Monika Schindler

Schnittmeisterin

* 12. Januar 1938 in Berlin

Biografie

An weit mehr als 100 Spiel-, Dokumentar- und Fernsehfilmen ist Monika Schindler (geb. Behrendt) als Schnittmeisterin beteiligt. Von 1955 bis 1991 war sie im DEFA-Studio für Spielfilme angestellt und wird zu einer der angesehensten Fachkräfte des Studios. Es entwickeln sich intensive Arbeitsbeziehungen zu Günter Reisch, Roland Gräf und Herrmann Zschoche. In den 1990er Jahren gibt sie ihre Erfahrungen an junge Regisseure des deutschen Films weiter, arbeitet unter anderen mit Gordian Maugg, Andreas Dresen und Winfried Bonengel zusammen.

Monika Schindler wird am 12. Januar 1938 in Berlin geboren. Ihre Familie begibt sich kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges auf einen Flüchtlingstreck, bei dem sie sich bei einem Unfall eine schwere Verletzung der Hände zuzieht. Ihre Eltern möchten, dass sie sich zur Lehrerin ausbilden lässt, aber sie hat andere Pläne.

1955 beginnt Monika Schindler im DEFA-Studio für Spielfilme eine Lehre als Filmfotografin. Neben der fotografischen Grundausbildung gibt es Ausbildungsbereiche im Kopierwerk sowie in der Trickabteilung. Ein halbes Jahr ist sie zweite Schnitt-Assistentin im Schneideraum von Hildegard Conrad bei dem Film DER LOTTERIESCHWEDE (R:  Hans-Joachim Kunert, 1958).

Nach Abschluss der Berufsausbildung kommt sie zur Altmeisterin Lena Neumann, die bereits in den 1930er Jahren für die Produktionsfirma Tobis viele Filme geschnitten hat. Der Schnittmeisterin darf sie während dieser Zeit bei ihrer Arbeit an den Filmen DAS LIED DER MATROSEN (1958) und DER SCHWEIGENDE STERN (1959), beide unter der Regie von  Kurt Maetzig, assistieren und über die Schultern schauen.

1958 beginnt Monika Schindler ein Studium an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg in der Fachrichtung Schnitt und schließt es 1961 mit einem Diplom ab. Zurück im DEFA-Spielfilmstudio, wird sie von der Schnittmeisterin Ursula Rudzki für die Vertonung des mehrteiligen Fernsehfilms WOLF UNTER WÖLFEN (1965) unter der Regie von Hans-Joachim Kasprzik eingesetzt. In den Jahren 1961 und 1962 arbeitet sie im Stab von Sergej Gerassimow in Moskau und Leipzig an dem zweiteiligen Kinofilm MENSCHEN UND TIERE (1962) und schneidet gemeinsam mit Dr. Lutz Köhlert aus dem Zweiteiler eine einteilige deutsche Fassung.

Danach folgen Filme mit  Bärbl Bergmann, wie RÜPEL (1962). Noch im gleichen Jahr wird Schindlers Tochter Nadine geboren. Nach kurzer Babypause arbeitet sie in der Gruppe Johannisthal und schneidet dort einige STACHELTIERE und Kurzfilme – Berlin liegt für sie immerhin näher als Babelsberg! Wieder im Spielfilmstudio zurück, folgen die Filme TIEFE FURCHEN (R: Dr. Lutz Köhlert) und EIN LORD AM ALEXANDERPLATZ (R:  Günter Reisch, 1967). Endlich erhält sich einen Vertrag als Schnittmeisterin mit eigenem Schneideraum, auch bahnt sich eine langjährige Zusammenarbeit mit dem Regisseur  Roland Gräf an.

