Maxim Dessau

Regisseur

* 1954 in Berlin

Biografie

Der Regisseur Maxim Dessau darf nach seinem Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg sein viel versprechendes Talent, welches er in seinen Studentenfilmen bewiesen hat, nicht einsetzen. Ein erster eigener Film DER SCHNAUZER (1984) wird während der Dreharbeiten sabotiert, die Arbeit an dem Film muss später ganz abgebrochen werden. Um die politische Ablehnung des Films zu kaschieren, wird den jungen Filmemachern seitens der Verantwortlichen künstlerisches Unvermögen attestiert. An seinem zweiten Film ERSTER VERLUST (1990) wird der konsequente Stilwille des Regisseurs deutlich.

Maxim Dessau wird 1954 in Berlin geboren. Sein Vater ist der Komponist Paul Dessau, seine Mutter die Theaterregisseurin und Intendantin Ruth Berghaus. Nach seinem Abitur und dem Armeedienst bei der Nationalen Volksarmee absolviert er ein Volontariat bei der DEFA. Von 1977 bis 1981 studiert Maxim Dessau an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg in der Fachrichtung Regie. In dieser Zeit ist er unter anderem als Regieassistent bei der Produktion ANTON DER ZAUBERER (1978) in der Regie von Günter Reisch tätig. Außerdem entstehen einige Studentenfilme. In RADI (1979) nach der gleichnamigen Erzählung von Wolfgang Borchert erzählt er von einem jungen Mädchen, das ihren Geliebten im Krieg verloren hat und sich nun in einem Zwiegespräch mit ihm unterhält. Der Film erregt als formales Experiment Aufmerksamkeit, wird wegen seiner verfremdeten Erzählweise beachtet. In seinem Diplomfilm STILLEBEN (1980) nach zwei Erzählungen von Alexander Wampilow stellt er ein scheinbar glückliches Ehepaar bloß. Beide Filme versprechen viel für die Zukunft, letzterer überzeugt bei einer Vorführung an der Akademie der Künste.

Nach seinem Studium beginnt Maxim Dessau als Regieassistent bei der DEFA. Gemeinsam mit anderen jungen Nachwuchsregisseuren der Hochschule wie  Jörg Foth und  Helke Misselwitz gehört er im Oktober 1982 zu den Initiatoren eines Treffens von circa 70 Studenten und Absolventen, die sich freimütig über die schlechte Situation des Nachwuchses beschweren. Im Zuge einer Veränderung der Situation überträgt die Leitung des DEFA-Studios dem jungen Regisseur daraufhin das Filmprojekt DER SCHNAUZER (1984). Diese Vorgehensweise ist relativ unüblich, da sich Absolventen der Hochschule mindestens drei bis vier Jahre als Assistenten in der Produktion beweisen müssen; erst dann erhalten sie im Regelfall die Möglichkeit für ein Debüt. DER SCHNAUZER (1984) nach dem gleichnamigen Roman von Manfred Pieske wird allerdings zum "Problemfall". Der Filmemacher will eine andere Geschichten erzählen als die wiederholte Story eines positiven Helden: Der Film soll einen möglichst ungeschönten Blick auf den real existierenden Sozialismus werfen, exemplarisch am Beispiel eines Leiters der Materialwirtschaft in einem Großbetrieb die Stagnation und veralteten Strukturen in der DDR sichtbar machen. Die erste Drehbuchfassung, die Maxim Dessau im Januar 1983 gemeinsam mit dem Kameramann  Peter Badel erarbeitet hat, wird nach anfänglicher Zustimmung dann doch kritisch beurteilt und nicht zum Dreh freigegeben. Auch das zweite Drehbuch erhält keine Erlaubnis. Erst im Juni 1983 wird die dritte Fassung des Drehbuches zugelassen. Nach den verlangten Änderungen beginnen die Dreharbeiten, werden aber zu einer Zerreißprobe mit dem Produktionsleiter Gerrit List, der dem Projekt negativ gegenübersteht. Die Schwierigkeiten häufen sich: Statt einem gewünschten kleinen Drehstab werden 50 Personen zum Dreh beordert, das Filmmaterial wird vom Kopierwerk als unterbelichtet zurückgewiesen, ohne Sondierung werden Muster offiziell besprochen, in kürzester Zeit soll eine Schnittfassung entstehen. Nach mehreren Diskussionen werden die Arbeiten auf Veranlassung des damaligen Generaldirektors Dieter Mäde im Juni 1984 eingestellt. Um die politische Ablehnung des Films zu kaschieren, wird den jungen Filmemachern künstlerisches Unvermögen attestiert. Große Teile des ungeschnitten Negativmaterials werden im Herbst 1988 auf Weisung hin vernichtet. 1990 wird eine gerettete Video-Version mit Erläuterungen vorgeführt.

