Otto Mellies

Schauspieler

* 19. Januar 1931 in Schlawe, Pommern (heute Slupsk, Polen); † 26. April 2020

Biografie

Otto Mellies

in MINNA VON BARNHELM ODER DAS SOLDATENGLÜCK (R: Martin Hellberg, 1962) Fotografin: Karin Blasig

Der Schauspieler Otto Mellies überzeugt in einer mehr als 60-jährigen Karriere auf der Theaterbühne sowie in Film und Fernsehen. Die DEFA engagiert den Schauspieler Ende der 1950er Jahre zunächst für Klassikeradaptionen, später auch für Gegenwartsstoffe.

Otto Mellies wird am 19. Januar 1931 in Schlawe geboren. 1938 zieht die Großfamilie in die größere Stadt Stolp. Mellies' Mutter und die älteste Schwester Gertrud kommen in den letzten Kriegstagen ums Leben. Mellies ist als 14-jähriger zunächst auf sich allein gestellt und arbeitet unter anderem als Pferdepfleger für russische Soldaten. Seine vor Kriegsende aus Pommern geflüchtete Schwester Irmgard holt ihn 1945 nach Wismar. Im Dezember 1945 bringt Irmgard ihren Bruder nach Freistatt, wo Mellies' Vater ausfindig gemacht werden konnte. Zu Beginn des Jahres 1947 kehrt er mit seinem Vater zurück in die mecklenburgische Hansestadt. Aufgrund der beengten Wohnverhältnisse zieht Mellies kurze Zeit später zu seiner Schwester Magdalena nach Schwerin.

Mit 16 Jahren bewirbt sich Mellies 1947 am Schweriner Staatstheater. Er besteht die Aufnahmeprüfung unter der Leitung der Schauspielerdirektorin Lucie Höflich. Bei der gestandenen Bühnen- und Filmschauspielerin erhält er zwei Jahre Schauspielunterricht. Danach spielt der junge Schauspieler an verschiedenen Theatern im Osten Deutschlands. Er steht in Neustrelitz, Stralsund, Rostock und Erfurt auf der Bühne und erarbeitet sich ein umfangreiches Repertoire. Unter anderem spielt er mit 20 Jahren in Stralsund den Tempelherrn in Ephraim Lessings „Nathan der Weise“.

1956 holt ihn der Intendant  Wolfgang Langhoff ans Deutsche Theater in Berlin, wo er jahrzehntelang wirken wird. Hier wird Otto Mellies zum Charakterdarsteller. Er spielt den Pylades in der legendären „Iphigenie“-Inszenierung von Thomas Langhoff aus dem Jahr 1976 mit Inge Keller in der Hauptrolle. Häufig arbeitet er unter der Regie von Friedo Solter,  Alexander Lang, Thomas Langhoff und Joachim Gosch. Zu sehen ist er unter anderem in Stücken von Shakespeare, Ibsen, Shaw, O'Casey, Strindberg, Sartre, Hauptmann und Hacks. Aus seiner mehr als 55 Jahren eindrucksvollen Bühnenpräsenz ragt die Darstellung des Nathan hervor, den Friedo Solter 1987 inszeniert. Dem mehr als 300 Mal gespielten Stück zollen Kritik wie Zuschauer reichlich Anerkennung. In Berlin steht seine Darstellung in der großen Tradition von Paul Wegener, Eduard von Winterstein und Wolfgang Heinz.

Filmstill zu "Kabale und Liebe"

Otto Mellies und Karola Ebeling in KABALE UND LIEBE (R: Martin Hellberg, 1959) Fotograf: Eberhard Daßdorf

 Filmstill zu "Simplon - Tunnel"

Otto Mellies in SIMPLON-TUNNEL (R: Gottfried Kolditz, 1959) Fotograf: Herbert Kroiss

