Lew Hohmann

Regisseur, Drehbuchautor

* 22. Juli 1944 in Schmiedeberg (Kowary), Schlesien

Biografie

Porträt von Lew Hohmann

Lew Hohmann

Foto: Joanna Jambor

Lew Hohmann gehört zu den wichtigen Dokumentaristen der DEFA. Von 1972 bis 1991 arbeitet er als Regisseur am DEFA-Studio für Dokumentarfilme. Bekanntheit erlangte er vor allem durch seine Trilogie über die Familie Wolf und seine Dokumentarfilme für Kino und Fernsehen sowie die Geschichtsdokumentationen nach 1990.

Hohmann wird im letzten Kriegsjahr, am 22. Juli 1944, im schlesischen Schmiedeberg geboren. Der Vater kehrt aus dem Krieg nicht mehr zurück. 1945 zieht die Mutter mit ihrem Sohn nach Halle. Dort geht Hohmann zur Schule, absolviert das Abitur (mit Facharbeiterlehre zum Schlosser) und beginnt an der Technischen Hochschule in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) ein Maschinenbau-Studium. Parallel zum Studium macht er eine praktische Lehre zum Dreher. 1965 bricht er das ungeliebte und zunehmend vernachlässigte Studium ab, und geht als Beleuchter ins Opernhaus in Chemnitz.

1967 absolviert er das Volontariat beim DDR-Fernsehen und wird ein Jahr später für das Regie-Studium an der Filmhochschule in Babelsberg angenommen. In der Aufbauphase des Zweiten Programms des Fernsehens der DDR werden mehr Studenten als sonst aufgenommen. Sie sollen für die spätere Fernseharbeit ausgebildet werden. Als Hohmann 1972 sein Regie-Diplom erhält, muss er  – „Gott sei Dank“ (Richter, 2012, S. 171) – nicht zum Fernsehen gehen. Er wird Nachwuchsregisseur beim DEFA-Studio für Dokumentarfilme in der Gruppe „Document“. Hier verfilmt er zunächst vorrangig Stoffe, die bereits vorliegen, beziehungsweise ihm zugeteilt werden. 

Ab 1977 hat Hohmann die Möglichkeit, eigene Stoffe zu entwickeln und umzusetzen. Gleich einer seiner ersten Filme ist eine ungewöhnliche Produktion und entzieht sich den damaligen theoretischen Vorstellungen der dokumentarischen Filmgattung. Unter dem umständlich-verspielten Titel WARUM SICH DER 60. JAHRESTAG DER OKTOBERREVOLUTION NICHT FÜR DIE WODKAWERBUNG IN DER BUNDESREPUBLIK EIGNET (1977) schneidet Hohmann Interviews, die er in Fußgängerzonen der BRD und mit westdeutschen Gewerkschaftern geführt hat, zu einer satirischen Kompilation zusammen.

Hohmanns Filme über Martin Luther, die im Rahmen des 500. Geburtstags des Reformators entstehen, nehmen sich im Vergleich zu dem großen, fünfteiligen TV-Spielfilm von Kurt Veth geradezu leise, gedankenvoll und kritisch aus. In BÜRGER LUTHER – WITTENBERG 1508-1546 (1981) versucht er, dem historischen Luther auf „Augenhöhe“ zu begegnen und zeigt ihn als Bürger der Stadt Wittenberg, denn als protosozialistischen Helden, wie dies im Anschluss an Lenins Sicht auf Thomas Müntzer behauptet wurde. Einen frischen Blick eröffnet Hohmann auch in seinem kurzen Trickfilm COPYRIGHT BY LUTHER (1983), in dem er mit Kartonfiguren die Mediengesellschaft zur Zeit der Reformationen mit ihren zueinander in Konflikt stehenden Interessen beleuchtet.

Im Zentrum von Hohmanns Werk steht die Beschäftigung mit der Familie Wolf. 1985 dreht er gemeinsam mit  Wolfgang Kohlhaase einen Dokumentarfilm über den 1981 verstorbenen Regisseur  Konrad Wolf, in dem er viele Weggefährten zu Wort kommen lässt, darunter auch Wolfs Bruder Markus, den langjährigen Leiter des DDR-Auslandsnachrichtendienstes Hauptverwaltung Aufklärung beim Ministerium für Staatssicherheit. 1988 folgt ein Film über den Vater Konrad Wolfs, den Arzt, Kommunist und Dichter Friedrich Wolf. Der Film ist mehr als nur ein biografisches Porträt, es ist bereits die Beschreibung einer Familie und einer Epoche. 1998 dreht Hohmann einen zweiteiligen Film über Markus Wolf.

Filmstill zu "Aschermittwoch"

ASCHERMITTWOCH (R: Lew Hohmann, 1989) Fotograf: Christian Lehmann

Filmstill zu "Kein Abschied - nur fort"

KEIN ABSCHIED - NUR FORT (R: Lew Hohmann & Joachim Tschirner, 1991) Fotograf: Gunther Becher