In der folgenden Zeit unternimmt der Regisseur keine Anstrengungen, weitere Stoffe bei der DEFA unterzubringen. Von 1984 bis 1985 ist er Gastdozent an der Staatlichen Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin. Mit seinen Studenten übt er Szene-Studien ein, unter anderem zu "Die Räuber" nach Friedrich Schiller, "Zement" nach Heiner Müller und "Die widerspenstige Zähmung" nach William Shakespeare. Von 1985 bis 1987 ist Maxim Dessau Meisterschüler von  Heiner Carow an der Akademie der Künste. Als Regieassistent wird er von Günther Rücker und Jürgen Brauer für HILDE, DAS DIENSTMÄDCHEN (1986) verpflichtet. Im gleichen Jahr dreht er den einstündigen Fernsehbeitrag PALUCCA (1986) über die weltbekannte Tänzerin Gret Palucca. Im Berliner TiP (Theater im Palast) bringt er 1987 die Kammeroper "Bettina" nach Friedrich Schenker auf die Bühne. Ein Jahr später folgt ein William Shakespeare-Sonette. Außerdem schreibt er die Drehbücher für die Bühnenfilme der Oper "Lulu" nach Alban Berg, die 1988 an der Opera de la Monnaie in Brüssel inszeniert wird und stellt dazu auch einen Studiofilm her.

Im August 1988 beginnt Maxim Dessau mit den Dreharbeiten zu dem Film ERSTER VERLUST (1990) nach der Erzählung "Die Frau am Pranger" von Brigitte Reimann. Der Film, der seine kleine Geschichte schlicht und lakonisch sowie mit Verzicht auf äußere Aktion erzählt, wird ein künstlerischer Erfolg, bleibt aber an den Kinokassen unbeachtet. Gelobt wird er wegen seiner stilistischen Sicherheit und Konsequenz. Im Mittelpunkt stehen zwei Frau (gespielt von Julia Jäger und Uta Koschel), die im Kriegsjahr 1942 einen Bauernhof allein zu bewirtschaften haben. Ihnen wird ein sowjetischer Kriegsgefangener zugeteilt. Der Film schildert die langsame Annäherung der Personen. Die jungen Schauspieler überzeugen durch ihr Vermögen, die inneren Vorgänge der Figuren durch eine aussagekräftige Mimik und Gestik sichtbar zu machen; der Film erzählt in ruhigen, schwarzweißen und intensiven Bildern (an der Kamera Peter Badel) seine einfache Geschichte.

Für das Fernsehen stellt Maxim Dessau gemeinsam mit Christel Maye und Horst Zeidler mit dem Dokumentarfilm UGORSKI - DENN SEINEN FREUNDEN GIBT ER'S SCHLAFEND (1991) ein Porträt über den Leningrader Pianisten Anatolij Ugorski her, der 1990 mit seiner Familie nach Ost-Berlin kam und in Deutschland einen Neuanfang versuchte. Danach konzentriert sich Maxim Dessau auf Theaterarbeiten und Operinszenierungen. 1994 inszeniert er das Bertolt Brecht-Stück "Der Ja-Sager / Der Nein-Sager" am Staatstheater Stuttgart. 1995 wird die "Dokumentaroper" aufgeführt, zur Münchener Biennale 1996 die Tanzoper "Das D'Amato System". Im Berliner Ensemble bringt Maxim Dessau "Die Reisen des Glücksgotts" 1997 auf die Bühne. Weitere Inszenierungen entstehen 1999 an der Semperoper Dresden "Elektra" nach Richard Strauß und im Jahr 2000 an der Oper Stuttgart von "Mahagonni" nach  Bertolt Brecht.

Maxim Dessau lebt mit seiner Familie in Zeuthen, im Süden von Berlin.

Verfasst von Ines Walk. (Stand: August 2006)

Filmstill zu "Erster Verlust" (R: Maxim Dessau, 1990) Fotograf: Olaf Skrzipczyk

Auszeichnungen

  • 1990: ERSTER VERLUST - Autorenfestival San Remo: Hauptpreis
  • 1991: ERSTER VERLUST - Festival des Osteuropäischen Films: Fernsehpreis
  • 1992: UGORSKI, DENN SEINEN FREUNDEN GIBT ER'S SCHLAFEND - Bayrischer Fernsehpreis

Literatur

  • Raymond Stolze: Parteilichkeit zeigt der Phantasie die Horizonte [Interview], in: Junge Welt, 15.09.1982.
  • Henyrk Goldberg: Das Vorteil der Verbote [Interview], in: Filmspiegel 22/1990.
  • Peter Claus: Gespräch mit Maxim Dessau über Erfahrungen im Spannungsfeld von Kunst und Politik, in: Der Morgen 23.11.1990.
  • Christel Gräf: Nachwuchs - Nachlese, in: Film und Fernsehen 06/1994.
  • Ralf Schenk:  „Schnauzer“ in Chemnitz. Erste Begegnung mit dem letzten verbotenen DEFA-Film, in: Film-Dienst, 16/1996.

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