Sein erstes Engagement für den Film nimmt Mellies 1954 am DEFA-Synchronstudio in Berlin Johannistal wahr. In RUY BLAS spricht er die von Jean Marais gespielte Titelrolle. Ab Mitte der 1950er Jahre steht Otto Mellies auch vor der Kamera. Er debütiert mit einer kleinen Rolle in dem Unterhaltungsfilm SOMMERLIEBE (1954) unter der Regie von Franz Barrenstein. Erst vier Jahre später ist er wieder in einem DEFA-Film zu sehen. In der Literaturverfilmung KABALE UND LIEBE (1959) von  Martin Hellberg gibt er den jungen Ferdinand. Die Inszenierung wird wegen ihrer großartigen Schauspielerleistung gelobt. In der Folge ist Otto Mellies mehrfach in Klassiker-Adaptionen und Bühnenverfilmungen zu sehen. In der Jacques-Offenbach-Operette DIE SCHÖNE LURETTE (1960) von  Gottfried Kolditz agiert er als Herzog von Marly, der die schöne junge Frau für ein amouröses Abenteuer gewinnen will und sie danach dem König als neue Mätresse zuführen möchte. Zudem gibt er, erneut unter der Regie von Martin Hellberg, den preußischen Major von Tellheim in MINNA VON BARNHELM ODER DAS SOLDATENGLÜCK (1962).

Mellies wird jedoch nicht nur in Klassiker-Adaptionen besetzt. In SIMPLON-TUNNEL (1959) von Gottfried Kolditz spielt er den Erich, einen deutschen Arbeiter, der sich mit einem Italiener um das Mädchen Rosa streitet. Die beiden Kontrahenten arbeiten Anfang des 20. Jahrhunderts am Simplon-Tunnel, der durch die Alpen eine Eisenbahnverbindung zwischen der Schweiz und Italien ermöglichen soll. Der Schauspieler überzeugt auch in DER ARZT VON BOTHENOW (1961) unter der Regie von Johannes Knittel. Hier spielt er den Arbeitersohn Harry Brenner, der nach einem erfolgreichen Medizinstudium eine steile Karriere in der Hauptstadt macht, aber wegen einer groben Pflichtverletzung in die Provinz versetzt wird. Dort beginnt er, sein Leben neu zu gestalten.

Anfang der 1960er Jahre ist der Schauspieler auch im Fernsehen der DDR präsent. Mit der Darstellung des Arztes in dem Fünfteiler DR. SCHLÜTER (1965) von Achim Hübner wird Otto Mellies über die Grenzen des Landes bekannt. Erzählt wird die Geschichte eines Wissenschaftlers, der sich zunächst ganz in den Dienst der Großchemie stellt, bis er das chemische Werk eines Konzentrationslagers in Polen übernehmen soll. Er flieht an die Front, bedenkt dort mit Hilfe sowjetischer Freunde sein Leben neu. Die TV-Serie ist beim Publikum überaus beliebt. Am 3. Februar 1966 erhält DR. SCHLÜTER viel Lob auf einer Tagung des Präsidialrats des Deutschen Kulturbundes, wogegen die Filme DAS KANINCHEN BIN ICH (1965) und DENK BLOSS NICHT, ICH HEULE (1965) kritisiert werden und gar nicht erst den Weg zum damaligen Publikum finden.

Filmstill zu "Aus unserer Zeit, Teil 2 - Das Duell"

Otto Mellies in AUS UNSERER ZEIT - DAS DUELL (R: Hans Joachim Kunert, 1969) Fotografin: Waltraut Pathenheimer

Filmstill zu "Fahrschule"

Otto Mellies und Jörg Gudzuhn in FAHRSCHULE (R: Bernhard Stephan, 1985/86) Fotograf: Klaus Zähler

In der fünfteiligen Fernsehinszenierung BEGEGNUNGEN (1967) von Georg Leopold und  Konrad Petzold spielt er den deutschen Wehrmachtsangehörigen Walter Reinhardt im antifaschistischen Widerstand. In einem weiteren erfolgreichen Fünfteiler, der Filmbiografie ICH - AXEL CAESAR SPRINGER - ERKLÄRUNG EINES WUNDERS (1968-1970), agiert er als Horst-Herbert Alsen, ein alter Freund Axel Springers (gespielt von Horst Drinda). Die Rollenangebote sind zahlreich: Otto Mellies spielt ein Mitglied des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ in GEHEIMKOMMANDO SPREE (1968), agiert als Lehrer in SPÄTSAISON (1974), einer Geschichte über Liebe, Ehe und Partnerschaft sowie als Dr. Kiebaum in der Serie KRIMINALFÄLLE OHNE BEISPIEL.

