Michael Tschesno-Hell

Drehbuchautor

* 17. Februar 1902 in Vilnius, Litauen; † 24. Februar 1980 in Berlin

Biografie

Michael Tschesno-Hell arbeitet in den 50er und 60er Jahren als Drehbuchautor für die DEFA. Er verfasst die Szenarien für die prestigeträchtigen Filmbiographien zu Ernst Thälmann und Karl Liebknecht. Dabei stilisiert er sie zu Helden, errichtet aus ihnen Denkmäler und unterwirft sie ganz der aktuellen Geschichtsbetrachtung der Einheitspartei. Die Filme sind getragen von einem revolutionären Pathos, die Wirklichkeit wird im Blick auf die Legitimierung der sozialistischen DDR neu arrangiert.

Michael Tschesno-Hell wird am 17. Februar 1902 in Wilna (heute Vilnius, Lettland) geboren. Er wächst in einer verarmten bürgerlichen Familie auf, die nach dem Ende des Ersten Weltkrieges nach Deutschland auswandert. Er studiert Jura an den Universitäten in Jena und Leipzig, tritt 1922 der Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) bei. Er arbeitet als Werkstudent, verfasst als Journalist Texte für kommunistische Blätter, ist als Übersetzer, sowie als Fabrik- und Landarbeiter tätig.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 emigriert er gemeinsam mit seiner Ehefrau nach Frankreich. Bis 1942 bleibt er im Land und geht dann über die Niederlande schließlich in die Schweiz. Hier gibt er gemeinsam mit Stephan Hermelin und Hans Mayer die Text-Sammlung "Über die Grenze" heraus. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrt er in nach Deutschland in die sowjetisch besetzte Zone zurück, tritt der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) bei. Er wird zunächst Vizepräsident der Zentralverwaltung für Umsiedler, die mit den Aufgaben und Befugnissen eines Ministeriums ausgestattet, Vertriebenen, Flüchtlingen und Kriegsgeschädigten hilft. 1947 ist er Mitgründer des Verlags Volk und Welt, fungiert in der Folge als Herausgeber von Anthologien.

Seit Anfang der 50er Jahre ist Michael Tschesno-Hell vorrangig als Schriftsteller und Drehbuchautor tätig. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Willi Bredel verfasst er die Szenarien für die ERNST THÄLMANN-Filme, die
 Kurt Maetzig inszeniert. Das Filmprojekt wird von oberster Stelle aufmerksam beobachtet, es wird zum Prestigevorhaben der DEFA und der Einheitspartei. Beide Drehbuchautoren erhalten für die Entwicklung des Stoffes einen Parteiauftrag, werden von ihren anderen Funktionen freigestellt. Immer wieder werden Szenen diskutiert, gestrichen, verändert: Der Film soll nicht nur historisches Denkmal sein, sondern auch die aktuelle Tagespolitik der Führungskräfte der Partei legitimieren. Dabei skizzieren die Autoren einen Helden, der es von Beginn an ist; die Figur des Ernst Thälmann unterliegt kaum einer Entwicklung, wird kaum in einer privaten Umgebung gezeigt. Um die Geschichte aufzulockern und Identifikationen für das Publikum zu ermöglichen, werden die Thälmann-Mitstreiter Änne und Fiete Jansen (gespielt von Karla Runkehl und  Hans-Peter Minetti) entwickelt, die als "kleine Leute" am historischen Geschehen teilhaben. Beide Teile bestimmen über Jahre das offizielle Bild des Kommunisten und werden in der DDR Publikumserfolge. Der Kinobesuch wird zum Pflichtbesuch für Millionen, ganze Schulklassen und Arbeitskollektive besuchen die Kinos. Erst nach dem XX. Parteitag der KPdSU werden kritische Töne laut. 1961/1962 kommt es zu Schnittauflagen, in denen unter anderem Stalin aus Szenen und Dialogen getilgt wird.

Für die Filmsatire DER HAUPTMANN VON KÖLN (1957) unter der Regie von Slatan Dudow schreibt er gemeinsam mit Henryk Keisch und dem Regisseur das Drehbuch. Der arbeitslose Kellner Albert Hauptmann (gespielt von
 Rolf Ludwig) wird mit dem ehemaligen Hauptmann der deutschen Wehrmacht verwechselt. Im Köln der Adenauer-Zeit macht er nun Karriere, wogegen sein Doppelgänger sich als Kriegsverbrecher verstecken muss. Angesichts der damaligen Remilitarisierung in der Bundesrepublik ist die Satire äußerst aktuell und konsequent antifaschistisch.

Eine weitere Filmbiographie SOLANGE LEBEN IN MIR IST (1965) von  Günter Reisch thematisiert das Leben von Karl Liebknecht in der Zeit von 1914 und 1916. Hier schreibt er gemeinsam mit dem Regisseur und Hermann Herlinghausen an dem Drehbuch. Auch bei dieser Drehbucharbeit werden politische Prämissen eingearbeitet, die Wirklichkeit wird im Blick auf die offizielle Geschichtsauffassung neu arrangiert. In der Fortsetzung TROTZ ALLEDEM! (1972), wieder unter der Regie von Günter Reisch, wird die Zeit von 1916 bis zum Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Januar 1919 geschildert. Deutlich wird in beiden Teilen, die Persönlichkeit Karl Liebknechts in seiner aktuellen Dimension für die DDR bewusst zu machen. Im zweiten Teil gelingt dies ansprechender; der Film ist atmosphärisch dichter als Teil 1. Besonders die schauspielerische Präzision von Horst Schulze trägt dazu bei, dass der Film in Erinnerung bleibt.

