geschaut, in: Berliner Zeitung, 19.06.1977.
  • Wieland Becker: Im Phantastischen Wirkliches zeigen, in: Film und Fernsehen, Nr. 02/1983.
  • Helmut Ullrich: Ich bin ein Suchender. Begegnung mit dem Trickfilm-Regisseur Kurt Weiler, in: Filmspiegel, Nr. 24/1984.
  • Eleonore Sladeck: Regieporträt Kurt Weiler, in: Norddeutsche Neueste Nachrichten, 22.01.1985.
  • S. Sch.: Unentwegtes Suchen nach neuen Inhalten, in: Sächsische Zeitung, 19.08.1986.
  • Wieland Becker: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, in: Film und Fernsehen, Nr. 02/1988.
  • Rolf Richter: Eine Chance für Phantasie, in: Film und Fernsehen, Nr. 12/1990.
  • Günter Agde: Kurt Weiler: Trick- und Werbefilme aus zwei Jahrzehnten, in: Filmblatt, Nr. 19/1998.
  • Martin Mund: Ein Meister des Tricks - DEFA-Regisseur Kurt Weiler wird heute 80 Jahre alt, in: Neues Deutschland, 16.08.2001.
  • Ralf Schenk:  König Pyrrhus und Kalif Storch. Kurt Weiler - Ein Meister des Puppentricks, in: film-dienst 19/2003.

DEFA-Filmografie

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