Ab den 1970er Jahren konzentriert sich der Schauspieler auf seine Theaterarbeit, ist nur noch selten in Hauptrollen vor der DEFA-Kamera präsent. Zu seinen wenigen DEFA-Engagments zählen ein Auftritt in  Iris Gusners Kriminalfilm EINER MUSS DIE LEICHE SEIN (1977), die Rolle des Fahrlehrers in Bernhard Stephans FAHRSCHULE (1985/86) an der Seite von  Jörg Gudzuhn und der Part des Generaldirektors Zeim in Hans-Werner Honerts EIN BRAUCHBARER MANN (1988) zusammen mit Rolf Hoppe und Tobias Langhoff. Weiterhin wirkt er in zahlreichen Fernsehsendungen mit, ist wie viele seiner Kollegen in Teilen der Reihen POLIZEIRUF 110 und DER STAATSANWALT HAT DAS WORT zu sehen. Auch im wiedervereinigten Deutschland ist Otto Mellies darstellerische Ausstrahlung gefragt, allerdings weniger auf der Kinoleinwand als in gehobener Fernsehunterhaltung.

Trailer zu EINER MUSS DIE LEICHE SEIN (R: Iris Gusner, 1977)

Neben seiner umfangreichen Theaterarbeit synchronisiert Otto Mellies. Er leiht seine sonore Stimme unter anderem den Schauspielern Paul Newman, Christopher Lee und Sean Connery. Bereits Ende der 1950er und bis Mitte der 1960er Jahre ist er Sprecher in zahlreichen Dokumentationen des DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme. Ab den 1980er Jahren reist er mit Lesungen durch das Land, tritt unter anderem bei den Berliner Märchentagen auf. Der Schauspieler spricht auch Hörbücher. Dazu zählt zum Beispiel „Die Legende vom vierten König“ von Edzard Schaper. In dem Programm „Tanz, Gesang und Küchentratsch“ steht er neben anderen Künstlern aus der DDR zum Gedenken an Helga Hahnemann auf zahlreichen Bühnen des Landes.

Otto Mellies lebt mit seiner Familie in Berlin. Er ist seit 1952 mit der Sopranistin Luise Bergner († 2015) verheiratet. Gemeinsam haben sie zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Mellies stirbt am 26. April 2020 im Alter von 89 Jahren.

Zusammengestellt von Ines Walk. (Aktualisiert: Mai 2020).

Auszeichnungen

  • 1960: KABALE UND LIEBE - Heinrich-Greif-Preis I. Klasse im Kollektiv (gemeinsam mit Martin Hellberg, Karl Plintzner und Harald Horn)

Literatur

Eigene Texte:

  • Otto Mellies: An einem schönen Sommermorgen... Erinnerungen, Das Neue Berlin 2010.

Fremde Texte:

  • M. Heidicke: "Sich immer neu stellen" – Otto Mellies, in: Filmspiegel, 14/1977.
  • Ursula Mewes: Unsere Kunst soll für den Tag und auch darüber hinaus wirken. Im Gespräch mit dem Schauspieler Otto Mellies, in: Neues Deutschland, 11.12.1984.
  • Marlis Linke: Erfolg läßt sich nicht programmieren: Der Schauspieler Otto Mellies, in: Filmspiegel 26/1989.
  • Klaus Piontek: "Es ist alles viel einfacher" und doch nicht selbstverständlich – Otto Mellies 60, in: Berliner Zeitung, 19.01.1991.
  • Christoph Funke: Die Angst des weisen Nathan. Heute begeht der Schauspieler Otto Mellies seinen 70.Geburtstag, in: Neues Deutschland, 19.01.2001.
  • Detlef Friedrich: Nicht die Kinder bloß speist man mit Märchen ab. Der Nathan des DT: Otto Mellies wird siebzig, in: Berliner Zeitung, 19. 01.2001.

DEFA-Filmografie

Eine erweiterte Filmografie können Sie unter filmportal.de einsehen.

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