Für Gräf schneidet Monika Schindler zehn Filme. Der erste, MEIN LIEBER ROBINSON, entstand 1970. Das genaue und glaubhafte Arbeiterporträt BANKETT FÜR ACHILLES (1975) mit  Erwin Geschonneck in der Hauptrolle gehört genauso dazu wie die Friedrich-Wolf-Verfilmung DAS HAUS AM FLUSS (1986). Gräf hatte damit auf der Berlinale großen Erfolg, Schindler erhielt den Preis für den besten Schnitt vom Filmfestival in Karl-Marx-Stadt. Großen Anklang auf der Berlinale fand auch FALLADA – LETZTES KAPITEL (1988) mit Schauspieler  Jörg Gudzuhn als Dichter Hans Fallada. DER TANGOSPIELER (1990), nach dem gleichnamigen Buch von Christoph Hein und mit  Michael Gwisdek in der Hauptrolle, erhielt 1991 Deutschen Filmpreis in Silber.

In den meisten Fällen ist die Schnittmeisterin seit Beginn der Dreharbeiten am Herstellungsprozess des Films beteiligt. Sie liest natürlich das Drehbuch und schneidet während der Drehphase eine erste Fassung, die als Rohschnitt bezeichnet wird. Nach Beendigung der Dreharbeiten arbeiten Regie und Schnitt zusammen und quälen sich bis zum Feinschnitt mit dem Material herum, um den bestmöglichen Film herzustellen. Monika Schindler unterrichtete an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg mehrere Jahre in der Fachrichtung Schnitt. Als im Oktober 1973 ihr Sohn Jan-Philipp geboren wird, beendet sie die Lehrtätigkeit und pausiert mit ihrer Arbeit für ein Jahr.

Mit Regisseur  Herrmann Zschoche schneidet Monika Schindler sieben Filme, gleich der erste, FEUER UNTER DECK (1977), gelangt nicht in die Kinos. Hauptdarsteller  Manfred Krug verlässt nach den Filmarbeiten mit Ausreiseerlaubnis die DDR. Das Aufführungsverbot könnte als Ausdruck gewertet werden, mit dem das Kulturministerium den beliebten Schauspieler totschweigen wollte. Erst 1979 lief der Film einmalig im DDR-Fernsehen. BÜRGSCHAFT FÜR EIN JAHR (1981) dagegen wird bei der Berlinale ein großer Erfolg,  Katrin Sass erhält den Preis für die beste Schauspielerin. DAS MÄDCHEN AUS DEM FAHRSTUHL wurde wegen der deutlichen Kritik am Schulsystem der DDR nicht realisiert, erst in der Wendezeit begannen die Dreharbeiten bis der Film 1991 bei den Filmfestspielen in Berlin seine Premiere feiert. Mit Günter Reisch arbeitet Schindler bei fünf Filmen zusammen.

Monika Schindler gehört zu den wenigen Fachkräften der DEFA, die auch nach dem Zusammenbruch der DDR auf eine kontinuierliche Arbeit im Filmgeschäft verweisen können. Zum einen arbeitet sie weiterhin mit ehemaligen DEFA-Regisseuren zusammen. Unter anderem mit  Egon Günther für den sie bereits Wenn Du groß bist, lieber Adam (1965) geschnitten hatte. Der Film wurde im Zuge des 11. Plenums des Zentralkomitees der SED verboten und wird nun 1990 gemeinsam mit der Drehbuchautorin Helga Schütz restauriert. Leider war nicht mehr alles herausgeschnittene Material aufzufinden, sodass nur eine fragmentarische Fassung hergestellt werden konnte, die abgefilmte Drehbuchseiten enthielt. Danach folgten noch die zwei letzte gemeinsame Filme STEIN (1991) und DIE BRAUT (1999).

