Peter Kahane

Schauspieler

* 30. Mai 1949 in Prag, Tschechien

Der Filmemacher Peter Kahane gehört zur letzten Generation von DEFA-Regisseuren, die kurz vor dem Fall der Berliner Mauer endlich einige Filmprojekte durchsetzen konnten. DIE ARCHITEKTEN (1990) wird ein offener, schonungsloser Abgesang auf die DDR, eine Parabel auf das Scheitern des realen Sozialismus. Im gesamtdeutschen Filmgeschäft verlegt sich der Regisseur zunächst aufs Schreiben von Drehbüchern fürs Fernsehen, zeigt aber mit einigen Arbeiten fürs Kino, das mehr möglich wäre.

Peter Kahane wird am 30. Mai 1949 als Peter Klement Kahane in Prag geboren. Sein Vater Max Leon Kahane arbeitet ist Mitbegründer und zeitweise Chefredakteur des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN), ist als Journalist und Auslandskorrespondent tätig, unter anderem für die Berliner Zeitung, das Neue Deutschland und die Wochenzeitschrift Horizont. Seine Mutter Doris Kahane (geb. Machol) ist Malerin und Grafikerin. Seine Familie hat jüdische Wurzeln, die im familiären Zusammenleben aber nur eine geringe Rolle spielen. Sein Vater ist bekennender Kommunist, der vor den Nationalsozialisten nach Prag, Spanien und später Frankreich emigriert und inhaftiert wird. Er kann fliehen und leistet als Hauptmann der französischen Armee Widerstand gegen die Nationalsozialisten in der Résistance.

1950 zieht die Familie nach Berlin, wo Peter Kahane ab 1955 die Schule besucht. Wegen der Arbeit seines Vaters wird er drei Schuljahre in Neu-Delhi (Indien) unterrichtet, wohnt nach seiner Rückkehr in die DDR ab 1959 in einem Internat in Cöthen und besucht ab 1964 die Erweiterte Oberschule in Bad Freienwalde. 1967 beendet er seine Schulausbildung mit dem Abitur, welches er in Berlin zusammen mit einer Berufsausbildung als Kühlanlagenschlosser absolviert hat. Schon früh entscheidet sich Peter Kahane für den Beruf des Filmemachers, mit 15 Jahren reift sein Entschluss. Sein Onkel führt das Kino "Capitol" in Berlin-Dahlem. Allerdings wird er von der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg abgelehnt. Er beginnt an der Humboldt-Universität in Berlin ein Studium als Lehrer für Französisch und Russisch. 1971 erhält er seinen Abschluss. Ein weiteres Ziel ist eine Dissertation, zu der es aber nicht kommt, da Peter Kahane die Chance erhält, beim Film tätig zu werden.

Regisseur Karlheinz Mund holt ihn für DIE MIT-ARBEITERIN (1972), einen Dokumentarfilm über Elisabeth Hauptmann, Mitarbeiterin von Bertolt Brecht, als Rechercheur und Hospitant zum Film. Danach übernimmt er Arbeiten als Assistent, schaut unter anderem den Filmemachern Roland Gräf und Hans Kratzert über die Schulter. Nach seinem Wehrdienst bei der NVA beginnt Peter Kahane im zweiten Anlauf 1975 ein Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg in der Fachrichtung Regie, welches er 1979 mit seinem Diplomfilm DES LEBENS ÜBERFLUSS beendet. Seit 1980 arbeitet Peter Kahane beim DEFA-Studio für Spielfilme; er beginnt als Regie-Assistent und arbeitet bei Jürgen Bauer (PUGOWITZA) sowie Egon Schlegel (DIE SCHÜSSE DER ARCHE NOAH) und unterstützt ein Team um Heiner Carow bei seiner Recherche zum Simplizissimus-Projekt, welches allerdings nicht realisiert wird.

