Peter Rocha

Dokumentarfilmer

* 1. September 1942 in Gotha; † 30. August 2014 in Potsdam

Biografie

Der Regisseur Peter Rocha schließt Ende der 1960er Jahre sein Studium an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg ab. Ab Anfang der 1980er Jahre macht er sich einen Namen mit heiteren und unterhaltsamen Sichten auf DDR-Historie und Alltag, die Probleme nicht verleugnen und unbequeme Fragen stellen. Damit sind Schwierigkeiten mit der Hauptverwaltung Film, die die Filme für die Öffentlichkeit zulässt, vorprogrammiert.

Peter Rocha wird am 1. September 1942 in Gotha geboren. Seine Schul- und Berufsausbildung durchläuft er in Cottbus. Er entscheidet sich für eine Berufsausbildung mit Abitur und er lernt den Beruf eines Maurers. Von 1961 bis 1964 studiert er an der Fachschule für Angewandte Kunst Berlin, Fachrichtung Malerei und macht dort sein Staatsexamen.

Nach seinem Studium beginnt er als Regieassistent bei der DEFA in Berlin-Johannisthal zu arbeiten. An diese Tätigkeit schließt sich ein zweites Studium an: Von 1965 bis 1969 studiert er an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg im Fachbereich Regie in der Spezialklasse für Dokumentarfilm bei dem Regisseur Karl Gass. Unter dessen Mentorenschaft entsteht unter anderem der Episodenfilm VIETNAM (1966), der von Alfredo Calvimontes (Bolivien), Kamal Saydo (SAR) sowie Peter Rocha und Konrad Weiß gestaltet wird. 1967 stellt er in dem Werk DER TURMKLEMPNER (1967) einen älteren Arbeiter vor, dessen Lebensgeschichte auf revolutionäre Traditionen in dem Gebiet um Potsdam und Babelsberg verweist. Künstlerischer Höhepunkt wird der Film DER OKTOBER KAM... (1970). Unter der Leitung von  Karl Gass findet sich eine Gruppe junger Regisseure - darunter  Gitta Nickel,  Jürgen Böttcher,  Volker Koepp, Alexander Ziebell, Peter Ulbrich und  Peter Rocha - zusammen, die einen Film zum 20. Jahrestag der DDR montieren. Neben klassischen Protokollszenen stehen Archivaufnahmen von der Oktoberrevolution 1917, der Gründung der DDR 1949 und aktuelle Bilder von dem Feierlichkeiten 1969.

Zunächst ist Peter Rocha nach dem erfolgreichen Abschluss des Studiums frei als Regisseur und Autor im DEFA-Studio beschäftigt; ab 1970 wird er fest angestellt, arbeitet in der Künstlerischen Arbeitsgruppe "Effekt" mit. Die Gruppe unter der Leitung von Karl Gass hat es sich zunächst zur Aufgabe gemacht, wesentliche wirtschaftliche Prozesse in der DDR dar- und Betriebe vorzustellen sowie Arbeiterpersönlichkeiten zu porträtieren. Peter Rocha liefert dazu für das dreiteilige Werk LICHTMACHER (1971) im Auftrag des Fernsehens der DDR einen Teil ab. Hier werden drei Frauen aus dem Kombinat NARWA Berlin in ihren Arbeitsbereichen begleitet. Thema seiner folgenden Arbeiten sind Arbeitsmedizin, ergonomische Analysen. Nachkommend zählen auch sensible Arbeiterporträts zu seinen Werken, wie etwa LOTHAR S. - LOKFÜHRER (1980).

Später werden die Arbeiten persönlicher und zeichnen sich durch eine eigene Handschrift aus. In MUTTER (1981) lässt er seine jüdische Mutter zu Wort kommen. 1982/1983 absolviert der Dokumentarist zusätzlich ein Sonderstudium am Institut für Literatur "Johannes R. Becher" in Leipzig. Danach entstehen wieder Filme. DER LEWERENZ - PORTRÄT EINES HEIZERS (1984) wird ein satirisch-komödiantisches Porträt im Auftrag des Fernsehens. Der Heizer und der Direktor eines Kindernahrungsmittelwerkes werden beobachtet, wie sie täglich ihrer Arbeit nachgehen. In der Öffentlichkeit werden ihre Leistungen hochgelobt, in Wirklichkeit bricht der marode Betrieb fast zusammen. Bilder, Kommentar und Musik karikieren die soziale Wirklichkeit in der DDR. Peter Rocha porträtiert Künstler und Wissenschaftler, unter anderem SOLANGE DU BEI MIR BIST (1984) über dem jüdischen Schriftsteller Louis Fürnberg sowie ein Porträt über den Sänger Peter Schreier.

