Paul Dessau

Komponist

* 19. Dezember 1894 in Hamburg; † 28. Juni 1979 in Königs Wusterhausen

Biografie

Paul Dessau

in PAUL DESSAU (R: Richard Cohn-Vossen, 1966/1967) Fotografen: Werner Kohlert, Christian Lehmann, Hans-Eberhard Leupold, Nico Pawloff

Der Komponist Paul Dessau hat das letzte Jahrhundert mitgeprägt. Er schreibt neben Opern, Schauspiel- und Kammermusiken auch Musik für den Film, beginnt als Trickfilm-Musiker, komponiert für Werke von Walt Disney und Ladislaw Starewicz Ende der 1920er Jahre. Er arbeitet zudem als Kapellmeister und Komponist im Kino "Alhambra" am Kurfürstendamm. In den USA lernt er während seiner Emigration Bertolt Brecht kennen, zwischen beiden entsteht eine intensive Arbeitsbeziehung. Zurückgekehrt in den Ostteil Deutschlands komponiert der Musiker auch für die DEFA.

Paul Dessau wird am 19. Dezember 1894 in Hamburg geboren. Sein Vater arbeitet als Zigarrenarbeiter, besitzt einen kleinen Tabakladen, seine Mutter ist Hausfrau. Er wächst in einer musischen Familie auf, früh wird sein Talent entdeckt und gefördert. Im Alter von sechs Jahren erhält er Unterricht an der Geige, mit elf Jahren steht er erstmals öffentlich auf der Bühne. 1909 beginnt er an einem Konservatorium in Berlin ein Studium mit dem Hauptfach Violine. Nach seinem Abschluss erhält er 1913 eine Anstellung als Korrepetitor am Hamburger Stadttheater, bereits ein Jahr später ist er Zweiter Kapellmeister am Tivoli-Theater in Bremen. Seine künstlerische Laufbahn wird durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges unterbrochen, 1915 wird er zum Militärdienst an die Westfront eingezogen. Später dient er in einer Militärkapelle in Schleswig.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs arbeitet Paul Dessau zunächst als Kapellmeister und Komponist an Erich Ziegels Kammerspielen in Hamburg. Danach wandert er durch Deutschland, arbeitet in Köln, Mainz sowie in Berlin. Bald kommt er mit dem Film in Kontakt, arbeitet seit Mitte/Ende der 1920er Jahre als Orchesterleiter im renommierten Erstaufführungskino "Alhambra" am Kurfürstendamm in Berlin. Neben seiner Arbeit als Filmillustrator im Kino komponiert er auch Musiken für kurze Trickfilme, später auch für lange Spielfilme. Einer seiner ersten großen Erfolge wird die Vertonung des dreiteiligen Scherenschnittfilms DOKTOR DOLITTLE UND SEINE TIERE (1928) von Lotte Reiniger, für den er gemeinsam mit Kurt Weill und Paul Hindemith die Musik komponiert. Auch die Illustration zu einem der letzten großen Stummfilme MUTTER KRAUSENS FAHRT INS GLÜCK (1929) von Phil Jutzi wird von den Kritikern besonders gelobt.