Mit der Komödie WEIBERWIRTSCHAFT (1983), einer Co-Produktion mit dem Fernsehen der DDR, legt Peter Kahane sein Debüt vor. Erzählt wird von einem jungen Zimmermann im Nachkriegsdeutschland, der auf einem Hof auf drei Frauen - Großmutter, Mutter und Tochter - trifft, die ihn unbedingt mit diversen Mitteln halten wollen. Danach dreht der junge Filmemacher mit ETE UND ALI (1984) seinen ersten richtigen Kinofilm und landet damit einen Erfolg an den Kinokassen. Erzählt wird die Geschichte zwei junger Männer, die ungleicher nicht sein könnten und gerade aus ihrem Wehrdienst entlassen worden sind. Ete (Jörg Schüttauf) wurde von seiner Frau wegen eines neuen Liebhabers verlassen und Ali (Thomas Putensen) überredet ihn, den neuen Freund einfach rauszuschmeißen. Publikum und Kritiker loben die pointierten Dialoge sowie die flotte und unterhaltsame Inszenierung. Die komödiantische Geschichte blickt auch auf die Alltagsorgen Jugendlicher und findet deshalb ein interessiertes Publikum. VORSPIEL (1987) blickt ebenfalls auf Jugendliche und deren erste Liebe, allerdings im Ton stiller und poetischer als ETE UND ALI. Tom (Henrik Duryn) verliebt sich in Corinna (Susanne Hoss) und spricht, weil sie Schauspielerin werden will, ebenfalls bei einer Aufnahmeprüfung vor. Allerdings muss er erkennen, dass sie ihn nicht liebt und sein Talent für die Schauspielerei nicht ausreicht.

Nach den beiden Filmen über Jugendliche in der DDR plant Peter Kahane unter dem Arbeitstitel JULES die Verfilmung einer Erzählung von Friedrich Wolf über einen Juden und einen Kommunisten, die sich im Zweiten Weltkrieg in einem französischen Internierungslager begegnen. Das Projekt wird von der DEFA-Leitung unter Hans Dieter Mäde abgelehnt. Im "Manifest der Nachwuchsgruppe" wenden sich junge Filmemacher, unter anderem auch Peter Kahane, gegen diese Politik der Verhinderung und bäumen sich damit gegen gängige Praktiken der ostdeutschen Filmproduktion auf.

Die Architekten (1990) wird ein offener, schonungsloser Abgesang auf die DDR, eine Parabel auf das Scheitern des realen Sozialismus. Die Arbeiten an dem Film beginnen seitens des Drehbuchautors Thomas Knauf bereits 1987, im Oktober 1989 beginnen die Dreharbeiten, im Mai 1990 feiert er seine Premiere in Berlin und ist von der historischen Geschichte bereits eingeholt. Erzählt wird vom Architekten Daniel Brenner (Kurt Naumann), der trotz Talent und Bestnoten mit fast 40 Jahren immer noch als Nachwuchskader gilt. Als er das Angebot für eine Satellitenstadt erhält, sucht er sich seine Mitarbeiter zusammen. Die realsozialistischen Probleme, die auf ihn zukommen, lassen das Projekt fast scheitern, seine Ehe zerbricht, desillusioniert bricht Brenner zusammen. Ernüchtert, fast melancholisch blicken die Filmemacher auf das System, in dem sie groß geworden sind, in dem ihre Kreativität und Selbstverwirklichung scheitert. Architektur dient filmisch als Metapher; sie charakterisiert den Zustand einer Gesellschaft, die zerfällt und keinen Freiraum bietet.

Mit seinem nächsten Film COSIMAS LIEBE (1992) kann Peter Kahane trotz Starbesetzung (Iris Berben, Ralf Richter, Sebastian Koch, Simone Thomalla) künstlerisch nicht an seine vorherigen Werke anschließen. Erzählt wird von den Bewohnern eines Mietshauses in Ost-Berlin, die die Sanierung stoppen wollen. Im gesamtdeutschen Filmgeschäft hat es Peter Kahane schwer. Er verlegt sich aufs Drehbuchschreiben. Seit 1991 arbeitet er fürs Fernsehen, schreibt für TV-Filme und TV-Serie wie "Peter Strohm", "Stubbe - Von Fall zu Fall" und "Polizeiruf 110" Drehbücher, führt auch bei einigen Folgen Regie. Peter Kahane ist mit seinen Drehbüchern und Filmen fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen erfolgreich, bietet leichtere Unterhaltung, betont aber immer wieder, dass Projekte, die ihm am Herzen liegen, abgelehnt werden.