Seit 1985 arbeitet Peter Rocha in der Gruppe "Kontakt" des DEFA-Dokumentarfilmstudios. Der heitere Film EINE SCHLOSSGESCHICHTE (1986) thematisiert die Vorkommnisse in Großkochberg in der Nachkriegszeit. Ein Schloss soll gesprengt werden. Im Interview mit dem damals Verantwortlichen werden die Fehler und das Unverständnis über Entscheidungen deutlich. Dem Filmteam (dazu gehören in den meisten Fällen der Kameramann Karl Farber und die Szenaristin Irmgard Ritterbusch) gelingt dabei Wichtiges: Sie greifen ein Thema auf, an welches sich noch niemand wagte, blicken mit Augenzwinkern auf früheste DDR-Geschichte. In ERINNERUNGSFOTO - HEINZ KAHLAU (1987) macht sich Peter Rocha auf die Suche nach Jugendlichen aus dem Jahre 1949, die dem Aufruf "FDJler auf die Traktoren" folgten. Ausgangspunkt ist ein Gruppenbild aus jener Zeit. Das Ergebnis ist eine differenzierte Auseinandersetzung mit einer Generation, die enthusiastisch ans Werk ging, dabei viele Hoffnungen verloren hat. Die Dokumentation PODO (1988) erzählt von einer Freundschaft zweier Bäcker unterschiedlicher Generationen in Potsdam-Waldstadt und zudem über die Schwierigkeiten in dem Betrieb. Die unterhaltsamen und kritischen Filme gelangen, trotz Schwierigkeiten mit der Zulassung durch die Hautverwaltung Film, zur Aufführung. Mit BEJDIN, OBERST A. D. (1987) gelingt dies nicht. Das Porträt über einen verdienstvollen Veteranen des Vaterländischen Krieges gerinnt zum Aufruf für eine Veränderung der Gesellschaft mit Perestroika und Glasnost. Nach mehreren Abnahmen, die mit zahlreichen Diskussionen verbunden ist und zur Kürzung und Zerstücklung des Films führt, verschwindet die Kopie des Films.

Ende der 1980er Jahre konzentriert sich der Regisseur auf ein großes Thema: die Braunkohlenwirtschaft in der DDR und die daraus resultierende Vertreibung der Menschen aus dem Gebiet sowie die dazugehörige Umweltverschmutzung. Peter Rocha ist in der Region aufgewachsen, entstammt einer niedersorbischen Familie, ist vertraut mit der Lausitz und dem Spreewald sowie den dort ansässigen Sorben. Erster Teil seiner Triologie wird HOCHWALDMÄRCHEN (1987), eine filmische Erzählung über ein geschlossenes Waldgebiet im oberen Spreewald. Trotz aller Vereinnahmungen im Energiebezirk Cottbus gibt es ihn noch, am Ende des Waldes werden die rauchenden Schlote sichtbar. Der sorbische Autor Jurij Brezan wird zitiert und Kinder der Region machen sich Gedanken über das Gebiet. In LEBEN AM FLIEß (1989) blickt er auf eine kleines sorbisches Dorf und eine dort lebende sorbische Großfamilie, die nach jahrhundertealten Traditionen ihr Leben gestaltet. Der dritte Teil SCHMERZEN DER LAUSITZ (1991), bereits nach der politischen Wende gedreht und deutlicher in der Benennung von Ursachen und Schuldigen, wird ein engagierter Umweltbericht, der die erschreckenden Umweltsünden in dieser Region aufdeckt. Die letzten beiden Teile laufen 1992 im Panorama der Berlinale.

Bis 1991 ist der Regisseur im DEFA-Studio für Dokumentarfilme beschäftigt. Als einer seiner letzten Filme entsteht dort FLUGTRÄUME (1991), ein Porträt über die Gepäckabfertigerin Gibi auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld. Im Zuge der Auflösung der DEFA wird er entlassen. Seitdem arbeitet er selbständig als Filmemacher und Autor.

Peter Rocha verstirbt am 30. August 2014.

Verfasst von Ines Walk. (Stand: Mai 2006, Ergänzung September 2014)

Filmstill zu "Der Oktober kam..." (R: u. a. Peter Rocha, 1970) Fotografen: Barthel, Kohlert, Pawloff, Kilian, Münch, Reinicke, Borrmann, Kruse, Manzek, Sohre

Filmstill zu "Der Oktober kam..." (R: u. a. Peter Rocha, 1970) Fotografen: Barthel, Kohlert, Pawloff, Kilian, Münch, Reinicke, Borrmann, Kruse, Manzek, Sohre

Auszeichnungen

  • 1966: VIETNAM - Internationales Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche: Ehrende Anerkennung
  • 1969: ERIKA T. - NOTIZEN ÜBER EINE FRAU DES JAHRGANGS 1918 - Internationales Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche: Ehrende Anerkennung
  • 1974: LEIPZIGER MESSE - Filmfest Varna: Hauptpreis
  • 1988: HOCHWALDMÄRCHEN / BEJDIN - OBERST A.D. / DAS SINGEN IM DOM ZU MAGDEBURG - Heinrich-Greif-Preis
  • 1990: DIE SCHMERZEN DER LAUSITZ - Filmfest Freiburg/Breisgau: Hauptpreis

Literatur

  • Norbert Tolsdorf: Geschichte(n) zum Schmunzeln – Interview mit Peter Rocha, in: Filmspiegel 24/1986.
  • Regina Röhler: Mit Filmmärchen die Menschen aufschließen – Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Peter Rocha über seine Arbeiten, in: Neue Zeit, 19.04.1988.
  • Gisela Harkenthal: ... denn die Märchen waren im Wald gewesen – Interview mit Peter Rocha, in: Filmspiegel 13/1989.
  • Jürgen Schebera: Wir setzten auf den denkenden Zuschauer – Gespräch mit Peter Rocha und Irmgard Ritterbusch, in: Film und Fernsehen, 03/1989.
  • Ulrike Elsner: Die Schmerzen der Lausitz – Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Peter Rocha, in: Lausitzer Rundschau, 10.05.1990.
  • Arpe Caspary: Wüste in der Nachbarschaft. Peter Rochas Dokumentarfilm DIE SCHMERZEN DER LAUSITZ, in: Der Tagesspiegel, 26.10.1992.
  • Peter Rocha: Das Wasser flißet eben nicht gegen den Berg. (Interview von Ingrid Poss mit Peter Rocha), in: Ingrid Poss, Christiane Mückenberger, Anne Richter (Hgg.): Das Prinzip Neugier. DEFA-Dokumentarfilmer erzählen. Berlin: Verlag Neues Leben 2012, S. 417-444.

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