Richard Cohn-Vossen

Drehbuchautor, Regisseur

* 30. September 1934 in Zürich

Biografie

Richard Cohn-Vossen zählt bis Mitte der 1970er Jahre zu den bekanntesten Dokumentaristen der DEFA. Aber dann unterschreibt er die Resolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Damit ist seine Karriere in der DDR beendet, seine Filme verschwinden aus den Kinos, sein Name taucht nirgends mehr auf. Dabei heben sich seine Dokumentarfilme von vielen anderen der Zeit ab: Sie zeigen einen entschiedenen Sinn für das Ästhetische.

Richard Cohn-Vossen wird am 30. September 1934 in Zürich, Schweiz als Sohn deutscher Emigranten geboren. Sein jüdischer Vater ist Mathematiker, seine Mutter Medizinerin. Später geht die Familie nach Moskau in die Sowjetunion. 1936 stirbt sein Vater, 1938 heiratet seine Mutter Elfriede Cohn-Vossen den Schriftsteller, Publizisten und Übersetzer Alfred Kurella, der später in der DDR ein hochrangiger Kulturfunktionär werden wird. Richard Cohn-Vossen besucht eine Mittelschule in Moskau, nach Ende des Krieges lebt die Familie zeitweise im Kaukasus. Nach der Schulausbildung beginnt er ein Physikstudium an der Universität in Leningrad, ab 1955 führt er dieses in Leipzig fort. Aber nach sieben Semestern reizt ihn etwas anderes.

1958 bewirbt er sich an der Babelsberger Hochschule für Filmkunst und absolviert die Aufnahmeprüfung. Ein weiteres Studium interessiert ihn aber nicht. Er beginnt als Dolmetscher im DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme zu arbeiten. Fasziniert vom Film wird er Regie-Assistent bei Annelie und Andrew Thorndike und unterstützt sie bei dem großangelegten Projekt RUSSISCHER WINTER (1963). Es folgt eine Anstellung als Redakteur bei der Wochenschau "Der Augenzeuge". Es entstehen Kurz-Dokumentarfilme, die die Aufmerksamkeit auf den jungen Filmemacher lenken. So gewinnt er einen Preis beim Filmfest Oberhausen mit einem kleinen, aber emotional-poetischen Beitrag über Glockengießer in Apolda. Zu Beginn seiner Karriere arbeitet Richard Cohn-Vossen mit vorhandenem Material und arrangiert dies neu, montiert wirkungsvoll auf eine agitatorische Aussage hin. In Die Ballade von den grünen Baretten (1966) und ROBERT JACKSON KLAGT AN II (1966) richtet er sich gegen den US-Krieg in Vietnam, indem er unter anderem die Foltermentalität der US-Geheimkommandos anprangert.

In PAUL DESSAU (1967) präsentiert Richard Cohn-Vossen dem Zuschauer neben einem Künstlerporträt auch seine Haltung zur Kunst, die er mit dem Komponisten Dessau gemein hat: Kunst soll zum Denken anregen, widersprüchlich und unbequem sein. In einer ausgefeilten und kunstvoll arrangierten Montage mit vielen interessanten Kameraperspektiven verbindet der Regisseur Interviews, Proben zu den von Paul Dessau 1963 komponierten Bach-Variationen und die unkonventionellen Musikstunden, die der Komponist Schülern in einer Zeuthener Schule gibt. Alles ergibt ein stimmiges Bild voller emotionaler Spannung von der Freude des Musikers an seiner Arbeit und seinem Temperament während der Proben. Der Film wird ein nationaler wie internationaler Erfolg, er erhält unter anderem bei der Mannheimer Filmwoche unter dem Vorsitz von Josef von Sternberg den Goldenen Dukaten.