Aus der Zusammenarbeit mit Wolfgang Stumph, der die Hauptrolle in der TV-Serie "Stubbe - Von Fall zu Fall" spielt, ergibt sich für Peter Kahane wieder die Möglichkeit, einen Kinofilm zu inszenieren. BIS ZUM HORIZONT UND WEITER (1998). Ein arbeitsloser Baggerführer (Wolfgang Stumph) kidnappt eine Richterin (Corinna Harfouch), um seine von ihr verurteilte Geliebte (Nina Petri) freizupressen. Der Filmemacher erzählt eine heitere, melancholische Geschichte von zwei Verlierern, die nicht nur wegen ihrer bedingungslosen Liebe ins soziale Abseits geraten und an den Umständen scheitern. Schwarzhumorig kommt der Film daher, wird außerdem für seine hervorragenden Darsteller und die großartige Kamera (Gero Steffen) gelobt.

Danach entsteht unter der Regie von Peter Kahane die Dokumentation TAMARA (2007), die von einem wesentlichen Stück DDR-Rockgeschichte berichtet. Peter Kahane porträtiert die Frontfrau der Ost-Berliner-Rockband "Silly" Tamara Danz. Die Musikerin, die 1996 an Krebs verstarb, wurde zur Identifikationsfigur für viele DDR-Jugendliche. Der Film läuft im Panorama der Berlinale 2007. Ein Jahr später kommt der Kinderfilm DIE ROTE ZORA (2008) in die Kinos, der von einem geheimnisvolles Mädchen mit roten Haaren an der kroatischen Küste um 1930 erzählt, die sich als Anführerin einer Bande Waisenkinder gegen die Obrigkeit wendet. Der Film überzeugt durch Dynamik und Spannung, bietet Spaß und Abenteuer. Der kleine Film MEINE SCHÖNE NACHBARIN (2009) ist eine Studie um drei Menschen, die mit Lügen, der Liebe und dem Tod umgehen müssen.

Peter Kahane wohnt in Berlin, Prenzlauer Berg. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne. Sein ältester Sohn Tamás Kahane arbeitet als Komponist, schreibt auch für seinen Vater Musik zu verschiedenen Kino- und TV-Filmen, unter anderem zu BIS ZUM HORIZONT UND WEITER.

Verfasst von Ines Walk. (Stand: September 2013)

Auszeichnungen

  • 1978: TROMPETE, GLOCKE, LETZTE BRIEFE - Dokumentarfilmfestival Leipzig: FIPRESCI-Preis
  • 1985: ETE UND ALI - Max Ophüls-Preis Saarbrücken: Preis der Interfilm-Jury
  • 1988: VORSPIEL - Max Ophüls-Preis Saarbrücken: Preis des Oberbürgermeisters
  • 1999: DIE ARCHITEKTEN - Filmfestival Eberswalde: Spezialpreis

Literatur

  • Peter Kahane: Heimatkunde im Schloss, in: Berliner Zeitung, 16.06.2007.
  • Ralf Schenk:  Keine Stadt der Zukunft. Zu Peter Kahanes Film DIE ARCHITEKTEN, in: film-dienst Sonderheft 10/2006.
  • Ingrid Poss, Peter Warnecke (Hrsg.): DIE ARCHITEKTEN, in: ders.: Spur der Filme, Zeitzeugen über die DEFA, Berlin 2006.
  • Anke Westphal: Aufgebrauchte Zukunft - Der DEFA-Film DIE ARCHITEKTEN von Peter Kahane, in: Berliner Zeitung, 30.12.2004.
  • Björn Wirth: Auf Nummer Sicher, in: Berliner Zeitung, 01.03.2004.
  • Julian Hanich: Ein Autor wider Willen. In der DDR war Peter Kahane Regisseur. Nun schreibt er Drehbücher – und ärgert sich, in: Der Tagesspiegel, 20.04.2001.
  • Katharina Dockhorn: Blicke über den Horizont. Peter Kahane hofft mit neuem Film auf späte Anerkennung, in: Die Welt, 28.01.1999.
  • Margret Köhler:  Der Bruch der Wende. Gespräch mit dem Regisseur Peter Kahane, in: Film-Dienst, 02/1999.
  • Klaus-Peter Wolf: Das Vorspiel er Entdeckung des eigenen Ichs – Gespräch, in: Berliner Zeitung, 17.10.1999.
  • Henryk Goldberg: Ruinierte Träume - Kritik zu DIE ARCHITEKTEN, in: Filmspiegel, 16/1990.
  • Regine Sylvester: Leidenschaft und Überlebenskämpfe, in: Filmspiegel, 09/1990.
  • Wieland Becker: Eine Suche ohne Film - Gespräch, in: Film und Fernsehen, 08/1988.

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