Mit dem Beginn der Tonfilm arbeitet Paul Dessau vorrangig als Filmkomponist, beginnt mit der leichten Muse und komponiert Musiken für Filmoperetten und Sängerfilme. Besonders intensiv arbeitet er mit dem Regisseur Arnold Fanck zusammen, findet zu dessen Bergfilmen aussagekräftige Musiken. Erstmals setzt er die Welte-Orgel und das Trautonium für elektronische Effekte ein, untermalt gekonnt große Lawinenabstürze, raue Schneestürme und kräftezerrende Gletscherwanderungen. Experimentell verarbeitet er Töne und Geräusche, um die Naturgewalten darzustellen. In STÜRME ÜBER DEM MONTBLANC (1930) ist es ein Orgelton, der eine Lawine akustisch nachgestaltet. Bei SOS EISBERG (1933) lässt er einen großen Chor von 60 Sängern den Wind singen, während der Held auf einer einsamen Eisscholle dahintreibt. Außerdem komponiert er für die Regisseure Ewald André Dupont und dessen Artistenfilm SALTO MORTALE (1931) sowie Frank Wysbars ANNA UND ELISABETH (1933) die Musik.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verlässt Paul Dessau Mitte 1933 Deutschland in Richtung Frankreich. Er kann für einige französische Spielfilme, die vorrangig von deutschen Emigranten hergestellt werden, die Musiken komponieren, unter anderen arbeitet er für Kurt Bernhardt, Robert Siodmak und Max Ophüls. Im Juli 1939 emigriert er mit seiner Familie in die USA, lebt und arbeitet zunächst in New York. Zur Absicherung seines Lebensunterhaltes arbeitet er als Musiklehrer, Notenkopierer und auf einer Hühnerfarm. Als er 1942  Bertolt Brecht kennen lernt, siedelt er auf dessen Anraten nach Hollywood um. In der Folge entsteht eine intensive Arbeitsbeziehung zwischen beiden, unter anderem wird das Stück "Der gute Mensch von Sezuan" mit seiner Bühnenmusik in den USA aufgeführt. In der Filmmetropole erhält er von verschiedenen Filmproduzenten kleinere Aufträge, hat es aber schwer, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. In vielen Fällen erledigt er Aufgaben für andere Komponisten wie Karl Hajos, Hans J. Salter, Edgar Fairchild und Hugo W. Friedhofer.

1948 kehrt Paul Dessau nach Deutschland zurück, siedelt in den Ostteils Berlin. Hier kommt es zu einer kreativen Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht, dessen Stück "Mutter Courage und ihre Kinder" feiert im Januar 1949 am Deutschen Theater mit der Musik von Paul Dessau Premiere. Später folgen am Berliner Ensemble die Werke "Herr Puntila und sein Knecht Matti", "Mann ist Mann", "Urfaust", "Don Juan" sowie "Der kaukasische Kreidekreis". Schwierigkeiten gibt es 1951 mit der Oper "Das Verhör des Lukullus", der Formalismus und Volksfeindlichkeit vorgeworfen wird. Nach einer Umarbeitung hat sie gegen Ende des Jahres doch noch ihre Uraufführung. Auch zu aktuellen politischen Geschehen nimmt der Komponist Stellung, komponiert zu den III. Weltfestspielen der Jugend 1951 eine Kantate für die Freie Deutsche Jugend (FDJ). Es entstehen zahlreiche Lieder, unter anderem nach Texten von Johannes R. Becher, Heiner Müller, Pablo Neruda sowie Walter Ulbricht und Erich Honecker. Zudem komponiert Paul Dessau Kammermusiken, Orchesterstücke, Schauspiel- und Hörspielmusiken sowie Chorwerke.

Für die DEFA beginnt Paul Dessau Mitte der 1950er Jahre zu komponieren. Er arbeitet mit den Dokumentarfilmern Andrew Thorndike und Annelie Thorndike zusammen, schreibt für ihre propagandistischen Filme DU UND MANCHER KAMERAD (1956), UNTERNEHMEN TEUTONENSCHWERT (1958) und DAS RUSSISCHE WUNDER (1962) die Musiken.

In der DDR übernimmt der Komponist auch zahlreiche Funktionen. Seit 1952 ist er Mitglied der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin, von 1957 bis 1962 deren Vizepräsident. 1965 wird er ebenfalls Mitglied der Westberliner Akademie der Künste, tritt 1968 wieder aus. Er arbeitet seit 1952 als Dozent an der Staatlichen Schauspielschule in Berlin-Oberschöneweide, wird dort 1959 zum Professor ernannt. Zusätzlich betreut er zahlreiche Meisterschüler, kümmert sich um den Nachwuchs und unterrichtet an einer Zeuthener Grundschule.