In der Folge entstehen Arbeiten in unterschiedlichen Genres. Der Filmemacher probiert sich aus, etwa mit der Skizze über einen Bauern FÜNF KAPITEL ÜBER WERNER CONRAD (1968) oder mit spielerischen Tierbeobachtungen im Berliner Tierpark mit dem Titel EIN TAG DER TIERE (1970). Mit der jüngsten deutschen Vergangenheit beschäftigt sich der Filmemacher in … DAMIT ES WEITER GEHT (1970). Er interviewt fünf deutsche Soldaten und Offiziere, die bei der Schlacht um Stalingrad in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten sind. Sie sprechen über die Angst vor Vergeltung, die Schuldfrage und das allmähliche Zerbrechen eines Feindbildes. Ein Prozess des Umdenkens hat bei den Interviewten stattgefunden. In MATHEMATIKER (1970) berichten vier junge Wissenschaftler ein Jahr nach Beendigung ihres Studiums an der Berliner Humboldt-Universität von ihren unterschiedlichen Aufgaben an ihren Arbeitsstellen: bei der Reichsbahn, an der Akademie der Wissenschaften, an der Parteihochschule und im Schlachthof. Der Kommentar zu diesem Plädoyer für eine stärkere Rolle der Wissenschaft stammt von Wolfgang Thierse, dem späteren Bundestagspräsidenten. Das Sujet hört sich trocken an, doch dem Filmemacher gelingt es, den Stoff sinnlich aufzubereiten.

Anfang der 1970er Jahre konzentriert sich Richard Cohn-Vossen auf Gegenwartsstoffe. VERSUCH ÜBER SCHOBER (1972) zeichnet ein kritisches Bild des Vorzeige-Sozialisten Hans Schober, Meister in einer Forschungsabteilung der Leuna-Werke. Er nähert sich seinem sozialistischen Protagonisten über den normalen Alltag und verweist auf einen dokumentarischen Ansatz, der das Menschliche hinter den Helden entdecken will. IN SACHEN H. UND ACHT ANDERER (1972) ist das filmische Protokoll eines Gerichtsverfahrens gegen neun Jugendliche, die wegen Körperverletzung und Rowdytums angeklagt sind. Der Film sucht nach Motiven und Hintergründen der Tat und bezieht dabei vor allem auch das schulische und familiäre Umfeld der Täter mit ein und macht es sich nicht einfach, den Schuldigen zu finden. NACHTARBEITER (1973) stellt beinahe kommentarlos das Arbeitsleben von Menschen dar, die einer nächtlichen Beschäftigung nachgehen, zum Beispiel Bäcker, Stahlschmelzer und Eisenbahner. Das impressionistische Filmgedicht ist lakonisch und ungewöhnlich.

Richard Cohn-Vossen ist auch an Großproduktionen beteiligt. So inszeniert er gemeinsam mit  Uwe Belz,
 Jürgen Böttcher, Karlheinz Mund, Eckhard Potraffke, Franz Rüsch und  Rolf Schnabel
"WEGGEFÄHRTEN. BEGEGNUNGEN IM 25. JAHR DER DDR (1974)", der zum Jubiläum Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung und allen Gegenden des Landes vorstellt und auf die Geschichte des Landes zurückblickt.

Deutlich interessanter sind seine Einzelarbeiten. GEDANKEN ZUR QUADRIENNALE (1975) blickt auf die erste Quadriennale des Kunsthandwerks in Erfurt, wo Künstler aus acht sozialistischen Ländern zum ersten Mal mit einer gemeinsamen Ausstellung an die Öffentlichkeit treten. Der Filmemacher präsentiert mit ihnen Gedanken zur gesellschaftlichen Bedeutung des Kunsthandwerks. MONIKA (1975) schaut auf eine 18-jährige, die als Porzellanarbeiterin, FDJ-Sekretärin und Abgeordnete für Gesundheit und Sozialwesen im Kreistag Neuhaus voll im sozialistischen Alltag angekommen ist, aber auch Angst hat, den Ansprüchen nicht gerecht zu werden. In ABGEORDNETE IN ROSTOCK – IM VORFELD (1976) begleitet der Regisseur eine Gruppe Abgeordneter auf der Warnow-Werft in Rostock. Deutlich sichtbar sind Resignation und Zweifel an der "sozialistischen Demokratie".