Vielfach setzt sich Hohmann in den Wendejahren mit den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen in der DDR auseinander. Im Verband der Film- und Fernsehschaffenden versucht er als Leiter der Arbeitsgruppe „Arbeits- und Lebensbedingungen beim DDR-Fernsehen“ eine Diskussion über die zum Teil unerträgliche Reglementierung der Kollegen durch die dogmatische Leitung des DDR-Fernsehens in Gang zu bringen. 1989 entsteht sein Kurz-Dokumentarfilm ASCHERMITTWOCH (Co-Autor: Jochen Wisotzki). Die Autoren porträtieren eine alleinerziehende sechsfache Mutter, die als Kassiererin im Prenzlauer Berg arbeitet und versucht, das Leben ihrer Familie bestmöglich zu bewerkstelligen. Der Filmtitel ist Metapher für die sich anbahnenden Veränderungen dieser Zeit. Vier Mal kommt es in diesen Jahren zu einer Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Joachim Tschirner. Es entstehen zunächst DIESSEITS UND JENSEITS DER DEUTSCHEN GRENZE (1989/90) und KEINE GEWALT (1990). Letzterer dokumentiert die Ergebnisse einer Untersuchungskommission, in der auch Hohmann mitarbeitet. Die Kommission versucht die Ereignisse um die Übergriffe der Sicherheitskräfte in Ost-Berlin am 7. und 8. Oktober zu rekonstruieren. 1991 folgen ebenfalls in Zusammenarbeit mit Joachim Tschirner EIN SCHMALES STÜCK DEUTSCHLAND (1990, Co-Autor: Klaus Salge) und KEIN ABSCHIED – NUR FORT (1991). Flucht, Fortgang und Abschied sind starke inhaltliche Motive dieser Produktionen.

Nach der Auflösung des DEFA-Studios gelingt es Hohmann, verschiedene neue Projekte zu starten und Kooperationen zu initiieren. Zunächst gründet er mit ehemaligen Kollegen die Produktionsfirma Realfilm und wird 1991 Geschäftsführer der Tele Potsdam GmbH. Gesellschafter sind Alexander Kluge, Heiner Müller und Hans-Helmut Euler. Tele Potsdam bietet für die Kollegen der abgewickelten DEFA die Möglichkeit, Dokfilme zu realisieren. Als Produzent entwickelt Hohmann bei Tele Potsdam mehrere Dokumentarfilmformate. Für den DFF die Dokumentarfilmreihe „Das Fenster“ (24 Folgen) und für 3sat die Reihe „Fremde Kinder“ (über 30 Folgen). Insgesamt werden circa 100 Filme von ihm bei Tele Potsdam produziert. Seine Arbeiten erhalten mehrere Grimme-Preis-Nominierungen und Preise bei Festivals in Moskau, Krakau, Leipzig, Berlin, Tampere, Nyon, Sidney, Chicago und Cannes.

Ab 1997 entwickelt Hohmann als freischaffender Autor gemeinsam mit einem Team mehrere programmbegleitende Internetauftritte für dem ORB: „Chronik der Wende“, „Preußen – Chronik eines deutschen Staates“ und „Deutsche und Polen“. Bei seinen Filmprojekten konzentriert er sich auf historische Stoffe, dreht unter anderem DIE BRANDENBURGER. CHRONIK EINES LANDES (1998) oder DIE GESCHICHTE MITTELDEUTSCHLANDS (2005-2008). Damit gehört er nicht nur zu jenen Filmemachern, die den Trend an Geschichtsdokumentationen vorantreiben, der ab 2000 im Fernsehen einsetzt, sondern bricht auch mit bestimmten Regeln des DEFA-Dokumentarfilmschaffens: Neben Dokumenten und Zeitzeugen benutzt er auch die Methode des Reenactment, um mit inszenierten Episoden historische Vorgänge zu rekonstruieren. Bis 2012 ist Hohmann als Professor an der Hochschule Magdeburg-Stendal für Filmkonzeption, Dokumentarfilm, Medienrecht und Internationale Medienwirtschaft tätig.

Verfasst von Stephan Ahrens. (Stand: Juli 2019)

Literatur

Eigenene Veröffentlichungen:

  • Von der Flimmerkiste zum IP-TV? Hrsg. Kretzschmar, Mundhenke (Co-Autor)
  • Rundfunk in Ostdeutschland, Hrsg. Frey-Vor, Steinmetz (Co-Autor)
  • 3 Begleitbücher zu „Geschichte Mitteldeutschlands“ (Konzept und Co-Autor)
  • Begleitbuch „Preußen – Chronik eines deutschen Staates“ (Konzept und Co-Autor)
  • Begleitbuch „Die Brandenburger“ (Konzept und Co-Autor)
  • Um die Wahrheit kommt man nicht herum, Gespräch mit Markus Wolf, Dossier DIE ZEIT, 12.03.1989
  • Friedrich Wolf. Bilder einer deutschen Biographie. Henschel Berlin 1988.
  • Wirkungskriterien dokumentarer Genres im Fernseher der DDR. Ein Versuch zur Optimierung der Selbstrezension. Diplomarbeit HFF Potsdam-Babelsberg 1972.

Veröffentlichungen über Lew Hohmann:

  • Detlef Friedrich: Wenn Sonderprogramm angesetzt ist: Luther, Interview mit Lew Hohmann, in: Berliner Zeitung, 26. Mai 1983.
  • Gisela Harkenthal: „Nichts erzählen, was der Zuschauer besser weiß“, Gespräch mit dem Dokumenaristen Lew Hohmann, in: Der Sonntag, 18. Juni 1983.
  • Joachim Heise: Gespräch mit Lew Hohmann; in „Luther und die DDR“, Edition Ost, 1996, S.196-205
  • Anne Richter: Vom Regisseur zum Hochschullehrer. Gespräch mit Lew Hohmann. In: Ingrid Poss, Anne Richter, Christiane Mückenberger: DEFA-Dokumentarfilmer erzählen. Neues Leben Berlin 2012. S. 467 - 491.

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