Paul Dessau heiratet in erster Ehe 1924 die Schauspielerin Gudrun Kabisch. Gemeinsam haben sie zwei Kinder: Eva (geb. 1926) und Peter (geb. 1929). Die Ehe wird 1936 geschieden. Die Schriftstellerin Elisabeth Hauptmann ist seine zweite Ehefrau. In seiner dritten Ehe heiratet er 1952 Antje Ruge. Bereits nach kurzer Zeit scheitert die Beziehung. 1954 vermählt er sich mit der Choreografin und Theaterregisseurin Ruth Berghaus. Ihr gemeinsamer Sohn  Maxim Dessau wird 1954 geboren. Er wird später als Film- und Opernregisseur arbeiten. Seit 1954 lebt die Familie in Zeuthen.

Paul Dessau stirbt am 28. Juni 1979 in Königs Wusterhausen.

Verfasst von Ines Walk. Stand: September 2006

Screenshot zu PAUL DESSAU (R: Richard Cohn-Vossen, 1966/1967) Fotografen: Werner Kohlert, Christian Lehmann, Hans-Eberhard Leupold, Nico Pawloff

Screenshot zu PAUL DESSAU (R: Richard Cohn-Vossen, 1966/1967) Fotografen: Werner Kohlert, Christian Lehmann, Hans-Eberhard Leupold, Nico Pawloff

Auszeichnungen

  • 1953: Nationalpreis III. Klasse
  • 1956: DU UND MANCHER KAMERAD - Nationalpreis II. Klasse (im Kollektiv)
  • 1965 Nationalpreis I. Klasse
  • 1965 Vaterländischer Verdienstorden in Gold
  • 1969 Karl-Marx-Orden
  • 1974 Nationalpreis I. Klasse

Literatur

  • Fritz Henneberg: Dessau - Brecht. Musikalische Arbeiten, Henschel Verlag Berlin 1963.
  • Fritz Hennenberg: Paul Dessau. Eine Biographie, Verlag für Musik Leipzig 1965.
  • Peter Voigt: Paul Dessau, in: Filmwissenschaftliche Mitteilungen 4/1967.
  • Fritz Hennenberg: Für Sie porträtiert - Paul Dessau, Verlag für Musik Leipzig 1974.
  • Michael Hanisch: Paul Dessau, der Filmkomponist und Film-Illustrator, in: Horst Knietzsch (Hrsg.): Prisma 6, Henschel Verlag Berlin 1975. 
  • Joachim Lucchesi (Hrsg.): Das Verhör in der Oper. Die Debatte um die Aufführung "Das Verhör des Lukullus" von Bertolt Brecht und Paul Dessau, BasisDruck Berlin 1993.
  • Ulrich Dibelius, Frank Schneider (Hrsg.): Neue Musik im geteilten Deutschland. Dokumente aus den fünfziger Jahren, Henschel Verlag Berlin 1993.
  • Gerhard Müller: Der Tod des Musiker - Erinnerungen an Paul Dessau, in: Neues Deutschland 19.12.1994.
  • Fritz Hennenberg: Avantgardist und Kommunist - Paul Dessau zum 100. Geburtstag, in: Süddeutsche Zeitung 19.12.1994.
  • Frieder Reininghaus: Fast gespenstisch fruchtbar - Heute vor 100 Jahren wurde der Komponist Paul Dessau geboren, in: Berliner Zeitung 19.12.1994.
  • Bernd Feuchtner: Der verzauberte Wald - Filmmusik von Paul Dessau in der Akademie, Der Tagesspiegel 20.12.1994.
  • Hans-Michael Bock, Wolfgang Jacobsen: Paul Dessau, Filmmaterialien 6, Eine filmhistorische Publikation von CineGraph - Hamburgisches Centrum für Filmforschung e.V. und der Stiftung Deutsche Kinemathek Berlin, 1994.
  • Hans-Michael Bock: Paul Dessau, cinegraph Loseblattsammlung. 
  • Jens Knorr: Ein lernender Lehrer - Paul Dessau, in: Neues Deutschland 08.02.2001.

DEFA-Filmografie

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