Mathilde Danegger

Schauspielerin

* 2. August 1903 in Wien; † 27. Juli 1988 in Berlin

Biografie

Filmstill zu "Zeit zu leben"

Mathilde Danegger

in ZEIT ZU LEBEN (R: Horst Seemann, 1969) Fotograf: Peter Dietrich

Über Jahrzehnte ist die aus einer Künstlerfamilie stammende Schauspielerin Mathilde Danegger ein fester Bestandteil der Ost-Berliner Theaterszene. Ab den späten 1950er Jahren ist sie zunehmend in Kino- und Fernsehproduktionen zu sehen. Als Frau Holle begeistert sie in der gleichnamigen DEFA-Märchenverfilmung bis heute heranwachsende Kindergenerationen. Ihre einprägsame Stimmfarbe bleibt dem Publikum ebenso in Erinnerung, wie ihre mütterlichen Gesichtszüge, die zugleich Sanftheit und Witz aber auch Strenge und Disziplin ausstrahlen.

Mathilde Danegger wird 1903 unter dem bürgerlichen Namen Mathilde Deutsch, als Tochter der Schauspieler Bertha Müller (1866–1938) und Josef Danegger (1865–1933) in Wien geboren. Ihr Vater erlangt als langjähriger Oberregisseur des Zürcher Stadttheaters weitreichende Bekanntheit. Ihre Brüder Josef (1889–1948) und Theodor (1891–1959) sind ebenfalls als Schauspieler tätig.

Entgegen dem Wunsch des Vaters findet Mathilde Danegger bereits früh zur Schauspielerei. Im Alter von neun Jahren steht sie erstmals auf der Bühne. Unter der Regie von Max Reinhardt spielt sie 1914 am Deutschen Theater in Berlin. Danegger wird aufgrund ihrer Leistungen als Wunderkind gefeiert. Es folgen Engagements am Wiener Burgtheater sowie in Berlin, Brünn und von 1938 bis 1947 als festes Ensemblemitglied am Schauspielhaus Zürich. Als schauspielerische Vorbilder nennt sie Hedwig Bleibtreu, Helene Thimig und Therese Giehse.

Ab Beginn der 1920er Jahre ist Danegger auch auf der Leinwand zu sehen. Ihre ersten Rollen übernimmt sie in den Stummfilmen WEGE DES SCHRECKENS (1921) und DIE LAWINE (1923). Beide Produktionen entstehen unter der Regie des späteren Oscar-Preisträgers Michael Curtiz. In den 1930er Jahren folgen Engagements in Filmen ihres Ehemanns Walter Lesch. Mehrfach wird sie in Produktionen des Regisseurs Leopold Lindtberg besetzt.

Filmstill zu "Frau Holle"

Mathilde Danegger und Karin Ugowski in FRAU HOLLE (R: Gottfried Kolditz, 1963) Fotograf: Horst Blümel

Filmstill zu "Ach, du fröhliche..."

Mathilde Danegger in ACH, DU FRÖHLICHE... (R: Günter Reisch, 1962) Fotograf: Josef Borst

Im Herbst 1947 verlässt Danegger die Schweiz. Zunächst zieht sie nach Wiesbaden, später nach Schwenningen. 1951 siedelt sie auf Wunsch Helene Weigels in die DDR über und spielt bis 1953 am Berliner Ensemble. Im Anschluss wirkt sie 20 Jahre als Ensemblemitglied am Deutschen Theater. Zu ihrem Rollen-Repertoire zählen Charaktere wie Frau Marthe Rull in „Der zerbrochene Krug“, die Millerin in „Kabale und Liebe“ oder Daja in „Nathan der Weise“. Im Laufe ihrer Karriere spielt Danegger für eine Reihe bedeutender Theaterregisseure wie Benno Besson,  Bertolt Brecht, Adolf Dresen, Jürgen Fehling,  Wolfgang Heinz, Wolfgang Langhoff und Max Reinhardt.

Neben ihrer Theaterarbeit ist Danegger ab den späten 1950er Jahren auch in DEFA-Filmen und im Fernsehen der DDR zu erleben. Aufgrund ihrer markanten, eindringlichen tiefen Stimme wird sie für mehrere Dokumentarfilme als Sprecherin engagiert. Dazu zählen DU UND MANCHER KAMERAD (R: Andrew & Annelie Thorndike, 1956) und UNBÄNDIGES SPANIEN (R: Kurt & Jeanne Stern, 1962). Eine weitere Sprechrolle übernimmt sie als Erzählerin in  Konrad Wolfs Spielfilm LISSY (1957). Ihre erste Nebenrolle folgt in Joachim Kunerts EHESACHE LORENZ (1959). 1960 ist sie in der ostdeutsch-polnischen Co-Produktion BEGEGNUNG IM ZWIELICHT (R: Wanda Jakubowska) zu sehen.

Große Beachtung findet Daneggers Interpretation der Titelfigur in  Gottfried Kolditz‘ Märchenverfilmung FRAU HOLLE (1963). An der Seite von Karin Ugowski und Katharina Lind gibt Danegger eine hochgelobte Darstellung. Kolditz besetzt Danegger noch zwei weitere Male in seinen Filmen: In GELIEBTE WEISSE MAUS (1964) spielt sie die Rolle der Mutter Hirsch; in DAS TAL DER SIEBEN MONDE (1966) die alte Babka.