Nun holen sich westdeutsche Regisseurinnen die Filmeditorin Monika Schindler ans Set. Für Ula Stöckl montiert sie die Ost-West-Geschichte DAS ALTE LIED (1991) und arbeitet mit Helma Sanders-Brahms erstmals bei APFELBÄUME (1992) zusammen, ein Film, der im havelländischen Apfelanbaugebiet spielt. Es folgen noch der Dokumentarfilm JETZT LEBEN - JUDEN IN BERLIN (1994) und die Spielfilme MEIN HERZ - NIEMANDEM (1997) und DIE FARBE DER SEELE (2003). Auch Regisseuren des jüngeren deutschen Films steht die Filmeditorin mit ihrer mehr als 35jährigen Erfahrung zur Seite. Sie arbeitet mit Andreas Dresen bei dem erfolgreichen Episodenfilm NACHTGESTALTEN (1999) zusammen. Dieser Film, aber auch DIE BRAUT (R: Egon Günter, 1999) und DER OLYMPISCHE SOMMER (1993) von Gordian Maugg waren die letzten Filme, die noch mit analogem Film geschnitten wurden. Gordian Maugg erhält beim Deutschen Filmpreis eine LOLA. Jetzt stellt Monika Schindler ihre Arbeitsweise um und arbeitet digital auf AVID. DIE POLIZISTIN (2000) von Andreas Dresen war der erste so geschnittene Film. Es war keine einfache Umstellung, gelang aber schließlich doch gemeinsam. Belohnt wird Schindler dafür mit dem Deutschen Schnitt-Preis in der Kategorie Spielfilm. Die Jury lobt die Montage des Films: Sie schafft es - ganz ohne Musik - Rhythmus und Atmosphäre zu transportieren und eine zusätzliche emotionale Dimension in den Film einzubringen. Im Frühjahr 2000 bekommt sie außerdem beim Deutschen Filmpreis die LOLA für den besten Schnitt bei HANS WARNS – MEIN JAHRHUNDERT (1999). Sie arbeitet mit Winfried Bonengel bei FÜHRER EX (2002) zusammen, einem Film über junge Rechtsextreme in Ostberlin, der bei den Filmfestspielen in Venedig gezeigt wurde. Weitere junge Regisseure, mit denen sie im Schneideraum sitzt, sind Elke Weber-Moore, Daphne Charizani und Georg Maas.

Für das Fernsehen wird Monika Schindler ebenfalls tätig. Neben TV-Serien sind es einzelne Krimis, Tatorte und besondere Dramen. Neben ihrer beruflichen Tätigkeit engagiert sie sich für ihre Kollegen und arbeitet im Vorstand des Berliner Film- und Fernsehverbandes. Zudem ist sie drei Jahre Gastdozentin an der Hochschule für Fernsehen und Film München. 2010 wird Monika Schindler für ihre Leistungen mit dem Geißendörfer Ehrenpreis „Schnitt“ ausgezeichnet, der vom Forum für Filmschnitt und Montagekunst gemeinsam mit der Filmstiftung NRW und der Stadt Köln jährlich vergeben wird. 2013 erhält sie von der DEFA-Stiftung den Preis für herausragende Leistungen im deutschen Film.

Monika Schindler ist Mitglied der Filmakademie und wird 2017 mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet.

Verfasst von Ines Walk. (Stand: Januar 2015, Überarbeitung 2017)

Trailer zu "Das Mädchen aus dem Fahrstuhl (R: Herrmann Zschoche, 1990)

Auszeichnungen

  • 1968: BROT UND ROSEN - Lorbeer des Fernsehens der DDR
  • 1969: HANS BEIMLER - KAMERAD - Lorbeer des Fernsehens der DDR
  • 1986: DAS HAUS AM FLUß - Nationales Spielfilmfestival der DDR: Bester Schnitt
  • 1989: Heinrich Greif-Preis
  • 2000: HANS WARNS - MEIN 20. JAHRHUNDERT - Deutscher Filmpreis: Bester Schnitt
  • 2001: DIE POLIZISTIN - Schnittpreis in der Kategorie Spielfilm
  • 2010: Geißendörfer Ehrenpreis Schnitt
  • 2011: BROT - Rhode Island International Film Festival: Bester Schnitt (gemeinsam mit Anne Kristina Kliem)
  • 2013: Preis für herausragende Leistungen im deutschen Film der DEFA-Stiftung
  • 2017: Ehrenpreis der Deutschen Filmakademie

Literatur

DEFA-Filmografie

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