Auch für das Fernsehen der DDR arbeitet der Drehbuchautor. Wieder sind es heldenhafte Episoden aus dem antifaschistischen Kampf, die er für Filme aufbereitet. Der zweiteilige Film DIE MUTTER UND DAS SCHWEIGEN (1965) vom Regisseur Wolfgang Luderer erzählt von der Kommunistin und Mutter Klara Baumann (gespielt von Erika Dunkelmann), die 1936 aus ihrer deutschen Heimat in die benachbarte Tschechoslowakei flieht. Als Kurier kehrt sie viele Male unter Einsatz ihres Lebens illegal zurück, auch dann noch, als sie schwer erkrankt und ihr Sohn ermordet wird. Nochmals wagt sich der Autor an einen biographischen Stoff in DER MALER MIT DEM STERN (1969), den Lothar Dutombé in Szene setzt. Hier wird anhand von Briefen und Tagebuchaufzeichnungen über das Leben des Malers und Kommunisten Alfred Frank berichtet, der als Mitglied einer Leipziger Widerstandsgruppe nach einem Prozess vor dem Volksgerichtshof hingerichtet wird. Beide politischen Filme erfahren auch eine Kinoauswertung.

Zahlreich sind die Funktionen von Michael Tschesno-Hell. In den 60er Jahren ist er einer der einflussreichen Kulturfunktionär der SED. Er engagiert sich politisch, ist von 1958 bis 1969 Mitglied der SED-Bezirksleitung von Berlin. Von 1967 bis 1972 ist er Vizepräsident des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden, von 1972 bis zu seinem Tod Ehrenmitglied. Von 1969 bis 1980 ist er ordentliches Mitglied der Akademie der Künste. Er gehört zudem dem Vorstand des Schriftstellerverbands der DDR an.

Seine Ehefrau Ursula Tschesno-Hell schreibt gemeinsam mit ihm an seinen Drehbüchern. Michael Tschesno-Hell stirbt am 24. Februar 1980 in Berlin.

Zusammengestellt von Ines Walk. (Stand: August 2006)

Auszeichnungen

  • 1954: ERNST THÄLMANN - SOHN SEINER KLASSE - Nationalpreis I. Klasse (im Kollektiv)
  • 1954: Ernst Thälmann Medaille
  • 1957: DER HAUPTMANN VON KÖLN
    Nationalpreis II. Klasse (im Kollektiv)
  • 1958: Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus
  • 1969: Vaterländischer Verdienstorden in Bronze
  • 1962: Orden Banner der Arbeit
  • 1965: Ehrennadel der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft in Gold
  • 1966: DIE MUTIER UND DAS SCHWEIGEN - Nationalpreis II. Klasse (gemeinsam mit E. Dunkelmann)
  • 1966: SOLANGE LEBEN IN MIR IST - Nationalpreis II. Klasse (im Kollektiv)
  • 1966: Johannes R. Becher-Medaille in Gold
  • 1969: Vaterländischer Verdienstorden in Gold
  • 1972: TROTZ ALLEDEM - Kunstpreis des FDGB (gemeinsam mit Jochen Brauer und Günter Reisch)
  • 1977: Karl-Marx-Orden
  • 1979: Goethe-Preis

Literatur

Eigene Texte:

  • Willi Bredel, Michael Tschesno-Hell: Ernst Thälmann. Sohn seiner Klasse. Literarisches Szenarium, Henschel Verlag Berlin 1953.
  • Willi Bredel, Michael Tschesno-Hell: Ernst Thälmann. Führer seiner Klasse. Literarisches Szenarium, Henschel Verlag Berlin 1955.
  • Slatan Dudow, Henryk Keisch, Michael Tschesno-Hell: Der Hauptmann von Köln. Eine satirische Filmkomödie, Henschel Verlag Berlin 1956.
  • Michael Tschesno-Hell: Solange Leben in mir ist. Ein Film über Karl Liebknecht. Literarisches Szenarium, Henschel Verlag Berlin 1965.
  • Michael und Ursula Tschesno-Hell: Die Mutter und das Schweigen, Henschel Verlag Berlin 1966.
  • Michael und Ursula Tschesno-Hell: Alfred Frank. Der Maler mit dem Stern. Nach dem gleichnamigen Fernsehfilm über den Maler und Grafiker Alfred Frank, Henschel Verlag Berlin 1971.
  • Michael Tschesno-Hell: Trotz alledem! Eine Filmerzählung über Karl Liebknecht, Henschel Verlag Berlin 1971.

Fremde Texte:

  • Henryk Keisch: Sein Thema: die Kraft der Schwachen, in: Horst Knietzsch (Hrsg.): Prisma 3, Henschel Verlag Berlin 1972.
  • Günter Reisch: Michael Tschesno-Hell - Nachtrag zum 75. Geburtstag, in: Film und Fernsehen 05/1977.
  • Magistrat von Berlin, Abt. Kultur (Hrsg.): Michael Tschesno-Hell, zusammengestellt von Ursula Tschesno-Hell, Berlin, 1981.
  • Hartmut Albert.: ... nicht die Asche, sondern das Feuer. Zum 80. Geburtstag von Michael Tschesno-Hell [Interview], in: Film und Fernsehen 02/1982.
  • Ralph Hammerthaler:  Der Bolschewist. Michael Tschesno-Hell und seine Filme. Berlin: Bertz+Fischer 2016.

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