Die Karriere von Richard Cohn-Vossen ist beendet, als er am 17. November 1976 die von zwölf namhaften DDR-Schriftstellern veröffentlichte Resolution von Stephan Hermlin gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterzeichnet. Der Aufforderung, die Unterschrift zurück zu ziehen, folgt er nicht. Daraufhin wird sein Film ARBEITERFAMILIE IN ILMENAU (1977), der fast fertig gestellt ist, nicht zur Aufführung frei gegeben. Der Dokumentarfilm thematisiert die Entfremdung von der Arbeit durch moderne Technik; er schaut still beobachtend auf ein lebenslanges Arbeiterleben eines Ehepaares. Vom Material stellt Heinz Müller eine geänderte Fassung unter dem Namen PORZELLINER (1977) her, die staatlich zugelassen in die Kinos kommt, wobei die privaten sowie kritischen Momente getilgt sind. Andere Cohn Vossen-Filme dürfen nicht mehr in den Kinos gezeigt werden. Richard Cohn-Vossen stellt einen Ausreiseantrag und siedelt 1979 in die Bundesrepublik über. Die Rohschnittfassung von Arbeiterfamilie in Ilmenau schmuggelt der Filmemacher in die Bundesrepublik. Die DEFA-Stiftung restauriert die Kopie des Films 2011. Diese Fassung wird erstmals am 5. September 2011 im Berliner Kino Arsenal gezeigt.

Richard Cohn-Vossen arbeitet ab 1980 als Regisseur und Redakteur beim Norddeutschen Rundfunk. Dokumentarfilme fürs Kino wird er nicht mehr produzieren. Heute lebt in einem Dorf südlich von Chemnitz.

Verfasst von Ines Walk. (Stand: Januar 2015)

Filmstill zu "Paul Dessau"

Filmstill zu "Paul Dessau" (R: Richard Cohn-Vossen, 1976/1977) Fotografen: Werner Kohlert, Christian Lehmann, Hans-Eberhard Leupold, Nico Pawloff

Filmstill zu "Paul Dessau"

Filmstill zu "Paul Dessau" (R: Richard Cohn-Vossen, 1976/1977) Fotografen: Werner Kohlert, Christian Lehmann, Hans-Eberhard Leupold, Nico Pawloff

Literatur

  • Matthias Dell: Vier Leben ohne Kater - Porträt, in: Freitag, 05.04.2013.
  • Richard Cohn-Vossen: Der Alleinsegler. (Interview von Anne Richter mit Richard Cohn-Vossen), in: Ingrid Poss, Christiane Mückenberger, Anne Richter (Hgg.): Das Prinzip Neugier. DEFA-Dokumentarfilmer erzählen. Berlin: Verlag Neues Leben 2012, S. 223-250.
  • Ralf Schenk: Das verbotene Porzellan - Ralf Schenk über Richard Cohn-Vossen und seine "Arbeiterfamilie", in: Berliner Zeitung, 01.09.2011.
  • Richard Cohn-Vossen: Die Partei kam mir wie die Mafia vor, in: Freie Presse, 30.06.2011.
  • Martin Mund: Suchender mit der Kamera. DEFA-Dokumentarfilme von Richard Cohn-Vossen, in: Neues Deutschland, 08.11.1997.
  • Ralf Schenk: Ehrgeiz und Staub - Richard Cohn-Vossen - Skizzen zu einem Porträt, in Film-Dienst 18/1997.
  • Heinz Klunker: Ich will nicht mehr, und man will mich nicht mehr, in: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 18.12.1977.
  • Richard Cohn-Vossen: Als Mensch zum Menschen werden, in: Film und Fernsehen, 02/1976.

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