In Erinnerung bleibt Danegger als sorbische Landarbeiterin Marja Jantschowa im Fernsehfilm MUTTER JANTSCHOWA (R: Wolf-Dieter Panse, 1968), eine Adaption von Jurij Brězans Erzählung „Wie die alte Jantschowa mit der Obrigkeit kämpfte“. Mütterliche Charaktere ziehen sich wie ein roter Faden durch die weitere Filmografie der Schauspielerin: Die Rolle der Mutter Friedrich mimt sie in  Konrad Wolfs LEUTE MIT FLÜGELN (1960); die Großmutter in  Richard Groschopps DIE GLATZKOPFBANDE (1962),  Egon Günthers ABSCHIED (1968) und  Horst Seemanns ZEIT ZU LEBEN (1969). Filmkritikerin Renate Holland-Moritz bezeichnet Danegger nach ihrem Auftritt als großmütterliche Fürstin in  Werner W. Wallroths Komödie SEINE HOHEIT – GENOSSE PRINZ (1969) als „DEFA-Großmutter vom Dienst“.

Trailer zu WIE DIE ALTEN SUNGEN (R: Günter Reisch, 1986) Fotografen: Jörg Erkens, Dietram Kleist

1974 ist Danegger für die Titelrolle in Egon Günthers LOTTE IN WEIMAR (1974/75) im Gespräch. Der Part geht jedoch an Gast-Star Lilli Palmer. Für  Günter ReischWIE DIE ALTEN SUNGEN… kehrt Danegger 1986 – bereits schwer krank – für ein letztes Mal auf die Leinwand zurück. Die Rolle der Familienältesten der Familie Lörke spielt sie bereits im mehr als 20 Jahre zuvor gedrehten Vorgängerfilm ACH, DU FRÖHLICHE… (Günter Reisch, 1962). Postum wird 1990 Egon Günthers im Zuge des 11. Plenums des ZK der SED verbotene Komödie WENN DU GROSS BIST, LIEBER ADAM mit Danegger in der Rolle der Hausangestellten Frau Sonnenberg erstmals öffentlich präsentiert.

Zeit ihres Lebens ist Mathilde Danegger politisch engagiert. Geprägt wird sie bereits früh durch ihr politisch zerstrittenes Elternhaus: Daneggers Mutter ist Sozialdemokratin, ihr Vater überzeugter Kommunist. In den 1930er Jahren spielt sie im antifaschistischen Kabarett „Cornichon“ in Zürich. Ab 1943 engagiert sie sich in der Bewegung „Freies Deutschland“. In der DDR wird sie Vorstandsmitglied des FDGB. 1957 verteidigt sie in einem Brief an die SED-Parteiführung den inhaftierten Philosophen Wolfgang Harich. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns hält sie im Jahr 1976, anders als viele ihrer Kollegen, für rechtens. 

Drei Mal ist Mathilde Danegger verheiratet. Eine erste Ehe schließt sie mit dem Schauspieler Herbert Waniak. Aus einer Ehe mit dem Regisseur Walter Lesch geht ihr einziges Kind Karin Lesch (* 1935) hervor, die ebenfalls den Schauspiel-Beruf ergreift und den späteren DEFA-Generaldirektor Hans Dieter Mäde heiratet. 1938 lernt Danegger ihren dritten Ehemann Herbert Crüger kennen, mit dem sie bis zu ihrem Tod zusammenlebt. Crüger wird 1958 in einem Geheimprozess zu Unrecht wegen „staatsfeindlicher Tätigkeit“ inhaftiert. Danegger setzt sich über Jahre für die Freilassung ihres Mannes ein. 1961 wird ein von ihr verfasstes Gnadengesuch an Walter Ulbricht positiv entschieden.

Mathilde Danegger stirbt kurz vor ihrem 85. Geburtstag in Berlin.

Verfasst von Philip Zengel (Stand: Oktober 2019)

Filmstill zu "Geliebte weiße Maus"

Karin Schröder und Mathilde Danegger in GELIEBTE WEISSE MAUS (R: Gottfried Kolditz, 1964) Fotograf: Herbert Kroiss

Filmstill zu "Seine Hoheit - Genosse Prinz"

Rolf Ludwig, Jutta Wachowiak und Mathilde Danegger in SEINE HOHEIT - GENOSSE PRINZ (R: Werner W. Wallroth, 1969) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Auszeichnungen

  • 1955: Clara-Zetkin-Medaille
  • 1960: Kunstpreis der DDR
  • 1963: Vaterländischer Verdienstorden
  • 1969: Nationalpreis der DDR, II. Klasse
  • 1983: Ehrenspange zum Vaterländischen Verdienstorden
  • 1985: Wolfgang-Heinz-Ring
  • 1988: Stern der Völkerfreundschaft

Literatur

  • Heinz Hofmann: Mathilde Danegger, in: Renate Seydel (Hrg.): Schauspieler von Theater, Film und Fernsehen, Henschelverlag Berlin 1966.
  • Peter Ullrich: Garderobengespräch mit Mathilde Danegger, in: Theater der Zeit, Nr.  7, 1976.
  • Herbert Crüger: Verschwiegene Zeiten. Vom geheimen Apparat der KPD ins Gefängnis der Staatssicherheit. LinksDruck Verlag Berlin 1990.
  • Roland Berbig, Arne Born, Jörg Judersleben, Holger Jens Karlson, Dorit Krusche, Christoph Martinkat & Peter Wruck: In Sachen Biermann – Protokolle, Berichte und Briefe zu den Folgen einer Ausbürgerung. Ch. Links Verlag Berlin 1994.
  • Herbert Crüger: Ein alter Mann erzählt. Lebensbericht eines Kommunisten. GNN Verlag Schkeuditz 1998.
  • Frithjof Trapp, Bärbel Schrader & Dieter Wenk: Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933-1945, De Gruyter Berlin 1998.
  • Bernd-Rainer Barth: Mathilde Danegger, in: Wer war wer in der DDR? (5. Ausgabe), Ch. Links Verlag Berlin 2010.

DEFA-Filmografie

Eine erweiterte Filmografie können Sie unter filmportal.de einsehen.

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